Heinrich Loudwin, Erbach im Odenwald „Das Blaue Jahrbuch“ 1957

Einweichen der Felle im Bottich mit Rührwerk

Unter den Tieren des Waldes war ein Streit ausgebrochen, denn ein jedes wollte das schönste Fell haben. Da begab sich eine Abordnung zum König der Tiere, um sein Urteil zu hören. Nerz, Iltis, Zobel, Waschbär, Skunks und wie sie alle hießen, ein jeder glaubte, sein Fell sei besonders schön. Nur das kleine Kaninchen stand schüchtern dabei und harrte des Urteilsspruches des großen Löwenkönigs. Doch bald ward die Entscheidung verkündet, die zur großen Überraschung der Beteiligten und Zuschauer ein unerwartetes Ergebnis zeitigte. Also sprach der König: „Es werde nicht bestritten, dass Nerz, Zobel, Skunks und alle anderen ein schönes Fell besitzen, so dass die Wahl schwer ist. Aber einer unter euch besitzt ein Fell, das viel wertvoller ist, es ist unser bescheidenes Kaninchen. Aus seinem Fell kann man nämlich einen Nerzpelz, einen Zobel- oder Skunkspelz und viele andere machen, nicht aber umgekehrt und deshalb gebührt ihm der erste Preis.“

Diese kleine Fabel hat viel für sich, denn sie zeigt, wie vielseitig das Fell unseres Kaninchens durch die modernen Bearbeitungsmethoden veredelt werden kann. Die zunehmende Steigerung des Lebensstandards breitester Schichten in aller Welt bringt es mit sich, dass auch der Pelzmantel nicht mehr zu den unerreichbaren Luxusgütern einer bevorzugten kleinen Schicht Begüterter gehört, zumal es Fellsorten gibt, die durch entsprechende Bearbeitung, durch Färben, Scheren- Bleichen u. a. im Effekt, d. h. im Aussehen den teuren Fellsorten sehr nahe kommen. Gewiss wird ein Nerzmantel eine längere Lebensdauer haben, dafür kostet er aber das Vielfache einer Nerzveredlung auf Kanin oder Zickel, macht aber der Trägerin wohl auch nur die gleiche Freude.

Nun wollen wir uns in diesem Aufsatz einmal damit beschäftigen, wie die Veredlungsindustrie unserem bescheidenen Kaninchenfell ein so verändertes Aussehen gibt. Da wollen wir gleich grundlegend festhalten, dass nur gut ausgereifte, dichtwollige Winterfelle zu anständigem Pelzwerk verarbeitet werden, während unreife Übergangs- und Sommerfelle oder Jungtierfellchen hierzu nicht zweckmäßig sind. Deren Haarkleid ist entweder zu dünnwollig oder ungleichmäßig (stufig), oder kahlstellig und flach. Solche werden schon vor der Gerbung aussortiert und gelangen in die Haarschneiderei. Dort werden die Haare direkt am Leder abgeschnitten, daher der Ausdruck „Schneidekanin“. Aus dem gewonnenen Haar werden die Haarhüte gemacht.

Darüber hinaus müssen die Rohfelle sofort nach dem Abziehen faltenlos auf einem Fellspanner oder aufgeschnitten auf ein Brett gezweckt lufttrocken gemacht werden. Das Ausstopfen mit Papier, Heu und dergleichen genügt nicht, weil alle Falten im nassen Rohfell faulen und dann Kahlstellen ergeben. Die getrockneten Felle müssen auch weiter noch trocken und kühl gelagert werden, da sie sonst Schimmel bilden, der die Haarwurzeln wiederum zerstört. Diese gutbehandelten Kürschnerfelle sind nun für den Gärprozess reif, man nennt die Pelzgerbung in der Fachsprache die „Zurichtung". Das Zurichten ist ein zweigeteilter Bearbeitungsprozess auf chemischer und technischer Grundlage. Die Rohfelle werden in sogenannte „Flotten" eingeteilt, das ist eine bestimmte größere Menge, die in einen Einweichbottich gelangt. Dort werden die Felle wieder völlig durchweicht, nachdem sie vorher aufgeschnitten und von Kopf und Blume sowie Pfoten befreit wurden.

Diese nassen Felle gelangen jetzt „vor die Bank", d. h. sie werden den Zurichtergehilfen zugeteilt, welche auf einer Bank im Reitsitz sitzen. Auf dieser Bank ist ein großes sichel- förmiges halbscharfes Messer aufmontiert, vermittels dessen die überflüssigen Lederhäute abgestoßen werden.

Diese müssen deshalb herunter, weil sonst das gegerbte Fell viel zu dick im Leder würde und das daraus hergestellte Pelzstück viel zu schwer wäre. Auch der nachfolgende Vorgang des „Beizens", d. h. die Aufbringung der Gerbchemikalien wäre nicht gut durchführbar, weil die gesamte Lederfaser damit durchdrungen werden muss. Die Gerbmethoden haben in den letzten Jahrzehnten manche Wandlung erfahren. Während man in früheren Jahren eine sogenannte Schwefelsäurebeize verwandte, ist diese völlig abgeschafft. Heute wird eine sogenannte „säurefreie" Gerbung unter Zusatz von Formaldehyd verwandt, die genau auf die jeweilige Menge in der „Flotte" abgestimmt ist. Das ist wichtig, weil die Gerbung eine Vorstufe der Veredlung ist. Dort werden wieder Bleich- und Farbchemikalien verwendet, die eine säurefreie Zurichtung voraussetzen.

Um auf den weiteren Verlauf der Pelzgerbung zurückzukommen, müssen die Felle nach dem Abstoßen als auch nach dem Beizen jeweils aufgehängt und getrocknet werden. Nach dem „Beizprozess“ ist die Ledersubstanz zwar durchgegerbt, das Fell aber mager und trocken, weshalb es nun die „Schmiere" erhält. Die Lederseite wird mit einer fetthaltigen Emulsion eingestrichen, welche die Poren auffüllt und dem Leder eine angenehme Weichheit verleiht. Die Felle gelangen dann in große rotierende Tonnen, die mit Hartholzspänen (Buchenholzmehl) gefüllt sind. In diesen „Läutertonnen" wird das Fett und der Schmutz aus den Haaren ausgeläutert. Alsdann wird in siebartigen „Schütteltonnen" das Holzmehl wieder ausgeschüttelt, die Felle werden nun glatt gestreckt und von Frauenhänden nachgeputzt, alle Focken und Spahnreste beseitigt. Dabei werden starkledrige Felle noch ausgeschieden, die vor die „Maschine" gelangen. Ein Kreismesser mit umgebogener Schneide nimmt die überflüssigen Hautmengen noch weg, bis ein feines, dünnledriges Fell auch aus den härtesten Böcken entsteht. Hierbei kommt es vor, dass irgendwelche verborgene Mängel im Rohfell eine Beschädigung im Leder hervorrufen, beispielsweise eine vernarbte Bisswunde, die aufplatzen kann u. a. Aber alle solche mehr oder minder kleine Beschädigungen, ebenso Kahlstellen, bedeuten für den Fachmann keine Wertminderung, weil sich das Pelzfell durch Kürschnerhand leicht ausbessern und unsichtbar für die äußere Fellfläche verwertbar machen lässt. Sind die Felle nun gestreckt und geputzt, werden sie ausgezählt und in große rechteckige Weidenkörbe gesetzt, in sogenannte „Flechten", die etwa 1000 Stück aufnehmen. Dann gelangen sie zur Auslieferung an den Pelzhändler, die sogenannte „Rauchwarenhandlung", die alsdann die Felle aussortiert, sie durch den Kürschner vor der Weiterveredlung ausbessern und von den, erwähnten größeren oder kleineren Mängeln und Schäden befreien lässt, dieser Prozess wird „anbrachen" genannt. Es darf erwähnt werden, dass nicht etwa nur Kaninfelle solche Schäden aufweisen, sondern alle Fellarten schlechthin, auch die teuersten Sorten.

Zu nachfolgenden Bildern:

Links oben: Entfleischen der Kaninfelle an der „Bank“

Rechts oben: Trockenraum

Links unten: Läutertonnen

Rechts unten: Feinschneiden des Leders an der „Maschine“

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Bernhard Pickert
1948 am Stadtrand von Berlin geboren und im elterlichen Einfamilienhaus mit großem Garten aufgewachsen, kam ich seit frühester Kindheit in den Kontakt mit dem dort gehaltenen Kleinvieh, wie etwa der Milchziege, Hühnern, Enten, Kaninchen und einem großen Haushund. Damals eine normale Situation, denn Kleintierhaltung nebst Bewirtschaftung der eigenen Scholle war weit verbreitet, denn die Erzeugung von Gartenbau- und Tierischen Erzeugnissen unterstützte die familiäre Eigenversorgung, in einer gerade nicht im Überfluss strotzenden Zeit, gleich nach dem 2. Weltkrieg. Erinnerung an diese Zeit ist noch wach, als ich als Grundschüler bei der Futterbeschaffung des heimischen Viehs helfen musste. Für die Enten wurde beispielsweise in den damals vorhandenen Entwässerungsgräben Entengrütze gefischt und für die Kaninchen Grünfutter von den überall noch vorhandenen, brach liegenden Freiflächen geholt. Derweil sich die Zeit hinsichtlich der Versorgungslage verbesserte, wurde von den Eltern das Kleinvieh alsbald reduziert. Kaninchen, die für den Festtagsbraten vorgesehen waren, aber blieben. Als in der Nachbarschaft einer der heimischen Kleintierzuchtvereine eine Ausstellung veranstaltete, kamen mir erstmals Rassekaninchen zu Gesicht. Die Veranstalter erkannten meine Begeisterung für Tiere und in dessen Folge wurde ich als 12jähriger Junge in den ortsansässigen Verein aufgenommen. Meine leidenschaftliche Verbundenheit zur organisierten Rassekaninchenzucht wurde somit geweckt, was schließlich dazu führte, mich umfassend mit diesem Thema zu beschäftigen und über Jahrzehnte Literatur und anderweitige schöne Dinge zusammenzutragen, die irgendwie eine Verbindung zum Kaninchen haben. Wohlwissend, dass es andere ähnlich begeisterte Idealisten gibt, ist über Jahrzehnte ein Archiv entstanden, welches Elemente dokumentiert, auf welche anderswo kaum direkter Zugriff besteht. Initiator für diese bleibende „Leidenschaft“ ist eigentlich der 1983 verstorbene Fachautor und Kleintierkenner Werner Karl Georg Moebes, welchen ich 1970 bei einer Kleintierausstellung kennen lernte und sogleich von seiner Persönlichkeit und seinem umfassenden Wissen begeistert war.

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