Von Willi Römpert, Reilingen/Bd. – „Das Blaue Jahrbuch“ 1964

Zweimal im Jahre, zuerst im Frühjahr und zur Hauptsache später im Herbst, machen unsere Hauskaninchen einen Haarwechsel durch. Das alte, von Witterung und Sonne gebleichte, matt und dünn gewordene Haarkleid wird durch ein neues, farbenprächtiges und vor allem auch dichteres Fell ersetzt, das den Tieren wieder einen besseren Schutz gegen die Unbilden der Witterung und ein frisches Aussehen verleiht. Der Kaninchenzüchter bezeichnet diesen Vorgang mit Haarung. Eine ähnliche Erscheinung finden wir auch bei unserem Hausgeflügel, das alljährlich im Spätjahr sein abgenutztes, altes Federkleid durch ein neues, besser schützendes ersetzt.

Zur Zeit des Haarwechsels sind unsere Kaninchen besonders empfindlich gegen Nässe, Kälte, Zugluft, Witterungsumschläge und Futterwechsel. Durch diese Empfindlichkeit treten während der Erneuerung des Haarkleides oft gesundheitliche Störungen auf, die in Züchterkreisen schon vielmals zu der Annahme führten, dass der Haarwechsel eine Art Krankheit darstellen würde. Allein schon die Regelmäßigkeit, mit der sich der Haarwechsel einstellt, spricht gegen diese Vermutung. Die Erneuerung des Haarkleides stellt jedoch an den Tierorganismus sehr hohe Anforderungen, so dass der Körper oftmals alle Reservestoffe angreifen muss, um sie reibungslos abwickeln zu können Der Haarwechsel ist eine weise Einrichtung der Natur; denn im Frühjahr wirft das Kaninchen den entbehrlich gewordenen Winterpelz ab, und im Herbst tritt an Stelle des verblichenen Sommerfelles das schützende, wärmende und farbenprächtige Winterkleid. Der Beginn der Haarung ist bei unseren Hauskaninchen oft recht verschieden, bei einem Tier beginnt er früher, beim anderen wieder später. So ist es zum Beispiel leicht möglich, dass sechs Wurfgeschwister im Spätjahr zu ganz verschiedenen Zeiten mit der Haarung beginnen. Auch die Dauer des Haarungsvorganges ist nicht einheitlich; bei dem einen Kaninchen nimmt sie längere, beim anderen kürzere Zeit in Anspruch. Das sei jedoch vorweggenommen: je kürzer die Haarung dauert, desto gesünder und widerstandsfähiger ist das betreffende Kaninchen und desto besser ist es für sein Wohlbefinden.

Viele Umstände, so zum Beispiel klimatische Verhältnisse, die Fütterung und Unterbringung, spielen beim Verlauf der Haarung eine sehr wichtige Rolle, denn es ist ein gewaltiger Unterschied, ob ein Kaninchen richtig ernährt oder durchgehungert, in einem gesunden Außenstall oder im verweichlichenden Innenstall gehalten wird. Der Haarwechsel stellt an den Tierkörper große Anforderungen, denn der Wuchs des neuen Haares ist immerhin mit einem Kräfteverbrauch verbunden. Es ist daher von großer Wichtigkeit, dass die Fütterung und Pflege des Kaninchens, während der Haarung sorgfältig durchgeführt und das Einzeltier täglich genau beobachtet und überwacht wird. Je besser gefüttert und je sorgfältiger gepflegt wird, desto schneller wird die Haarung vonstattengehen. Grundfalsch ist die trotz aller Aufklärung in der Fachpresse und den Vereinen noch anzutreffende Ansicht, dass zum Beispiel Zuchthäsinnen während der Haarung schlechter gefüttert werden können, da sie in dieser Zeit keine Jungen zu ernähren haben. Das Gegenteil jedoch ist richtig, denn beim Haarwechsel benötigt das Kaninchen mindestens ebenso viel und nährwertreiches Futter wie in der Zeit der höchsten Leistungen.

Unsere Kaninchen müssen zu Beginn der Haarungszeit in voller Kraft stehen und im Verlaufe des Haarwechsels kräftig und abwechslungsreich gefüttert werden; dann werden sich auch nie gesundheitliche Störungen einstellen. Das beste Futter ist für unsere Pfleglinge jetzt gerade gut genug. Der Haarwechsel erfordert eine vermehrte Aufnahme von eiweiß- und kalkhaltigen Futterstoffen. Da auch die Konsumtion vielseitiger und schneller ist, muss den Kaninchen während des Haarwechsels ein eiweiß- und vitaminreiches Grünfutter, allerbestes Heu, kleine Gaben von Körner- und Kraftfutter sowie ein Zusatz von Futterkalk im Weichfutter gereicht werden. Eine kleine Zugabe von ölhaltigen Sämereien wie Lein, Hanf und Sonnenblumenkerne ist ganz besonders zu empfehlen, da sie dem sich bildenden Fell den so geschätzten Glanz verleihen. Es ist eine unumstößliche Tatsache, dass der Haarungsprozess durch eine kräftige und vor allem auch abwechslungs- reiche Fütterung wesentlich beschleunigt werden kann, was nicht nur für den Wirtschafts-, sondern auch für den Ausstellungskaninchenzüchter von großer Bedeutung ist. Bei dem ersteren ist es nicht einerlei, ob seine zu Schlachtzwecken vorgesehenen Kaninchen schnell oder langsam durch die Haarung gehen, denn er legt stets großen Wert darauf, recht schnell schlachtreife und vor allem auch im Fell „fertige", gut durchgehaarte Tiere zu besitzen, denn bekanntlich erbringen ausgereifte Felle die höchsten Preise. Beim Liebhaberzüchter ist es ähnlich, denn er möchte schon auf den frühen Lokalausstellungen im Fell fertige Tiere zeigen. Er muss daher ebenfalls darauf achten, dass seine Pfleglinge so schnell wie nur möglich den Haarwechsel hinter sich bringen.

Neben einer zweckdienlichen Fütterung sind die Fellpflege und die Unterbringung der Kaninchen für den Verlauf der Haarung sehr wichtige Faktoren. Es ist eine bekannte Züchtererfahrung, dass ein öfteres, kräftiges Durchbürsten des Felles gegen den Strich den Haarungsablauf sehr beschleunigt. Durch das Bürsten werden nicht nur die alten, abgestorbenen Haare aus dem Fell entfernt, sondern auch die Haut wird stärker durchblutet und dadurch das Haarwachstum gefördert. Zur Pflege des Felles benötigt der Kaninchenzüchter einen kleinen Tisch; je kleiner die Tischplatte ist, desto besser, denn desto ruhiger verhalten sich die Tiere beim Durchbürsten. Als sehr zweckmäßig haben sich die kleinen Schurtische erwiesen, die die Angorazüchter bei der Wollernte benützen. Überhaupt sollte in keiner ordentlichen Kaninchenhaltung ein kleiner Tisch fehlen. Er ist für den Züchter, der seine Tiere ausstellen will, geradezu unerlässlich. Ausstellungs- und Zuchttiere sollten bei jeder sich bietenden Gelegenheit auf diesem Tisch gepflegt und gemustert werden. Unsere Kaninchen werden dadurch nicht nur zutraulich, sondern sie gewöhnen sich an den Umgang mit Menschen und freuen sich auf den Augenblick, wenn sie aus der Bucht genommen werden. Ihr Instinkt sagt es ihnen, dass diese Pflegemaßnahmen zu ihrem Vorteil sind. Jedem Anfänger wird es einleuchten, dass diese „dressierten" Kaninchen, wenn es auf den Ausstellungen darum geht, Preise zu erringen, sich dem Preisrichter ungezwungen und von ihrer besten Seite zeigen werden. Es genügt völlig, wenn die Felle, während der Haarung ein über den anderen Tag gut durchgebürstet werden. Es ist dabei zu beachten, dass der gesamte Körper vom Kopf bis zur Blume gebürstet wird und nicht nur der Rücken und die Flanken, wie man es bei Anfängern oft antreffen kann. Auch die Bauchseite, die Brust, die Läufe und Ohren müssen bearbeitet werden, damit sich kein Filz bilden kann.

Erfahrene Kaninchenzüchter wissen, dass der Haarungsprozess bei in Außenstallungen gehaltenen Kaninchen viel schneller und reibungsloser verläuft als bei ihren Artgenossen, die in Innenstallungen untergebracht sind. Voraussetzung ist natürlich, dass der Außenstall allen Anforderungen entspricht, die wir heute an einen Kaninchenstall stellen müssen. Er muss vor allem zugfrei und trocken sein, denn gerade die Nässe und Zugluft sind während der Haarungszeit oftmals die Ursache von Erkältungskrankheiten bei unseren Kaninchen. Abgehärtete, richtig ernährte und sachgemäß gepflegte Kaninchen aus Außenstallungen sind in der Fellgüte ihren im Innenstall gehaltenen Artgenossen immer überlegen. Auch nimmt bei Letzteren die Haarung in der Regel einen viel langsameren Verlauf. Wenn auch die Qualität des Kaninchenfelles in erster Linie vererbt wird, so spielen doch die Umwelteinflüsse (Fütterung, Fellpflege, klimatische Verhältnisse) bei der Entwicklung des Haarkleides eine nicht zu unterschätzende Rolle, was der gewissenhafte Züchter unbedingt berücksichtigen muss.

Die Feststellung, ob sich ein Kaninchen im Haarwechsel befindet oder nicht, macht Anfängern oftmals Schwierigkeiten. Dabei ist es so leicht und kann selbst von Laien auf Anhieb erkannt werden. Man feuchtet zu diesem Zwecke die Hand etwas an und fährt damit durch das Fell, am besten gegen den Strich. Bleiben dabei Haare an der Hand haften, dann ist es ein untrügliches Zeichen dafür, dass sich das betreffende Kaninchen im Haarwechsel befindet. Auf die gleiche Art lassen sich auch die bei der Fellpflege an den Kleidern des Züchters hängen gebliebenen Kaninchenhaare schnell und sauber entfernen. Man nimmt zu diesem Zwecke nach der Fellpflege eine ganz leicht angefeuchtete Kleiderbürste und bürstet damit die Kleidungsstücke ab. Auf diese Weise wird der Anzug im Nu von den anhaftenden Kaninchenhaaren gesäubert und die Ehefrau findet dann keinen Grund zu der sonst unausbleiblichen Maßregelung. Nach etwas Übung lässt sich die beginnende Haarung auch mit dem Auge feststellen. Die alten, abgestorbenen und absterbenden Haare haben keinen Glanz mehr; sie sind matt, und auch die Farbe beginnt zu verblassen. Bei farbigen Kaninchen werden sie mit fortschreitender Haarung rostig rot. Der bei unseren Ausstellungstieren so verpönte Rost ist in den weitaus meisten Fällen auf eine mangelhafte Fellkondition zurückzuführen. Zu Ausstellungszwecken vorgesehene Kaninchen bedürfen daher einer besonderen Fellpflege, die vor allem während der Haarungszeit regelmäßig vorzunehmen ist.

Der Hauptwert des Kaninchenfelles liegt in der Dichte der Behaarung, die durch die Unterwolle bedingt wird. Je dichter die Unterwolle ist, desto wertvoller ist ein Fell. Die Fellkondition ist veränderlich und zeitgebunden durch die natürliche Haarung, die alle Hauskaninchen zweimal jährlich, im Frühjahr und Herbst, durchmachen. Es ist Aufgabe des Züchters, dafür zu sorgen, dass der Haarungsablauf reibungslos und schnell verläuft, wozu eine zweckdienliche Fütterung, richtige Haltung und Pflege der Kaninchen wesentlich beitragen.

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Bernhard Pickert
1948 am Stadtrand von Berlin geboren und im elterlichen Einfamilienhaus mit großem Garten aufgewachsen, kam ich seit frühester Kindheit in den Kontakt mit dem dort gehaltenen Kleinvieh, wie etwa der Milchziege, Hühnern, Enten, Kaninchen und einem großen Haushund. Damals eine normale Situation, denn Kleintierhaltung nebst Bewirtschaftung der eigenen Scholle war weit verbreitet, denn die Erzeugung von Gartenbau- und Tierischen Erzeugnissen unterstützte die familiäre Eigenversorgung, in einer gerade nicht im Überfluss strotzenden Zeit, gleich nach dem 2. Weltkrieg. Erinnerung an diese Zeit ist noch wach, als ich als Grundschüler bei der Futterbeschaffung des heimischen Viehs helfen musste. Für die Enten wurde beispielsweise in den damals vorhandenen Entwässerungsgräben Entengrütze gefischt und für die Kaninchen Grünfutter von den überall noch vorhandenen, brach liegenden Freiflächen geholt. Derweil sich die Zeit hinsichtlich der Versorgungslage verbesserte, wurde von den Eltern das Kleinvieh alsbald reduziert. Kaninchen, die für den Festtagsbraten vorgesehen waren, aber blieben. Als in der Nachbarschaft einer der heimischen Kleintierzuchtvereine eine Ausstellung veranstaltete, kamen mir erstmals Rassekaninchen zu Gesicht. Die Veranstalter erkannten meine Begeisterung für Tiere und in dessen Folge wurde ich als 12jähriger Junge in den ortsansässigen Verein aufgenommen. Meine leidenschaftliche Verbundenheit zur organisierten Rassekaninchenzucht wurde somit geweckt, was schließlich dazu führte, mich umfassend mit diesem Thema zu beschäftigen und über Jahrzehnte Literatur und anderweitige schöne Dinge zusammenzutragen, die irgendwie eine Verbindung zum Kaninchen haben. Wohlwissend, dass es andere ähnlich begeisterte Idealisten gibt, ist über Jahrzehnte ein Archiv entstanden, welches Elemente dokumentiert, auf welche anderswo kaum direkter Zugriff besteht. Initiator für diese bleibende „Leidenschaft“ ist eigentlich der 1983 verstorbene Fachautor und Kleintierkenner Werner Karl Georg Moebes, welchen ich 1970 bei einer Kleintierausstellung kennen lernte und sogleich von seiner Persönlichkeit und seinem umfassenden Wissen begeistert war.

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