Der Tierfreund und die Rassekaninchenzucht

Heinz Pasthoff, Dortmund-Brackel – „Das Blaue Jahrbuch“ 1978

Die erfreuliche Feststellung, dass unserem Zentralverband inzwischen 11.3000 organisierte Rassekaninchenzüchter angehören, erfüllt uns mit Freude und Stolz, zwingt uns aber auch zum Nachdenken.

Wo liegen die Gründe dafür, dass heute, in einer Zeit des allgemeinen materiellen Wohlergehens, unsere Organisation einen so starken Mitglieder-Boom erlebt?

Der Mensch hat es sehr oft durch Fleiß und Zielstrebigkeit zum Wohlstand gebracht. Oft jedoch auf Kosten seiner Gesundheit. Bei der starken physischen Anstrengung wird er nervös, ruhelos und unzufrieden. Er sucht nach einem Ausgleich und einer sinnvollen Freizeitgestaltung. Dank der intensiven Tätigkeit der verantwortlichen Leute für die Öffentlichkeitsarbeit wird mancher Tierfreund auf die Kaninchenzucht aufmerksam gemacht. Auch durch die Haltung der Zwergkaninchen, die heute bei sehr vielen Familien zu Gast sind, wird die Beziehung zur Kreatur und Natur geweckt. Der oft ruhelose und vom Stress geplagte Mensch stellt plötzlich fest, dass es andere Möglichkeiten gibt, seinen Feierabend sinnvoll zu gestalten. Durch die Rezession in einzelnen Industriezweigen sind viele Menschen arbeitslos geworden oder zur Kurzarbeit und vorzeitiger Pensionierung verurteilt. Sie kommen sich dann oft wertlos und überflüssig vor. Wenn es uns gelingt, diese Leute für unsere Sache zu begeistern, können wir nicht nur unserer Organisation neue Mitglieder zuführen, sondern auch manchem verbitterten Menschen einen neuen Lebensinhalt geben.

Nun ist es natürlich so, dass, bedingt durch die verschiedenen Wohnverhältnisse, nicht jeder die Möglichkeit hat, Kaninchen zu halten. In vielen Kleingartenanlagen, in denen noch vor einigen Jahren die Kleintierhaltung generell verboten war, ist man inzwischen aber toleranter geworden. Man hat eingesehen, dass es äußerst zweckmäßig ist, Kleingarten und Kleintierzucht zu verbinden. Die Düngung der Gärten mit Kunstdünger wird heute immer mehr abgelehnt. Organischer Dünger, geliefert von unseren Kaninchen, bietet sich hier geradezu an.

Der Dünger ist aber nur ein kleiner Faktor.

Wir alle wissen, dass in jedem Menschen die Liebe zum Tier schlummert. Wird diese erst geweckt, ist der Weg zum organisierten Züchter nicht mehr weit. Ausschlaggebend ist natürlich, 114 welcher Eindruck dem Interessenten vermittelt wird. Unsere Stall- anlagen und die Haltung der Tiere müssen vorbildlich sein. Mit alten, windschiefen Ställen, die außerdem wochenlang nicht gereinigt worden sind, können wir nicht für unsere Sache werben. Dagegen kann eine schmucke, saubere Stallanlage auch denjenigen Tierfreund begeistern, der noch nicht von unserem Hobby überzeugt ist.

Eine gute Möglichkeit, den Tierfreund für unsere Sache zu gewinnen, wird uns durch unsere Ausstellungen geboten. Beginnen wir mit unseren Vereins- und Kreisschauen. Diese Ausstellungen müssen werbewirksam aufgebaut werden, und wir sollten uns der Tagespresse bedienen, die gern ausführlich von solchen Ereignissen berichtet. Wir sollten auch nicht versäumen, die ortsansässigen Schulklassen zu einem kostenlosen Besuch einzuladen.

Durch diese Einladungen haben wir schon manchen Jungzüchter gewonnen, und die Kinder, die keine Möglichkeiten haben, selbst Tiere zu halten, freuen sich schon das ganze Jahr auf den nächsten Besuch einer Kaninchenausstellung. Auch die Lehrkräfte stehen solch einem kostenlosen Biologieunterricht durchaus positiv gegenüber. Gibt es doch, besonders in den städtischen Gebieten, noch genug Kinder, die unser Kaninchen nur von Abbildungen her kennen. Besonders auf unseren Großschauen aber können wir einen starken Besuch der nicht organisierten Tierfreunde oder, besser gesagt, der Interessenten an der Kaninchenzucht, feststellen.

Leider geht mancher nach dem Besuch der Ausstellung jedoch etwas enttäuscht nach Hause. Er hat zwar sehr viele und sehr schöne Kaninchen gesehen, die ihm schon gefallen könnten, hätte aber doch gerne etwas mehr über die Eigenarten der einzelnen Rassen, über Fütterung und Pflege gewusst.

Hier liegt es nun an uns, etwas zu unternehmen. Ich halte es für sehr zweckmäßig, einige Zuchtfreunde von der Schauleitung abzustellen, die eine Führung durch die Schau vornehmen. Es besteht ja die Möglichkeit, die Interessenten per Mikrofon aufzufordern, sich einem Rundgang anzuschließen. Die Zuchtfreunde, die die Führung leiten, müssen selbstverständlich Fachleute sein, die auf allen Gebieten der Kaninchenzucht Bescheid wissen. Dann haben die Laien die Möglichkeit, sich in allen Fragen der Haltung, Fütterung und Zucht der einzelnen Rassen zu informieren. Wer nun noch mehr wissen möchte, den könnte man zu sich nach Hause, zur Besichtigung der eigenen Stallanlage oder unverbindlich zur nächsten Versammlung des Ortsvereins einladen.

Bei der Werbung für unsere Sache sollten wir auch die Massenmedien Funk, Fernsehen und Presse nicht vergessen. Diese Institutionen sind in der Vergangenheit von uns viel zu wenig in Anspruch genommen worden. Es genügt einfach nicht, wenn Funk und Fernsehen nur anlässlich unserer Bundes- und Europaschauen und ZDK-Haupttagungen über uns berichten. Eine so starke Organisation wie unser Zentralverband, in der so viele ethische und materielle Werte geschaffen werden, hat das Recht, auch dem großen Publikum in unserem Lande vorgestellt zu werden.

Nicht zu vergessen ist schließlich die Wirkung der Fachliteratur, die mit ihrer sachlichen Qualität einen nicht gerade geringen Teil zur werbenden Information beiträgt. Erfreulicherweise interessiert sich das regionale Fernsehen hier im Ruhrgebiet sehr für unser Hobby. In einer größeren Film- Reportage soll die Tätigkeit einzelner Züchter und die Anspruchslosigkeit unserer Kaninchen besonders herausgestellt werden.

Hoffen wir, dass dieser Beitrag die erwünschte Resonanz finden wird, die wir für unsere Arbeit innerhalb der Organisation brauchen.

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Bernhard Pickert
1948 am Stadtrand von Berlin geboren und im elterlichen Einfamilienhaus mit großem Garten aufgewachsen, kam ich seit frühester Kindheit in den Kontakt mit dem dort gehaltenen Kleinvieh, wie etwa der Milchziege, Hühnern, Enten, Kaninchen und einem großen Haushund. Damals eine normale Situation, denn Kleintierhaltung nebst Bewirtschaftung der eigenen Scholle war weit verbreitet, denn die Erzeugung von Gartenbau- und Tierischen Erzeugnissen unterstützte die familiäre Eigenversorgung, in einer gerade nicht im Überfluss strotzenden Zeit, gleich nach dem 2. Weltkrieg. Erinnerung an diese Zeit ist noch wach, als ich als Grundschüler bei der Futterbeschaffung des heimischen Viehs helfen musste. Für die Enten wurde beispielsweise in den damals vorhandenen Entwässerungsgräben Entengrütze gefischt und für die Kaninchen Grünfutter von den überall noch vorhandenen, brach liegenden Freiflächen geholt. Derweil sich die Zeit hinsichtlich der Versorgungslage verbesserte, wurde von den Eltern das Kleinvieh alsbald reduziert. Kaninchen, die für den Festtagsbraten vorgesehen waren, aber blieben. Als in der Nachbarschaft einer der heimischen Kleintierzuchtvereine eine Ausstellung veranstaltete, kamen mir erstmals Rassekaninchen zu Gesicht. Die Veranstalter erkannten meine Begeisterung für Tiere und in dessen Folge wurde ich als 12jähriger Junge in den ortsansässigen Verein aufgenommen. Meine leidenschaftliche Verbundenheit zur organisierten Rassekaninchenzucht wurde somit geweckt, was schließlich dazu führte, mich umfassend mit diesem Thema zu beschäftigen und über Jahrzehnte Literatur und anderweitige schöne Dinge zusammenzutragen, die irgendwie eine Verbindung zum Kaninchen haben. Wohlwissend, dass es andere ähnlich begeisterte Idealisten gibt, ist über Jahrzehnte ein Archiv entstanden, welches Elemente dokumentiert, auf welche anderswo kaum direkter Zugriff besteht. Initiator für diese bleibende „Leidenschaft“ ist eigentlich der 1983 verstorbene Fachautor und Kleintierkenner Werner Karl Georg Moebes, welchen ich 1970 bei einer Kleintierausstellung kennen lernte und sogleich von seiner Persönlichkeit und seinem umfassenden Wissen begeistert war.