Adolf Grün, Backnang – „Das Blaue Jahrbuch“ 1973
Wer heute auf unseren Ausstellungen die Vielzahl und Mannigfaltigkeit unserer Kaninchenrassen bewundert, wird ihren Züchtern die Anerkennung nicht versagen, wenn er hört, dass alle diese Rassen aus dem grauen Wildkaninchen hervorgegangen sind.
Sie entstanden entweder durch Mutation. das ist ein plötzliches Auftreten neuer vererbungskonstanter Merkmale oder durch Kombination vorhandener unterschiedlicher Merkmale. Viel Geduld und züchterisches Können war nötig, um alle diese Rassen auf den heutigen Zuchtstand zu bringen.
Jeder Züchter hat für seine Rasse das Zuchtziel vor Augen, das als Musterbeschreibung in unserem Standard festgelegt ist. Hier ist stets das Idealtier beschrieben; dieses zu erreichen ist das Streben aller Züchter. Die Anforderungen sind groß, und neben viel Ausdauer und züchterischem Können sind auch um- fangreiche theoretische Kenntnisse erforderlich, um dieses Ziel zu erreichen. Jede Abweichung vom Idealbild wird als Fehler entsprechend gerügt. Als Züchter ist man nun bestrebt, durch planmäßige Zucht die auftretenden Mängel auszumerzen. Kenntnisse über die Vererbung sind hierfür unerlässlich.
Erste Voraussetzung ist natürlich das Ausgangstiermaterial. Hier ist nicht allein das äußere Erscheinungsbild maßgebend; Grundbedingung ist vielmehr, dass unsere Zuchttiere die für ihre Rasse nötigen Erbanlagen mitbringen. Nur das, was sie von ihren Vorfahren her in der Erbmasse mitbekommen haben, kann bei der Nachzucht wieder sichtbar in Erscheinung treten. Das bezieht sich sowohl auf die guten als auch auf die schlechten Eigenschaften. Beide Elterntiere müssen in ihren Erbeigenschaften zusammenpassen und sich ergänzen, um so zu der gewünschten Nachzucht zu kommen. Es ist also keinesfalls gesagt, dass die Nachzucht zweier V-Tiere ebenfalls vorzüglich ist. Schon mancher hat hier einen Reinfall erlebt.
Am besten beraten ist man stets, wenn man von einem guten Züchter kauft, am zweckmäßigsten am Stall oder auf Ausstellungen, wo man nicht nur ein Tier allein, sondern die Durchschnittsleistung des betr. Züchters sehen kann. Hier sollte man nun nicht unbedingt ein Tier erstehen wollen, das in jeder Beziehung vollkommen ist. Ein vollkommenes Tier ist Wunschtraum aller Züchter, und kein Züchter wird es veräußern, wenn er es tatsächlich besitzt.
Vielmehr achtet der erfahrene Züchter beim Zukauf eines Zuchttieres darauf, dass dieses Tier die guten Merkmale mitbringt, die bei seinen Tieren noch zu verbessern sind. Wie oft gegen diesen Grundsatz verstoßen wird, ist immer wieder auf den großen Schauen zu beobachten, wo viele Züchter in der Absicht, ein Zuchttier zu erwerben, mit dem Katalog in der Hand zum Verkaufsstand eilen. Hier wird nun nach der Höhe der Punkte ausgesucht, und das höchstbewertete Tier, das noch zu erwerben ist, wird gekauft. Auf diese Art wird zu viel dem Zufall überlassen.
Viele machen auch den Fehler, dass sie viel zu häufig „zur Blutauffrischung“ neue Tiere hinzukaufen. Dass dabei keine Einheitlichkeit in einer Zucht zu erwarten ist, liegt auf der Hand.
Fast alle erfahrenen Züchter betreiben mit Erfolg Inzucht und Linienzucht und haben dadurch Wesentliches in der Verbesserung ihrer Zucht erreicht. Hat man hochwertige Ausgangstiere, wird man gut beraten sein, damit Linienzucht zu betreiben; das heißt man paart den Vater mit der Tochter und den Sohn mit der Mutter. So erhält man zwei Linien und kann auf diese Weise gute Eigenschaften im Stamm häufen und festigen. Selbstverständlich sind damit auch Gefahren verbunden, denn neben den guten Eigenschaften kommen hier eben auch die schlechten Anlagen ans Licht. Hier erkennt nun der Züchter erst richtig, was in seinen Tieren steckt. So manche Eigenschaft wird jahrelang rezessiv (verdeckt) weitervererbt und tritt erst in Erscheinung, wenn zwei Tiere aufeinandertreffen, die beide diese gleichen rezessiven Anlagen haben. Als Beispiel möchte ich hier den Langhaarfaktor bei Normalhaarkaninchen anführen.
Bei der Auswahl und Zusammenstellung der Zuchttiere zeigt sich das Können eines Züchters am besten. Wer hier richtig auswählt, wird in der Zucht vorankommen. Eine Grundregel ist unbedingt zu beachten: Nie Tiere zu paaren, die denselben Fehler haben; er würde bei der Nachzucht mit aller Wahrscheinlichkeit verstärkt in Erscheinung treten. Weiter sollte man nie alle Merkmale auf einmal verbessern wollen, sondern immer wieder einem einzelnen Problem seine besondere Aufmerksamkeit schenken und, wenn dies behoben ist, an weiteren Verbesserungen arbeiten. Dabei darf man nun nicht in den Fehler verfallen und nur die Anforderungen wahrnehmen, die in der Musterbeschreibung festgelegt sind. Grundbedingung ist vielmehr, dass auf Gesundheit, Frohwüchsigkeit, Widerstandskraft, Fruchtbarkeit, Aufzuchtvermögen usw. mehr denn je geachtet wird. Auch diese Eigenschaften sind erblich und müssen bei der Auswahl der Zuchttiere unbedingt berücksichtigt werden. Hier zahlt sich immer wieder eine gute Zuchtbuchführung aus, die allerdings nicht nur über das Kennzeichen und den Geburtstag unserer Tiere und deren Vorfahren Aufschluss geben soll, sondern bei der alle guten und schlechten Merkmale und Eigenschaften der Tiere notiert werden und die uns so selbst nach Jahren immer wieder manchen Hinweis geben kann.
Bewährte Zuchttiere, die ihre Vererbungskraft bewiesen haben, sollte man stets so lange wie möglich halten. Zwar verlieren sie oft mit zunehmendem Alter von ihrer Jugendschönheit; doch der Vererbung tut dies keinen Abbruch. Hat ein Jungrammler, der gerade in schönster Blüte steht, einem alten Haudegen einmal den Spitzenpreis auch weggeschnappt, so ist noch lange nicht gesagt, dass damit der Altrammler ausgedient habe. Auch junge Tiere müssen nicht nur auf Ausstellungen, sondern vor allem auch in der Zucht erst beweisen, was sie wert sind. Oft wurde schon bitter bereut, dass Alttiere mit guter Vererbung zu früh ausgemerzt wurden. Wer es versteht, die besten Alttiere lange zu halten und die schönsten Nachzuchttiere vorsichtig in seinen Stamm einzubauen, wird am ehesten seinen Zuchtstand halten können.
Bei der Auswahl neuer Zuchttiere sollte auch wesentlich darauf geachtet werden, dass sie aus gleichmäßigen Würfen stammen. Würfe mit großer Streuung lassen auch in der Nachzucht nichts anderes erwarten, auch wenn einzelne sehr gute Tiere darunter sind. Gerade auf die Einheitlichkeit der Würfe sollte unsere Zucht überhaupt ausgerichtet sein, denn dadurch zeigt sich ja erst eine konstante Vererbung. Nicht einzelne Zufallsergebnisse, sondern eine ausgewogene Breite im Spitzenergebnis der Zucht ist mit das Zuchtziel. So ist unser Streben stets auf möglichst reinerbige Tiere gerichtet, die die erwünschten Merkmale und Eigenschaften auf ihre Nachzucht übertragen.
Doch nicht bei allen unseren Kaninchenrassen ist dies zu erreichen.
Es gibt sogar Rassen, bei denen die in Zeichnung und Farbe spalterbigen Tiere die Ausstellungstiere sind, so bei den Punktschecken und Marderkaninchen. Bei den Marderkaninchen ist es ja so, dass die gewünschten typischen hellen Marder heterozygot, also spalterbig sind. Werden zwei typische Marder miteinander gepaart, so fallen in der Regel bei der Nachzucht dunkle Marder, helle Marder und Russen, und zwar in einem Verhältnis von 1:2:1. Dies ist natürlich nicht auf jeden einzelnen Wurf zu übertragen, sondern es ist das normale Verhältnis, das selbstverständlich nur bei der Addition einer größeren Anzahl von Würfen zutrifft. Während die hellen Marder stets spalterbig sind, sind die dunklen Marder und Russen homozygot, also reinerbig. Paart man solche Russen mit Dunkelmardern, so erhält man in der Nachzucht 100% helle, also typische Marder.
Ähnlich ist es auch bei den Punktschecken, den Deutschen Riesenschecken, den Rheinischen Schecken und den Englischen Schecken. Paart man hier standardgerechte Tiere, so erhält man in der Nachzucht Weißschecken, sogenannte Chaplins, die fast keine Zeichnung aufweisen, ferner Punktschecken und dann noch vollständig farbige Tiere ohne Scheckenzeichnung. Hier gilt das gleiche Zahlenverhältnis wie bei den Marderkaninchen, und auch hier trifft zu, dass eine Paarung von Chaplins mit solchen einfarbigen Tieren in der Nachzucht 100% typische Punktschecken ergibt. Natürlich sind auch hier nicht alles Ausstellungstiere; doch ist die Wahrscheinlichkeit weit größer.
Einen Haken hat es hier allerdings; die Weißschecken sind, durch Erbfaktoren bedingt, besonders krankheitsanfällig, gehen häufig vorzeitig ein und sind nur selten bis zur Geschlechtsreife zu bringen. Doch auch die Züchter all der anderen Rassen haben ihre Probleme. Auch hier können in einer Zucht plötzlich Dinge auftreten, mit denen man fertig werden muss. So beispielsweise der Langhaarfaktor, der bei verschiedenen Rassen vorkommt. Bei farbigen Tieren ist es nicht selten der Holländerfaktor oder die Anlage für Silberung, die in der Zucht meist überraschend zum Vorschein kommen. Der Langhaarfaktor wird, da rezessiv, verdeckt weitervererbt und tritt erst dann in Erscheinung, wenn zwei Partner zusammentreffen, die beide die Anlage für Langhaar haben. Bei einer solchen Paarung ist im Durchschnitt mit 25% langhaarigen Tieren zu rechnen. Doch auch die anfallenden normalhaarigen Nachzuchttiere sind zu 2/3 in der Haarlänge spalterbig und nur 1/3 ist in dieser Beziehung reinerbig. Der Holländerfaktor zeigt sich bei unseren farbigen Rassen in erster Linie durch das Auftreten weißer Krallen, weißer Pfoten, weißer Nasen, weißer Blessen und sonstiger größerer weißer Flecke und Büschel. Diese Fehler vererben sich sehr hartnäckig; solche Tiere eignen sich zur Weiterzucht natürlich nicht. Die Anlage für Silberung tritt bei farbigen Tieren immer wieder auf. Man sieht es an den mit weißen Haaren durchsetzten Farben. Hier ist dem Züchter nicht gedient, wenn er vor der Schau stundenlang dasitzt und diese Haare mit der Pinzette entfernt; vielmehr ist dieses Übel durch geeignete Aus- lese des Zuchtmaterials am besten zu bekämpfen. Man züchte nur mit Tieren, die in der Farbe möglichst rein sind. Hier ist auch besonders auf die Ohrenfarbe und auf den Ohrensaum zu achten, wo die weißen Haare häufig gerne in Erscheinung treten.
Zur Verbesserung einzelner Stämme sollte man das Ein- kreuzen anderer Rassen unbedingt vermeiden; vielmehr sollte man zu diesem Zweck auf beste Zuchttiere derselben Rasse zurückgreifen. Wir haben heute bei allen Rassen einen sehr hohen Zuchtstand. Deshalb wäre die Gefahr zu groß, durch ein solches Einkreuzen der Zucht mehr zu schaden als zu nützen. Bei Rassen mit verschiedenen Farbenschlägen sollte man auch mit dem Paaren verschiedenfarbiger Tiere sehr vorsichtig sein, um Fehlfarben zu vermeiden. Auf unseren Schauen werden in den Sammlungen einheitliche Farben verlangt, und wir sollten in der Zucht auch danach streben.
Wer heute in der Zucht Erfolg haben will, der sollte sich in den Gesetzmäßigkeiten der Vererbung auskennen. Es gibt zwar auch gute Praktiker, die oft instinktiv das Richtige tun, doch wird dabei zu viel dem Zufall überlassen.
Theorie und Praxis müssen sich ergänzen. Der Erfolg in der Zucht wird dies bestätigen, und manche unliebsame Überraschung bleibt dem Züchter erspart.





