in der Lehr- und Versuchsanstalt für Kleintierzucht Kiel-Steenbek

Prof. Dr. M. Tegtmeyer, Kiel

„Das Blaue Jahrbuch“ 1965

Das Ausgangsmaterial

Zum Aufbau einer Fleischkaninchenzucht für Versuchszwecke wurden im Laufe des Jahres 1964 5 Rammler und 28 Häsinnen der Rasse Weiße Neuseeländer aus 6 deutschen Zuchten angekauft; von letzteren weisen 3 eine übereinstimmende, 2 eine teilweise gleichartige Blutführung auf. Der Durchschnittspreis für die im Mittel 4 Monate alten Jungtiere betrug 26 DM. Angaben über die Herkunft und züchterische Behandlung des Tiermaterials sowie über die Satz- und Absatzstärken der Würfe, denen die Ausgangstiere der Steenbeker Zucht entstammen, sind nach Vermerken der Zuchtkarteiblätter in Übersicht I zusammengestellt.

I Stammtiere der 1964 begründeten Fleischkaninchenzucht der LVAK Kiel-Steenbek

Den Abstammungsnachweisen für 5 Rammler und 27 Häsinnen zufolge lässt sich der angekaufte Tierbestand aus 4 ausländischen Zuchten herleiten. Er stammt zum überwiegen- den Teil, nämlich zu 64 Prozent, aus einer im nordamerikanischen Bundesstaat Vermont gelegenen Kaninchenfarm, zu weiteren 20 Prozent aus einem Zuchtbetrieb, der sich in dem ebenfalls zu den Nordoststaaten der Union gehörigen Staate Pennsylvania befindet. Demgegenüber sind 2 in den englischen Grafschaften Yorkshire und Suffolk gelegene Kaninchenfarmen mit einem Anteil von je 10 bzw. 6 Prozent als Ursprungszuchten des Tiermaterials von verhältnismäßig geringer Bedeutung. Sämtliche in den Ahnentafeln von 15 Stammtieren verzeichneten Inzuchtfälle betreffen die Fortsetzung der Weißen-Neuseeländer-Zucht in der Bundesrepublik. Das schließt natürlich nicht aus, dass im Ausland eine weiter zurückliegende inzüchterische Behandlung der Rasse erfolgt sein kann, die einen zusätzlichen Ahnenschwund zur Folge haben würde, der aus den üblichen, bis zur III. Vorfahrengeneration reichenden Abstammungsnachweisen nicht ersichtlich ist. Die neuerdings betriebene Verwandtschaftszucht von teilweise stärkerem Ausmaß beruht offenbar weniger auf bestimmten züchterischen Absichten als vielmehr darauf, dass für die Erhaltung der eingeführten Kaninchenrasse in Reinzucht anfänglich nur wenige importierte Tiere zur Verfügung standen. Außer der Möglichkeit, den Zuchtweg der angekauften Kaninchen über 3 Vorfahrengeneration hinweg zu verfolgen, und gelegentlichen Hinweisen auf Ausstellungserfolge ihrer Eltern und Voreltern bieten Abstammungsnachweise der gegenwärtig zum Aufbau von Fleischkaninchenzuchten käuflichen Tiere vielfach Vermerke über die Satz- und Absatzstärke der

1) Die Ahnentafel einer Häsin englisch-amerikanischer Abstammung enthält keine näheren Angaben über die Züchter ihrer importierten Vorfahren.

Würfe, denen die betreffenden Kaninchen selbst entstammen, verschiedentlich auch der Würfe, aus denen ihre Eltern und Großeltern hervorgegangen sind. Solche Angaben sind gewiss nicht ohne Wert für die Auswahl von Kaninchen zur Begründung einer Jungkaninchenmast, deren wirtschaftlicher Erfolg durch die Aufzucht genügend großer Würfe wesentlich mitbestimmt wird. Die auf Abstammungsnachweisen für Kaninchen nur spärlich oder auch gar nicht vorhandenen Angaben über nachgewiesene Vorfahrenleistungen zeigen jedoch im Vergleich zu diesbezüglichen Verhältnissen bei anderen Haustierarten, die ihres wirtschaftlichen Nutzens wegen gehalten werden, mit aller Deutlichkeit, dass die Züchtung von Kaninchen mit spezieller Eignung für die Fleischmast noch in den ersten Anfängen steckt. Hier ist also von sonstigen Problemen der Produktionstechnik ganz abgesehen viel ernsthafte und beharrliche Arbeit zur Erzüchtung von Kaninchen erforderlich, die als Elterntiere zur Erzeugung von Gebrauchstieren für den Fleischmarkt auf Grund ihrer erblichen Anlagen ohne Vorbehalt empfohlen werden können. Diesen gegenwärtigen Stand der Dinge sollte sich jeder klarmachen, der Mastkaninchen oder Kaninchenfleisch zum Verkauf in größerem Umfang zu produzieren beabsichtigt.

Das angestrebte Zuchtziel in der Fleischkaninchenzucht und Maßnahmen zu seiner Verwirklichung

Als eine knappe, indessen ausreichende Formulierung des Zuchtzieles für Kaninchen, die der wirtschaftlichen Fleischerzeugung dienen sollen, kann „die bestmögliche Befähigung der Zuchttiere für eine fortlaufende Produktion großer Würfe, die eine gleichmäßig gute Eignung für die Fleischmast aufweisen“, angesehen werden. Von Kaninchenhäsinnen mittelgroßer Rassen, die im Alter von 5 Monaten in Zuchtkondition befindliche Tiere wiegen dann etwa 3,5 kg – erstmalig belegt werden können, müssen diesem Zuchtziel entsprechend u. E. in 1 Zuchtjahr bei jeweils 5wöchiger Säugezeit 4-5 Würfe mit durchschnittlich 8 Jungtieren aufgezogen werden, die mit Rücksicht auf etwaige unterschiedliche Anforderungen des Marktes an das Schlachtkörpergewicht und den Ausmästungsgrad des Kaninchens mit 10 – 14 Wochen ihre Schlachtreife erlangt haben. Dass die Erfüllung derartig hoher Anforderungen an die Zucht- und Aufzuchtleistungen der Häsinnen offenbar im Möglichkeitsbereich liegt, wurde vom Verf. in seinen Betrachtungen über „Produktionstechnische Grundlagen der marktorientierten Kaninchenmast" mit Hinweisen auf Literaturangaben zur Fortpflanzungsbiologie des Wildkaninchens dargelegt. Die Notwendigkeit, an die Fruchtbarkeit und das Aufzuchtvermögen der Häsinnen sowie an die Widerstandskraft ihrer Würfe in der Mastkaninchenzucht weit höhere Ansprüche zu stellen, als sie gemeinhin in der Kaninchenzucht bekannt sind, ergibt sich aus folgenden betriebswirtschaftlichen Überlegungen: Je größer die Zahl, der von einer Häsin im Jahr aufgezogenen Masttiere ist, desto geringer sind die Festkosten, mit denen die Erzeugung des einzelnen Schlachtkaninchens belastet werden muss. Bei den Festkosten der Erzeugung handelt es sich in erster Linie um Aufwendungen für die Unterbringung von Zucht- und Nutztieren sowie um Arbeitskosten, des Weiteren um den anteiligen Wertverlust des in den Zuchttieren steckenden Kapitals und um den Energiebedarf. Den variablen Anteil der Gestehungskosten stellen die Futterkosten dar. Als weiterer wichtiger, die Kosten er- höhender bzw. den Erlös verringernder Faktor in der Kaninchenmast ist die jeweilige Höhe der Aufzuchtverluste zu betrachten. Sofern die Erfahrungssätze für Erzeugungskosten einerseits und Erzeugniserlöse andererseits in einem relativ günstigen Verhältnis zueinander stehen, wozu beispielsweise Besonderheiten des Klimas, der Arbeitslöhne, der Haltungs- und Fütterungsmethoden sowie der Futtermittel- und Fleischpreise Beiträge leisten können, ist möglicherweise auch bei einer geringeren Schlachttierproduktion je Häsin und Jahr die Wirtschaftlichkeit der Kaninchenmast gewährleistet. Eine Veranschlagung der Erzeugungskosten für Fleischkaninchen nach dem für anderweitige Zweige der Nutztierhaltung gebräuchlichen Verfahren lässt jedoch unter der Voraussetzung der für unser Land maßgeblichen Produktionsbedingungen erkennen, dass 3 Würfe mit 8 oder 4 Würfe mit 6 aufgezogenen Jungtieren als jährliche Aufzuchtleistungen der Häsinnen nicht zur Sicherung der Rentabilität eines Kaninchenmastbetriebes ausreichen, der das ganze Jahr über Kaninchenfleisch für den Markt in größerem Umfang erzeugt.

Unter einem Zuchtziel versteht der Nutztierzüchter eine weit- gesteckte und somit für längere Zeit gültige, aber durch konsequente Zuchtwahl bei leistungsfördernden Haltungs- und Fütterungsmaßnahmen erreichbar erscheinende Forderung an das Leistungsvermögen bestimmter Tiere oder Tierrassen. Nachhaltige Erfolge in der Annäherung an Zuchtziele dieser Art beruhen nach tierzüchterischer Erfahrung durchweg auf einer schrittweisen Vervollkommnung der Tierbestände in der Generationsfolge. Als wichtige Grundlagen für eine rationelle züchterische Auslese zur Verwirklichung solcher Zielsetzungen haben neben der Sorge für eine zweckdienliche Umweltgestaltung eine genügend breite Selektionsbasis, fortlaufende Kontrollen von Zucht- und Nutzleistungen und eine Auswertung ihrer Ergebnisse zu gelten, durch die sich die Leistungsveranlagung der Tiere möglichst exakt erfassen lässt. In dieser Beziehung sind die gegenwärtig zum Aufbau einer Kaninchenmast erhältlichen Rammler und Häsinnen, wie die für sie ausgestellten Abstammungsnachweise zeigen, mehr oder weniger „unbeschriebene Blätter“. Die Überprüfung der Leistungen bei solchen Tieren und in ihrer Nachkommenschaft ist daher der erste notwendige Schritt für jeden, dem ernsthaft an einer fortschrittlichen Entwicklung der Fleischkaninchenzüchtung gelegen ist. Das sei hier nochmals mit aller Dringlichkeit betont, da offenbar vielfach falsche Vorstellungen über den gegenwärtigen Stand dieser Züchtung bestehen, die teilweise wohl durch Pressenotizen erweckt wurden, welche ohne genügende Sachkenntnis abgefasst worden sind. Ein Tierzucht- Sachverständiger wird ohnehin niemals erwarten, dass Kaninchen von Natur aus Leistungsanlagen besitzen, deren Manifestierung bei Haustieren anderer Art in jedem Fall erhebliche züchterische Anstrengungen erfordert hat.

Bei fünfwöchiger Säugezeit und erneutem Zulassen der Häsinnen am Tage des Absetzens ihrer Würfe, d. h. der bisher in unserer Anstalt angewendeten Zuchttechnik, sind günstigstenfalls Zwischenwurfzeiten von 66 Tagen (35 Tage Säugezeit +31 Tage erneute Trächtigkeit) zu erwarten. In diesem Fall würde eine Häsin zur Aufzucht von 5 Würfen 330 Tage benötigen, und der 5. Wurf könnte bis zum Abschluss ihres Zuchtjahres bei zehnwöchiger Mastdauer sein Mastende erreichen. Praktisch wird man für 5 Würfe je Häsin und Zuchtjahr Zwischenwurfzeiten von etwa 73 bis 83,5 Tagen veranschlagen, wobei man entweder von ihrem ersten Decktermin oder von ihrem letzten Wurftermin im abgeschlossenen Zuchtjahr ausgeht. Natürlich ist auch das Alter, in dem eine Junghäsin erstmalig erfolgreich gedeckt wurde bzw. den ersten Wurf brachte, für ihre Leistungsbeurteilung von Bedeutung.

Über die mögliche bzw. zweckmäßige Dauer der Zuchtbenutzung von Häsinnen, die in einem Zuchtjahr 4 5 stärkere Würfe aufgezogen haben, liegen in der LVAK Kiel-Steenbek noch keine Erfahrungen vor. Die hohen Ansprüche, die in der Fleischkaninchenzucht an die Häsinnen gestellt werden, erfordern jedoch voraussichtlich einen verhältnismäßig schnellen Umtrieb im weiblichen Zuchttierbestand.

Nach einjähriger Erfahrung im Aufbau einer Fleischkaninchenzucht werden unsererseits folgende Aufzeichnungen im Dienste der Zuchtwahl von Kaninchen auf Masteignung für zweckmäßig erachtet:

1. Sämtliche Deckdaten jeder Häsin mit Angabe der verwendeten Rammler.

2. Sämtliche Wurftermine jeder Häsin mit Angabe der Wurfstärke, getrennt nach lebenden und toten Jungtieren, und Feststellung des Häsinnen – sowie des Wurfgewichtes. Dabei wird für die Praxis die Ermittlung des Gesamtgewichtes der Würfe (evtl. totgeborene Junge gesondert zu wiegen) an ihrem ersten Lebenstag mit Vermerken über die gleichmäßige oder ungleichmäßige Entwicklung der neugeborenen Jungen vorgeschlagen.

3. Die 18-Tage gewichte der Jungtiere als Ausdruck der Säugeleistung ihrer Mütter in dem Abschnitt der Säugeperiode, in dem die Würfe allein auf die Muttermilch als Nährstoffquelle angewiesen sind.

4. Die Gewichte der Häsinnen und ihrer Jungtiere zum Abschluss der fünfwöchigen, gegebenenfalls einer längeren oder kürzeren Säugezeit.

5. Die Mastendgewichte der Jungtiere. Auch gelegentliche Zwischenwägungen, für die vierzehntägige Abstände in Vorschlag gebracht werden, können zur eingehenderen Kontrolle der Jungkaninchenentwicklung nach dem Absetzen empfohlen werden.

6. Der Futterverzehr der Häsinnen in ihren Deck-, Trage- und Säugezeiten und der Futterverzehr der Würfe bis zum Mastende zur Berechnung der bei jeder Aufzucht erzielten Futterverwertung. Die arbeitssparende Verabreichung von Alleinfutter zur freien Aufnahme in Vorratsbehältern ermöglicht auch eine wenig arbeitsaufwendige Kontrolle des Futterverzehrs.

7. Sämtliche Abgänge an Tieren durch Merzen oder Tod mit Angabe des Grundes für die Ausmerzung bzw. der festgestellten, andernfalls der dem Augenschein nach vermutlichen Todesursache.

8. Vermerke über Besonderheiten in Körperbau und Verhaltensweise der Tiere, insbesondere über Nestbau und Säugetätigkeit der Häsinnen, über Geschlecht und Kennzeichnung der abgesetzten Jungtiere, über Krankheiten im Tierbestand usw. Wo sich Züchter von Mastkaninchen zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammenschließen, sollte man über alle für notwendig erachteten Aufzeichnungen zur Zucht- und Leistungskontrolle genaue Vereinbarungen treffen und deren sachgemäße Erledigung jedem Mitglied zur Pflicht machen. Man bedient sich dafür am besten einheitlicher, von der Züchtervereinigung herausgegebener Formulare. Möglichkeiten zur Überwachung der vorgeschriebenen Leistungsermittlungen in den angeschlossenen Zuchtbetrieben sind vorzusehen, und die Einrichtung von Leistungsprüfungsstationen ist anzustreben.

Um bei einem größeren Tierbestand jederzeit den notwendigen Überblick über die Wäge- und Absatztermine für die einzelnen Würfe bzw. über die Deck- und Abprobiertermine der Häsinnen zu behalten, empfiehlt es sich, in einer am Wiegeplatz angebrachten Liste laufend diesbezügliche Terminvermerke einzutragen, im übrigen Junghäsinnen in Gruppen aufzuziehen, die zu derselben Zeit die Zuchtreife erlangen und daher gleichzeitig in die Zucht eingestellt werden können. Bei der schnellen Entwicklung der Jungkaninchen ist verständlicherweise eine möglichst genaue Einhaltung der Wägetermine erforderlich, um anhand der Gewichtsermittlungen die Entwicklung der verschiedenen Würfe miteinander vergleichen zu können. Bei den hohen Erwartungen, die an die Fruchtbarkeit der Zuchthäsinnen gestellt werden, ist zum anderen auf deren regelmäßiges Zulassen in relativ eng begrenzten Zeitabständen besonderer Wert zu legen. Eine kurzgefasste Darstellung der Leistungskontrollergebnisse auf den Abstammungsnachweisen für Fleischkaninchen kann nach Vorbildern erfolgen, die andere Zweige der Nutztierzucht bieten. Die Leistungen der Stammhäsinnen der Steenbeker Fleischkaninchenzucht nach ihren bis zum 30. 4. 1965 gesetzten Würfen.

Die Weißen-Neuseeländer-Kaninchen wurden im Innenstall auf Maschendraht ohne Einstreu gehalten. Nach anfänglicher Alleinfütterung aller Tiere des Bestandes mit pelletiertem Mischfutter zur freien Aufnahme bei ebenfalls ad libitum an- gebotener Tränke wurde späterhin den Kaninchen aller Altersklassen zusätzlich ständig Futterstroh zur beliebigen Verstärkung ihrer Rohfaseraufnahme verabreicht. Bis zum 30. April 1965 wurden von 25 Stammhäsinnen insgesamt 65 Würfe aufgezogen. Über die Zwischenwurfzeiten der Stammhäsinnen, die 4 und mehr Würfe bis zu dem genannten Termin brachten, gibt die Übersicht II Auskunft.

II Alter bei Zuchtbeginn und Zwischenwurfzeiten von Stammhäsinnen mit 4 und mehr Würfen bis zum 30. 4. 1965

Durchschnittsergebnisse und Grenzwerte der bei Häsinnen und Jungtieren¹ erfolgten Wägungen sind in Übersicht III nach Angaben der Zuchtkarteiblätter für Stammhäsinnen zusammengestellt. Beide Tabellen stellen lediglich erste Aussagen über erzielte Wurffolgen bei den Ausgangstieren der Steenbeker Zucht mit mehreren Würfen, über festgestellte Gewichtsveränderungen der Muttertiere sowie über Verluste und Gewichtszunahmen bei aufgezogenen Würfen dar.

III Aufzuchtergebnisse bis zum 30. 4. 1965 gesetzter Würfe von WN-Stammhäsinnen nach Auszügen aus der Zuchtkartei

Die durchschnittliche Wurfstärke der Stammhäsinnen kann man als gut bezeichnen; sie wies jedoch im Einzelnen sehr erhebliche Unterschiede auf. Bei zwischenzeitlich zum Vergleich unter denselben Bedingungen gehaltenen Zuchthäsinnen einer anderen Rasse erwies sich die durchschnittliche Wurfstärke als bedeutend geringer.

Besonders aus überstarken Würfen, die ebenso wenig wie zahlenmäßig schwache Würfe erwünscht sind, sollte man Schwächlinge schon bei der ersten Wurfkontrolle oder spätestens in den ersten Lebenstagen des Wurfes ausmerzen. Abgesehen davon, dass schwache Nestjunge sich vielfach als ungenügend entwicklungsfähig erweisen, verkürzen die Kümmerer unnötigerweise die Milchrationen ihrer Wurfgeschwister, für deren Gesundheit sie auf Grund ihrer erhöhten Krankheitsanfälligkeit eine ständige Gefahrenquelle bedeuten.

In ihren durchschnittlichen Aufzuchtergebnissen konnten die Weißen-Neuseeländer-Häsinnen keineswegs befriedigen. Die mangelhaften Aufzuchterfolge dürfen allerdings mit Sicherheit nicht ausschließlich dem Tiermaterial zur Last gelegt werden; sie wurden vielmehr mit großer Wahrscheinlichkeit zu einem wesentlichen Teil dadurch verursacht, dass dem Kaninchenbestand nicht jederzeit Umweltbedingungen gewährt werden konnten, die für die Erhaltung seiner Gesundheit und Leistungsfähigkeit zuträglich zu nennen waren. Die Weißfleischerzeugung mit Hilfe von Kaninchen sieht sich vor zwei besondere Schwierigkeiten gestellt: Bei der Kaninchenmast erfolgt die Haltung von Zucht- und Gebrauchstieren im gleichen Betrieb. Die ganzjährige, arbeitsproduktive Erzeugung von Schlachtkaninchen als Erwerbszweck ist in unserem Klimabereich auf eine Tierhaltung in ausreichend isolierten und ventilierten Innenstallungen angewiesen. Unzulänglichkeiten der Lüftung und Wärmedämmung in den für die Kaninchenzucht verfügbaren Räumen haben gewiss dazu beigetragen, dass stärkere Aufzuchtverluste eintraten, wenn auch bei einem Teil der Würfe unter den gegebenen unvollkommenen Haltungsbedingungen zufriedenstellende Aufzuchtergebnisse zu verzeichnen waren. Bei manchem angekauften Kaninchen mag schon die Umstellung auf eine nicht gewohnte Haltungs- und Fütterungsweise eine Leistungsminderung bewirkt haben. Aber es gibt offenbar auch noch ungelöste Probleme bezüglich einer zweckdienlichen Ernährung von Kaninchen mit Alleinfutter in ihren verschiedenen Entwicklungs- und Leistungsphasen. = Ausfälle bei Zucht- und Nachzuchttieren beruhten vor allem auf Erkrankungen an Schnupfen und Enteritis Magen- und Darmentzündungen, die auch sonst in größeren Kaninchenhaltungen für Mastzwecke als Leistungsdepressionen und Verluste verursachende Krankheiten bekannt sind. Zugluft, stärkere Temperaturschwankungen, eine zu hohe relative Luftfeuchtigkeit wie auch die Anreicherung der Stalluft mit Ammoniak und anderen schädlichen Gasen wirken sich auf den Gesundheitszustand im Innenstall gekäfigter Kaninchen- bestände augenscheinlich besonders nachteilig aus. Zuträgliche Stallklimaverhältnisse, eine gute Atemluftqualität und ausreichende hygienische Maßnahmen, die den Tierbestand vor allem auch gegen eine Einschleppung von Krankheiten durch betriebsfremde Personen schützen, sind nach unserer einjährigen Erfahrung für die Zucht und Aufzucht von Fleischkaninchen in geschlossenen Räumen von ganz besonderer Wichtigkeit. Das soll bei der Einrichtung eines neuen Versuchsstalles entsprechend berücksichtigt werden in der Hoffnung, durch eine günstigere Gestaltung verschiedener Umweltfaktoren und eine rationelle Zuchtwahl allmählich bessere Aufzuchtergebnisse zu erzielen, wie sie für die Wirtschaftlichkeit der Kaninchenfleischerzeugung unerlässlich sind.

1) Zur Feststellung der Wurfgewichte wurden die lebendgeborenen Jungen am ersten Lebenstag einzeln gewogen

Schrifttum Nachweis

Tegtmeyer, M.: Die Getrennthaltung säugender Kaninchenhäsinnen von ihren Würfen bei einmaliger täglicher Zulassung zum Säugen als biologisch begründete Aufzuchtmethode beim Hauskaninchen. Das Blaue Kaninchen- Jahrbuch 1963, S. 97 – 104

Tegtmeyer, M.: Milch- und Säuglingsleistung des Kaninchens. Das. Blaue Kaninchen-Jahrbuch 1964, S. 97 – 114

Tegtmeyer, M.: Produktionstechnische Grundlagen der marktorientierten Kaninchenmast. Deutscher Kleintier-Züchter, Ausgabe Kaninchen, 73. Jg. 1964, Nr. 22, S. 5-7

In den angeführten Veröffentlichungen ist auf weiteres Schrifttum verwiesen. 148 149


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Bernhard Pickert
1948 am Stadtrand von Berlin geboren und im elterlichen Einfamilienhaus mit großem Garten aufgewachsen, kam ich seit frühester Kindheit in den Kontakt mit dem dort gehaltenen Kleinvieh, wie etwa der Milchziege, Hühnern, Enten, Kaninchen und einem großen Haushund. Damals eine normale Situation, denn Kleintierhaltung nebst Bewirtschaftung der eigenen Scholle war weit verbreitet, denn die Erzeugung von Gartenbau- und Tierischen Erzeugnissen unterstützte die familiäre Eigenversorgung, in einer gerade nicht im Überfluss strotzenden Zeit, gleich nach dem 2. Weltkrieg. Erinnerung an diese Zeit ist noch wach, als ich als Grundschüler bei der Futterbeschaffung des heimischen Viehs helfen musste. Für die Enten wurde beispielsweise in den damals vorhandenen Entwässerungsgräben Entengrütze gefischt und für die Kaninchen Grünfutter von den überall noch vorhandenen, brach liegenden Freiflächen geholt. Derweil sich die Zeit hinsichtlich der Versorgungslage verbesserte, wurde von den Eltern das Kleinvieh alsbald reduziert. Kaninchen, die für den Festtagsbraten vorgesehen waren, aber blieben. Als in der Nachbarschaft einer der heimischen Kleintierzuchtvereine eine Ausstellung veranstaltete, kamen mir erstmals Rassekaninchen zu Gesicht. Die Veranstalter erkannten meine Begeisterung für Tiere und in dessen Folge wurde ich als 12jähriger Junge in den ortsansässigen Verein aufgenommen. Meine leidenschaftliche Verbundenheit zur organisierten Rassekaninchenzucht wurde somit geweckt, was schließlich dazu führte, mich umfassend mit diesem Thema zu beschäftigen und über Jahrzehnte Literatur und anderweitige schöne Dinge zusammenzutragen, die irgendwie eine Verbindung zum Kaninchen haben. Wohlwissend, dass es andere ähnlich begeisterte Idealisten gibt, ist über Jahrzehnte ein Archiv entstanden, welches Elemente dokumentiert, auf welche anderswo kaum direkter Zugriff besteht. Initiator für diese bleibende „Leidenschaft“ ist eigentlich der 1983 verstorbene Fachautor und Kleintierkenner Werner Karl Georg Moebes, welchen ich 1970 bei einer Kleintierausstellung kennen lernte und sogleich von seiner Persönlichkeit und seinem umfassenden Wissen begeistert war.

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