Karl Grathwohl, Ludwigsburg – „Das Blaue Jahrbuch“ 1996

Es ist kein Zufall, dass gerade im Gebiet des Landes Baden- Württemberg die meisten Vereinsheime und Zuchtanlagen bestehen. Anlass zur Erstellung von Vereinsheimen war der damalige Erlass des Innenministeriums, der den Bürgermeistern der Städte und Gemeinden empfahl, die Turn- und Mehrzweckhallen nicht mehr für Kleintierschauen zur Verfügung zu stellen. Wenn auch nicht alle Bürgermeister und Gemeinderäte sich diesem Erlass anschlossen, so wurde doch die Genehmigung der Turnhallen meistens nur für die Zeit der Weihnachts- und Neujahrsferien ausgesprochen. Außerdem wurde den Vereinen zur Pflicht gemacht, unter die Käfige einen dichten Bodenbelag zu legen und nach der Schau die Halle zu desinfizieren. Dazu kam, dass die Haltungsverbote für Kleintiere immer straffer angewandt und für Wohnsiedlungen in die Mietverträge aufgenommen wurden.

Alle Hinweise der Verbände und Vereine, dass in Zeiten der Not, wie sie doch in unserer durch Machtblöcke gezeichneten Welt schnell eintreten können, waren bei den Behörden in Bezug auf Haltungsverbot umsonst. Auch die Tatsache, dass die Kleintierzüchter in den beiden letzten Weltkriegen durch Lieferung von Kaninchen zur Herstellung von Serum für Verwundete, durch Stiftung von Kaninchenfleisch für Lazarette, durch Eiersammlungen für Alte, Kranke und Notleidende, durch die Beschlagnahme von Angorawolle für Fliegerunterkleidung, durch Zurverfügungstellung von Kaninchenpelzen – besonders für die Ostfront ihr gut Teil dazu beigetragen haben, die Not zu lindern, macht heute keinen Eindruck mehr. –

Nicht zu vergessen die vielen Millionen Kaninchen, die zusätzliches Fleisch geliefert haben, die Abermillionen Eier und Schlachtgeflügel, die Ziegenmilch, die Osterlämmer und die Brieftauben für die Nachrichtenübermittlung.

Der Stadtrat einer Kleinstadt sagte einmal zu mir: „Wenn man Haltungsverbote herausgibt, dann muss man auch dafür sorgen, dass Tierfreunden ein Platz zur Verfügung steht, wo sie ihre Tiere halten können." Wirklich eine sehr einsichtsvolle Ansicht, die wir noch vielen Stadt- und Gemeinderäten wünschen. In den großen und mittelgroßen Städten, in denen eine zunehmende Verknappung der Baugrundstücke immer sichtbarer wird, die Einwohnerzahlen zum Teil zurückgehen, weil besonders für junge Ehepaare keine Wohnungen mehr gebaut werden, ist es fast unmöglich, noch einen Vereinsplatz zu bekommen, der eine einigermaßen günstige Lage hat. Die Gesuche der Vereine um einen Vereinsplatz liegen oft jahrelang in den Schubfächern der Sachbearbeiter. Es kam auch schon vor, dass Plätze angeboten wurden, die so abgelegen waren, dass niemand daran Interesse hatte; andererseits muss man sich oft wundern, wie zahlenmäßig oft kleine in Bezug auf Schaffenskraft und Kameradschaft aber doch so große Vereine zu einem Vereinsheim gekommen sind und es verstanden haben, dieses Heim festlich zu schmücken und es zu einer Stätte der Gemütlichkeit und Behaglichkeit für ihre Mitglieder und Gäste zu machen.

Bei allen Planungen für Vereinszuchtanlagen muss im Einvernehmen mit den Behörden vorgegangen werden. Die Anlagen müssen eine Augenweide und kein Ärgernis sein, die Beschwerden zur Folge haben. Auch muss im Vertrag eine langfristige Dauer des Pachtverhältnisses zum Ausdruck kommen, denn die wenigsten Vereine haben ihre Heime und Zuchtanlagen auf eigenem Grund. Dabei darf ich auf ein Vereinsheim besonderer Art hinweisen, wie es der Kleintierzuchtverein Markgröningen hat. Er ist Besitzer des Gasthauses „Zur Krone" mitten im Stadtkern der durch seinen Schäferlauf und sein großes Rathaus im Fachwerkstil bekannten alten freien Reichsstadt.

Eigene Zuchtanlagen erfordern große Anstrengungen und Opfer. Dies gilt besonders für die Verwaltung dieser Anlagen. Wenn hier nicht Ehrlichkeit und kameradschaftliche Zusammenarbeit oberstes Gebot ist, dann ist mit großen Differenzen und Wechsel in der Wirtschaftsführung zu rechnen. Die Ver- eine kleinerer Gemeinden, in denen mit den Gemeinderäten und dem Bürgermeister noch ein vertraulicheres Verhältnis besteht als in den Großstädten, wo auch die verschiedenen Vereine des Orts sich gegenseitig unterstützen und sozusagen die ganze Gemeinde bei einer Veranstaltung mitmacht, kann auch mit mehr Entgegenkommen gerechnet werden. So über- gab z. B. der Bürgermeister der kleinen Gemeinde Geisingen am Neckar anlässlich der Einweihung des Vereinsheims des dortigen Kleintierzuchtvereins namens der Gemeindeverwaltung und des Gemeinderats ein Klavier. Oft sind es auch Firmen und Gönner, die den Verein unterstützen, sei es durch Zurverfügungstellung eines Baggers für den Aushub, sei es durch Stiftung von Baumaterial oder durch Spenden für die Inneneinrichtung. Auch die Brauerei, die das Bier liefert, wird mit sich reden lassen.

Die Anlage der Stallungen und Ausläufe muss möglichst ein einheitliches Bild haben und sauber und mit handwerklichem Können ausgeführt sein. Die Anlage muss sich dem Gelände anpassen, und es ist gut, wenn ein Architekt oder Bauingenieur Mitglied im Verein ist. Je nach Größe der Ausläufe und Stallungen werden die Mitglieder einen kleinen Betrag Platzmiete bezahlen müssen.

Ein Verein, der sich das große Ziel setzt, ein Vereinsheim mit Zuchtanlage zu erstellen, muss mit vielen Tausenden von freiwilligen Arbeitsstunden der Mitglieder rechnen können. Er muss sehr wahrscheinlich auch Bausteine in verschiedener Höhe ausgeben, wobei die Mitglieder durch ein zinsloses Darlehen dem Verein unter die Arme greifen. Als absetzbare Spenden werden allerdings diese Bausteine vom Finanzamt nicht anerkannt. Trotzdem der Einsatz lohnt sich, denn die Vereinsmitglieder haben eine Heimat. Hier in ihrem Heim halten sie ihre Sitzungen und Versammlungen ab, und die Jungtier- und Lokalschauen werden hier durchgeführt. Wenn es sich um ein größeres Vereinsheim handelt, können sogar Kreis- und Landesverbandstagungen abgehalten wer- den. Im unterkellerten Teil werden die Ausstellungskäfige gelagert, die Futtermittelausgabe wird dort vorgenommen, und die Heizung hat dort ihren Platz.

Die ausgesprochen städtischen Vereine, deren Mitglieder- zahl zum Teil stagniert, werden wieder neue Mitglieder er- halten, wenn sie Tierfreunden einen Platz bieten können, an dem sie ihre Tiere halten.

Allen Vereinen aber, die sich mit dem Gedanken tragen, ein Vereinsheim mit Zuchtanlage zu erstellen, möchte ich raten, erst die finanziellen, geologischen, personellen und wirtschaftlichen Voraussetzungen zu prüfen und, wenn diese gegeben sind, mit der Arbeit zu beginnen.

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Bernhard Pickert
1948 am Stadtrand von Berlin geboren und im elterlichen Einfamilienhaus mit großem Garten aufgewachsen, kam ich seit frühester Kindheit in den Kontakt mit dem dort gehaltenen Kleinvieh, wie etwa der Milchziege, Hühnern, Enten, Kaninchen und einem großen Haushund. Damals eine normale Situation, denn Kleintierhaltung nebst Bewirtschaftung der eigenen Scholle war weit verbreitet, denn die Erzeugung von Gartenbau- und Tierischen Erzeugnissen unterstützte die familiäre Eigenversorgung, in einer gerade nicht im Überfluss strotzenden Zeit, gleich nach dem 2. Weltkrieg. Erinnerung an diese Zeit ist noch wach, als ich als Grundschüler bei der Futterbeschaffung des heimischen Viehs helfen musste. Für die Enten wurde beispielsweise in den damals vorhandenen Entwässerungsgräben Entengrütze gefischt und für die Kaninchen Grünfutter von den überall noch vorhandenen, brach liegenden Freiflächen geholt. Derweil sich die Zeit hinsichtlich der Versorgungslage verbesserte, wurde von den Eltern das Kleinvieh alsbald reduziert. Kaninchen, die für den Festtagsbraten vorgesehen waren, aber blieben. Als in der Nachbarschaft einer der heimischen Kleintierzuchtvereine eine Ausstellung veranstaltete, kamen mir erstmals Rassekaninchen zu Gesicht. Die Veranstalter erkannten meine Begeisterung für Tiere und in dessen Folge wurde ich als 12jähriger Junge in den ortsansässigen Verein aufgenommen. Meine leidenschaftliche Verbundenheit zur organisierten Rassekaninchenzucht wurde somit geweckt, was schließlich dazu führte, mich umfassend mit diesem Thema zu beschäftigen und über Jahrzehnte Literatur und anderweitige schöne Dinge zusammenzutragen, die irgendwie eine Verbindung zum Kaninchen haben. Wohlwissend, dass es andere ähnlich begeisterte Idealisten gibt, ist über Jahrzehnte ein Archiv entstanden, welches Elemente dokumentiert, auf welche anderswo kaum direkter Zugriff besteht. Initiator für diese bleibende „Leidenschaft“ ist eigentlich der 1983 verstorbene Fachautor und Kleintierkenner Werner Karl Georg Moebes, welchen ich 1970 bei einer Kleintierausstellung kennen lernte und sogleich von seiner Persönlichkeit und seinem umfassenden Wissen begeistert war.