Dr. Dr. M. Mohm, Saarbrücken – „Das Blaue Jahrbuch“ 1974
Frankreich ist der größte Schlachtkaninchenproduzent und der erste Kaninchenfleischverbraucher der Welt. 300 000 t Kaninchenfleisch werden bei unseren westlichen Nachbarn jährlich erzeugt und gegessen. Fleisch im Werte von fast 2 Milliarden DM liefern die Nachkommen von rd. 10 Mio. Häsinnen. Damit übertrifft die Kaninchenmast den Produktionswert der Legehennen oder Schafe Frankreichs. Dagegen spielt die Kaninchenfleischerzeugung wie auch der Konsum bei uns in der Bundesrepublik eine ganz bescheidene Rolle. Die offizielle deutsche Statistik erfasst nicht einmal diese Zahlen. Wahrscheinlich erreichen Kaninchenhaltung, Kaninchenfleischerzeugung und -verbrauch je Kopf der Bevölkerung etwa ein Zehntel des französischen Umfangs.
Bei der volkswirtschaftlichen Bedeutung der Kaninchenhaltung in Frankreich ist es verständlich, dass die Pariser Landwirtschaftspolitik diesem Betriebszweig besondere Aufmerksamkeit widmet. In anerkannten Erzeugergemeinschaften werden über 500 Produzenten erfasst. Zentral wertet man die Daten der größeren Zucht- und Mastbetriebe aus. Das nationale Forschungsinstitut in Jouy-en-Josas arbeitet besonders intensiv, um den Vorsprung, den die französische Kaninchenhaltung besitzt, noch zu vergrößern.
Aus dieser Sicht ist es für die Züchter der Bundesrepublik interessant, die Entwicklung der französischen Kaninchenhaltung zu verfolgen. Mehrere Informationsfahrten zu ostfranzösischen Zuchtfreunden und zu Kleintierspezialisten der französischen Verwaltung wurden im letzten Jahrzehnt von saarländischen Kaninchenzüchtern durchgeführt. Letztmals im Juni 1973 besichtigte eine Gruppe saarländischer Züchter zwei Betriebe im Elsaß.
Züchter Houillon stellte seinen neu in einem kleinen Dorf bei Erstein erstellten Betrieb vor. In einem 280 qm großen Dunkelstall hält er hauptberuflich 150 Häsinnen. Demnächst soll noch ein etwa gleich großer Maststall errichtet werden, so dass er auf 500 Häsinnen aufstocken kann. Be- und Entlüftung mit einer siebenmaligen Luftumwälzung je Stunde, gleichbleibende Temperaturen zwischen 13 und 17 Grad sowie eine 15-Stunden- Beleuchtung sind automatisch eingeschaltet. Die Zucht- und Mastbatterien, ähnlich den Lege- und Mastbatterien bei Hühnern, bestehen aus Metall und Eternit. Jeder einzelne Drahtkäfig kann leicht zum Reinigen herausgenommen werden. Nach jedem Absetzen und jedem Schlachten werden die einzelnen Käfige gereinigt (Wasserstrahl mit 60 Atü Druck) und desinfiziert. Die Seiten- und Rückwände der Batterien sind aus Eternit, das die Tiere der einzelnen Käfige streng isoliert und sich sehr gut sauber halten lässt. Mechanisch wird der Kot auf einem Kunststoffband zur Kotgrube geschoben. Die Wasserversorgung erfolgt mittels Schwimmertränke.

Innenansicht einer modernen Zuchtbatterie in einem neuzeitlichen fensterlosen Stall
Die an der Vorderseite der Käfige eingehängten Futterkästen mit einem Fassungsvermögen von 1 kg haben Deckel und an der Unterseite Löcher zum Schutz gegen Beschmutzung bzw. Verstaubung des Futters. Die in der 2,50 m hohen Halle in Doppelreihen 3-etagig aufgestellten Käfige haben einen leicht herausnehmbaren Bodendraht mit einem Geflecht 25X13X2 mm (der dicke Draht schützt die Läufe). Der Preis der Batterie beträgt 60 DM je Zuchtkäfig bzw. Mastbucht einschließlich Zubehör. Die Gesamtkosten der Stallung (Zucht- und Maststall) belaufen sich auf 300 DM je Häsin. Diese Investitionskosten erscheinen noch viel zu hoch. Selbst Landwirte, die in die Kaninchenhaltung investieren, erhalten weder Beihilfen noch Zinsverbilligungen.
Gehalten werden Weiße Neuseeländer. Die Häsin wird 15 Tage nach dem Deckakt auf Trächtigkeit abgetastet. Ist ein Tier nicht trächtig, wird es nochmals gedeckt. Zweimal hintereinander nicht aufnehmende Häsinnen werden geschlachtet. Fünf Tage vor der Geburt wird der Nistkasten eingestellt, der mit gesiebten Hobelspänen (Tannenholz, nicht behandelt, staubfrei) gefüllt ist. Bereits 6 Stunden nach der Geburt wird die Häsin wieder gedeckt (Trächtigkeitsquote 40%).
Zuchtställe mit eingeschobenen Nistkästen


Mastanlage neuester Herstellung
Die jungen Kaninchen werden nach 26 Tagen abgesetzt, so dass eine Häsin nur 4 Tage keine Jungtiere bei sich hat. Das etwa 45 DM je 100 kg kostende, 17% eiweißhaltige Futter in Pelletform erhalten Zucht- und Masttiere nach Belieben. Lediglich Häsinnen ohne Jungtiere werden auf 120 g pro Tag rationiert. Die durchschnittliche Wurfstärke beträgt 8 Stück, und in den letzten drei Monaten kamen 27 Jungtiere pro Häsin. Im Alter von 70-75 Tagen werden die Mastkaninchen geschlachtet und bringen im Allgemeinen 1,3 kg Fleisch. Die fast ausschließlich direkt an Verbraucher abgesetzten Schlachtkaninchen kosten lebend 3,70 DM/kg und geschlachtet 6,20 DM/kg. Da der Betrieb erst vor kurzem mit der Produktion in dieser Größenordnung begonnen hat, kann über die Rentabilität noch keine Angabe gemacht werden. Herr Richert, der Kleintierberater der Landwirtschaftskammer Straßburg, kommentiert, dass Züchter im Vogesenraum unter Abzug der Sachkosten mit 200 Häsinnen monatlich 1200,- DM verdienen.
Bei Züchter Stützmann in einem Dorf in der Nähe Straßburgs treffen wir eine Anlage, die uns vom Besuch am nördlichen Vogesenrand im Jahre 1969 bekannt ist. Diese ältere Produktionsstätte besteht aus drei Zuchtställen für 280 Häsinnen und drei Mastställen mit 30 Buchten für 600 Masttiere. Die Ställe sind 20,27 m lang und 5,04 m breit. Die Zuchtboxen sind 2-etagig (48 Doppelboxen je Halle), die Mastboxen 1-etagig. Die durch eine nicht benutzte Heuraufe getrennten Doppelbuchten für die Zucht haben 1,50 m Länge, 0,90 m Tiefe und 0,50 m Höhe. Die Doppelmastbucht misst 2,50×1,00 X 0,55 m. Dieses in den Vogesen hergestellte Modell besteht vorwiegend aus Holz. Die Tiere sitzen auf Draht; der Vorderteil der Zucht- und das Oberteil der Mastboxen sind ebenfalls aus Drahtgeflecht. Die Stallungen besitzen Fenster, doch ergänzt das elektrische Licht die natürliche Beleuchtung zu einem 16-Stunden-Tag.
Die französischen Zuchtfreunde bemängelten die zu großen Buchten. Käfige brauchen nicht höher als 35 cm und nicht tiefer als 70-80 cm zu sein. Da auch nicht mehr als 8-10 Masttiere in einer Box gehalten werden sollten, genügen ein halber Quadratmeter Fläche für einen Zucht- oder Maststall. Herr Stützmann hält z. Z. 210 Häsinnen verschiedenster Rassen und Kreuzungen. Aus seiner in Paris monatlich ausgewerteten Kartei sind folgende Werte zu entnehmen: Pro Häsin und Jahr fallen 35 Jungtiere mit einer Wurfstärke von 7,7 Nachkommen an. Die Sterblichkeit zwischen Geburt und Absetzen beträgt fast 20%, der Verlust während der Mastperiode 3%. Der Zeitraum zwischen zwei Geburten ist 45 Tage. Die 15 Tage nach der Geburt gedeckten Häsinnen sind zu 69% trächtig. Erstmals wird ein Kaninchen mit 3,5 Monaten gedeckt. 10% der Zuchttiere fallen nach jedem Wurf aus. Maximal erreicht eine Häsin das Alter von 2 Jahren. Normalerweise werden die Masttiere 76 Tage nach der Geburt geschlachtet. Ihr Lebendgewicht beträgt dann 2,1 kg und ihr Futterverbrauch 3,9 kg. Neben diesen Daten enthält die Kartei auch die Durchschnittswerte mehrerer Betriebe eines Gebietes, so dass der Züchter seine Monatsergebnisse auch vergleichen kann. Für die Zucht verwendet Herr Stützmann Aufzuchtfutter mit 14prozentigem Rohprotein, zur Mast benutzt er 17prozentiges Mastfutter. Futterpreise und Erlöse beim Kaninchenabsatz sind ähnlich wie im ersten Zuchtbetrieb. Züchter Stützmann, der seit fünf Jahren im größeren Rahmen Kaninchenfleisch erzeugt, hat zwei Zuchtställe und einen Maststall mit Einrichtung billig aus einer in Konkurs gegangenen Kaninchenmastgenossenschaft erworben, so dass seine Gesamtinvestitionen 50 000,- DM nicht erreichen. Bei einer 10prozentigen Amortisation errechnet sich der Betriebsführer eine Monatseinnahme aus der Kaninchenhaltung (Arbeitslohn und Gewinn) von DM. Landwirt Stützmann betreibt Tabakanbau als zweiten Betriebszweig auf 60 Ar Produktionsfläche. Würde er ausschließlich Kaninchenfleisch produzieren, so könnte er allein 500 Häsinnen mit den anfallenden Jungtieren betreuen.
Beide Betriebsführer beurteilen die Möglichkeiten der Kaninchenfleischerzeugung günstig. Sie glauben, die Coccidiose über gewissenhafte Reinigung, Desinfektion und notfalls Anwendung von Coccidiose-Bekämpfungsmitteln im Griff zu haben. Mit dem ansteckenden Schnupfen leben Züchter und Tiere wie bei uns. Geimpft wird gelegentlich gegen Myxomatose. Tierärzte betreuen beide Bestände. In regelmäßigen Abständen von 14 Tagen erhalten die Tiere im Trinkwasser einen Vitaminstoß (Vitamin A, D, E).
Etwas vorsichtiger betrachten die Vertreter der Landwirtschaftskammer den Stand der Mastkaninchenerzeugung. Sie unterstreichen die gemachten Fortschritte der letzten Jahre, die mit Hilfe der staatlichen Betreuung und der interessierten Futtermittel- und Einrichtungsfirmen möglich waren. Sie glauben aber auch, dass noch mancher Rückschlag in Kauf genommen werden muss, bis die letzte Hürde einer industriellen Kaninchenfleischerzeugung genommen worden ist. Als Grundvoraussetzungen einer erfolgreichen Haltung werden, angegeben:
1. Ställe mit konstanten Temperaturen zwischen 10 und 18 Grad, gleichbleibendem Feuchtigkeitsgehalt von 60 bis 70% und 14- bis 16-Stunden-Beleuchtung;
2. Reinigen und Desinfektion der Ställe nach jedem Wurf, Zucht und Mast nach Möglichkeit in getrennten Ställen;
3. Fütterung von Kraftfuttergemischen in Pelletform, evtl. noch Heu in kleineren Betrieben; weder Grünfutter noch Körner;
4. Absetzen der Jungtiere zwischen 28 und maximal 35 Tagen;
5. Deckenlassen der Häsinnen in den ersten 14 Tagen nach einer Geburt;
6. Bei einer theoretischen Maximalleistung von 70 Jungtieren pro Häsin und Jahr als Zukunftsziel ein Produktionsoptimum von 40 bis 45 Nachkommen, was durch geschickte Rassenauswahl, Gebrauchserzeugung und innerbetrieblicher Selektion zu erreichen ist.
Die saarländischen Besucher waren beeindruckt von der Entwicklung, die besonders in den letzten fünf Jahren die Kaninchenhaltung in Ostfrankreich nahm. Zweifellos wurde ein Großteil der Ziele erreicht, die bei einem Besuch vor vier Jahren von dem Vertreter einer Futtermittelfabrik etwa so formuliert wurden:
„Zuerst gilt es, die Fleischerzeugung rentabel zu gestalten. Über die Verbesserung der Haltung dürfte dies in relativ kurzer Zeit möglich sein. Wenn dieses Nahziel erreicht ist, müssen die langfristigen Aufgaben, wie die erfolgreiche Bekämpfung des ansteckenden Schnupfens und die Lösung der züchterischen Probleme, in Angriff genommen werden.“
Ein junger Zuchtfreund, der in größerem Umfang Kaninchenfleisch produzieren möchte, fasste auf der Heimfahrt unsere Eindrücke zusammen: „Man müsste die technischen Einrichtungen von Herrn Houillon haben und wie er nach neuesten Erkenntnissen exakt arbeiten. Dazu wäre die fünfjährige Erfahrung von Herrn Stützmann, seine monatliche Erfolgskontrolle und niedrigen Investitionskosten nötig. Wenn zu beidem sich noch etwas Glück gesellt, dann müsste es eigentlich klappen.“





