Karl Grathwohl, Ludwigsburg – „Das Blaue Kaninchenjahrbuch“ 1958
Die drei Genossenschaften der Angorazüchter sind ein Kind der wirtschaftlichen Not. Die großen Preisschwankungen der Angora-Rohwolle haben zuerst die Angorazüchter aus Schleswig-Holstein erkennen lassen, dass Selbsthilfe immer noch die beste Hilfe ist. Dann folgte die bayrische Genossenschaft mit Sitz in Nürnberg und einige Jahre später, ebenfalls im süddeutschen Raum, die Angora-Wollverwertung Ludwigsburg. Diese drei Genossenschaften zusammen haben heute rund 2000 Mitglieder und etwa doppelt so viel Freunde. Alle drei Genossenschaften sind dem Raiffeisen-Verband angeschlossen und damit unter dessen Aufsicht und Prüfung. Die Genossenschaftsbewegung innerhalb der deutschen Kaninchenzucht ist noch sehr jung. Wohl gab es während des ersten Weltkrieges eine Reichszentrale für Seidenkaninchenwirtschaft und verschiedene Fellgenossenschaften; sie wurden jedoch mit Kriegsende wieder aufgelöst. Es wiederholt sich auch hier immer wieder dasselbe: in Kriegs- und Notzeiten ist das Kaninchen und seine Produkte ein willkommener Lückenbüßer, wenn jedoch die Zwangswirtschaft wieder aufgehoben wird, die Grenzen wieder offen, die Fleischerläden voll und Fleisch, Wolle, Pelze, Wäsche und Decken wieder genügend zu haben sind, dann geht die Kaninchenzucht rapid zurück. Von den 8 Millionen Kaninchen in Kriegszeiten bleiben nach der letzten Zählung des ZDK noch 433162 Normalhaarkaninchen und 80 970 Angorakaninchen. Kurz auf einen Nenner gebracht, heißt das: höherer Lebensstandard wenig Kaninchen, schlechter Lebensstandard – viel Kaninchen.
Nun besteht ja zwischen der Rentabilität bei Normalhaarkaninchen und bei Angorakaninchen ein großer Unterschied. Auch nach den Erkenntnissen über die Jungkaninchen liegt das Angora noch weit vorne. Die Angorazüchter haben dank dem Weitblick von Walter Ohrt und noch einigen Leistungszüchtern seit Kriegsende die Leistung ihrer Tiere um 100% gesteigert, und wir wissen heute noch nicht, wo die Grenze liegt. So viel ist sicher: mit der höheren Leistung ist auch die Rendite gestiegen. Wir müssen jedoch darauf achten, dass die Fruchtbarkeit, Säugefähigkeit und Widerstandskraft der Tiere erhalten bleibt und die Futterkosten im Verhältnis zur Leistung stehen.
In den 12 Jahren seit der Gründung der ersten Genossenschaft nach dem 2. Weltkrieg haben es die 3 Genossenschaften verstanden, sich einen bestimmten Anteil an der deutschen Angora-Rohwollerzeugung zu sichern, und die genossenschaftlich organisierten Angorazüchter halten ihrer Einrichtung die Treue. Wir leben ja in einer Zucht voller Spannungen; das Ende einer Zeit ist gekommen, und eine neue Zeit scheint anzubrechen. Das Verhältnis von Mensch zu Mensch scheint sich zu lockern. „Die Zeiten wandeln sich und wir werden mitgewandelt" heißt ein altes römisches Sprichwort. Die Technik ist augenblicklich dabei, die Welt so zu ändern, dass wir heute noch nicht wissen, wie sie in 20 Jahren. aussieht.
Was heißt „Genossenschaft“? – Lebenshilfe! Sie muss im wirtschaftlichen Raum stehen und wirtschaftliche Vorteile bieten. Als freiwilliges Personalgebilde ist sie darauf angewiesen. Der Angorazüchter, der darin mitarbeitet, muss verschiedene Eigenschaften haben: er muss vor allem ein selbstdenkender Mensch sein und aus innerer Gesinnung, nicht aus Zwang, zu dieser Einrichtung kommen. Treue, Bereitwilligkeit, Wahrhaftigkeit, Kameradschaftsgeist sind Eigenschaften eines guten Genossenschafters. Ist er stark, kann er den Schwachen mittragen, ist er schwach, kann er sich an den Starken anlehnen. Wer die Zukunft der deutschen Angorazucht will, muss von sich aus dazu beitragen, dass diese Zukunft möglich wird. Darum müssen auch die jungen Angorazüchter in die Genossenschaften. Das soll nicht heißen, dass Jugendzüchter Mitglied werden sollen; sondern später, wenn sich der Jugendliche sesshaft gemacht, einen eigenen Hausstand gegründet hat, wird er sich gern an die Zeit der Jugendgruppe erinnern und wieder Kaninchen züchten.
Wenn man in besinnlicher Stunde an die kurze Geschichte der Genossenschaften innerhalb der deutschen Kaninchenzucht zurückdenkt und alte Bilder aus der Erinnerung hervorholt, überrascht der Wandel der Dinge. Jahre der Aufgeschlossenheit für die Idee des Vereins, der Genossenschaft, wechseln mit Perioden der Teilnahmslosigkeit, ja sogar der mehr oder minder scharfen Gegnerschaft. In Zeiten schlechten Rohwollabsatzes war der Zugang an Mitgliedern wesentlich größer als bei starker Nachfrage. So viel ist jedoch sicher; allein das Vorhandensein der Genossenschaften spiegelt sich in den Rohwollpreisen wider, und die privaten Aufkäufer werden sich hüten, einen Preis festzusetzen, der die Angorazucht nicht mehr lohnend gestaltet.
Die vielen Rentner, Pensionisten, Kriegsopfer, kleinen Angestellten und Arbeiter, die ihre Angoras zur Verbesserung ihres Lebensstandards halten, verkleinern dann die Bestände, und die oft so dringend benötigte Rohwolle wird knapp oder muss eingeführt werden. Da je- doch der größte Teil der deutschen Erzeugung in die Unterbekleidung geht, muss die deutsche Erzeugung gesichert werden, denn die Struktur der deutschen Angorawolle ist für Angora-Unterbekleidung bestens geeignet. Es darf deshalb jeder, der bewusst und überzeugt in der Genossenschaftsarbeit steht, das Gefühl haben, dass er irgendwie mitbaut an einer besseren Zukunft. Was wäre der einzelne Bauer heute in unserer Wirtschaft, wenn er nicht die Schutzstellungen der Genossenschaften besäße? Er kann als einzelner keinen Einfluss auf den Markt nehmen, als einzelner würde er von den wirtschaftlichen Großmächten untergepflügt; seine Ohnmacht wird nur beseitigt aus der Macht des Zusammenschlusses. Genauso ist es bei den Angorazüchtern: wenn sie als Außenseiter oder Gegner es auch nicht glauben, so sind sie doch Nutznießer dieser Einrichtungen; sollten aber, wenn sie reiflich überlegen und über die Zusammenhänge nachdenken, wissen, wo ihr Standort sein muss. Sie sollten wissen, wo sie hingehören.
Es gibt für die genossenschaftlich organisierten Angorazüchter kein Rückwärts, sondern nur ein Vorwärts und ein Ja zu dem, was sich bis jetzt in gewissen Umrissen zeigt. Es ist noch vieles ausbaufähig und zwar gemeinsam mit den Normalhaarzüchtern. Zunächst muss die Verwertung der Angorawolle noch stärker als bisher betrieben werden. Mit dem Verkauf der Angora-Rohwolle allein ist es noch nicht getan. In den Satzungen der Angora-Wollverwertung Ludwigsburg heißt es über Zweck und Ziel der Genossenschaft: „Die Erfassung und Verwertung der Angora-Rohwolle auf gemeinschaftliche Rechnung und Gefahr“ und weiter in § 2: „Die Förderung der Angorazucht mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln“. Damit ist die Treuhänderschaft der Genossenschaften klar zum Ausdruck gebracht. Wir wissen, dass eine langsame Entwicklung gesünder und besser ist als eine schnelle und sprunghafte. Das bis jetzt Geschaffene muss erhalten bleiben.
Es müssen auch so viel Reserven vorhanden sein, dass ein schlechtes Jahr aufgefangen werden kann. Bei den Neuwahlen zu Vorstand und Aufsichtsrat muss darauf gesehen werden, dass neben die Reife des Alters auch die Begeisterung der Jugend tritt. Wenn man vor den Wagen der Genossenschaft zwei alte Gäule spannt, dann geht es langsam, aber sicher; wenn zwei junge Pferde den Wagen ziehen, geht es schnell und nicht mehr so sicher. Wenn man aber zu dem alten Gaul einen jungen spannt, dann bekommen wir den richtigen Trab.
Durch die eingangs erwähnte Entwicklung der Technik ist es durchaus möglich, dass das Genossenschaftswesen die Wirtschaftsform der Zukunft wird. Die Welt wird sich eines Tages mit der Welt im Osten einigen müssen. Anstelle des kapitalistischen Ich-Bewusstseins tritt das genossenschaftliche Wir-Bewusstsein. Die Genossenschaften wollen den menschlichen Egoismus nicht ausschalten, sondern dem im Konkurrenzkampf benachteiligten Schwachen helfen und dem wirtschaftlich Starken die Grenzen seiner Wirtschaftsmacht zeigen. Das ist und wird der ethische Sinn des genossenschaftlichen Gedankens bleiben, die Grundsätze des redlichen Wettbewerbs zäh und opferbereit zu vertreten.




