Harald Jung. „Das Blaue Jahrbuch“ 1990

Die Entstehung

Das Alaska-Kaninchen hat seinen Ursprung in Thüringen, und zwar in der Stadt Gotha. Dort versuchte sich der Altmeister Max Fischer mit seinen Freunden Forke und Gassner im Jahre 1900 an der Herauszüchtung eines rein schwarzen Kaninchens. Liebhaber für schwarze Tiere gibt es schon seit vielen Jahren, und so ist es dann auch nicht verwunderlich, dass diese drei Pioniere sich an diese Aufgabe heranwagten. Sicherlich erscheint im Nachhinein die Problemstellung relativ einfach, aber wir müssen uns, um die Problematik zu verstehen, in das Jahr 1900 und den dortigen Zuchtstand bei den Kaninchen zurückversetzen. Das Alaska- Kaninchen ging aus Kreuzungen von Holländer-, Russen-, Havanna- und Silberkaninchen hervor. Genaue Aufzeichnungen über die Erzüchtung liegen uns leider heute nicht mehr vor. Der Name war von den Erzüchtern auch bald gefunden, versuchte man doch zunächst das Fell des Schwarzfuchses aus Alaska zu imitieren. Alaska, heute ein Staat der USA, liegt im Nordwesten von Nordamerika und steht unter dem Einfluss eisiger Polarwinde. Dort gibt es auch heute noch in freier Wildbahn Füchse in vielen Farben, darunter auch den Schwarzfuchs.

Der Alaskafuchs, der bekanntlich imitiert werden sollte, besitzt lange, helle, überstehende Grannenhaare, und diese versuchte Fischer durch die Einkreuzung von Silberkaninchen zu erreichen. Da es sich aber beim Alaska um ein Kreuzungsprodukt mehrerer Rassen handelte, fielen anfangs neben den schwarzen Tieren auch gesilberte, gescheckte und andersfarbige Tiere. Schon bald musste man erkennen, dass das angestrebte Ziel der gleichmäßig überstehenden Grannen am ganzen Körper wohl nie zu erreichen sein würde, so dass man sich auf die Erzüchtung eines rein schwarzen Kaninchens konzentrierte. 1907 war es dann soweit. Max Fischer zeigte die ersten reinschwarzen Tiere unter dem Namen „Alaska“. Eine neue Rasse war geboren, eine Rasse, die viele Jahre später zu einer der beliebtesten Rassen in ganz Europa werden sollte.

Die weitere Entwicklung

Zunächst war die Verbreitung des Alaska in Deutschland recht spärlich. Viele Stämme spalteten in der Farbe zu stark auf, und so mancher Züchter verließ wieder diese Rasse, um sich einer anderen zuzuwenden. Kurz vor dem „Dritten Reich“ wurde das Alaska-Kaninchen in den Stand der „Wirtschaftsrassen“ gehoben, da es sich durch Frohwüchsigkeit und vitale Gesundheit auszeichnete. Die Rasse verbreitete sich wieder etwas stärker, wurde aber 1933 wieder als Wirtschaftsrasse gestrichen. Nur noch wenige Liebhaber befassten sich danach mit der Zucht. Um wirtschaftlich einigermaßen mit dieser Rasse klarzukommen, wurden die Tiere in einem größeren Rahmen als heute üblich gezüchtet. Die Gewichte lagen durchweg bei 4 kg und mehr, und viele Tiere zeigten auch den Typ des schwarzen Wieners. Viele Jahre hatten die Züchter mit diesen Problemen zu kämpfen.

Pioniere, die vor gut 20 Jahren eine neue Richtung in der Alaskazucht zu beeinflussen begannen, waren Hans Wilms aus Gochsheim, Jakob König aus Ludwigshafen, Manfred Kraft aus Hildesheim, Hugo Trautmann aus Dittweiler und nicht zuletzt Otwald Piringer aus Heilbronn-Frankenbach.

Die Zucht heute

Keine andere Rasse hat in den letzten Jahren einen solchen Aufschwung genommen wie die Alaska. Immer mehr Züchter verfallen den tiefschwarzen Tieren und sorgen somit für eine überaus starke Verbreitung. Bei allen Bundesschauen der letzten Jahren stehen die Alaska in jeglicher Hinsicht mit an der Spitze, und dies kommt nicht von ungefähr. Als im Jahre 1980 das Gewicht bei den Alaska von 3,5 auf 3,25 kg als Idealgewicht zurückgesetzt wurde, machte die Rasse einen weiteren Schritt nach vorn. Sicherlich spielen nicht nur die 250 g Gewichtsreduzierung die entscheidende Rolle, auch die Farbe und der ganze Typ wurden verbessert.

Körperform und Typ

Kaum eine andere Mittelrasse verkörpert einen so blockigen Typ wie das Alaska-Kaninchen. Die Form ist kurz, breit und blockig, zeigt wenig Hals und ist in der Beckenpartie voll abgerundet. Die Hinterläufe stehen parallel zum Rumpf, so dass die Tiere vorn genauso breit sind wie hinten. Die Läufe sind sehr kräftig und wirken muskulös. Die noch in einigen Zuchten auftretenden feingliedrigen Tiere sind auszumerzen, sie entsprechen heute nicht mehr dem Alaskatyp, den man sich wünscht. Auch Tiere mit vorstehenden Beckenknochen und losen Brustfellen sollten nicht zur Weiterzucht verwendet werden. Probleme bereiten auch in letzter Zeit die Blumen. Häufig trifft man Tiere mit relativ kurzen Blumen an, was von den Preisrichtern zu ahnden ist. Ansonsten hat man eigentlich mit der Körperform der Alaska kaum größere Probleme, denn hier gibt es schon sehr viele Zuchtstämme mit dem entsprechenden Ausgangsmaterial.

Kopf und Ohren

In kaum einer anderen Rasse gibt es Tiere mit so herrlich ausgeprägten Köpfen bei sehr häufig auch guten Ohren. So mancher Besucher bleibt unwillkürlich an den Käfigen wegen dieser markanten Köpfe stehen. Diese Tatsache erinnert mich an einen Besuch vor vielen Jahren bei dem Zuchtwart des LV-Baden, Rudi Mitschele, der sagte, dass ein Tier noch so schön sein könne, es würde aber erst richtig schön durch ein markantes Gesicht, und damit meinte er den Kopf und insbesondere die Kopfform. Die Großschauen beweisen, dass viele Tiere diesbezüglich mit der vollen Punktzahl bedacht werden. Auffällig ist aber auch, dass in einigen Zuchten die Ohren nicht mehr kürzer werden dürfen. Hier ist eine Grenze erreicht, die nicht weiter unterschritten werden sollte. Leider gibt es aber auch immer noch viele Tiere mit faltigen oder dünnen Ohren. Hier gilt es in den nächsten Jahren Abhilfe zu schaffen.

Fell und Farbe

In vielen Zuchten bereiten die Felle nach wie vor Schwierigkeiten. Besonders die Haarlänge ist hierbei zu beachten. Zu lange Felle sollten, obwohl gerade diese Tiere häufig die schönsten Typen verkörpern, nicht zur Weiterzucht eingesetzt werden, da mit der Felllänge auch meist die Farbe in Mitleidenschaft gezogen wird. Die Unterfarben wirken bei diesen Tieren am Haarboden hell und die Deckfarbe wirkt matt. Aber augenblicklich ist noch eine andere Tendenz festzustellen: Tiere mit überaus dichten Fellen neigen zur Filzbildung und zu der Tatsache, nie fertig zu sein.

Ich habe über viele Ausstellungen beobachten können, dass solche Tiere im Oktober wie auch im Februar noch nicht fertig sind. Dann muss man sich aber die Frage stellen, was soll ein so dichtes Fell? Zuchtziel kann und darf dies nicht sein. Auch zu kurze Felle treten vereinzelt auf, was ebenfalls nicht gewünscht wird. Der richtige Weg dürfte auch hier in der Mitte liegen. Dichte, ca. 30 mm lange Felle mit guter Begrannung und sehr früher Reife sind gefragt und gesucht.

Keine andere Rasse besitzt einen so starken Glanz auf seinem Fell wie das Alaska-Kaninchen in seiner vollen Blüte. Felldichte, Haarlänge und Reifezustand sind entscheidende Faktoren für den Glanz beim Alaska-Kaninchen. Es ist eine bekannte Tatsache: je länger das Fell, je größer der Körper, umso schwächer wird die Einfärbung des Haares, d. h., umso schwächer wird die Deckfarbe. Bei allzu großer Felldichte geht ein Teil des erwünschten Glanzes verloren. Problem Nr. 1 bei den Deckfarben ist die weiße Durchsetzung. Worauf dies zurückzuführen ist, kann man sehr leicht der Zuchtgeschichte entnehmen. Es sind seit den ersten Anfängen ja kaum mehr als 90 Jahre vergangen, und noch so mancher Fehler in der Farbe vererbt sich konstant über viele Generationen weiter fort. So ist es auch mit den vor vielen Jahren erzüchteten weißen Stichelhaaren, die nach wie vor in vielen Zuchten zu finden sind. Hier gilt es durch harte Auslese auch noch die letzten Erbträger dieses Fehlers auszuscheiden. Aber häufig bereitet der Rostanflug den Züchtern noch mehr Sorgen. In vielen Fällen ist das Erscheinungsbild des Rostes nicht erblicher Art, sondern ausschließlich auf Haltungsfehler zurückzuführen. Hier spielt besonders die Verunreinigung der Felle, vor allem der Schenkelpartien und der Läufe, durch Urin eine maßgebliche Rolle. Alaska bedürfen daher in diesem Punkt einer besonders großen Reinlichkeit. Tiere, die sich selbst beschmutzen, gibt es sehr häufig. Sie sollten aus diesem Grunde nicht zur Zucht weiter- verwendet werden. Auch die Sonnenlichteinwirkung hinterlässt bei den tiefschwarzen Fellen einen bräunlichen Anflug, den man möglichst vermeiden sollte. Hier ist bereits beim Stallbau auf genügend Sonnenschutz zu achten. Neben den weißen Stichelhaaren in der Decke kommen häufiger weiße Haare in den Ohren und insbesondere an den Ohrenrändern vor. Hier hilft auch ein noch so großes Bemühen der Züchter beim Schaufertigmachen kaum weiter. Tiere mit weiß durchsetzten Ohrenrändern sollten zur Weiterzucht nicht eingesetzt werden.

Meist unbeachtet bleibt bei vielen Züchtern die Augenfarbe. Macht man sich aber einmal die Mühe und sieht sich bei einer Bundesschau diese genauer an, so wird man bald feststellen, dass es hier eine breite Streuung von satt dunkelbraun bis fast hellbraun gibt. Je dunkler die Augenfarbe, desto wertvoller ist das Tier für die Zucht. Gleiches gilt auch für die Krallenfarbe. Nur noch ganz selten trifft man Tiere mit hellen oder farblosen Krallen an. Trotzdem sollten auch hier die Züchter verstärkt auf Aufhellungen achten. Denn hier werden erste Warnsignale gegeben, und je rechtzeitiger diese erkannt werden, umso besser für den Züchter.

Ein Thema sollte vielleicht noch kurz angesprochen werden, obwohl es eigentlich schon der Vergangenheit angehören müsste. Es kommt in einigen Zuchten von Zeit zu Zeit vor, dass sich in einem Wurf ein blaues Tier befindet. Woher? fragt sich dann der Züchter. Die nächste Reaktion ist: Nicht aus meiner Zucht! Das kennt man ja. Angeblich liegt es dann an der Häsin oder dem Rammler aus einem anderen Stall. Es kann aber sein, dass beide Züchter nichts dafür können. Verdeckt tragen beide Elternteile die Erbanlage für Blau. Tiere dieser Art sollte man möglichst rasch ausmerzen, um einen erbreinen Stamm zu erhalten.

Die Unterfarbe bedarf in vielen Zuchten einer Verbesserung. Die Farbe, die ja bekanntlich ein sattes Blau sein soll, ist häufig ein verwaschenes Graublau und zu hell. Am Haarboden setzen noch viele Alaska hell, ja manchmal sogar weiß ab. Hier sollten die Züchter den Hebel ansetzen und Verbesserungen anstreben. Auch zeigen viele Tiere noch Durchsetzungen in der Unterfarbe. Ein Punkt, dem man unbedingt mehr Beachtung schenken sollte. Sicherlich gibt es viele Tiere, die eine 10 in der Unterfarbe verdient haben, aber bestimmt genauso viele, die mit einer 9 noch gut bedient sind. Hier sind alle Alaskazüchter aufgerufen, Verbesserungen anzustreben.

Ausblick

Wenn man Kritik übt, dann sollte man auch Perspektiven auf- zeigen. Es steht außer Zweifel, dass das Alaska-Kaninchen in den letzten 10 Jahren eine positive Entwicklung durchlebt hat. Es gilt nun zunächst, das Erreichte zu festigen und Verbesserungen ein- fließen zu lassen. Hier müssen Clubs und Spezialisten gemeinsam zur Sache gehen. Ein einzelner wird auf Dauer hier nur wenig Erfolg haben können.

Bei den Körperformen ist auf die Blumenlänge und auf die teilweise noch vorhandene Feingliedrigkeit zu achten. Auch den Beckenpartien sollte man mehr Beachtung schenken, denn hier gibt es noch viele Zuchten, die gerade darin ihren Schwachpunkt haben. Bei den Fellen sollte neben der Haarlänge noch mehr auf die Dauer des Fertigkeitszustandes geachtet werden. Denn was nutzt das beste Fell, wenn es nie fertig wird.

Neben der Ohrenlänge muss auch auf die Struktur der Ohren geachtet werden. Die Köpfe sind durchweg sehr gut, lediglich die Kopfform könnte hie und da verbessert werden. Als Sorgenkind Nr. 1 würde ich persönlich die Deckfarbe nennen. Viele Tiere werden nur selten oder nie fertig. Der weißen Durchsetzung wird man bestimmt nicht durch langes Putzen auf Dauer Herr.

Die Unterfarbe sollte möglichst rein dunkelblau sein, frei von jeder Durchsetzung. Anfänge hierfür sind da, wir müssen sie nur auf eine breitere Ebene stellen.

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Bernhard Pickert
1948 am Stadtrand von Berlin geboren und im elterlichen Einfamilienhaus mit großem Garten aufgewachsen, kam ich seit frühester Kindheit in den Kontakt mit dem dort gehaltenen Kleinvieh, wie etwa der Milchziege, Hühnern, Enten, Kaninchen und einem großen Haushund. Damals eine normale Situation, denn Kleintierhaltung nebst Bewirtschaftung der eigenen Scholle war weit verbreitet, denn die Erzeugung von Gartenbau- und Tierischen Erzeugnissen unterstützte die familiäre Eigenversorgung, in einer gerade nicht im Überfluss strotzenden Zeit, gleich nach dem 2. Weltkrieg. Erinnerung an diese Zeit ist noch wach, als ich als Grundschüler bei der Futterbeschaffung des heimischen Viehs helfen musste. Für die Enten wurde beispielsweise in den damals vorhandenen Entwässerungsgräben Entengrütze gefischt und für die Kaninchen Grünfutter von den überall noch vorhandenen, brach liegenden Freiflächen geholt. Derweil sich die Zeit hinsichtlich der Versorgungslage verbesserte, wurde von den Eltern das Kleinvieh alsbald reduziert. Kaninchen, die für den Festtagsbraten vorgesehen waren, aber blieben. Als in der Nachbarschaft einer der heimischen Kleintierzuchtvereine eine Ausstellung veranstaltete, kamen mir erstmals Rassekaninchen zu Gesicht. Die Veranstalter erkannten meine Begeisterung für Tiere und in dessen Folge wurde ich als 12jähriger Junge in den ortsansässigen Verein aufgenommen. Meine leidenschaftliche Verbundenheit zur organisierten Rassekaninchenzucht wurde somit geweckt, was schließlich dazu führte, mich umfassend mit diesem Thema zu beschäftigen und über Jahrzehnte Literatur und anderweitige schöne Dinge zusammenzutragen, die irgendwie eine Verbindung zum Kaninchen haben. Wohlwissend, dass es andere ähnlich begeisterte Idealisten gibt, ist über Jahrzehnte ein Archiv entstanden, welches Elemente dokumentiert, auf welche anderswo kaum direkter Zugriff besteht. Initiator für diese bleibende „Leidenschaft“ ist eigentlich der 1983 verstorbene Fachautor und Kleintierkenner Werner Karl Georg Moebes, welchen ich 1970 bei einer Kleintierausstellung kennen lernte und sogleich von seiner Persönlichkeit und seinem umfassenden Wissen begeistert war.

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