Von Lothar Thormann, Waldheim – „Das Blaue Jahrbuch“ 2003
Jeder ernsthafte Freizeitzüchter erhofft sich am Stall mit der aus- erwählten Rasse Erfolge. Zuerst betrifft dieser Wunsch natürlich die Gesundheit und das Gedeihen der Tiere in jeder Altersgruppe. Mit gesunden Kaninchen lässt sich bei artgerechter Haltung und Fütterung gut züchten. „Hecken muss es im Stall“, sagten schon unsere Züchtervorfahren, und das gilt noch immer!
Die Vitalität unserer Tiere, ihre Widerstandskraft gegenüber Krankheitserregern und Stresseinflüssen und ihr Reproduktionsvermögen sind wichtige Kennwerte für eine erfolgreiche Zucht. Dazu gehören solche Eigenschaften wie z. B. gute Futterverwertung, umgängliches Wesen und die Reinlichkeit der Tiere an sich und im Stall.
Für Rassezüchter stehen neben diesen züchterischen Leistungsparametern zumindest gleichwertig die Zuchtziele des gültigen Rassestandards. Er ist der Maßstab für das äußere Erscheinungsbild, den Phänotyp eines jeden Rassevertreters. Zahlreiche Rassen mit breit gefächerten Farbenschlägen bieten ein überaus großes Betätigungsfeld, wenn es darum geht, am Ende auf dem Bewertungstisch möglichst ein sehr gutes Ergebnis zu erzielen. Die Leistungen in der Zucht mit denen in der Rasseschönheit zu verbinden und im eigenen Stall auf ein hohes Niveau zu bringen, das verlangt neben einem gewissen Maß an handwerklichem Talent vor allem ein gerüttelt Maß an Fachkenntnissen und reichen Zuchterfahrungen. Wir wissen, dass hierbei die richtige Anwendung von Zuchtmethoden der Schlüssel zu anhaltenden Zuchterfolgen ist. Leichter gesagt als getan, denn nicht wenige Züchterfreunde haben mit der praktischen Umsetzung immer wieder ihre liebe Not. Züchten heißt planmäßige Verpaarung ausgewählter Zuchttiere Rassezucht setzt stets eine gelenkte, d. h. planmäßige Verpaarung ausgewählter Zuchttiere voraus. Vorher wird ein bestimmtes Zuchtziel festgelegt, und zwar nach einem oder mehreren Leistungspositionen, die eingangs als Beispiele genannt wurden. Vor dem Deckakt steht die Auswahl der Häsinnen und Rammler. Diese Zuchtwahl oder auch Selektion unterscheidet die Zucht von einer mehr oder weniger planlosen Vermehrung. Wer ausgewählte Zuchttiere bewusst zur Erreichung eines oder mehrerer Zuchtziele verpaart, gilt demnach als Züchter. Was ist nun eigentlich wichtiger: die Selektion oder die Zuchtmethode?
Ein Blick auf die Zuchtmethoden
In Züchterkreisen ist allgemein bekannt, dass recht unterschiedliche Zuchtmethoden angewendet werden können. In der hobbymäßigen Kaninchenzucht steht als Methode vor allem die Reinzucht innerhalb der erwählten Rasse an erster Stelle. Sie dient dazu, die Rasse zu erhalten und zumindest äußerlich rassereine Nachzuchttiere zu bekommen. Innerhalb dieser Züchtungsmethode finden vorwiegend die Inzucht, die Fremdzucht und in einigen Fällen auch die geschlossene Zucht Anwendung. Dabei wechseln häufig In- und Fremdzucht in der Annahme, dass Inzucht auf Dauer schädlich sei und Rückschläge bringt. Hier liegen bereits Gründe vor, warum in so mancher Rassezucht das angestrebte Zuchtziel nicht oder nur zufällig in größeren Abständen erreicht wird.
Inzucht hat sich längst als unverzichtbarer Weg bei der Erzüchtung von Rassetieren erwiesen. Für Züchter mit kleinen Tierbeständen und wenig genetischen Erfahrungen erscheint jedoch die Fremdzucht oder mäßige Verwandtschaftszucht besser geeignet und mit weniger Fehlerquellen behaftet zu sein.
Die Kreuzungszucht in Form von Kombinationszüchtung mit anschließender Reinzucht, mit Verdrängungskreuzung und Rotationskreuzung trifft man in den Ställen mehr an als vermutet. Im landläufigen Sinn verstehen Kaninchenzüchter darin die Verpaarung verschiedener Rassen untereinander. Bei Versuchen zur Neuzüchtung von Rassen oder Farbenschlägen wird hier munter drauflosgezüchtet. Auch wenn es um die „durchschlagende“ Verbesserung einzelner Rassepositionen geht, wenden offenbar nicht wenige Züchterfreunde die Kreuzungszucht an. Abgesehen von den doch recht komplizierten genetischen Abläufen, während dieser Zuchtexperimente, muss immer wieder einmal auf gültige Zuchtvorschriften des ZDK hingewiesen werden. Rassekreuzungen sind durch die Standardkommissionen vorher zu genehmigen, und entsprechend sind sie schriftlich vorher zu beantragen.
Wir sehen, dass allein durch die Vielfalt der Zuchtmethoden und deren mehr oder weniger fachkundige Anwendung sowohl erstaunliche Zuchtergebnisse als auch viel züchterische Rückschläge und am Ende genetisches Durcheinander entstehen können. Die Zuchtmethode ist die Form des züchterischen Weges. Wichtig erscheint hierbei, mit welchen Tieren gezüchtet werden soll. Ihre äußerlichen und genetischen Eigenschaften sowie die anderen Leistungsmerkmale bei Zucht und Haltung sollten im Zuchtablauf wieder mehr Gewicht bekommen. Damit steht vor jedem gewissenhaften Züchter die Frage der Selektion: Welche Tiere wählen wir aus für die eigentliche Zucht?
Die Selektion als wichtigste Vorentscheidung bei Zuchtbeginn
Bei Vorträgen in Vereinen, aber mehr noch in vertraulichen Gesprächen am Stall lernt man sehr oft unklare Vorstellungen zur Auswahl von Zuchttieren kennen. In der Regel werden bei der Tierauswahl die Bewertungsergebnisse einer oder mehrerer Ausstellungen als Kriterium Nr. 1 angesehen. Da zumeist keine oder unzureichende Abstammungsnachweise vorhanden sind und nicht überall eigene Zuchtnotizen über die betreffenden Tiere geführt werden, muss man schon da und dort von recht oberflächlicher Selektion sprechen. Durch Fehlentscheidungen dieser Art sind Misserfolge geradezu vorprogrammiert.
Es gibt einige Züchterfreunde, die mit Talent und großem Fingerspitzengefühl ohne große Zuchtplanung zum Erfolg kommen. Sie besitzen einen „Blick“ für die zur Zucht geeigneten Tiere und wenden zumeist noch eine ausgefeilte und wirksame Futtertechnik an. Die Mehrheit der Züchter sollte sich jedoch mit Fleiß und Ausdauer gewisse theoretische wie auch praktische Erkenntnisse der Zuchttierauswahl aneignen und langfristig im eigenen Stall anwenden. Die Übersicht „Selektion in der Tierzucht“ in ausgewählten Fach- begriffen vermittelt hauptsächlich Anfängern in der Zucht grundsätzliches Rüstzeug und soll den älteren Züchterfreunden vorhandene Erfahrungen mit ein wenig Theorie untermauern. Zu den einzelnen Begriffen sei es mir gestattet, in angemessener Kürze und als Anregung für so manchen Zuchtwart bei der Vorbereitung des nächsten Fachthemas der Monatsversammlung einige praxisbezogene Ergänzungen und Empfehlungen zu geben.
Selektion in der praktischen Anwendung
Bevor man sich mit Einzelheiten der Zuchtauswahl oder Selektion befasst, muss jedem Züchterfreund klargemacht werden, dass die wichtigste Voraussetzung für den züchterischen Fortschritt die Auswahl der besten Zuchttiere zur Erzeugung der nächsten Generation ist. Die beste Zuchtmethode ist wertlos, wenn durch die positive Selektion bestimmte Zuchttiere nicht vorhanden sind! Während des Zuchtjahres werden eigene Nachzuchttiere beobachtet und Besonderheiten, wie z. B. Gesundheitszustand, Futterverwertung, Gewichtszunahme oder bereits gut erkennbare Rassenmerkmale schriftlich festgehalten. Wer sagt, dass er sich alles gut merken kann auch ohne große Zuchtnotizen, mag recht haben bei einem Zuchttierbestand von 1,2 und einigen wenigen Würfen. Größere Zuchten kommen ohne ein Minimum an Aufzeichnungen nicht aus, und die Mühe lohnt sich auf jeden Fall. Durch negative Selektion, d. h. Herausnahme zuchtuntauglicher Tiere, wird die positive Selektion sinnvoll ergänzt. Die Tierauswahl nach Eigenleistung gibt dem Züchter genauere Angaben in die Hand, welchen Wert ein Rammler oder eine Häsin in den einzelnen Leistungspositionen hat. Hier sind so- wohl äußere Erscheinungsmerkmale, das Wesen und Verhalten der Tiere als auch genetische Eigenschaften gefragt.
In der Großtierzucht unterscheidet man hierbei in Auslese nach dem Äußeren (Exterieur) mit einem umfangreichen Bewertungssystem und nach Auswahl auf Grund vielfältiger Leistungsprüfungen. Wir Freizeitzüchter sind diesbezüglich in erster Linie an den Rassestandard gebunden und erfassen lediglich durch Zuchtmeldungen im Verein einige Angaben zur Zuchtleistung und Kennzeichnung. Ähnlich werden Leistungsdaten in den Clubs erfasst, soweit ein Zuchtbuch geführt wird. Die Abteilung Herdbuch im ZDK verlangt in der Körordnung ganz bestimmte Zuchtleistungen und Bewertungsergebnisse von Tieren in den HB-Zuchten.
Die Familienselektion erfordert die Erfassung von Leistungsangaben für eine bestimmte Gruppe von Kaninchen, z. B. von Würfen oder Zuchtgruppen. Beim Kauf eines neuen Zuchtrammlers ist wichtig zu wissen, aus welchem Zuchtstamm bzw. aus welcher Zuchtlinie das Tier stammt. Leider ist die Unsitte sehr verbreitet, auf größeren Schauen schnell nach dem Katalog, und dort nur nach dem Bewertungsergebnis Zuchttiere käuflich zu erwerben. Erfahrene Züchterfreunde nehmen sich zum Tierkauf etwas mehr Zeit, suchen den Kontakt zu bestimmten Züchtern und besuchen deren Stallanlagen. Dort erfährt man im Gespräch schnell, wie und mit welchem Erfolg selektiert und gezüchtet wird.
Die Selektion nach der Nachkommensleistung ist für denjenigen wichtig, der durch Rammler z. B. die Milchleistung, also auch das Aufzuchtvermögen kommender Nachzuchthäsinnen verbessern möchte. Das neue Vatertier sollte aus einer Linie mit hervorragen- den Anlagen für sehr gute Aufzuchtleistung stammen. In der Rinderzucht spielen deshalb nicht zufällig die Bullenmütter in Sachen Milchleistung die ausschlaggebende Rolle. Die Vererbung eines neuen Rammlers spiegelt sich in seiner Nachzucht wider. Seine Töchter sollten möglichst bessere Aufzuchtleistungen aufweisen als die Mutter des Vaters, zumindest aber im Durchschnitt eine steigende Tendenz zeigen.
Damit wäre der Selektionserfolg erreicht! Je konsequenter und strenger eine Selektion betrieben wird und ihre Umsetzung in geeigneten Zuchtmethoden findet, umso schneller und größer ist ihr positives Ergebnis. Solide Fachkenntnisse in der Genetik sind unbedingt notwendig, wenn man bei der langfristigen Auswahl der besten Zucht- und Nachzuchttiere erfolgreich sein möchte. Es lässt sich auch einfacher, aber genauso treffend ausdrücken. Anlässlich eines Vortrages vor Kleintierzüchtern zum Thema Selektion und Zuchtmethoden sagte Dr. M. Golze von der Sächsischen Landesanstalt für Landwirtschaft Köllitsch sinngemäß Folgendes: Für eine erfolgreiche Selektion in der Tierzucht benötigt man dreierlei: einen Bleistift, einen guten Blick für Tiere und ein scharfes Messer! Dem braucht man eigentlich nichts hinzuzufügen.







