Heidrun Eknigk, Finsterwalde – „Das Blaue Jahrbuch“ 2009

Mein ursprüngliches Thema „Züchterfreundschaften und der Sinn der Rassekaninchenzucht“ für dieses Jahr habe ich geändert und richte meinen Blick auf eine aktuelle Zucht in den Niederlanden.

Es lohnt sich immer, im Interesse der Rassekaninchenzucht einmal über die Ländergrenzen zu schauen. Ein Beitrag in einem niederländischen Forum und einer im Kleintiermagazin „Avicultura“ machten mich auf eine wirklich neue Farbe „bij de Franse Hangoor“ (deutsch: Französische Widder) aufmerksam.

Die Erzüchterinnen:

Ingrid Collignon (links)

und

Danielle Gijssel

Ingrid Collignon, die niederländische Züchterin, gab mir telefonisch zusätzliche Erklärungen und gestattete auch die Verwendung ihrer Fotos. Herzlichen Dank dafür!

Da hier nur der Druck in Grautönen möglich ist, muss ich in diesem Beitrag den erbbiologischen Zusammenhang erklären und auf die Homepage www.fransehangoren.com verweisen, wo der neue Farbenschlag in Augenschein genommen werden kann. Es sind zwei Züchterinnen, Ingrid Collignon und Danielle Gijssel, die sich der Herauszüchtung und der stetigen Verbesserung der Farbe „Mignon“ in besonderer Weise widmen.

Zuerst stand „Freund Zufall“ Pate

Züchterin Collignon hatte sich ursprünglich auf die Zucht der isabellfarbigen Französischen Widder konzentrieren wollen. Wie es oftmals vorkommen kann, hatte sie eine Pechsträhne, denn in den Nestern fanden sich neben den isabellfarbigen Jungen auch solche, die zwar wie Isabell aussahen, aber durch weiße Wildfarbigkeitsmerkmale auffielen, was bei Isabell ein schwerer Fehler ist. Das war vor etwa sieben Jahren.

Links drei Mignon-Tiere, rechts ein Isabell-Tier

Ungewöhnliches macht neugierig, Unbekanntes will erkannt werden, so lag es nicht fern, dass sich Ingrid Collignon züchterisch intensiver um diese Zufallstreffer bemühte. Als sie dann an die Grenzen ihrer Stallkapazität geriet, fand sie bei der ebenfalls interessierten Züchterin Danielle Gijssel eine ernsthafte Mitstreiterin, eben eine Zuchtfreundin im wahrsten Sinne des Wortes.

Die im Beitrag erwähnten Fellfarben Madagaskar-, thüringer- und isabellfarbig

Die in Betracht kommenden Farbenschläge und der erbbiologische „Weg“ zur Farbe Isabell muss für deutsche Leser kurz erklärt werden.

Die Farbe und Rassemerkmale bei madagaskarfarbigen Rassen und den uns bekannten Thüringerkaninchen sind identisch. Beide sind einfarbig gelb.

Für interessierte Zuchtfreunde die Erbformel: AbCDg/AbCDg und international aBCDe/ aBCDe.

Isabell ist eine Kombination, die sich aus dem einfarbigen Gelb und der farblichen Verdünnung D/D zu d/d ergibt: AbCdg/AbCdg (aBCde/aBCde). Sie haben nicht den rußigen Schleier (holländisch: zwartachtigen sluier) und keine rußigen Abzeichen (kleur- patroon), sondern diese Rassemerkmale sind blau. Man könnte zum besseren Verständnis „blaue Thüringer“ sagen. So viel zu den markantesten Unterschieden zu dem in Deutschland gezüchteten Thüringer und dem in den Niederlanden gezüchteten Isabell.

Timon hat sich zu einem Prachtkerl entwickelt, (1 Jahr alt)

Die neue Farbe Mignon

Die Tiere des neuen Farbenschlags „Mignon“ gleichen in der Deckfarbe denen der Farbe Isabell. Wie die Züchterin erklärte, sind „die zwei Farben – Isabell und Mignon – für unerfahrene Züchter gleich, aber es sind zwei verschiedene Farben" und berichtete weiter über Wege der Kombinationen mit blauen, blau- wildfarbigen (blauwgrijs schwarzwildfarbig mit weißem Bauch) bis hin zum Mignon.

Gefordert wird im Standard eine gelbe Deckfarbe „met een waas“. Waas bedeutet ebenfalls Schleier, der sich jedoch, wie ein Hauch über die gesamte gelbe Decke des Tieres ausbreitet und Kopf, Ohren, Brust, Läufe und die Oberseite der Blume erfasst. Auf der Brust und an den Läufen ist dieser Hauch/Schleier etwas geringer. Der niederländische Preisrichter und Zuchtfreund Thomas Kingma erklärte: „Het waas soll sich gleichmäßig bläulich, wie der Rauch einer guten Zigarre, über die gelbe Deckfarbe ziehen.“

In erbbiologischer Darstellung ist diese neue Farbe, wie bereits erwähnt, ein Zufallsprodukt aus der Widderzucht, isabellfarbig. Der weiße Bauch bei den „veränderten“ Jungtieren spricht für das Vorhandensein der Wildfarbigkeit, um genauer zu sein, sind diese Tiere gelbwildfarbig und besitzen bereits die Anlage der blauen Farbgebung aus Isabell. Infolge der Wildfarbigkeit ergibt sich nun nicht mehr das Abzeichentier.

Hierfür wiederum die Faktorenkonstellation: Gelbwildfarbig: AbCDG/AbCDG, international ABCDe/ABCDe. Das neue Farbbild: AbCdG/AbCdG, international ABCde/AB Cde.

Es gibt in anderen Ländern, aber nicht in Deutschland, eine Farbe „Fawn“ mit der „gleichen, zuvor genannten Erbformel für die Gelbwildfarbigkeit. In der Zeitung „Kaninchen“, Ausgabe 3/2008, Seite 45, ist diese gelbe Wildfarbe auch beschrieben. Betrachtet man diese zweite gelbwildfarbige Variante, so kennzeichnen hierbei schwarze Haarspitzen (zwarte toppen, auch ticking genannt) die gelbe Decke, die ferner auf den Flanken, der Brust, der Vorderseite der Vorderläufe sowie auf den Außenseiten der Hinterläufe regelmäßig vorhanden sein müssen. Dieses Fawn war die Grundlage für die Entstehung des erwähnten blauen Schleiers, der durch den Verdünnungsfaktor d/d gebildet wird. Die Basis für die von Ingrid Collignon und Danielle Gijssel geschaffene Farbe Mignon (AbCdG/AbCdG, bzw. ABCde/ABCde) war somit gegeben.

Hört sich sehr einfach an, doch es waren in der Herauszüchtungsphase die Gleichmäßigkeit des Schleiers, der Typ und Bau der Rasse Franse Hangoren durch Selektionen und durch das Ein- kreuzen artverwandter Farben, z. B. Blauwgrijs (Blaugrau mit weißem Bauch) und Blauw (Blau), nicht zu vernachlässigen.

Blauwildfarbigkeit in unterschiedlichen Varianten

Die Blauwildfarbigkeit in Deutschland beschreibt das Vorhandensein der klar erkennbaren Haarbänderung, eines Nackenkeils sowie der weißen Wildfarbigkeitsmerkmale.

Kurz gesagt, diese Tiere haben weiße Bäuche wie die schwarz- wildfarbigen Nuancen Hasen- und Wildgrau in Einheit mit dem Faktorenpaar für Blau (d/d) und der Symbolik ABCdG/ ABCdG und international ABCdE/ABCdE. Standardisierte Feinheiten bleiben unbeachtet, da es hier nur um Farben und deren Vergleich geht.

Bei unseren Nachbarn ist das „Blauwgrijs" (Blaugrau mit weißen Bäuchen) vergleichbar mit der beschriebenen Blauwildfarbigkeit ohne besondere Angaben zu der in Deutschland standardisierten Abtönung.

Die dort anerkannte Fellfarbe „Blauwgrauw" hingegen, was in der Übersetzung ebenfalls Blaugrau heißt, basiert auf der spalterbig-eisengrauen Grundlage mit dem Verdünnungsfaktor für Blau (d/d) – ABeCdG/ABCdG bzw. ABCdEd/ABCdE. Diese Tiere haben dunkle Bäuche.

Wie die Farbe zu ihrem Namen kam

Eine französische Freundin besuchte Ingrid Collignon und Danielle Gijssel, und als sie dieses Farbbild der Tiere sah, sagte sie spontan: „Mignon!"

Der Ruf des Entzückens hat viele Synonyme – attraktiv, hübsch, schön, reizend, verlockend, reizvoll oder gut aussehend. Sie passen alle, doch in jedem Fall darf „einzigartig“ nicht fehlen, denn einzigartig ist nach meinem heutigen Wissen dieser Farbenschlag allemal.

Die auf der niederländischen Bundesschau (KleindierenExpo 2008) ausgestellten Tiere überzeugten, sodass der Farbenschlag seit dem 1. April 2008 als vorläufig anerkannt in den Konijnenstandaard Nederland 2007, Seite 94a, aufgenommen wurde.

Inzwischen wächst die Anzahl der interessierten Züchter. An dieser Stelle sei den beiden begeisterten Züchterinnen Ingrid und Danielle aus dem Nachbarland viel Erfolg und allzeit „Gut Zucht!“ gewünscht.

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Bernhard Pickert
1948 am Stadtrand von Berlin geboren und im elterlichen Einfamilienhaus mit großem Garten aufgewachsen, kam ich seit frühester Kindheit in den Kontakt mit dem dort gehaltenen Kleinvieh, wie etwa der Milchziege, Hühnern, Enten, Kaninchen und einem großen Haushund. Damals eine normale Situation, denn Kleintierhaltung nebst Bewirtschaftung der eigenen Scholle war weit verbreitet, denn die Erzeugung von Gartenbau- und Tierischen Erzeugnissen unterstützte die familiäre Eigenversorgung, in einer gerade nicht im Überfluss strotzenden Zeit, gleich nach dem 2. Weltkrieg. Erinnerung an diese Zeit ist noch wach, als ich als Grundschüler bei der Futterbeschaffung des heimischen Viehs helfen musste. Für die Enten wurde beispielsweise in den damals vorhandenen Entwässerungsgräben Entengrütze gefischt und für die Kaninchen Grünfutter von den überall noch vorhandenen, brach liegenden Freiflächen geholt. Derweil sich die Zeit hinsichtlich der Versorgungslage verbesserte, wurde von den Eltern das Kleinvieh alsbald reduziert. Kaninchen, die für den Festtagsbraten vorgesehen waren, aber blieben. Als in der Nachbarschaft einer der heimischen Kleintierzuchtvereine eine Ausstellung veranstaltete, kamen mir erstmals Rassekaninchen zu Gesicht. Die Veranstalter erkannten meine Begeisterung für Tiere und in dessen Folge wurde ich als 12jähriger Junge in den ortsansässigen Verein aufgenommen. Meine leidenschaftliche Verbundenheit zur organisierten Rassekaninchenzucht wurde somit geweckt, was schließlich dazu führte, mich umfassend mit diesem Thema zu beschäftigen und über Jahrzehnte Literatur und anderweitige schöne Dinge zusammenzutragen, die irgendwie eine Verbindung zum Kaninchen haben. Wohlwissend, dass es andere ähnlich begeisterte Idealisten gibt, ist über Jahrzehnte ein Archiv entstanden, welches Elemente dokumentiert, auf welche anderswo kaum direkter Zugriff besteht. Initiator für diese bleibende „Leidenschaft“ ist eigentlich der 1983 verstorbene Fachautor und Kleintierkenner Werner Karl Georg Moebes, welchen ich 1970 bei einer Kleintierausstellung kennen lernte und sogleich von seiner Persönlichkeit und seinem umfassenden Wissen begeistert war.

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