Von Heidrun Eknigk, Finsterwalde – „Das Blaue Jahrbuch“ 1997
Natürliche Auslese
In der freien Wildbahn werden schwache, kranke oder farblich veränderte (mutierte) Tiere Beute ihrer Artfeinde. Das Instrument heißt natürliche Auslese. Nur so bewahrt die Natur jede Tierart vor der Anhäufung genetischer Fehlinformationen in einer Population (Gesamtheit der Individuen einer Art in einem begrenzten Lebensbereich) und vor einer Stabilisierung fehlerhafter Geninformationen im Vermehrungsvorgang. Kümmerlingen, fehlfarbigen und nicht zuletzt erbkranken Rassevertretern wird der Garaus gemacht. Andererseits finden sich zuchtfähige artenreine und gesunde Tiere und erhalten ihre Art mit all ihren Merkmalen, indem Tiere aus ihren Herden, Rudeln und Stämmen auswandern. Neue Tiere kommen hinzu, wandern ein, kreuzen ihre Erbanlagen mit den vorhandenen Tieren ihrer Rasse und zeugen so eine erbstabile Nachkommenschaft. Einwanderung und Auswanderung von Tieren in eine oder aus einer bestimmten Gruppe gehören zum natürlichen Verhalten, ebenso wie die Verpaarung von Individuen, die miteinander verwandt sind.
Künstliche Auslese
Was sich in der Natur von selbst regelt, muss in der individuellen Zucht und – von hier an ist nur noch von der Rassekaninchenzucht die Rede – durch den Züchter getan werden. Der künstlichen Auslese liegen allerdings unterschiedliche Motive zugrunde. Der Züchter wählt (selektiert) Zuchttiere beispielsweise nach den Kriterien der Schönheit, der Leistung und mit dem Bestreben des Erhaltens wertvoller, spezifischer und nicht zuletzt standardisierter Rassemerkmale. Er setzt neue Tiere in den Bestand ein (Einwanderung), wertet beim Erwerb eines neuen Zuchttieres dieses mit dem gleichen Maßstab, wie er ihn bei der Auslese (Auswanderung) anlegt. Ob das immer richtig ist, sei dahingestellt. Besser: Will man züchterisch vernachlässigte Merkmale einer Rasse verbessern, sollte immer nur mit der Veredelung, der systematischen Verbesserung eines Merkmals, begonnen werden. Die Einwanderung fremder Tiere in eine geschlossene Zucht ist also etwas Normales, Unerlässliches, ebenso das Auswandern/Ausgliedern bestimmter Tiere aus dem Bestand. Die züchterische Auslese und der Neueinsatz von Tieren haben den Zweck, gute Eigenschaften zu festigen, schlechte konsequent zu verdrängen. Vollständigkeitshalber sei jedoch erwähnt, dass in der Kaninchenzucht auch die natürliche Auslese nicht gänzlich schwindet. Man bedenke beispielsweise das Prinzip „das Stärkere setzt sich durch".
Die Kreuzung
Oft hört man den Züchter sagen: „Ich muss mal frisches Blut einkreuzen". Das frische Blut einkreuzen ist also vergleichbar mit der geschilderten Einwanderung von Tieren im natürlichen Lebensraum. Der in der Züchteraussage enthaltene Begriff „Kreuzung“ bleibt nicht nur im Sprachschatz des Augenblicks erhalten. Für viele Zuchtfreunde ist Rassekaninchenzucht die absolute Reinzucht. Kreuzung beginnt für den beflissenen Züchter erst, wenn Kaninchen unterschiedlicher Rassen miteinander verpaart werden. Natürlich wird sich dieser Zuchtfreund, der seit vielen, vielen Jahren eine Rasse züchtet, sagen: „Ich bin Züchter, ich kreuze nicht!" Dem muss widersprochen werden, denn bewusst befasst sich ein eingefleischter Rassekaninchenzüchter tatsächlich erst mit dieser Definition, wenn er unerwünschte genetische Eigenschaften in seinem Bestand erkennt und diese verdrängen möchte. Unerwünschte genetische Veranlagungen drücken sich bei der Beurteilung von Rassekaninchen laut Standard in Fehlern aus, mindern Schönheit, Leistung und nicht zuletzt die Konstitution der Tiere oder deren Resistenz gegenüber Krankheiten.
Für Züchter von reinrassigen Kaninchen sollte der Begriff „Kreuzung" doch kurz erklärt werden. Genetisch ist jede Verpaarung von Individuen (zu denen auch der Mensch zählt) eine Kreuzung, ein Mischen von Erbanlagen. Kreuzung wird bei jeder Verpaarung von reinrassigen und engverwandten Kaninchen praktiziert. Selbst dann, wenn sich der Züchter einer bestimmten Rasse zugewandt hat und diese ausschließlich mit rassegleichen und ebenso rassereinen Partnern und gar noch in der Zuchtmethodik der engsten Verwandtschaft (geschlossene Zucht, Linienzucht) vermehrt bzw. züchtet, bleibt dies eine Hybridisation, eine Kreuzung, die aus fachlicher Sicht nichts Negatives darstellt. Ein Vermischen genetischer Masse ist bei jeder Verpaarung von rassereinen Tierarten, ganz gleich welcher Spezies die Tierart angehört, gegeben. Es gibt nämlich in der geschlechtlichen Vererbung keine absoluten Gleichheiten (kein genetisches Doppel), wie es bei pflanzlicher Vermehrung (dem Klonen) möglich ist. In der geschlechtlichen Vermehrung von Individuen kann es sich also selbst bei größter Erbübereinstimmung immer nur um Ähnlichkeiten handeln.
Die größte Ähnlichkeit findet ihre Bestätigung in der Existenz von mehreren gleich ausgebildeten (ausgeprägten) Merkmalen im Vergleich engverwandter Lebewesen. Die Ähnlichkeit nimmt ab, je entfernter der Verwandtschaftsgrad ist.
Beispiel Mensch:
Ein junges Paar erwartet das erste Kind. Die häufigste Frage in diesen Fällen: „Nach wem wird es kommen?" Das Baby kommt zur Welt, und die Angehörigen sehen viele Ähnlichkeiten mit irgendeinem Familienmitglied mütterlicher- wie väterlicherseits. Wie stark die Voreingenommenheit auch sein mag, sei dahingestellt: Das Erkennen von Ähnlichkeiten beweist ein genetisches Auswirken vorhandener Erbanlagen. Die Nase von diesem Opa, die Au gen vom Papa … wer kennt das nicht. Selbst eineiige Zwillinge sind niemals mit einem identischen genetischen Code ausgestattet; sie verfügen über ein hohes Potential gleicher Merkmale, d. h., sie ähneln sich. Genauso verhält es sich in der Tier- beziehungsweise Rassekaninchenzucht. Innerhalb der Zucht einer Rasse bleibt nur eines gleich, nämlich die Anlage der erbfesten Eigenschaften, die zur Rassebildung führten und bei Wiederholungspaarung auch ihre Stabilität an die Nachzucht weitergeben. Japanerkaninchen × Japanerkaninchen ergeben dann Japanerkaninchen, die in ihren wesentlichsten, festen Merkmalen den Eltern ähneln, jedoch Erbinformationen in sich tragen, die körperliche, farbige und sogar wesensartige Unterschiede bewirken (können). Zudem trugen die Elterntiere verborgene Erbanlagen, genetische Schlüssel ihrer Vorfahren. So können einzelne Gene scheinbar ohne jede Kraft (verborgen, zurücktretend) auf ihren „Partner" – ebenso noch kraftlose Gene – warten, mit denen sie eine wirkende Rolle übernehmen. Folglich sind hier in der Erbsubstanz der Nachzucht neue Möglichkeiten gegeben, die dazu führen, dass der „Mix der Natur" neue Attribute hervorruft (Kombination vorhandener Merkmale). Es gibt unzählige Beispiele, wie Gene, die allein keine Wirkungskraft haben, in einer Anhäufung zu einer Dominanz (Vorherrschaft) gelangen und das sonst typische Erscheinungsbild von Nachkommen verändern. Diese Möglichkeit der Anhäufung begegnet dem Züchter im positiven Sinne: Haarqualität, Körperbau und -form, die Struktur des Ohres, Augenfarbe und Farbintensität können beispielsweise eine Verbesserung erfahren. Im ungünstigen Fall führen sie zu Anomalien, abweichenden Körperformen, veränderten Haar- oder Ohr-Strukturen, um nur einige zu nennen.
Das spektakulärste Beispiel in der Rassekaninchenzucht ist die Anhäufung des Faktors „s! – die Holländerscheckung -, die selbst der Züchterneuling bei einfarbigen Kaninchenrassen ganz schnell kennenlernt, aber nicht zu deuten weiß: die verflixte Weißdurchsetzung (wenn es sich nicht um ein Verletzungsweiß handelt) im einfarbigen Haarkleid. Der rezessive Faktor „s" gewinnt durch seine pluralisierende Möglichkeit erst Wirkung. Je mehr s-Faktoren sich summieren, umso größer werden die Auswirkungen. Darge stellt wird diese Form der (nennen wir es) Genverstärkung des Holländerfaktors durch s₁ + S2 + S3 + … Wie viele „s" erforderlich sind, um die vollkommene Scheckung der Holländer hervorzubringen, ist hier nicht so wesentlich, wichtig ist, dass so aus einem weißen Haar schnell ein weißer Büschel, die weiße Kralle usw. werden können. Der Züchter sollte wissen, alle Merkmale können von solchen Genhäufungen betroffen sein und gelenkt werden.
„Einkreuzen blutsfremder Tiere“
Jeder bestrebte Rassekaninchenzüchter entscheidet sich irgendwann einmal für das sogenannte „Einkreuzen blutsfremder Tiere". Diesen Schritt wird er meist dann gehen, wenn er erkennt, dass seine Inzuchtlinien „ausgeschöpft" sind. Es treten erste Inzuchtschäden auf, die eine negative Wirkung in der Entwicklung der Tiere haben, gute Merkmale der so lange erfolgreichen Zucht schwinden dahin. Das heißt, es können die Konstitution, die Leistungskraft, die Vitalität und damit auch die Gesundheit und/oder bestimmte Rassemerkmale negativ beeinträchtigt bzw. von negativen Merkmalen überdeckt werden. Dies sind gefürchtete Merkmale, die auch dazu führen, dass viele Zuchtfreunde vor einer Linienzucht zurückschrecken. Diese Zuchtmethode flößt deshalb Angst ein, weil wohl die Möglichkeiten der auftretenden Schäden, nicht aber die Ursache bildenden Zusammenhänge bekannt sind. Linienzucht ist aber auch die Zuchtmethode, bei der die Verdrängungspaarung/ Verdrängungszucht am ehesten notwendig werden kann.
Verdrängungszucht
So gehen wir einmal davon aus, es gibt Makel im Phänotyp (äußeres Erscheinungsbild). Nicht zu viel auf einmal wollen und nur schrittweise einem Makel entgegentreten, dies sollte auf jeden Fall eine Devise im Rahmen der Verdrängung sein. Viele negative Anlagen gleichzeitig ausmerzen zu wollen, ist ein schweres Experiment und bleibt auch nur ein solches.
Der Begriff Verdrängung drückt es bereits aus: hier sollen unschöne Vorkommen ausgemerzt/verdrängt werden. Und dazu braucht der Züchter zuallererst ein Kaninchen seiner Rasse, welches das zu verdrängende Merkmal nicht aufweist.
Beispiel: In einem Stamm x-beliebiger liniengezüchteter, reinrassiger Kaninchen weisen die Nachkommen in ihrer Körperform zu- nehmend reichliche Abweichungen auf – Feingliedrigkeit, wo eine blockige Form gefordert ist, eine abfallende Hinterhand, das sogenannte „hervortretende Kreuzbein“ muss bemängelt werden, spitze Ohren… Nun wird man nicht den Bestand ganz umstellen, sondern die Häsinnen auswählen, die zum einen noch zufriedenstellende Formen und eine hohe Fruchtbarkeit aufweisen.
Die hohe Fruchtbarkeit und eine sehr gute Aufzuchtleistung sind Bedingungen, die anhand einer größeren Zahl von Nestlingen den Erbwert wesentlich deutlicher und eine Auslese nach den gewünschten Kriterien leichter machen. Es ist schon ein Unterschied, ob zwei bis vier Jungtiere zur Neuwahl für die weitere Verdrängungspaarung zur Verfügung stehen oder ob aus einem Sechser- Wurf selektiert werden kann. Diese Häsinnen wird man logischerweise mit einem typstarken Rammler gleicher Rasse verpaaren.
Nachdem dann dieser Rammler seine Pflicht getan hat, werden aus der gewonnenen Nachzucht verständlicherweise die Jungtiere (F1) ausgewählt, die dem Vater am ähnlichsten sehen. Die ansprechenden Junghäsinnen werden mit dem Vater verpaart. Mit der F2- Nachzucht wird wiederum so verfahren, wie bei der Auswahl bei der F₁ beschrieben. Die Inzuchtvariante ist ein sicherer Weg, um gleichfalls den Erbwert des neueingesetzten Rammlers zu ermitteln. Zeigen sich in der F₁ und F2 größere negative, den Erbwert betreffende Auswirkungen, ist durchaus davon auszugehen, dass der „Neue“ ein sogenannter „Blender“ einer Rasse ist.
Bemerkung: „Deshalb: prüfe, wer sich ewig bindet" und Zuchttiere sollten möglichst nicht nach dem Bewertungsurteil gekauft werden. Nicht weil sich der Preisrichter geirrt oder das Tier mit liebevoller Bewertung versehen hat. Nein, er bewertet objektiv und fachgerecht nur das Tier, welches er gerade auf dem Tisch hat. Er kennt normalerweise weder den Züchter noch den Bestand, aus dem das jeweilige Tier stammt. Die Zeit muss also sein, dass man einen Blick auf die Elterntiere und Geschwister wirft, bevor man sich für den Kauf eines Zuchtrammlers entscheidet.
Auf einzelne Selektionsverfahren einzugehen, würde den Rahmen eines solchen Betrags sprengen, deshalb sei an dieser Stelle nochmals darauf verwiesen, dass immer ein Zuchtziel im Auge behalten wird, das als vorrangig zu verbessern ist.
Der Ablauf der Vererbung entspricht dem intermediären Erbgang – dem Prinzip der Spaltungsregeln, wie sie aus der Punktscheckenzucht bekannt sind. Die Nachzucht der Probanden wird immer ein Zwischenglied der Eltern darstellen. Das bedeutet, die Regel der Spaltung entspricht theoretisch einem Verhältnis 1:2:1. Verglichen mit den Elterntieren würde es auch wieder theoretisch so aussehen, dass 25 Prozent der Nachzucht aus der begonnenen Verdrängungsverpaarung dem äußeren und inneren Bild (phäno- und genotypisch) der Mutter, 25 Prozent dem Typus des Vaters entsprechen. Der schlichte Rest der Nachzucht entspräche dem „Mix der Natur", der jeweils Erbanlagen der Mutter und des Vaters kombiniert (siehe Abbildung). Diese fünfzigprozentige Mischung dürfte der interessante Teil für die Auslese sein, aber wer erkennt schon diesen Anteil der sogenannten Zwischenglieder? Und nicht zu vergessen sei an dieser Stelle, dass das Spaltungsgesetz nicht auf jeden Einzelwurf zu beziehen ist, sondern sich durchschnittlich aus der Gesamtheit der Nachzuchttiere errechnet, die aus Verpaarungen einer Häsin mit einem Rammler in deren Lebenszeit hervorgehen. Hierbei müssten auch totgeborene oder verendete Jungtiere erfasst werden. Also, die Spaltungsregel ist nur ein Richtmaß, niemals die augenblickliche Gegebenheit.

Folglich bleibt das Vorhaben, eine Verdrängungszucht zu beginnen, ein Neuanfang im Aufbau einer bestehenden Linie. Der Züchter geht mit dieser Entscheidung den Weg des Kombinierens durch Einsatz eines neuen Tieres in seine Zuchtlinie. Anders würde es sich verhalten, bestehen bei einem Züchter zwei verwandte Linien. Hier kann durch Kreuzen zweier Tiere, jeweils aus beiden Linien stammend, eine Rekombination von Merk- malen erfolgen. Die Wirkung kann hierbei verblüffend sein, denn handelte es sich bei den aufgetretenen rassespezifischen Schwächen um reine Inzuchtschäden im Bereich der Leistungsfähigkeit, so darf durchaus der Heterosiseffekt erzielt werden. Was ist das? Ein plötzliches „Erinnern der Natur auf vorhandene stärkere Eigenschaften“. die durch diese Rekombination Anlagen „neu entdecken“. Vitalität, Wachstum und Fruchtbarkeitsmerkmale werden beispielsweise angesprochen. Heterosiseffekte können durchaus länger genutzt werden, das heißt, sie werden erst wieder analog der Inzuchtmethodik rückläufig.
Das Kapitel „Verdrängung“ ist im begrenzten Rahmen eines normalen Beitrages nicht erschöpfend zu erläutern.
Viele Fragen vor eventuellen Entscheidungen
wann mit der Verdrängung in einer Linienzucht zu beginnen ist,
nach welchen Kriterien man die zuerst zu verbessernden Rassemerkmale wählt?
wann oder wofür das Einkreuzen rassefremder Kaninchen empfehlenswert ist?
spielen eine wesentliche Rolle, um den Themenkomplex exakt zu beschreiben. In unterschiedlichen Momenten, in einzelnen Zuchten und je nach Art der auftretenden genetischen Probleme wäre eine sachbezogene Beschreibung hilfreicher, spezieller und individueller. Es gibt kein „Schema F" für die Vorgehensweise bei Änderungen im Zuchtgeschehen. Keine Zuchtmethode, zum Beispiel der Grad der Verwandtschaftszucht, lässt sich nicht ungesehen festlegen. Hier entscheidet der Platz, der einem Züchter zur Verfügung steht, die Rasse, für die sich ein Züchter entschieden hat, und auch das genetische Grundwissen, über welches der Züchter verfügt.






