Eine wahre Züchter-Story und allerhand Gründe zum Nachdenken
Lothar Thormann, Waldheim – „Das Blaue Jahrbuch“ 2005
Ein Neuer in meinem Verein bat um Aufnahme und wurde wie üblich einstimmig in das Züchterkollektiv aufgenommen. Einer vom Dorf war es, im mittleren Alter, und hatte seit seiner Kindheit mit Landwirtschaft zu tun. Schafe gibt es heute noch auf dem Vierseitenhof, und auch zwei Kühe, alles im Nebenerwerb. Die großen Scheunen verwendet man nur teilweise als Bergeräume für Heu und Stroh aus eigenem Anbau. Sie dienen auch als Abstellräume für allerlei ältere Landtechnik, Kutschen und Karren.

Die Häsinnen-Abteilung des Innenraum-Geheges mit Tieren aller Altersgruppen, seit 2004 nur in der Rasse Kalifornier. Foto: Lothar Thormann, Waldheim/Sa.
Und mitten auf dem alten Hof ein neuerer geräumiger Holzschuppen, ringsherum hoch eingezäunte Laufgehege. Im Sommer tummelten sich darinnen bunt durcheinander Häsinnen mit ihrem Nachwuchs, sämtlich reine Rasse, teils Rote Neuseeländer, auch Kalifornier und Alaska. Über allem das grüne Dach eines großen Walnussbaumes als kühlender Schattenspender. Die Gehegewände aus kräftigem engmaschigem Drahtgewebe sind einfach an nicht sehr dicken Metallsäulen festgemacht. Die engen Maschen verhindern, dass Katzen oder Raubzeug mit scharfen Krallen hindurchlangen nach ahnungslosen Jungkaninchen. Ober- halb der ersten Umzäunung eine weitere Wand aus einfachen und preiswerten Betonstahl-Lagermatten. Alles absolut katzensicher.
Innen im Stallschuppen hat der Neue zwei Dutzend Stallbuchten, dazu an der hellen Fensterfront zum Gehege aus einfacher Möbelspanplatte von oben und seitlich zugängliche Bodenlaufabteile mit Schlupföffnung in Richtung Außengehege. Ich entdecke ordentlich funktionierende Wasser- bzw. Jaucheeinläufe im Fußboden, die in den Hauptsammler des Hofes führen. Dazu Temperatur- und Feuchtmessgeräte, selbst gefertigte Kraftfutter-Messbecher, innen in ein Haltekörbchen aus Maschendraht Marke Eigenbau befestigte Tränkflaschen mit bequemem Klappdeckel.
Ständig beschickte Heuraufen, simple erhöhte Eckbretter zum Aufsitzen für Jung- oder Alttiere.
Selbst im Beisein eines fremden Stallbesuchers säugte nachmittags eine Häsin ihre Jungen im Gemeinschafts-Innengehege. Foto: L. Thormann, Waldheim

Draußen im Gehege sehe ich Betonrohre als Ruhe- und Fluchtplätze. Der Mann, um die vierzig Jahre alt, weiß, was seine Tiere brauchen. Im Stallgebäude herrscht ein trockenes, gesundes Raumklima, das gefällt mir besonders. Bei aller Einfachheit alles selbst gebaut, zweckdienlich und sinnvoll.
Als der Vereins-Tätowiermeister an den Gehegen drinnen und draußen das erste Mal seines Amtes walten wollte, gab es keine ordentlichen Wurfmeldungen, sie mussten vor Ort ausgestellt werden. Und die muntere Gehegebesatzung war in ihren verwandtschaftlichen Beziehungen nicht oder sehr schwer auseinander zu halten. Der wahre „Horror“ für einen gestandenen Tätomeister! Der Vorstand des Vereins nahm sich vor, eine Ortsbesichtigung mit Klärung einiger Fragen durchzuführen. Die Sache zog sich hin, und dem Neuen war unwohl mit all der Kritik an seiner Gehegewirtschaft. Eines Tages hatte er sich abgemeldet im Verein. Schade um die kräftige Arbeitskraft bei Ausstellungen, dachte gewiss manches Mitglied.
Wenige Worte fielen über den Personalabgang in mageren Zeiten, was die Gewinnung neuer Mitglieder betrifft. Keiner fand etwas Zeit und passende Erklärungen, um ein schwieriges Problem zu lösen. Eigentlich schade!
Als mir die Geschichte zu Ohren kam, war ich gerade dabei, eine Leserfrage für die Kaninchenzeitung gemeinsam mit der Redaktion zu beantworten. Um Bodengehege im Freien ging es – ja oder nein?
Und soweit waren wir schon gekommen in den Recherchen zu diesem nicht neuen, aber immer wieder aktuellen Thema:
1. Warum benötigen wir Bodengehege für unsere Kaninchen?
Kaninchen brauchen ausreichend Bewegung zu ihrer Entwicklung vom Jungtier zu einem leistungsbereiten Zucht- oder Ausstellungstier. Wenn die Stallbuchten besetzt und geeignete Ausläufe vorhanden sind, lassen sich zwischen Mai und Oktober ein halbes Jahr mit geringen Kosten für die Unterbringung relativ viel Jungtiere artgerecht aufziehen. Weitere Vorteile der Gehege-Unterbringung: gesunde Aufzucht mit körperlicher Abhärtung gegenüber klimatischer und gesundheitlicher Beeinträchtigung, Nutzung von Brachflächen in Höfen, Gärten und auf Wiesen als Gehegeplätze sowie nutzbringende Verwendung zumeist vorhandener wirtschaftseigener Futtermittel für den größeren Tierbesatz der Zuchtanlage.

Eine Hälfte des Außengeheges mit Rammlern verschiedenen Alters. Sie haben Tag und Nacht freien Zugang zum Gehege. Foto: L. Thormann, Waldheim

Im Rammler-Außengehege versammelten sich für den Fotografen die Tiere, angelockt von einer Hand voll Futter. Foto: L. Thormann, Waldheim
2. Wie und womit errichten wir ein Bodengehege im Freien?
Das kann mit vielerlei Material und in unterschiedlicher Form geschehen. Einfachste Bauweisen sind Holzrahmen, mit Maschendraht bespannt, in handlichen Längen von nicht über 2 Metern und einer lichten Höhe von etwa 1,50 bis 1,80 Metern. Pro Tier sollte mindestens eine Gehege-Grundfläche ohne Schutzraum von 0,15 m² und mehr gewährleistet sein. Je höher die Umzäunung des Geheges, umso sicherer sind die Tiere am Tage vor Raubzeug und Katzen. Werden Schutznetze zur Abdeckung verwendet, kann die Seitenhöhe zwar niedriger sein, sie sollte jedoch ein Betreten durch den Züchter zur Betreuung ermöglichen. Kleingehege, zumeist mit angebauter Schutzhütte und rundherum mit stabilem Gitter versehen, außerdem noch fahrbar, kommen mit einer lichten Höhe von etwa 0,60 bis 0,80 Metern aus.
Der Gehegegrund kann massiv befestigt sein (Platten aus Holz oder Holzverbund-Werkstoffen, Beton, Bausteine) oder aus gewachsenem Boden mit Grasnarbe bestehen. Letzterer ist gegen Unterwühlung mit ca. 0,50 Meter tiefem Maschendraht unterirdisch abzusichern.
Tränk- und Futterplätze haben sich über bzw. auf etwas erhöhten Podesten gut bewährt. Die Tiere nehmen Beton-, Steingut- oder stabile Plasterohre ab 200 mm Durchmesser gern als Schlupf- und Ruheplätze im Freien an. Wichtig ist auch die Ableitung von Oberwasser als Folge von Witterungseinflüssen, damit die Gehegeböden stets trocken und durch die Kaninchen begehbar sind. Den Windschutz an der Wetterseite sollte man nicht außer Acht lassen!
3. Das modernere Freigehege für unsere Kaninchen
Parallel zur Großtierhaltung verwendet man mittlerweile auch für Kaninchen-Gehege schnell aufstellbare Netz-Einzäunungen mit stromführenden Litzen. Etwa 0,65 m hoch, davon in 7 untere Maschenreihen à 5,9 cm plus 2 Reihen mit 11,8 cm Maschengröße auf geteilt. Das Kaninchen-Elektronetz wird u. a. in Längen von 25 bzw. 50 Metern mit Pfählen geliefert. Preis z. B. bei der bekannten Firma Siepmann, 58313 Herdecke, (Tel. 0 23 30/97 95 95) für beide Längen zz. 64 bzw. 96 €. inkl. MwSt. Ähnliche Angebote macht Westfalia, 58082 Hagen (Tel. 0180 / 5 30 31 32 ) bei annähernd gleichen technischen Daten und preislichen Konditionen. (Preisangaben unverbindlich)
4. Einige Nachteile der Gehegehaltung
Das sollte man stets beachten: Die Gewichtszunahme der Tiere verteilt sich im Gehege auf längere Zeiträume, und der Futterverbrauch ist im Vergleich zur Boxenhaltung maximal um ca. 1/4 höher. Ohne Zufütterung ist auch auf Grünland mit ausreichendem Bewuchs eine leistungsgerechte Zucht nicht möglich.
Folgenreich kann es sein, wenn vor allem gewachsene Gehegeböden (Erd- oder Wiesenflächen, auch kombiniert) nach längerer Benutzung zunehmend mit Krankheitserregern angereichert sind. Die Vorbeugung von Krankheiten, auch evtl. dadurch bedingte Behandlung kranker Tiere, hat erhöhte Hygiene- und Tierarztkosten bei stationärer Gehegehaltung zur Folge.
Die Vorteile der Sommer-Freigehege für Entwicklung und naturnahe Haltung der Kaninchen werden in der Rassezucht nur wirksam, wenn die übersichtliche Trennung und Kennzeichnung der Geschlechter und Altersgruppen gewährleistet ist.
Auf unserem Bauernhof schien es damit zeitweise auf den ersten Blick nicht recht zu klappen. Anleitung und etwas Hilfe waren nötig. Zugegeben, keine leichte Arbeit für den Vorstand allgemein und den Zuchtwart im Besonderen.
Unser Zuchtfreund, der Neue, mit Namen Frank John, wusste, dass ich mich für seine urwüchsige Gehege-Haltung interessiere. Mittlerweile hatte er sich einem anderen Zuchtverein angeschlossen. Bei meinem Besuch auf dem gut erhaltenen Bauernhof am Rande des Dorfes trafen die glatte Theorie und die raue Züchterwirklichkeit aufeinander. Ein Bauer lässt sich nicht gleich „umbiegen“, schon gar nicht, wenn es ums Vieh geht. Als Rassezüchter musste der Neue schon etwas mehr Ordnung in den Tierbestand bringen, Es brauchten nicht drei Rassen sein bei aller Liebe zum bunten Gewimmel in den Gehegen.
So verging die Zeit, bis er mir verriet, dass er nur noch die Kalifornier hält. Und mit dem Tätowieren „haut es auch hin“, wie es hierzulande heißt, wenn etwas in geordneten Bahnen verläuft. John besucht von sich aus Fachtagungen des Landesverbandes und der sächsischen Landwirtschaft. Dort ging es auch um Haltungsfragen. Die Gehegehaltung ist wegen längerer Mastzeiten und höherem Futterbedarf, vor allem jedoch wegen des beträchtlichen Infektionsdruckes auf den Gehegeflächen bei den Erwerbszüchtern aus Kostengründen nicht diskutabel.
Frank John, „der Neue“, auf diesem Gebiet bald ein „alter" Gehege-Fan mit positiven Erfahrungen in der Hobby-Gehege-Haltung, hat keine Scheu vor der Prominenz. Den richtungweisenden Vorträgen der Wissenschaftler, angefangen bei Herrn Dr. Golze von der Landesanstalt in Köllitsch über Frau Dr. Rossi aus Borkheide bis hin zu Herrn Dipl.-Ing. agr. Klaus Lange von der Hessischen Landesanstalt Neu-Ulrichsstein, setzte er in diesem Frühjahr in der Diskussion überzeugend seine vergleichsweise kurzgefassten, dafür aber positiven Erfahrungen entgegen.
In den Gehegen des „Neuen“ gibt es bei einem Tierbesatz von maximal 20 bis 30 Tieren auf einer Freifläche von rund 20 m², getrennt nach Häsinnen und Rammlern, nach anfänglichen kurzen Rangeleien keinerlei Bissverletzungen. Wichtig, so F. John, dass alle Gehegebewohner aus der Gehegezucht stammen. Zuchtrammler, darunter ein neuer zur Verbesserung der Rassemerkmale, sind in Einzelboxen untergebracht. Die Frage nach Ausfällen, auch angesichts der Infektionsgefahren vom Gehegeboden aus, kann John schlicht und einfach in der Rubrik „Keine Probleme“ abhaken. Wöchentlich werden die Gehege gesäubert, im Herbst/Winter einer Entkeimung mit Brandkalk unterzogen. Die Profis nehmen das zur Kenntnis, respektieren den Praktiker vom Bauernhof und geben ihm damit Auftrieb, weiterzumachen. Auch Vertreter des LV Sachsen, Vorsitzender M. Seiler und Schulungsleiter J. Meyer, schienen ebenso wie die zahlreichen Zuhörer angetan vom Beitrag „des Neuen“.

Begonnen hat „Der Neue“, Frank John, vor einigen Jahren mit der gemischten Gehegehaltung von Kaliforniern, Roten Neuseeländern und Alaska.
Foto: L. Thormann, Waldheim
Eigentlich sollte meine wahre Züchterstory mit diesem Happy- End schließen, aber die Geschichte geht weiter. Die Ausstellungstiere von F. John erhielten jüngst negative Bewertungen wegen schmutziger Läufe, die vom Gehege herrührten.
Nun stallt er die selbst ausgewählten Schautiere rechtzeitig in Einzel-Stallbuchten um. Meine angebotene Mithilfe als Preisrichter lehnte er ab, das bringe er schon selbst in seiner Rasse. Sein neuer Verein kommt klar mit dem etwas eigensinnigen, aber begeisterten Züchterfreund. Eine richtig gute Mannschaft kommt ohne solche Individualisten nicht aus. Es ist wie im Sport: wenn dann die Truppe harmoniert, fallen am Ende auch die Tore!
Ich gebe Frank John zum Schluss meines letzten Besuches bei ihm noch etwas auf den Weg: Vielleicht eignen sich die Roten Neuseeländer besser für die Freilandhaltung, wegen der Fellfarbe. Die Abzeichen der Kalifornier vertragen weniger gut die UV-Strahlen, vor allem bei zukünftigen Ausstellungstieren! Da kann es Rost in der schwarzen Abzeichenfarbe geben.
Irgendwo im Großtier-Fachblatt „Züchtungskunde" hatte ich gelesen, dass sich in einem Eignungstest in Südafrika die rotbraunen Rinder am besten mit Sonne und Wärmestrahlung sowie harten Futterbedingungen abgefunden haben. „Wir sind doch nicht in Afrika!“, meinte „der Neue“ und winkte ab. Ich bin überzeugt, dass hierüber noch nicht das letzte Wort gesprochen wurde. 258

„Der Neue“, Frank John, erläutert auf einer Fachtagung der Sächsischen Landesanstalt für Landwirtschaft, Fachbereich Tierische Erzeugung, mehrjährige eigene Erfahrungen in der Hobby-Gehegehaltung und Zucht seiner Mittelrasse. Foto: L. Thormann, Waldheim






