Dr. Manfred Golze, Bockelwitz – „Das Blaue Jahrbuch“ 2010

Seit 2002 wird in der Angoraleistungsprüfanstalt (ALP) in Kottwitz (Sachsen) die Wollleistungsprüfung für Angorakaninchen durchgeführt. Inzwischen ist diese ALP-Station bundesweit die einzige. Bisher wurden 14 Durchgänge erfolgreich abgeschlossen.

Da die Leistung eines Tieres einerseits von der Umwelt, also der Haltung, der Fütterung, vom Stallklima usw., und andererseits von dessen genetischer Veranlagung beeinflusst wird, ist das Ziel der Stationsprüfung, durch eine weitgehende Vereinheitlichung der Umwelt die genetisch besten Tiere zu ermitteln, das heißt die Tiere, die die genetische Veranlagung zu einer hohen Wollmengenleistung bei niedrigem Futteraufwand und einer für die Verarbeitung geeigneten Wollqualität haben.

Schauscheren von Angorakaninchen: Zuchtfreundin Monika Antrack ist immer werbewirksam für diese Rasse.

Die Prüfung erfolgt nach von der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft (DLG) festgelegten Richtlinien. Bei Anlieferung in die Prüfstation dürfen die Prüftiere nicht älter als zehn Wochen und nicht schwerer als 2,6 kg sein. Die Tiere dürfen außerdem keine erkennbaren Krankheitssymptome und körperlichen Mängel aufweisen und sie müssen entsprechend dem Tätowierungsschema des ZDRK gekennzeichnet sein. Nach einer Eingewöhnungszeit von 6 bis 8 Wochen werden die Tiere das erste Mal geschoren (Vorschur). Danach beginnt die eigentliche Prüfung, die 12 Wochen dauert und mit der Prüfschur endet. Die Haltung der Angorakaninchen erfolgt in einem Innenstall in Einzelkäfigen. Während der Prüfperiode erhalten die Tiere ad libitum Alleinfutter für Zuchtkaninchen. Während der Prüfung werden folgende Leistungsdaten erfasst:

Erfasste Leistungsdaten

Lebendgewicht am Tage der Anlieferung in kg

Lebendgewicht am Tage der Vorschur nach dem Scheren in kg

Lebendgewicht am Tage der Prüfschur nach dem Scheren in kg

Wollertrag bei der Prüfschur (g) in den Sortierungsklassen Sorte 1 (Länge >6 cm), Sorte 2 (Länge <6 cm) und Filz

Verbrauch an Mischfutter (Alleinfutter) während der Prüfperiode in kg

Berechnete Leistungsdaten

Jahreswollertrag in g →= Multiplikation des Wollertrages bei der Prüfschur mit 4,3

(52 Wochen/12 Prüfwochen)

Wollwertrichtzahl in g →= [(1. Sorte x 1) + (2. Sorte x 0,75) + (Filz x 0,25)] × 4,3

Futterverbrauch während der Prüfperiode je kg Wolle

Die Tabelle gibt einen Überblick über die gesamten 14 Prüfdurchgänge. Bisher haben 205 Rammler und 194 Häsinnen die Prüfung abgeschlossen.

Die Rammler erreichten im Durchschnitt bei einem Futteraufwand von 62,84 kg je kg Wolle einen Jahreswollertrag von 1.214 g. Die Wollwertrichtzahl ist aufgrund der Wichtung der 3 Sorten (Sorte 1 x 1, Sorte 2 × 0,75, Filz × 0,25) geringer als der Jahreswollertrag. Die Rammler erzielten im Mittel eine Wollwertrichtzahl von 1.162 g.

Die Häsinnen hatten zwar während der Prüfperiode etwas über ein kg Futter mehr gefressen als die Rammler, aber aufgrund des höheren Jahreswollertrages von 1.501 g liegt der Futterverbrauch je kg Wolle mit 54,36 kg unter dem der Rammler. Bei der Wollwertrichtzahl erzielten die Häsinnen im Durchschnitt 1.446 g.

Zuchtfreund und Preisrichter Jens Zscharschuch in der Grundschule in Glashütte.

Damit waren die Häsinnen in der Jahresleistung mit ca. 280 g mehr Wolle den Rammlern überlegen. Dieses geringere Haarwachstum der Rammler gegenüber den Häsinnen ist auf den Einfluss der männlichen Geschlechtshormone zurückzuführen.

Tabelle: Angoraleistungsprüfung in Sachsen –

Zusammengefasste Leistungen der bisher durchgeführten 14 Prüfdurchgänge

In der Abbildung sind die Jahreswollleistungen der Rammler und der Häsinnen in den einzelnen Durchgängen als Liniendiagramm dargestellt. Es wird deutlich, dass die Leistungen in den einzelnen Durchgängen zum Teil stark schwanken. Sie variieren bei den Rammlern zwischen 861 g im 13. und 1.372 g im 6. Durchgang, bei den Häsinnen von 1.236 g im letzten Durch- gang bis 1.731 g im 7. Durchgang. Die Datenbank aller bisher in Sachsen geprüften Kaninchen wird von Frau Romi Wehlitz, Landdesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie, Sachsen, geführt.



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Bernhard Pickert
1948 am Stadtrand von Berlin geboren und im elterlichen Einfamilienhaus mit großem Garten aufgewachsen, kam ich seit frühester Kindheit in den Kontakt mit dem dort gehaltenen Kleinvieh, wie etwa der Milchziege, Hühnern, Enten, Kaninchen und einem großen Haushund. Damals eine normale Situation, denn Kleintierhaltung nebst Bewirtschaftung der eigenen Scholle war weit verbreitet, denn die Erzeugung von Gartenbau- und Tierischen Erzeugnissen unterstützte die familiäre Eigenversorgung, in einer gerade nicht im Überfluss strotzenden Zeit, gleich nach dem 2. Weltkrieg. Erinnerung an diese Zeit ist noch wach, als ich als Grundschüler bei der Futterbeschaffung des heimischen Viehs helfen musste. Für die Enten wurde beispielsweise in den damals vorhandenen Entwässerungsgräben Entengrütze gefischt und für die Kaninchen Grünfutter von den überall noch vorhandenen, brach liegenden Freiflächen geholt. Derweil sich die Zeit hinsichtlich der Versorgungslage verbesserte, wurde von den Eltern das Kleinvieh alsbald reduziert. Kaninchen, die für den Festtagsbraten vorgesehen waren, aber blieben. Als in der Nachbarschaft einer der heimischen Kleintierzuchtvereine eine Ausstellung veranstaltete, kamen mir erstmals Rassekaninchen zu Gesicht. Die Veranstalter erkannten meine Begeisterung für Tiere und in dessen Folge wurde ich als 12jähriger Junge in den ortsansässigen Verein aufgenommen. Meine leidenschaftliche Verbundenheit zur organisierten Rassekaninchenzucht wurde somit geweckt, was schließlich dazu führte, mich umfassend mit diesem Thema zu beschäftigen und über Jahrzehnte Literatur und anderweitige schöne Dinge zusammenzutragen, die irgendwie eine Verbindung zum Kaninchen haben. Wohlwissend, dass es andere ähnlich begeisterte Idealisten gibt, ist über Jahrzehnte ein Archiv entstanden, welches Elemente dokumentiert, auf welche anderswo kaum direkter Zugriff besteht. Initiator für diese bleibende „Leidenschaft“ ist eigentlich der 1983 verstorbene Fachautor und Kleintierkenner Werner Karl Georg Moebes, welchen ich 1970 bei einer Kleintierausstellung kennen lernte und sogleich von seiner Persönlichkeit und seinem umfassenden Wissen begeistert war.

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