Von Arno Dietrich, Eppenbrunn, Referent für Schulung im ZDK

In „Das Blaue Jahrbuch“ 1997

Die größte Bedeutung für die gesamte Kaninchenzucht haben Fortpflanzung und Aufzucht. Sie sind der Schlüssel für den züchterischen Erfolg. Kaninchen sind sehr frühreife Tiere. Sie erreichen die Geschlechtsreife bei intensiver Fütterung mit etwa 4-5 Monaten.

In diesem Alter sollte man jedoch noch nicht mit der Zucht beginnen. Vielmehr muss man den Tieren Zeit lassen bis alle Organe und Organfunktionen ausgewachsen bzw. ausgeprägt sind. Man spricht dann von der Zuchtreife, die beim Kaninchen je nach Rasse und Fütterung mit ca. 6-10 Monaten erreicht ist.

Für eine erfolgreiche Paarung müssen mehrere Faktoren erfüllt sein. Dazu zählt im Wesentlichen die Paarungsbereitschaft der Zuchtpartner.

Unter Hitze versteht man beim weiblichen Kaninchen einen durch Sexualhormone gesteuerten Zustand der Fortpflanzungs- und Paarungsbereitschaft.

Gesteuert wird das Fortpflanzungsgeschehen vor allem durch den an der Gehirnbasis liegenden „Hypothalamus“, in dem sich das Sexualzentrum befindet. Dieses Organ regelt eine ganze Reihe wichtiger Körperfunktionen, so z. B. die Nahrungsaufnahme und die Körpertemperatur. Darüber hinaus steuert es die Freisetzung der im Eierstock herangereiften Eier.

Anzeichen der Hitze sind bei vielen Häsinnen ein unruhiges Verhalten sowie eine stärker durchblutete Scheide, die bläulich anläuft und etwas anschwillt. Mitunter lässt auch die Fresslust ein wenig nach.

Die Anwesenheit eines Rammlers in der Nähe hat eine stimulierende Wirkung auf die Deckbereitschaft der Häsinnen. Unter natürlichen Bedingungen sind jahreszeitliche Schwankungen bezüglich der Hitzigkeit und Deckbereitschaft festzustellen. Im Allgemeinen werden im Frühjahr bessere Deck- und Befruchtungsergebnisse erzielt als im Herbst. Ursache hierfür ist der jahreszeitlich bedingte Wechsel der Tageslichtdauer und der Temperatur. Es ist wichtig zu wissen, dass das Fortpflanzungsgeschehen der Kaninchen nicht nur eng mit den Erbanlagen, der Konstitution und Kondition, sondern auch mit den Umwelteinflüssen wie Fütterung, Temperatur- und Lichtverhältnissen, den Sinneseindrücken und anderen Faktoren zusammenhängt.

Der Deckakt

Grundsätzlich bringt man die Häsin zum Rammler und nicht umgekehrt, weil dadurch die Deckbereitschaft der Häsin größer ist.

In ihrer Bucht wird sie immer versuchen, ihr Revier gegen den Rammler zu verteidigen. Im Gegensatz dazu würde sich der Rammler erst einmal ausgiebig mit der neuen Umgebung beschäftigen. Wenn ein Zuchttier aus einer fremden Zucht verwendet wird, dann empfiehlt es sich vor der Paarung die Geschlechtsorgane beider Partner aus vorbeugenden Gründen zu untersuchen, damit es nicht zu einer Übertragung einer sichtbaren Infektion kommt.

Der Deckakt sollte immer unter Aufsicht des Züchters in einem ruhigen Milieu erfolgen. Häsinnen, die sich in Hitze befinden, verhalten sich nach kurzer Kontaktaufnahme ruhig, heben das Becken an und die Paarung geht innerhalb kurzer Zeit problemlos vonstatten.

Häsinnen, die zur Paarung nicht bereit sind, bleiben oft passiv, so dass es dem Rammler trotz intensiven Bemühens nicht gelingt die Häsin zu decken. Das Verhalten der Häsin lässt sich oft darauf zurückführen, dass die Konzentration der Sexualhormone im Blute zu gering ist. Lässt sich die Häsin innerhalb von 5 Minuten decken, bricht man das Rendezvous ab und wiederholt es an den nächsten zwei bis drei Tagen.

Die Tiere sollten unter keinen Umständen weiter zusammen in der Bucht verbleiben. Die Deckbereitschaft lässt sich fördern, indem man die Häsin über Nacht entweder in ein freigemachtes Rammlerabteil oder in die Nachbarbucht eines geschlechtsreifen Rammlers setzt.

Ein gesunder Rammler ist durchaus in der Lage, 4 Deckakte innerhalb einer Stunde zu absolvieren. Bei zu starker Beanspruchung lässt aber die Qualität des Spermas nach, so dass anschließend eine Erholungsphase von wenigstens 2 Tagen empfohlen wird.

Untersuchungen haben gezeigt, dass mehrfache Deckakte keine Vorteile gegenüber dem einmaligen Verpaaren mit sich bringen. Ein 5 bis 10 Stunden nach dem ersten Decken vorgenommenes Nachdecken mit demselben Rammler lieferte kaum bessere Ergebnisse. Die Trächtigkeitsrate konnte deutlich erhöht werden, wenn 5 Tage später nachgedeckt wurde.

Erst die geschlechtliche Reizung durch den Rammler löst bei der Häsin den Eisprung aus, der dann etwa 10 bis 12 Stunden nach dem Deckakt eintritt. Die Eier werden dann von den bereits im Eileiter vorhandenen Spermien der Rammlers befruchtet.

Die Befruchtung erfolgt dann durch die Verschmelzung der männlichen und weiblichen Geschlechtszellen. Diese beiden Geschlechtszellen die sogenannten Gameten werden damit zur Zygote. Als erstes vereinigen sich die Zellplasmen, dann die Zellkerne, in denen die Erbinformationen der Elterntiere jeweils mit einem halben Chromosomensatz enthalten sind. Danach setzt die Zellteilung ein. Nach 7 Tagen nisten sich die befruchteten Eier in die Gebärmutterschleimhaut ein und die Häsin ist trächtig. Neues Leben entsteht!

Es ist ein beglückendes Gefühl, wenn man die Jungtiere im Stall herumhoppeln sieht.

Die Trächtigkeit

Vom Deckakt bis zur Geburt vergehen durchschnittlich 31 Tage. Abweichungen von plus/minus 2 Tagen können auftreten und sind als normal zu bezeichnen. Überlange Tragzeiten sind meist mit einer schweren Geburt verbunden. Die Jungen kommen zum Teil tot zur Welt oder werden bei der Geburt so verletzt, daß sie bald darauf eingehen. Dieses Problem tritt überwiegend bei zahlenmäßig kleinen Würfen auf, wenn sich nur wenige, oft übergroße Föten in der Gebärmutter befinden. Es ist darauf zurückzuführen, dass weniger Jungtiere auch wesentlich schwächere mechanische Reize in der Gebärmutter verursachen. Auf diese Weise wird der Geburtsvorgang etwas hinausgezögert und den Föten wird damit die Gelegenheit zu einer weiteren Gewichtszunahme gegeben.

Größenzunahme der Gebärmutter während der Trächtigkeit 1 nichttragende Häsin, 2 frühes Trächtigkeitsstadium

3 fortgeschrittenes Trächtigkeitsstadium; 4 kurz vor dem Werfen füllt die stark vergrößerte Gebärmutter einen großen Teil der Bauchhöhle aus


Fötale Entwicklung während der Trächtigkeit

Der Züchter sollte konsequent vorgehen und Häsinnen, die mehrfach schwere Geburten gehabt und wenig Jungtiere geworfen haben, nicht mehr zur Weiterzucht verwenden, um diese Veranlagung nicht weiter in seiner Zucht zu festigen. Nicht selten hängen derartige Erscheinungen mit dem hohen Verfettungsgrad der Häsin zusammen. Soweit der Fettansatz in erster Linie auf eine zu üppige Fütterung und nicht auf eine hormonelle Störung zurückzuführen ist, kann durch eine reduzierte Fütterung Abhilfe geschaffen werden.

Eine Scheinträchtigkeit kann beispielsweise durch einen Deckakt mit einem sterilen Rammler hervorgerufen werden. Sie kann ebenfalls eintreten, wenn bereits befruchtete Eier in einem frühen Stadium absterben, was etwa zu 20% der Fall ist. Auch die unmittelbare räumliche Nähe zu einem Rammler kann eine Scheinträchtigkeit auslösen. Nach einer Zeit von etwa 16 bis 19 Tagen kommt es bei der Häsin zur erneuten Hitze und das Tier kann wieder gedeckt werden.

Ein frühzeitiges Erkennen der Trächtigkeit ist wichtig, damit nichttragende Häsinnen bald wieder gedeckt werden können. Geübte Züchter sind in der Lage, schon vom 10. Tag an eine Trächtigkeit durch Abfühlen der Bauchdecke festzustellen. Tragende Häsinnen verändern auch oft ihr Wesen. Sie werden ruhiger, manchmal auch bissig und zeigen eine gesteigerte Fresslust.

Da Kaninchen mitunter sehr schreckhaft sind, wird empfohlen, gerade trächtige Häsinnen vorher anzusprechen oder sich in gewohnter Manier bemerkbar zu machen, ehe man sich den Tieren nähert.

Ein Anschwellen des Bauches und eine Gewichtszunahme deuten in der zweiten Hälfte der Tragzeit vor allem auf einen starken Wurf hin. Vor dem Werfen ist die Häsin rechtzeitig in die Bucht umzusetzen, in der sie ihre Jungen zur Welt bringen soll. Das Umsetzen sollte wenigstens 7 Tage vorher erfolgen, denn hat die Häsin zu wenig Zeit, leidet darunter der Nestbau und es kommt möglicherweise zum Zerstreuen der Jungtiere, weil sich die Häsin auf die neue Umgebung nicht genügend einstellen konnte.

Die bevorstehende Geburt kündigt die Häsin damit an, dass sie Stroh im Maul herumträgt und sich Wolle ausrupft, um damit ein Nest anzulegen. Das Ausrupfen der Wolle wird durch eine hormonell bedingte Haarlockerung erleichtert und ist damit weniger schmerzhaft.

Meist wird das Nest mehrere Tage vorher errichtet, manchmal aber auch erst unmittelbar vor der Geburt. Was den Nestbau und das Nestklima angeht, besitzen spezielle Wurfkästen erhebliche Vorteile insbesondere bei Außenställen, in der kalten Jahreszeit und bei einem raschen Klimawechsel. Zum einen gleichen sie einer Höhle, was der natürlichen Verhaltensweise der Kaninchen entspricht, zum anderen bleiben die Jungen im Nest geschlossen beieinander und können sich gegenseitig wärmen.

Wurfkästen sind ebenfalls ca. 7 Tage vor dem errechneten Wurftermin in die Bucht zu geben, damit die Häsin genügend Zeit hat, ihr Nest vorzubereiten.

Geburt und Nestkontrolle

Meistens werfen die Häsinnen nachts oder am frühen Morgen. Unter normalen Bedingungen vollzieht sich die Geburt von 8 bis 10 Jungen etwa innerhalb von 10 Minuten. Die Häsin beschäftigt sich sofort nach der Geburt mit ihren Jungen. Sie befreit die Jungen unter Umständen von den Eihäuten und frisst dann die Nachgeburt sowie die Nabelschnur, um das Nest sauber zu halten.

Es ist unbedingt notwendig, dass der Züchter möglichst bald nach dem Werfen eine Nestkontrolle vornimmt. Vor jeder Inspektion sperrt man die Häsin grundsätzlich in eine andere Bucht, es sei denn, man besitzt Wurfkästen, die von außen zugänglich sind. Oft liegen einzelne Junge außerhalb des Nestes. Es ist auch nicht auszuschließen, dass einige Junge beim Austreiben verletzt wurden, bzw. tote Nestlinge aufzufinden sind. Stark verletzte, missgebildete und tote Tiere sowie noch vorhandene Teile der Nachgeburt sind sofort zu entfernen.

Ein hörbares Quieken der Neugeborenen ist für den Züchter immer ein Alarmsignal dafür, dass etwas nicht stimmt, und er sollte nicht zögern, sofort einzugreifen. Durch ein Aufschrecken der Häsin beim Säugen kann es vorkommen, dass einzelne Junge aus dem Nest gerissen werden. Sie liegen dann meist stark unterkühlt irgendwo in der Einstreu. Man untersucht daher die gesamte Bucht und reanimiert die Tiere durch milde Wärme und Massage. Wenn sie wieder spürbare Lebenszeichen von sich geben, kann man sie in das Nest zurücksetzen, wo sie sich meist sehr schnell wieder erholen.

Wichtig ist, dass die Nestkontrolle in gewissen Zeitabständen wiederholt wird, insbesondere um den 9. Tag herum, weil die Jungkaninchen zu diesem Zeitpunkt beginnen, die Augen zu öffnen. Bei den Tieren, die Probleme damit haben, muss der Züchter unbedingt helfend eingreifen, da sonst sehr schnell die Gefahr einer Erblindung besteht. Lassen sich die verklebten Augenlider nicht vorsichtig von Hand öffnen, verwendet man am besten lauwarmen Kamillentee zum Abtupfen der verklebten Stellen. Meist lassen sich danach die Augenlider problemlos öffnen. Ist dies nicht der Fall, so ist die Behandlung unter Umständen mehrfach zu wiederholen.

Da die Milchbildung erst langsam einsetzt, braucht es kein beunruhigendes Zeichen zu sein, wenn die Jungen noch nicht gleich am ersten Tag gesäugt wurden. War es aber doch schon der Fall, so erkennt man dies an der durch die Bauchwand schimmernden Milch. Gesunde Jungkaninchen zeigen lebhafte Bewegungen, eine glatte Haut und fühlen sich warm an.

Die Mutter-Kind-Beziehung und das Säugeverhalten

Das Muttertier wird instinktiv veranlasst, sich den Jungen zum täglichen Säugen anzubieten. Dieser Vorgang dauert etwa nur 3-5 Minuten und findet in der Regel nur einmal am Tag statt.

Wie bei allen Säugetieren, so gehen auch von den neugeborenen Kaninchen bestimmte Signale, vornehmlich Geruchreize aus, welche bei der Häsin die Bereitschaft zur Betreuung auslösen. Durch diese Signale stimuliert, begibt sich die Häsin zu ihren Jungen. Hierbei besteht eine Rückkopplung durch sinnliche Wahrnehmung, d. h., machen die Jungtiere nun ihrerseits keine Anstalten mehr an der Mutter zu suchen und sie zum Säugen zu stimulieren, so verlässt die Häsin das Nest. Die Vitalität der Jungtiere ist somit eine wesentliche Voraussetzung für die Aufrechterhaltung und Weiterentwicklung des mütterlichen Pflegeinstinktes.

Man kann heute davon ausgehen, dass gewisse Erbanlagen für den Mutterinstinkt verantwortlich sind. Dies wird dem Züchter bewusst, wenn die Nachkommen von Häsinnen mit schlechtem Mutterverhalten, in dieser Beziehung die gleichen Mängel zeigen. Erbliche Einflüsse sind vor allen Dingen auch für den Zeitpunkt des Nestbaues und die Nestqualität nachgewiesen worden. Auch die Veranlagung zum Anfressen oder Auffressen der Nachzucht scheint erblich bedingt zu sein.

Häsinnen, die in dieser Hinsicht nicht überzeugen, sollten unter keinen Umständen in der Zucht eingesetzt werden.

Der engagierte Züchter wird daher immer bestrebt sein, den Maßstab für ein gutes Mutterverhalten so hoch wie möglich anzusetzen. Dazu zählen wichtige Kriterien wie die Qualität des Nestbaues, das regelmäßige Säugen der Jungtiere mit ausreichend Milch und das sorgfältige Verschließen des Nestes nach dem Säugen.

Ohne Zweifel können aber auch Umwelteinflüsse, wie Fütterung, Hygiene und Unterbringung das Mutterverhalten beeinflussen.

Wurfgröße und Wurfzahl

Die Zahl der pro Wurf geborenen Jungtiere ist weitgehend von der entsprechenden Rasse abhängig. Bei den großen, mittleren und vielen kleinen Rassen sollte eine gesunde Häsin aufgrund ihrer Konstitution und Kondition jederzeit in der Lage sein, einen Wurf mit 6-8 Jungen ohne Probleme aufzuziehen.

Bei zahlenmäßig kleinen Würfen ist die Gewichtsentwicklung der einzelnen Jungen während der Säugezeit größer. Diese Tatsache führt oft zu der falschen Annahme, dass sich daraus später bessere Zucht- bzw. Ausstellungstiere entwickeln. Grundsätzlich sollte man einer Häsin so viele Jungtiere belassen, wie es ihrem individuellen Aufzuchtvermögen entspricht.

Degenerierte und kümmernde Jungtiere sollten in jedem Fall ausgemerzt werden. Vorausgesetzt die Milchleistung der Häsin ist entsprechend gut, wirkt sich ein starker Wurf keinesfalls nachteilig auf die Entwicklung und das äußere Erscheinungsbild der Jungen aus. Die Praxis hat gezeigt, dass die aus starken Würfen stammenden Jungtiere diese vermeintlichen Gewichtsrückstände in ihrer weiteren Entwicklung schnell ausgleichen.

Die Aufzucht starker Würfe bietet dem Züchter viel mehr Möglichkeiten zur Selektion an. Er kann an einer größeren Nachkommenzahl mit höherer Sicherheit Faktoren wie Erbfestigkeit, Gleichmäßigkeit der Tiere sowie Aufzucht- und Milchleistung er- kennen.

Für die Rassekaninchenzucht gilt, dass im Zusammenhang mit der Wurfstärke der Milchleistung einer Häsin besondere Bedeutung beigemessen werden muss. Die Entwicklung der Jungen hängt wesentlich von der Milchleistung der Häsin ab, die sich nach dem Werfen erst allmählich steigert. Bei den mittleren Rassen werden in der dritten Woche bei guter Veranlagung bis zu 300 g Milch pro Häsin und Tag gebildet.

Nach 28 Tagen nimmt die Milchleistung dann spürbar ab. Einige Häsinnen besitzen nach 4 Wochen kaum noch Milch, während andere ihre Jungen bis zu 8 Wochen säugen können. Es ist immer ein positives Zuchtmerkmal für die Konstitution einer Mutterhäsin, wenn sie ihr Ausgangsgewicht bei guter Milchleistung annähernd konstant hält. Die Milchleistung einer Häsin ist genetisch veranlagt, sie kann aber insbesondere durch eine richtige Futterzusammenstellung positiv beeinflusst werden. Daher ist es von besonderer Wichtigkeit, dass Zuchthäsinnen bereits während der Trächtigkeit leistungsgerecht ernährt und damit zu einer hohen Milchleistung befähigt werden. Diese Eigenschaft spiegelt sich in einer zügigen körperlichen Entwicklung der Jungtiere wider. Untersuchungen haben gezeigt, dass die Milchproduktion der Häsinnen in der zweiten Säugeperiode größer ausfällt als in der ersten. Entsprechend höher lagen auch die Jungtiergewichte.

Bei den nachfolgenden Laktationsperioden waren die Mengenunterschiede weit weniger ausgeprägt. Im allgemeinen kann man jedoch von einer Leistungssteigerung ausgehen. Bei den meisten Kaninchenrassen, die sich heute im ZDK-Einheitsstandard wiederfinden, ist die Veranlagung zu großer Wurfstärke und guter Milchleistung vorhanden. Aufgrund vernachlässigter und einseitiger Selektion sind diese Vorzüge jedoch in einigen Stämmen abhandengekommen. Man kann daher beim Aufbau einer Zucht oder beim Zukauf von Zuchttieren nicht vorsichtig genug sein und sollte sich stets anhand von Zuchtbüchern über die Eigenleistung, die Leistung der Vorfahren und gegebenenfalls über die Leistung der Nachkommen eines Tieres informieren, das man zu kaufen beabsichtigt.

Allein die Erbeigenschaften der Häsin sind für die Wurfstärke ausschlaggebend. Der Rammler hat auf die Aufzuchtleistung der Häsin an sich keinen Einfluss, wenn Milchmenge, Wurfstärke und Muttereigenschaften zugrunde gelegt werden. Erst bei seinen Nachkommen würden die in ihm steckenden Eigenschaften, wie die Veranlagung zu hoher Milchleistung zum Tragen kommen.

Die Wurfstärke wird aber auch durch Umweltfaktoren, wie Fütterung, Temperatur, Licht usw. beeinflusst. Zu hohe Temperaturen, beispielsweise im Sommer, hemmen die Produktion von Sexualhormonen. Durch die Verringerung der Hormonkonzentration nimmt nicht nur die Deckbereitschaft, sondern auch die Anzahl der gebildeten Eizellen ab, wodurch sich die Wurfgröße verringern kann.

Die Aufzuchtleistung

Die Aufzuchtleistung einer Häsin stellt eines der wichtigsten Leistungsmerkmale in der modernen Rassekaninchenzucht dar. Darunter versteht man die Anzahl der insgesamt von einer Zuchthäsin geborenen und bis zum Absetzen aufgezogenen Jungtiere. Die Aufzuchtleistung kann deshalb als wichtiges Beurteilungskriterium herangezogen werden. Der Rassekaninchenzüchter wird sich anhand von Aufzeichnungen immer daran orientieren, welche Häsinnen den Anforderungen entsprechen. Den besten Eindruck über den jeweiligen Zuchtwert einer Häsin erhält man, wenn man die Leistung dieses Tieres konsequent über wenigstens zwei Jahre verfolgt. Dabei sollten wenigstens drei Würfe zur Auswertung herangezogen werden.

Die Aufzucht der Jungtiere

In der Rassekaninchenzucht erstreckt sich die Aufzucht der Jungtiere von der Geburt bis hin zur Zuchtreife. Diesen Entwicklungszeitraum gliedert man grundsätzlich in zwei Aufzuchtphasen:

1. in die Aufzuchtphase von der Geburt bis zum Absetzen und

2. in die Aufzucht der Jungen vom Absetzen bis zur Zuchtreife. Während der ersten Aufzuchtphase sind die Jungkaninchen hauptsächlich auf die Milch der Mutter angewiesen. Gut gesäugte Nestlinge verdoppeln ihr Gewicht innerhalb von 5 bis 6 Tagen.

In einem Alter von 14 Tagen sollte ihre Lebendmasse etwa um den Faktor 5 größer sein als bei der Geburt.

Ein weiteres Kriterium für gut ernährte und gesunde Jungtiere ist, dass sie das Nest erst verhältnismäßig spät verlassen und so lange wie möglich von der Häsin gesäugt werden. In der Regel verlassen die Jungen etwa in einem Alter von 20 Tagen immer häufiger das Nest, und die Aufnahme sowie der Bedarf an festem Futter steigt rapide an.

Zu diesem Zeitpunkt sollte man spätestens das Zuchtabteil in eine Doppelbucht umwandeln, um den Jungen, die nun rasch her- anwachsen, genügend Bewegungsspielraum anzubieten. Dadurch erreicht man eine bessere Futterverwertung und eine gute körperliche Entwicklung der Jungkaninchen.

Da in der Rassekaninchenzucht der körperlichen Entwicklung der Jungkaninchen größte Bedeutung zukommt, belässt man sie ca. 8-10 Wochen oder auch länger bei der Mutter, bevor sie abgesetzt werden. Der Vorteil besteht darin, dass die Jungtiere auch in der für sie kritischen Zeit noch mit Muttermilch versorgt werden können

In einem Alter von etwa 42 bis 56 Tagen tritt in der Entwicklung der Jungtiere die sogenannte Stressperiode ein, in der es zu Verlusten kommen kann. Das intensive Körperwachstum, der erste Haarwechsel und der Austausch der Milchzähne stellen eine große Belastung für den Organismus der Tiere dar. Dadurch wird die natürliche Widerstandskraft der Jungen herabgesetzt, die in dieser Zeit ohnehin noch über eine unzureichende Körperabwehr verfügen. Für die jungen Kaninchen ist es vorteilhaft, wenn ihnen während dieser Stressperiode zusätzlich zur festen Nahrung noch die Milch der Mutterhäsin zur Verfügung steht, da sie über diese Milch wichtige Immunstoffe aufnehmen.

Aus der Überprüfung des Wurfes ergibt sich nun die Verfahrensweise des Absetzens. Nach den Bestimmungen des ZDK sind die Tiere jedoch vor dem Absetzen zu tätowieren. Bevor man die Jun- gen absetzt, stellt man durch Beobachtung fest, ob die Häsin noch säugt.

Das Absetzen orientiert sich an dem Entwicklungsstand der Jungkaninchen. Tiere, die weder für die Zucht noch für Ausstellungen geeignet sind, also ausgesprochene Schlachttiere, werden zuerst abgesetzt und in einer Gemeinschaftsbucht untergebracht. Die übrigen Geschwister profitieren auf diese Weise von der noch vorhandenen Muttermilch.

Sind in einem Wurf alle Kaninchen zucht- und ausstellungstauglich, dann werden zunächst die kräftigsten Tiere abgesetzt, um den schwächeren Jungen die Möglichkeit zu geben, in der Entwicklung aufzuholen, so dass der Wurf dann mehr oder weniger ausgeglichen ist.

Das Absetzen in Etappen ist aus physiologischer Sicht sinnvoll für die Häsin, weil dadurch die Laktation schonender abgebaut wird und Gesäugeentzündungen weitgehend vermieden werden können.

Damit beginnt die zweite Phase der Aufzucht:

Die abgesetzten Jungkaninchen werden in Zweier- bis Dreiergruppen in entsprechend großen Buchten untergebracht. Dabei ist möglichst eine Trennung nach Geschlechtern vorzunehmen. Durch diese Gruppenhaltung ist gewährleistet, dass sich die Tiere noch gegenseitig wärmen können und das soziale Gefüge sowie die Fresslust des Wurfes bleibt weitgehend erhalten.

Der Züchter spart durch die Gruppenabsetzung wertvollen Stallraum, der anderweitig genutzt werden kann.

Die Haltung der heranwachsenden Tiere in Gruppen kann höchstens bis zum Einsetzen der Geschlechtsreife etwa bis zum Alter von 3 bis 4 Monaten durchgeführt werden. Mit einsetzendem Geschlechtstrieb werden die Tiere innerhalb der Gruppe unruhig. Beißereien und gegenseitiges Bespringen sind die Folge. Junge Häsinnen können in der Regel länger zusammenbleiben, während die Jungrammler, die man für Ausstellungs- und Zuchtzwecke aufzieht, frühzeitig in Einzelgehege gesetzt werden müssen.

Durch sorgfältige Beobachtung erkennt der Züchter, wann es an der Zeit ist, die Kaninchen in Einzelbuchten unterzubringen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt muss noch einmal eine intensive Auslese vorgenommen werden.

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Bernhard Pickert
1948 am Stadtrand von Berlin geboren und im elterlichen Einfamilienhaus mit großem Garten aufgewachsen, kam ich seit frühester Kindheit in den Kontakt mit dem dort gehaltenen Kleinvieh, wie etwa der Milchziege, Hühnern, Enten, Kaninchen und einem großen Haushund. Damals eine normale Situation, denn Kleintierhaltung nebst Bewirtschaftung der eigenen Scholle war weit verbreitet, denn die Erzeugung von Gartenbau- und Tierischen Erzeugnissen unterstützte die familiäre Eigenversorgung, in einer gerade nicht im Überfluss strotzenden Zeit, gleich nach dem 2. Weltkrieg. Erinnerung an diese Zeit ist noch wach, als ich als Grundschüler bei der Futterbeschaffung des heimischen Viehs helfen musste. Für die Enten wurde beispielsweise in den damals vorhandenen Entwässerungsgräben Entengrütze gefischt und für die Kaninchen Grünfutter von den überall noch vorhandenen, brach liegenden Freiflächen geholt. Derweil sich die Zeit hinsichtlich der Versorgungslage verbesserte, wurde von den Eltern das Kleinvieh alsbald reduziert. Kaninchen, die für den Festtagsbraten vorgesehen waren, aber blieben. Als in der Nachbarschaft einer der heimischen Kleintierzuchtvereine eine Ausstellung veranstaltete, kamen mir erstmals Rassekaninchen zu Gesicht. Die Veranstalter erkannten meine Begeisterung für Tiere und in dessen Folge wurde ich als 12jähriger Junge in den ortsansässigen Verein aufgenommen. Meine leidenschaftliche Verbundenheit zur organisierten Rassekaninchenzucht wurde somit geweckt, was schließlich dazu führte, mich umfassend mit diesem Thema zu beschäftigen und über Jahrzehnte Literatur und anderweitige schöne Dinge zusammenzutragen, die irgendwie eine Verbindung zum Kaninchen haben. Wohlwissend, dass es andere ähnlich begeisterte Idealisten gibt, ist über Jahrzehnte ein Archiv entstanden, welches Elemente dokumentiert, auf welche anderswo kaum direkter Zugriff besteht. Initiator für diese bleibende „Leidenschaft“ ist eigentlich der 1983 verstorbene Fachautor und Kleintierkenner Werner Karl Georg Moebes, welchen ich 1970 bei einer Kleintierausstellung kennen lernte und sogleich von seiner Persönlichkeit und seinem umfassenden Wissen begeistert war.