Werner Pockrandt, Hannover – „Das Blaue Jahrbuch“ 1975

Der Zentralverband Deutscher Kaninchenzüchter e. V. ist auf dem besten Wege, die Grenze von 100 000 Mitgliedern zu überschreiten. Das würde bedeuten, dass in den letzten 15 Jahren ein Mitgliederzuwachs von über 100 Prozent zu verzeichnen ist. Diese Verdoppelung der Mitgliederzahl ist zum großen Teil darauf zurückzuführen, dass im ZDK die Kaninchenzucht als Hobby gepflegt wurde, zum Teil aber auch auf den in den Vereinen gebotenen geselligen Rahmen, wobei zu vermerken ist, dass ein großer Teil von Vereinsmitgliedern keine Tiere (mehr) halten (kann) und trotzdem in der Vereinsarbeit bleibt. Ein geringer Teil der Vereinsmitglieder hat sich darauf spezialisiert, Tiere für den Verkauf oder für die Schlachtung zu züchten und somit auf die Wirtschaftlichkeit in der Zucht und auf eine Rendite zu achten.

Neben diesen organisierten Kaninchenzüchtern gibt es jedoch eine nicht gezählte Anzahl von Kaninchenfreunden und Kaninchenhaltern, denen es nicht immer um den Kaninchenbraten oder um das Geschäft geht, sondern in der Hauptsache um das Tier selbst, um die Beschäftigung mit dem Tier, um den liebenswerten Gespielen für ihre Kinder. Um es kurz zu sagen: Sie stehen der Rassekaninchenzucht genau so fern wie der Vereinsarbeit eines Kaninchenzüchtervereins. Sie würden wahrscheinlich kaum dazu in der Lage sein, eines ihrer kleinen Kaninchen zu schlachten, zu verkaufen, zu verschenken oder gar auszusetzen, weil es sich ja um einen zur Familie gehörenden Hausgenossen handelt.

In beiden Richtungen scheint von vornherein ein unüberbrückbarer Gegensatz zu liegen, denn der organisierte Züchter züchtet „Rassekaninchen“, also bestimmte, in ihrem Aussehen standardisierte Rassen oder Farbenschläge, während der nichtorganisierte Kaninchenhalter nur an der Farbe und an der Form des Kaninchens Gefallen findet und ihm die Rasse (zumeist) vollkommen gleichgültig ist. Für ihn ist jedes Kaninchen schön. Gerade an diesem Gegensatz scheitert auch oft der Versuch, einen solchen Kaninchenfreund als Vereinsmitglied zu werben.

Der Zentralverband Deutscher Kaninchenzüchter kann aber kaum dazu übergehen, die rasselose Kaninchenzucht anzuerkennen oder ihr das Wort zu reden, da seine gesamte Arbeit auf den Rassevorschriften des Kaninchenstandards aufgebaut ist. Auf allen Ausstellungen im Bereiche des ZDK dürfen nur Rassekaninchen gezeigt und bewertet, prämiiert und verkauft werden. Die Rassebeschreibungen und Bewertungsrichtlinien gelten nur für Rassekaninchen. Die höchste Anerkennung, die einem Kaninchenzüchter im ZDK zuteilwerden kann, ist die Ernennung zum „Ehrenmeister der Deutschen Rassekaninchenzucht“, wobei man also bewusst das Wörtchen „Rasse“ betonte.

Nach einer solchen hohen Ehre strebt aber nicht der Kaninchenfreund, der auf dem Markt oder auf einer Ausstellung, in einer Tombola oder bei einem Kaninchenzüchter ein kleines Kaninchen erworben hat, das von allen Familienmitgliedern gehalten, gestreichelt, gefüttert und verhätschelt wird. Für diesen „Hausfreund“ benötigt man zunächst auch keinen Stall. Ein Pappkarton, ein Kistchen im Winkel in der Küche, im Keller oder gar in der Stube genügen vollauf. Die Kinder dürfen mit ihm auf dem Teppich spielen. Und mit der Fütterung übertreibt man zumeist auch, man füttert in den seltensten Fällen „tiergerecht“, man reicht vielmehr Leckereien in großer Zahl und ist nur dann erstaunt, wenn aus dem kleinen garantiert echten Zwergkaninchen ein gewaltiges Ungetüm wird, das man eigentlich gar nicht haben wollte und dessen Haltung nun ungeahnte Probleme stellt.

Sehen wir nun wieder auf die andere Seite, so ist auch hier zuweilen nicht immer alles Gold, was glänzt. Da gibt es Beschwerden über die Ställe eines Kaninchenzüchters, die unter Umständen zu einem Verbot der Kaninchenhaltung führen können. Es müsste des Öfteren festgestellt werden, dass die Beschwerden der Nachbarn berechtigt waren, da die Stallanlagen jeder Beschreibung spotteten und einen durchaus unerfreulichen Anblick boten. Aber auch die Belästigungen der Nachbarn durch Mist- und Uringeruch der an den Gartenzäunen angelegten Dunghaufen können Anlass zu Beschwerden sein. Wenn sich Kaninchen auch nicht durch Krähen, Gackern, Schnattern oder sonst stimmlich bemerkbar machen, so ist es doch schon vorgekommen, dass das „Klopfen“ von Rammler oder Häsinnen bei etwaigem Erschrecken den unruhigen Schlaf von feinfühligen Nachbarn störte. Aber wenn man den Hund schlagen will, findet man auch einen Knüppel. Und selbst die Geschichte von den Ratten, welche durch die Kaninchen angezogen werden, wird immer wieder aufgetischt und auch geglaubt.

Der einsichtige Kaninchenzüchter oder Kaninchenhalter kann sich in jedem Falle Vorwürfe und Beschwerden ersparen, wenn er ein Herz für seine Tiere und ein wenig Freude an ihrer Schönheit hat. Dann wird er zunächst darauf sehen, dass seine Tiere in guten und geräumigen Ställen untergebracht sind. Der Stall darf das Auge nicht beleidigen, er muss ein Schmuckkästchen sein, in dem sich die Tiere auch wohl fühlen können. Er muss wetterfest und in freundlichen bunten Farben gehalten sein. Die Drahtgitter vor den Käfigtüren dürfen nicht verrostet oder zwanzigmal geflickt, die Türen nicht windschief, die Bretter nicht kotverkrustet und urinverschmiert sein. Stallanlagen sollen Tierwohnungen sein und keine Ungezieferbrutstätten. Ein Stall kann ruhig dem Nachbarn auffallen, aber er muss ihm auch gefallen. Der Stall darf kein Schandfleck in der Umgebung sein, sondern man muss damit auch werben können. Dazu gehört auch die Sauberkeit in der Umgebung des Stalles. Es ist vor allen Dingen alles zu vermeiden, was Anlass geben könnte, dass sich der Nachbar belästigt fühlt. Sowohl der Kaninchenzüchter als auch der Kaninchenhalter, der keinem Verein angehört, trägt seinen Tieren gegenüber die gleiche Verantwortung, aber auch den Nachbarn und Mitmenschen gegenüber.

Eine neue Art der Kaninchenhaltung hat sich in letzter Zeit dort angebahnt, wo man die reine Wirtschaftlichkeit in den Mittelpunkt der Kaninchenzucht stellt: in der Fleisch- und Mastkaninchenzucht. Es wurden neue Stallanlagen entwickelt, neue Ställe für Haltung und Züchtung erprobt, neue Fütterungs- und Tränkanlagen für den Massenbetrieb gebaut und neue Formen der Urin- und Kotbeseitigung für den Großbetrieb entwickelt. Diese Großfarmen für Kaninchen müssen naturgemäß wirtschaftlich bei Fütterung, Pflege und Sauberhaltung arbeiten. Naturgemäß muss eine Massenhaltung anders aussehen als die kleine Stallanlage des Hobby-Rassekaninchenzüchters. Bei den ersten Schritten auf neuen Wegen pflegen sich auch Rückschläge nicht ganz vermeiden zu lassen. Eine rücksichtslose Zusammenpferchung der Tiere um des wirtschaftlichen Nutzens willen wurde bisher nicht bekannt, auch nicht eine tierunwürdige Unterbringung. Auch von einem Raubbau durch rücksichtslose Degradierung von Häsinnen durch zahlreiche Würfe zu Gebärmaschinen erfolgt kaum. Noch hätte Prof. Dr. Grzimek wohl keinen Anlass, gegen eine unnatürliche Kaninchenhaltung im Fernsehen zu polemisieren.

Hier gibt es noch ein weiteres Problem, das auf die Rassekaninchenzucht zukommt: Es ist die Kreuzungszucht zugunsten einer schnelleren Fleischgewinnung und somit zu einer größeren Wirtschaftlichkeit. In der Bundesforschungsanstalt in Celle laufen Versuche in dieser Richtung, die aber wohl nur für die Gruppe der Fleischkaninchenzüchter eine Bedeutung erlangen könnten.

Ein wichtiges Problem liegt aber auch noch in der Jugendarbeit begründet. Der ZDK betreut fast 20 000 Jugendliche im Alter zwischen 8 und 18 Jahren. Man darf voraussetzen, dass ein kleiner Teil dieser Jugendlichen zu den Kindern und Enkelkindern von organisierten Kaninchenzüchtern zu zählen ist. Die Mehrzahl der Jugendlichen ist jedoch einer Jugendgruppe aus Liebe zum Tier beigetreten. Die Jugend braucht etwas Kuschelig-Warmes, braucht etwas, dem sie ihre Liebe nachdrücklich beweisen kann. Jugend braucht viel Verständnis und Liebe und ist umgekehrt, aber auch bereit, viel Liebe zu verschenken, und sei es nur an ein kleines, hilfsbedürftiges Tierchen. Zugegeben, oft wird hier des Guten zu viel getan. Das Herumtragen, Streicheln und Tätscheln, das An-sich-Drücken und vor Liebe fast Totdrücken, das ist nicht tiergerecht. Es ist ein Übermaß an Liebe, das dem Tier schaden kann. Hier ist es die Aufgabe der Erwachsenen, darauf zu achten, dass eine gewisse Grenze nicht überschritten wird. Aber man kann fast berechtigte Zweifel daran hegen, ob nicht auch unsere Altzüchter oft zu gern bereit sind, ihre Tiere zu verwöhnen. Kann nicht auch ein Zuviel an Liebe bei dem Tier zu Überdruss führen und ihm lästig sein? Wir können unsere Kaninchen nicht danach fragen, wir können lediglich auf ihre Reaktionen achten. Und es muss gerade unserer Jugend gezeigt werden, wie notwendig es ist, ein Tier ständig zu beobachten und auf alle seine Lebensäußerungen zu achten. Die Notwendigkeit der guten und sauberen Unterbringung muss erkannt werden. Eine artgerechte und vor allem pünktliche Fütterung und Tränkung muss gegeben sein. Beunruhigungen und Belästigungen des Tieres sind zu vermeiden. Man muss sich vor allen Dingen die Kenntnis darüber verschaffen, wie die Wildkaninchen als die nächsten Verwandten unserer Lieblinge leben. Daraus kann man Schlüsse ziehen, wie den zahmen Verwandten dann ähnliche und ihnen zusagende Verhältnisse geschaffen werden können. Und dazu gehört auch ein ebenso abwechslungsreiches wie gesundes Futter. Jedes Tier hat ein Anrecht auf eine tiergerechte Behandlung und Versorgung und wird es dem Züchter durch Gesundheit und Munterkeit danken. Denn er kann seine Freude nur an gesunden und munteren Tieren haben.

Es ist fast unmöglich, alle Zusammenhänge zwischen der Tierhaltung und unserer heutigen modernen Gesellschaft aufzuzeigen. Das ist auch nicht die Absicht dieses Beitrages. Es soll jedoch mit aller Deutlichkeit darauf hingewiesen werden, dass sowohl der Kaninchenhalter und besonders der organisierte Kaninchenzüchter sich nicht gedankenlos auf das reizende Hobby der Kaninchenzucht einlassen darf, sondern dass er mit jedem der kleinen Tierchen, das er zu betreuen hat, eine Verantwortung für das Tier auf sich genommen hat. Eine tiergerechte Haltung bedeutet, dass man in jeder Beziehung das Tier so halten muss, dass es sich in der Umgebung wohl fühlt. Die Hygiene muss dabei im Mittelpunkt stehen, gesunde Fütterung und saubere Stallungen müssen oberstes Gebot sein und bleiben.

Andererseits lebt heute kein Mensch mehr ohne Mitmenschen und Nachbarn. Auch im Hinblick auf sie besteht für den Tierhalter die Verpflichtung, Rücksicht zu nehmen und sich anzupassen. Also auch der Mitwelt und Umwelt gegenüber hat der Kaninchenzüchter eine unabdingbare Verantwortung. Sie beginnt beim Kaninchenstall. Die Stallanlage darf kein Müll- oder Abfallplatz sein, sondern muss durch ihre Schönheit und Sauberkeit auch den über den Zaun schauenden Nachbarn erfreuen. Gerade in Bezug auf die Sauberkeit wird zuweilen manches vernachlässigt, was dann zu Beschwerden Anlass geben kann. Nicht immer haben neidische oder übelgelaunte Nachbarn die Schuld daran, wenn es zu Tierhalteverboten kommt.

In Anbetracht der Tatsache, dass unsere Natur immer ärmer an Lebewesen wird, dass immer mehr Tierarten aus unserem Blickkreis verschwinden, dass immer mehr Tierarten zum Aussterben verurteilt sind, sollte man die Kaninchenzucht und Kaninchenhaltung nicht erschweren oder gar verbieten. Wie groß das Bedürfnis ist, ein Tier als Hausgenossen zu haben und dafür zu sorgen, das beweisen die dauernd sich steigernden Angebote von Kleintieren aller Art in den Tierhandlungen und auch die Nachfrage danach. Es könnte auch die Möglichkeit erwogen werden, die Rassekaninchenzucht ein klein wenig zugunsten einer rasselosen Kaninchenhaltung zu beschränken. Man könnte davon ausgehen, dass ja Kaninchen gleich Kaninchen ist. Natürlich würde dann auch alles das, was für die Rassekaninchen gilt, in Bezug auf Haltung, Fütterung und Pflege auch auf die rasselosen Kaninchen zutreffen. Manch einem Tierfreund, der auf die Rasse weniger Wert legt, würde auch durch eine Aufklärung im Verein geholfen werden können. Und dann wäre es nur noch ein kleiner Schritt zur Züchtung von Rassekaninchen. Man würde sicher manchen Kaninchenhalter als Mitglied gewinnen, wenn man im Anfang nicht immer auf eine ausschließliche Rassezucht pochen würde.

Über allem aber steht die Erkenntnis, dass man Kaninchen nur halten und züchten kann, wenn man sich der großen Verantwortung bewusst ist, die man für das kleine Kaninchen und gegenüber den Mitmenschen, den guten Nachbarn und der Umwelt hat.

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Bernhard Pickert
1948 am Stadtrand von Berlin geboren und im elterlichen Einfamilienhaus mit großem Garten aufgewachsen, kam ich seit frühester Kindheit in den Kontakt mit dem dort gehaltenen Kleinvieh, wie etwa der Milchziege, Hühnern, Enten, Kaninchen und einem großen Haushund. Damals eine normale Situation, denn Kleintierhaltung nebst Bewirtschaftung der eigenen Scholle war weit verbreitet, denn die Erzeugung von Gartenbau- und Tierischen Erzeugnissen unterstützte die familiäre Eigenversorgung, in einer gerade nicht im Überfluss strotzenden Zeit, gleich nach dem 2. Weltkrieg. Erinnerung an diese Zeit ist noch wach, als ich als Grundschüler bei der Futterbeschaffung des heimischen Viehs helfen musste. Für die Enten wurde beispielsweise in den damals vorhandenen Entwässerungsgräben Entengrütze gefischt und für die Kaninchen Grünfutter von den überall noch vorhandenen, brach liegenden Freiflächen geholt. Derweil sich die Zeit hinsichtlich der Versorgungslage verbesserte, wurde von den Eltern das Kleinvieh alsbald reduziert. Kaninchen, die für den Festtagsbraten vorgesehen waren, aber blieben. Als in der Nachbarschaft einer der heimischen Kleintierzuchtvereine eine Ausstellung veranstaltete, kamen mir erstmals Rassekaninchen zu Gesicht. Die Veranstalter erkannten meine Begeisterung für Tiere und in dessen Folge wurde ich als 12jähriger Junge in den ortsansässigen Verein aufgenommen. Meine leidenschaftliche Verbundenheit zur organisierten Rassekaninchenzucht wurde somit geweckt, was schließlich dazu führte, mich umfassend mit diesem Thema zu beschäftigen und über Jahrzehnte Literatur und anderweitige schöne Dinge zusammenzutragen, die irgendwie eine Verbindung zum Kaninchen haben. Wohlwissend, dass es andere ähnlich begeisterte Idealisten gibt, ist über Jahrzehnte ein Archiv entstanden, welches Elemente dokumentiert, auf welche anderswo kaum direkter Zugriff besteht. Initiator für diese bleibende „Leidenschaft“ ist eigentlich der 1983 verstorbene Fachautor und Kleintierkenner Werner Karl Georg Moebes, welchen ich 1970 bei einer Kleintierausstellung kennen lernte und sogleich von seiner Persönlichkeit und seinem umfassenden Wissen begeistert war.

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