Blick über die Grenze
Von Christian Jud, Bischofszell /Schweiz , in „Das Blaue Jahrbuch“ 1987
Es darf diesem Bericht vorangestellt werden, dass es für die Kaninchenzüchter in der Schweiz zum allerbesten gehört, gute und dauerhafte Beziehungen über die Landesgrenzen hinaus zu unterhalten, die sich in den Jahren und Jahrzehnten ihres Bestehens zu erprobten Züchterfreundschaften entwickeln können. Gegenseitige Besuche finden über das ganze Jahr statt. Sie häufen sich aber zur Ferienzeit, an den Tagen der jeweiligen Ausstellungen, und ganz besonders auch bei den jeweiligen Delegiertenversammlungen, wenn die Landesverbände ihre Jahresgeschäfte ordnen und verabschieden. Man darf in diesem Rahmen die gegenseitigen Beziehungen zwischen den Kleintierzüchtern der Bundesrepublik und der Schweiz als ganz besonders gut bezeichnen, was sich im Weiteren auch im aktiven Mitmachen im Schoße des Europaverbandes der beiden Länder manifestiert. Vorweg darf hier die des Öfteren gehörte Feststellung von Funktionären der Rassekaninchenzucht wiedergegeben werden, dass sich die internationale Politik eigentlich am Beispiel der guten Zusammenarbeit bei unserem Hobby orientieren könnte. Man besucht sich hüben und drüben und bekundet das nötige Verständnis mit dem erforderlichen Anstand, wenn in einem Landesverband die Uhren etwas anders gehen mögen als gerade innerhalb der eigenen Grenzpfähle. Wenn unserem Hobby auch nicht die Brisanz der Tagespolitik innewohnen mag, so ist ihm doch nachzusagen, dass es eine lange Tradition hat, und dass man es gerade deswegen mit eben dieser Tradition recht ernst nehmen möchte. Die Rassekaninchenzucht wurde nicht von der jetzt lebenden Generation entdeckt, und wir werden auch nicht die letzten sein, die sich an diesem stillen und sinnvollen Hobby erfreuen möchten.
Unterschiede zur Bundesrepublik
Wenn wir uns auch insgesamt mit demselben Metier freizeitlich beschäftigen, so gibt es doch von Land zu Land nicht geringe Unterschiede, die als eigene nationale Wege bezeichnet werden können. Was uns in der Schweiz in dieser Richtung doch enorm erstaunt und uns den gebührenden Respekt abfordert, das ist der Umstand, dass die Rassekaninchenzucht in der Bundesrepublik nach dem Ende des Weltkrieges in ganz wenigen Jahren sozusagen aus dem Nichts wieder auf die Höhe des internationalen Standards gebracht wurde. Aus ganz kleinen Restbeständen der verschiedenen Rassen begann in den fünfziger Jahren die eigentliche Zucht in die Breite. Neues wurde ebenfalls mitgeführt, denn die Kaninchenzucht war eine sehr zeitgemäße Nebenbeschäftigung. Gerade was das Neue angeht, hielten es wir Schweizer mit den Bedächtigen, und das ist auch heute noch nicht anders. Neu zugelassene Rassen müssten bei uns auf Kosten anderer Rassen geführt werden. Mit 35 in der Schweiz anerkannten Rassen in rund hundert Farbenschlägen sind wir mit rund 33000 Rassekaninchenzüchtern so ungefähr am oberen Limit angelangt. Die Zahl der Züchter nimmt kaum mehr zu. Der Sport vor allem, aber auch andere Freizeitmöglichkeiten, haben ebenfalls ihre Freunde.
Um noch etwas bei den Neuzüchtungen zu verweilen, muss dem angefügt werden, dass es unsere Züchterschaft nicht vorweg verstehen mag, wenn sich die Fachtechnische Kommission in der Sache der Anerkennung von neuen Rassen und Farbenschlägen eine zu große Zurückhaltung auferlegt. Dennoch sind wir nicht auf der Anzahl von Rassen stehengeblieben. Eine ganze Reihe neuer Züchtungen fanden auch im Schweizerischen Kaninchenstandard ihre Aufnahme und ihre Züchterfreunde. Gerade mit der Rassezucht in der Bundesrepublik wird immer wieder der Vergleich gezogen, und es wird dann immer gerne übersehen, dass die Bevölkerungszahl der Bundesrepublik beinahe zehnmal größer ist als diejenige der Schweiz. Wenn wir jenseits des Rheins in die Käfigreihen unserer deutschen Züchterfreunde sehen, dann sind auf der Heimreise von der Ausstellung zumeist eben auch die Neuzüchtungen der Gesprächsstoff, Das Bisherige erhalten und das Neue gut besehen", das ist eine der Devisen an der Spitze der Schweizerischen Züchterschaft. Lange Tradition der Kaninchenzucht Von außen besehen, mag es erstaunen, dass im Alpenland Schweiz die Rassekaninchenzucht doch recht früh schon Fuß fassen konnte. Die erste Fachzeitschrift reicht denn auch weit in das letzte Jahrhundert zurück, wenn auch die Rassekaninchenzucht vorerst ein Anhängsel an die Organisation der Geflügelzucht darstellte. Die Chronik berichtet, dass die erste Schweizerische Kaninchenausstellung im Jahre 1873 in Aarau stattgefunden hat, und zwar in den Tagen vom 13. bis 20. September. Womit die Tiere eine volle Woche von daheim weg waren. Veranstalter war der aargauische Gartenbauverein, und zu den Preisrichtern vermerkt das Protokoll: … jedenfalls waren sie alle gartenbaukundig". Schon dazumal herrschte ein erstaunlich reger Kontakt über die Landesgrenzen hinweg, und besonders Neuzüchtungen heizten die Fantasie und die Spekulation immer wieder auf das Heftigste an. Es darf hier aber auch eingeschoben werden, dass sehr viele Kaninchen der damaligen Zeit gar nicht einer Rasse entsprachen. Man hatte ihnen zwar einen Namen gegeben, doch verschwanden solche Schläge immer dann wieder, wenn ihre Ausbreitung auf einen engen Landstrich beschränkt blieb. Die Durchsicht alter Protokolle und bald hundert Jahre zurückliegender Aufzeichnungen offenbart, dass sich eine zwar relativ schmale aber äußerst aktive Schicht mit der Rassekaninchenzucht beschäftigte. Oft ging es weit eher lautstark als kenntnisreich zu, und es scheint so, dass es sich mit dem neu aufkommenden Haus- und Stalltier auch etwas renommieren ließ. Noch um die Jahrhundertwende gab es nur wenig mehr als 2000 Kaninchenzüchter in der Schweiz. Wenn diese auch in den vielen und schnell aufkommenden Ortsvereinen rasch Anschluß und Unterschlupf fanden, so haperte es doch damit, auch einen Einheitsverband zu bilden.
Unsere Frauen und Jungzüchter
Auch in der Schweiz gehört die Zukunft den Jungen innerhalb des Schweizerischen Kaninchenzuchtverbandes. Wir werden uns in der Zukunft noch einiges einfallen lassen

Die Frauen sind in der Schweiz mit viel Geschick und Überzeugung in der Verwertung der Kaninchenprodukte am Werk. Foto: Christian Jud
müssen, um nicht mehr und mehr den Kürzeren zu ziehen. Hier möchte ich die Frage in den Raum stellen, ob wir in dieser Richtung nicht eine sehr enge Zusammenarbeit mit den Landesverbänden der Bundesrepublik und Österreichs anstreben sollten, denn der Jugendwerbung und der Jugendförderung muss in nächster Zukunft ein wesentlich erhöhter Stellenwert zukommen. Es geht um die Erschaffung von Grundlagen, die in allen drei Ländern dieselben sein dürften. Jedenfalls müssen die Anstrengungen um die Miteinbeziehung der Jungen in der Zukunft von effizienter Natur sein, denn auch in punkto Fortbestand unseres Hobbys kann von nichts nun einmal nichts kommen. Nach Kriegsende ging man auch in den Schweizerischen Kaninchenzüchterkreisen daran, die Frauengruppen zu organisieren. Sie genießen heute im Schoße des Schweizerischen Kaninchenzuchtverbandes unter dem Namen Vereinigung schweizerischer Frauengruppen eine weitgehende Selbständigkeit. Ihre Tätigkeit erstreckt sich vorwiegend auf die Verarbeitung der anfallenden Produkte, auf die Fellverarbeitung und in neuerer Zeit auch der Angora- wolle. Gut ausgebildete Kursleiterinnen stehen ihnen zur Verfügung. Diesen Frauen darf ebenfalls nachgerühmt werden, dass sie es ausgezeichnet verstehen, die Geselligkeit als einen wichtigen Bestandteil innerhalb ihrer Gruppen zu pflegen. Es gibt hierzu- lande auch kaum mehr eine Ausstellung der Kleintierzüchter, die nicht mit einer Bereicherung durch die Aufmachungen der Frauengruppen zählen könnten. Wenn wir den Vergleich mit den Arbeiten der
Frauengruppen in der Bundesrepublik ziehen wollen, dann kann eine erstaunliche Ähnlichkeit auf beiden Landesebenen festgestellt werden, und dies, obwohl die Frauen weit weniger Kontakt über die Landesgrenzen kennen. Auch hier sollte ein engerer Kontakt zwischen den Frauengruppen hüben und drüben angestrebt werden, zur Bereicherung der eigenen Ideen. Leider werden die verarbeiteten Pelzprodukte in der Schweiz nicht bewertet, wie das in der kaninchenzüchterischen Frühzeit auch hier einmal der Fall war. Auch hier sollte man sich einmal Gedanken über einen gesunden Wettbewerb machen. Den Frauen und Mädchen in allen Kaninchen züchtenden Ländern soll hier ein herzliches Dankeschön für ihr tolles Mitmachen ausgesprochen werden.
Preisrichter und Ausstellungen
Jährlich finden in der Schweiz ab Beginn des Monats Oktober bis in den Februar rund 300 Kleintierausstellungen statt. Sie sind von verschiedener Größe. Zumeist sind sie nebst den Kaninchen auch mit Geflügel jeder Art, mit Tauben und mit den Belangen des Vogelschutzes bestückt. Hier stößt man bereits an eine obere Grenze an Ausstellungen, deren Beliebtheit zwar noch immer zunimmt, die aber bei einer massiven Ausweitung doch Mühe haben, mit genügend Tieren beschickt zu werden. Zu den Ausstellungen während des Winters gesellten sich in den letzten zwei Jahrzehnten mehr und mehr auch die Jungtierschauen, die in den Dörfern und Städten auf ein sehr großes Interesse stoßen, und die überwiegend der Geselligkeit zugeordnet werden dürfen, der Pflege der Kameradschaft und der Freundschaften. Sie sind nicht zu unterschätzende Elemente der Werbung für die Sache der freizeitlichen Kleintierzucht im Allgemeinen und der Rassekaninchenzucht im Besonderen.
Die rund 80 Kaninchenpreisrichter im Schweizerischen Kaninchenzuchtverband dürfen für sich in Anspruch nehmen, dass ihre mehrjährige intensive Ausbildung in relativ kleinen Schulungsklassen zur bestmöglichen in der Rassekaninchenzucht gezählt werden darf. In dieser Zeit müssen sie sich ein ganz gehöriges Wissen und Können aneignen, und sie haben zudem vorzügliche zwischenmenschliche Qualitäten aufzuweisen, auf Grund derer sie zu eigentlichen Vertrauenspersonen heranwachsen. Jährlich besuchen sie einen Wiederholungskurs, und die meisten der Preisrichter amtieren nebenbei auch noch als Referenten. Die große Massierung der Kaninchenausstellungen auf bestimmte Daten in der Winterzeit schafft hin und wieder Engpässe für den zeitlichen Einsatz der Kaninchenpreisrichter, die in einem eigenen Verein ebenfalls eine sehr gute Kameradschaft untereinander pflegen.
Wünsche für die Zukunft
Zu den ganz großen Wünschen und Hoffnungen der Schweizerischen Rassekaninchenzüchter gehört, dass wir immer wieder gute und zuverlässige junge Leute in unsere Reihen bekommen. Junge Leute, die wiederum den Mut, die Freude und die Ausdauer mitbringen, Verantwortung zu übernehmen. Wir hoffen, dass sich die freundschaftlichen Bande über die Landesgrenzen hinweg vertiefen. Weiter müssen wir uns mit aller Kraft dafür einsetzen, dass auch die Generationen nach uns noch ihre grüne Grundlage findet, um diesem freizeitlichen Metier frönen zu können, das schon von ihren Vätern und Großvätern als eines der allerschönsten bezeichnet wurde. Wie in der Bundesrepublik und anderen Staaten hat man auch bei uns zuweilen den Eindruck, als müssten die letzten natürlichen Landschaften in einer einzigen Generation aufgebraucht werden. Wehren wir uns dagegen, damit wir uns dereinst nicht vor unseren

Enkeln zu schämen brauchen.
Beim Schweizerischen Kaninchenzuchtverband setzt man eindeutig auf die Karte der Jugend. Foto: Christian Jud
Hier möchte ich noch einen Wunsch in eigener Sache anbringen: Gut und gern sollte auch mehr über die Landesgrenzen hinweg geschrieben werden. Als verantwortlicher Redakteur der Schweizerischen Kaninchenzeitung füge ich hier unsere Anschrift bei mit den allerbesten Grüßen und Glückwünschen an unsere Züchterfreunde und ihre Familien in der Bundesrepublik Deutschland.
Christian Jud, Redakteur BR, Fabrikstraße 5, CH-9220 Bischofszell.

