Lothar Thormann, Waldheim „Das Blaue Jahrbuch“ 2002
Als Preisrichter hat man ab und zu während der Bewertungen Erlebnisse, an die man sich gern erinnert. Dazu gehören zuerst her- ausragende, schöne Rassetiere, die für wenige Minuten auf dem Richtertisch sitzen und mit höchster Bewertung versehen auf das bewusste „Treppchen“ der Sieger gehoben werden können.
Leider finden sich immer wieder Tiere, die wegen schwerer Fehler von der Bewertung ausgeschlossen werden müssen und auch für so manche an sich wertvolle Zuchtgruppe das unrühmliche Ende des Leistungswettbewerbs bedeuten. Dabei liegen die Gründe für den Ausschluss nicht in jedem Fall bei Fehlern in den doch nicht einfachen Rassepositionen. Nein, schon in der Position 1 „Gewicht“ musste ich genauso wie mancher Preisrichterkollege gleich zu Beginn einer Bewertung wegen Untergewicht oder nachweislicher Überschreitung des Höchstgewichts zur „Roten Karte“ greifen. In unserem Fall wird der Obmann zur Bestätigung gerufen oder, wenn man allein amtiert, auch dem Schauleiter eine entsprechende Information gegeben.

Abb. 1: Mit Plat-Wiegekasten umgerüstete digitale Baby-Waage multina plus vom Hersteller SOEHNLE. Eine bewährte Waage für Zucht- und Ausstellungstiere. Foto: L. Thormann
Betroffen sind zumeist zu Übergewicht neigende Rassen, wie z.B. unsere beliebten Widderzwerge. Auch Ausstellungstiere, die durch übermäßige Kraftfuttergaben auf „Form" gebracht werden sollen, überschreiten am Ende sogar die Gewichtsgrenze. Aber auch das Gegenteil, nämlich zu leichte Ausstellungstiere, die wegen einer gerade überstandenen Krankheit oder wegen unzureichender Fütterung und Haltungsmängeln schmale Rümpfe und knochige Rücken- und Schenkelpartien zeigen, trifft man viel zu oft. Die Ursachen für Mängel in der Position 1 „Gewicht“ könnten noch auf genetische Auslöser erweitert werden. Fragt man jedoch die betroffenen Züchterfreunde, ob und wie oft, denn überhaupt am Stall gewogen wird, dann gibt es nicht selten betretenes Schweigen. Andere zweifeln ganz einfach die Genauigkeit der Preisrichterwaage an! Weil in unserer erfolgshungrigen Zeit nicht nur ältere Züchter, sondern auch und gerade junge Mitglieder die Ehrung mit Pokalen und Preisen herbeiwünschen, muss man der einzigen durchgängig messbaren Standard-Position, der Position „Gewicht“ eindeutig mehr Aufmerksamkeit und Genauigkeit zuwenden.
Das Wiegen der Kaninchen im Stall
Es wird natürlich keinem Züchter ausdrücklich vorgeschrieben, seine Tiere zu Hause zu wiegen. Und es gibt demzufolge auch Vereinsmitglieder mit aktiver Züchtertätigkeit, die Größe und Lebendgewicht ihrer Kaninchen erfahrungsgemäß beurteilen. Die jahrelange Zuchtpraxis hat ein beinahe genaues Gefühl für die Gewichte der Jung- und Alttiere herausgebildet. Die meisten unter uns werden aber während des Zuchtjahres hin und wieder zur Waage greifen. Besonders für zukünftige Zucht- und Ausstellungstiere oder bei zugekauften Kaninchen sollte man wiegen und darüber im Stall- Zuchtbuch oder im Blauen Jahrbuch¹ mit seinen übersichtlichen Listen nach derartigen Kontrollen Notizen machen. Selbst bei gedeckten Häsinnen lässt sich in der zweiten Hälfte der Tragezeit mit etwas Erfahrung einigermaßen zuverlässig die Trächtigkeit durch zunehmendes Körpergewicht des werdenden Muttertieres nachweisen.

Abb. 2: Die japanische babyscale von TANITA, eine robuste und sehr zuverlässige Kaninchenwaage. Foto: L. Thormann
Wir alle wissen, mit welcher Schnelligkeit kränkelnde Tiere oder kranke Tiere an Körpergewicht verlieren. Das Wiegen hilft mit, solche Erscheinungen rechtzeitig zu erkennen und informiert nach der Gesundung eines Tieres über den immer besseren körperlichen Zustand desselben. Die Gewichtsentwicklung eines Kaninchens und auch ganzer Würfe oder ausgewählter Zuchtgruppen kann viel aussagen über genetische Veranlagungen und über die Fütterungs- und Haltungserfolge in einer Zucht. Vor und während des Wiegens sollte am Stall der normale ruhige Arbeitsablauf ohne jegliche Hektik und Aufregung bei guten Lichtverhältnissen gewährleistet sein. Beunruhigte Tiere erschweren die genaue Gewichtsermittlung und können auch von der Waage kippen oder abspringen und sich dabei verletzen.
Die Waage sollte stets auf einem stabilen Stalltisch stehen und eine ausreichend große feststehende Wägeplatte mit griffigem Belag besitzen. Glatte Sitzflächen aus Plastik oder Metall oder mit unbefestigten Unterlagen (z. B. lose weiche Decken oder Säcke) erregen die Tiere und können sie in Panik versetzen. Deshalb haben sich flache bzw. je nach Größe der Tiere auch etwas höhere Wiegekörbe oder -kästen, fest mit der Waage verbunden, sehr gut bewährt. Die Verwendung dieser Hilfsmittel ist, soweit es die Waage nicht automatisch ausgleicht, gewichtsmäßig zu berücksichtigen. Kaninchenwaagen, die selten benutzt werden, sind vor dem Wiegen zu säubern und auf ihre genaue Funktion hin zu überprüfen. Aber auch vielbenutzte Waagen, auf denen zwischendurch Futtermittel oder andere kleinere Gegenstände gewogen werden, sollten durch ein ,,Probewiegen" z. B. eines Steingut-Futternapfes unter Benutzung einer zweiten Vergleichswaage überprüft werden.

Abb. 3: Auch bei der Babyscale wurde die Wiegeschale mit einer griffigen Textileinlage versehen. Foto L. Thormann
Jeder Züchterfreund kann im ZDK-Rassestandard '97 mit seinen zwischenzeitlichen Ergänzungen die verbindlichen Angaben in einer Gewichtstabelle vorfinden. Die erste Position der Bewertungsskala pro Rasse beginnt mit der Gewichtsübersicht für erwachsene Kaninchen und stellt außerdem das Höchst-, Normal- und Mindestgewicht besonders heraus. Da nicht jeder Züchter einen solchen gültigen Standard besitzt, kann man derartige Gewichtstabellen abschreiben oder auch kopiert verwenden.
Eine Gewichtstabelle für Jungtiere, aufgeteilt nach Lebensmonaten, gibt es offiziell im Standard nicht, weil es keine Pflicht zum Wiegen auf Jungtier-Ausstellungen gibt. Allerdings wissen Eingeweihte oder belesene Züchter, dass im Blauen Jahrbuch 1968² sowie im Fachbuch „Kaninchen“ von Dr. P. Schley³ unverbindliche, aber doch informative Gewichtstabellen über die Jungtierentwicklung unserer Kaninchen eine Orientierung für die Aufzucht geben.
Wägetechnik vor Ort: Kaninchenwaagen
Zum Wiegen von lebenden Kaninchen werden von jeher Klein- und Haushaltswaagen benutzt. In Ausnahmefällen, weil es wohl der Größe der Veranstaltung entsprach, kamen da und dort auf größeren Schauen für das Vorwiegen durch amtierende Preisrichter größere Tischwaagen oder Neigungsschaltwaagen zum Einsatz. Die Kaninchenwaagen am Stall und in der Bewertungspraxis der Preisrichter sollten prinzipiell die gleichen sein. Im Standard 1974 gibt es hierzu keine ausdrücklichen Festlegungen. Es heißt dort lediglich: „Das Gewicht eines Tieres ist mit der Waage festzustellen…“
Aus Tätigkeiten beim Wiegen im Stall oder während der Bewertung wissen Züchter und Preisrichter, dass dennoch einige Besonderheiten für Kaninchenwaagen zu beachten sind. Die Preisrichter- Waagen müssen von der Größe einer Tischwaage aus gesehen den Anforderungen aller Rassen vom Zwergkaninchen bis hin zu den im Gewicht nach oben unbegrenzten Riesenkaninchen gerecht werden. Neben den oben angeführten allgemeinen Eigenschaften der Kaninchen-Waagen müssen die Waagen der Preisrichter zudem sehr genau und unabhängig von vorhandenen Raumtemperaturen zuverlässig funktionieren. In der vorgegebenen Bewertungszeit müssen sie ohne Störungen durchgehend eine Belastung von maximal 80 zu wiegenden Kaninchen verschiedener Größe abhalten. Die Gewichtsanzeige wird relativ groß und leicht ablesbar gewünscht. Außerdem sollen derartige Waagen leicht verpackbar, also nicht sperrig und damit leicht zu transportieren sein. Preisrichter-Waagen werden während der Bewertungsmonate viel benutzt und laufend transportiert, so dass robuste Waagen von Vorteil sind. In der technischen Ausstattung und Funktion müssen diese Waagen für die Tierbewertung vor allem die Erfordernisse des Rassestandards erfüllen. Entsprechend der Gewichtsskala muss eine Preisrichter-Waage mindestens eine 50-Gramm-Teilung besitzen. Teilungen der Gewichtsanzeige in 100-Gramm-Schritten, wie sie bei den sehr handlichen und z. T. sehr preiswerten Personen-Waagen die Regel sind, scheiden für unsere Zwecke aus. Es ergeben sich nun einige Fragen nach den derzeit gebräuchlichen Waagentypen, nach deren wichtigsten technischen Details und vielleicht auch noch nach dem nicht ganz nebensächlichen Kaufpreis.
Waagen für Züchter und Preisrichter
Manche Züchterfreunde und auch einige wenige Preisrichterkollegen haben immer noch oder auch wieder die etwas „altmodische“ Küchen- oder Laufgewichtswaage mit Feinabstimmung per Hand im Gebrauch und schwören auf deren Genauigkeit und Unverwüstlichkeit. Sie sind heute noch immer, natürlich mit viel Glanz und Chrom, für relativ wenig Geld ab ca. 30 DM zu haben. Die Wiegeschale ist glatt und muss einen Belag erhalten. Für das ruhige und sichere Wiegen und für größere Rassen ist der Aufbau eines Wiegekastens notwendig. Hier und da trifft man am Stall die etwas schweren stationären Neigeschaltwaagen an, die gleichen, die früher bei jedem Fleischer oder im „Tante-Emma-Laden“ standen. Sauber gehalten und gut gewartet an trockenen Standorten im Stallraum überstehen diese altbewährten Museumsstücke bestimmt die nächste Züchtergeneration.
Seit Jahren haben jedoch auch in den Zuchten und vor allem bei nahezu jedem Preisrichter im DPV die modernen elektronischen Tischwaagen Einzug gehalten. Der von dem bekannten Waagen-Hersteller SOEHNLE GmbH 1979 erstmals herausgebrachten digitalen Personenwaage folgte 1981 die erste digitale Küchenwaage. 1986 wurde die erste Computer-Tischwaage angeboten. 1994 brachte ebenfalls der genannte Hersteller die erste solarbetriebene Küchen- und Personenwaage in den Handel. Mittlerweile werden von zahlreichen in- und ausländischen Unternehmen elektronische Kleinwaagen produziert, die durch kinetische Energie betrieben werden und völlig ohne Strom oder Solarenergie auskommen. Die digitale Baby-Waage multina plus von SOEHNLE mit einer Tragkraft von 20 kg und 10-Gramm-Teilung hat sich wegen ihrer Handlichkeit, geringer Höhe und dadurch mit geringem Kippmoment und bei annehmbarem Preis von etwa 240 DM viele Freunde im ZDK erworben.

Abb. 4: Die elektronische Aufzuchtwaage Electronic Baby Scale mit hinten liegender Schalt- und Display-Platte. Die Wiegeschale ist zusammenlegbar. Foto L. Thormann
Ich hatte selbst jahrelang dieses Modell für Zucht und Bewertung im Gebrauch. Die guten Erfahrungen mit dieser Waage wurden nur zeitweise getrübt, wenn in recht ausgekühlten Ausstellungsräumen mit nicht ganz frischer Batteriebestückung die Waage streikte. Auch die damals unruhige Display-Anzeige erschwerte die Wiegetätigkeit. Die dazugehörige Baby-Schale, mit griffigem Textilbelag kaschiert, reicht für alle Rassen. Man sieht stattdessen aber noch mehr flache Wiege-Kästen mit textiler Einlage. Seit geraumer Zeit besitzt die verbesserte Variante dieser Waage eine automatische Kalibrierung, d. h. die Gewichtsanzeige wird auch beim Wiegen unruhiger Tiere nach kurzer Ausrichtung zum Ablesen optisch festgestellt.
Nach Überprüfung des überaus großen Angebots an Tisch- und Baby-Waagen stieß ich bei der TANITA Europe GmbH auf das Modell Digital Baby scale mit einer Tragkraft von 1 bis 10 kg und der Teilung in 10 Gramm sowie mit einer noch größeren Tragkraft von 10 bis 20 kg und einer 20-Gramm-Teilung. Als Energiequelle dienen sechs Stück 1,5 V Mignon (AA) LR6. Ich benutze sie seit über drei Jahren erfolgreich in Zucht und Bewertung. Diese moderne japanische Waage besitzt eine sehr gute Kalibrierung, ein gut lesbares Display und arbeitet selbst bei niedrigen Raumtemperaturen einwandfrei. Die zur Waage gehörige Baby-Schale aus Kunststoff wurde von mir mit einem derben und griffigen Belag aus einem Teppichboden-Rest versehen. Durch die etwas größere Bodenfreiheit der Waagen-Schale versuchen z. B. Zwergkaninchen, mit dem Kopf unter die Waage zu gelangen. Ein geringer Nachteil, der von den vielen Vorteilen dieser robusten, für etwa 270 DM erhältlichen Waage auf jeden Fall ausgeglichen wird.
Die Westfalia GmbH bietet eine relativ preiswerte elektronische Aufzuchtwaage für 170 DM an. Die maximale Tragkraft beträgt 15 kg. Von 0 bis 6 kg kann mit einer 10-Gramm-Teilung und von 6 bis 15 kg mit der Teilung von 15 Gramm gewogen werden. Dazu verfügt die sehr stabile Waage über die übliche Abschaltautomatik, Batteriewechselanzeige, Tara- und Speicherfunktion sowie als technischen „Gag“ auch über die Datum- und Zeitanzeige. Die Wiegeschale aus Plastik ist hier zusammenklappbar. Das Display ist hinter der Schale erhöht platziert, also leicht ablesbar, soweit es nicht von großen Tieren etwas verdeckt wird. Ein Preisrichterkollege hat die Waage ausgiebig einem Test unterzogen und ist mit dieser Wägetechnik vollauf zufrieden, nicht zuletzt auch wegen des züchterfreundlichen Preises. Die Waage benötigt lediglich etwas mehr Platz hinsichtlich der Tiefe des Bewertungstisches wegen des hintanstehenden Display-Teiles mit Schaltstellen.
Ein Blick auf die „Profi"-Kleinwaagen
Auf dem Gebiet der Wägetechnik werden noch zahlreiche andere digitale Mehrzweck-Tisch-Waagen mit breitem Anwendungsspektrum und hoher Präzision angeboten. Diese technischen Möglichkeiten werden aber keineswegs bei der Verwendung derartiger Wägetechnik in der Hobby-Kaninchenzucht ausgenutzt. Die Kaufpreise liegen außerdem entsprechend höher im Bereich von etwa 400 bis über 600 DM.5 Von den höherwertigen Tisch-Waagen wäre das als Paket-Waage konzipierte Modell KPZ 2-11-1 des Anbieters K. P. ZANDER GmbH deswegen noch interessant, weil es für ca. 340 DM vergleichsweise preisgünstig ist. Die Waage kann wahlweise mit sechs Mignon-Batterien, mit einem Akku oder mit Netzgerät betrieben werden. Die Display-Anzeige ist in einem Alu-Profilteil gesondert staubsicher eingebaut und über ein Spiralkabel mit der Waage beweglich verbunden. Dieses Anzeige-Teil kann platzsparend neben die Waage gelegt werden oder z. B. im Stallraum gesondert an der Wand in Augenhöhe befestigt werden. Die Waage hat eine Kapazität von 45 kg bei einer Teilung der Wägeschritte von 50 Gramm. Damit kann die Waage auch zum Wiegen von Futtermitteln oder anderen Materialien Verwendung finden.
Waagen für den Hausgebrauch
Der Vollständigkeit halber soll an dieser Stelle noch auf zwei Waagen-Typen verwiesen werden. Es handelt sich um die Haushalts-Zeigerwaagen mit Wägekorb und um die Zeiger-Hängewaagen (Sackwaagen) mit Hängekorb. Dank ihres geringen Preises und der rein mechanischen Wirkungsweise ohne jegliche Energiequelle trifft man sie relativ oft am Stall an. Mit diesen Waagen ist ein Wiegen zur groben Gewichts-Orientierung möglich, mehr auch nicht. Als Preisrichterwaagen sind sie ungeeignet. Zum Schluss der Betrachtungen über das Wiegen unserer Kaninchen mit verschiedenen geeigneten Waagen bin ich mir sicher, dass der eine oder andere Leser noch öfter und genauer seine Tiere wiegen wird. Denn wie wahr ist das alte Wort, das sagt: „Wer wiegt und schreibt, der bleibt!“

Abb. 5: Das Display der Aufzucht-Waage ist besonders groß und gut lesbar trotz der Platzierung hinter dem zu wiegenden Tier. Foto L. Thormann
Literatur- und Sachhinweise:
1. Das Blaue Jahrbuch 2001, Seiten 86-93; Verlag Oertel + Spörer Reutlingen.
2. Das Blaue Jahrbuch 1968, Seite 144; Verlag Oertel + Spörer Reutlingen.
3. Dr. Peter Schley, „Kaninchen“, Verlag E. Ulmer Stuttgart 1985, Seite 113.
4. ZDK-Standard '97, Seite 13.
5. Die Angaben der Preise der genannten Waagen beziehen sich auf zeitlich zurückliegende Angaben der Hersteller bzw. der Vertreiber und sind unverbindliche Informationen.
Abb. 5: Das Display der Aufzucht-Waage ist besonders groß und gut lesbar trotz der Platzierung hinter dem zu wiegenden Tier. Foto L. Thormann






