Heidrun Eknigk, Finsterwalde „Das Blaue Jahrbuch“ 2006

Züchter haben eine über Grenzen reichende Plattform gefunden, die sie miteinander verbindet und ins Gespräch bringt, das Internet.

http://www.rkz-forum.com/wbb2/hmportal.php.

Hier werden zahlreiche Diskussionen über die Rassekaninchenzucht unter Züchtern und unter Einbeziehung der Kaninchenliebhaber geführt. Monatlich erfolgt eine Rassebeschreibung und ständig regen aktuelle Geschehnisse in den Zuchten zum Erfahrungsaustausch an. Zucht, Pflege, Fütterung, Erkrankungen bieten ein breites Feld für solche „Webgespräche“. Allerdings werden auch solche Themen wie Kreuzung innerhalb reinerbiger Zuchten oder Veränderungen unserer Rassen zu mehr Gedrungenheit und andere Standardangelegenheiten diskutiert. Neuzuchten und solche, die es einmal werden sollen, finden eine Chance zur Vorstellung. Jeden Monat schreibt ein Züchter einen Rassebericht, der aus preisrichterlicher Sicht kommentiert und mit erbbiologischen Hinweisen versehen wird.

Daraus resultiert dieser Beitrag für das Jahrbuch 2006.

Wenn in diesem Beitrag etwas wie Schelte klingen mag, so ist es nicht meine Absicht Personen oder Personenkreise zu diffamieren, in bestehende Bestimmungen eingreifen zu wollen oder als Buhmann der Nation anzutreten. Richtiger wäre der Begriff Mahnung oder der Beginn auf eine Rückbesinnung, zum Nachdenken anregen, um letztendlich für das Hobby Rassekaninchenzucht ein vernünftiges Prinzip zu finden, womit die Werte, Normen und Ziele in ihrer Rangordnung beurteilt und gegebenenfalls neue einsehbar begründet werden könnten.

Es ist auch davon auszugehen, dass nicht jeder Züchter ein „wilder Kreuzer“ ist. So etwas möchte ich niemandem unterstellen. Aber allein die Tatsache, dass in den unterschiedlichsten Zuchten Fehlfarben (Farben, die nicht zum Farbenschlag passen) auftreten, zeugt von einer wahrscheinlich unkontrollierten Einkreuzung anderer Rassen oder anderer Farbenschläge. Und überwiegend begründet sich dieser Beitrag aus Fragen, die an mich gerichtet wurden.

Worum geht es im Einzelnen?

Die Tendenz ist steigend, dass Rassen immer mehr plumpe Formen erhalten, die niemals als gedrungene Rasse erzüchtet wurden. Beispiel: Englische Schecken und Holländer.

Die kleine, zarte Englische Schecke, deren feine Kettenzeichnung soll eigentlich der Linie des geschwungenen Körpers folgen und dabei annähernd die Form eines Posthorns darstellen. Der aufmerksame Besucher und Rassekenner kann auf Ausstellungen aber einen ganz neuen Trend beobachten. Die Feinheit der Englischen Schecke in ihrer leicht gestreckten Form schwindet, sie avanciert zur eher gedrungenen Form, und bald wird auch aus dem Posthorn eine Kuhglocke. Viele langjährige Züchter dieser Rasse bestätigen diese Beobachtungen und sagen mir, ihnen gefalle diese Entwicklung keinesfalls. Sie bangen um das wirkliche Rassebild der feingliedrigen, apart wirkenden und zarten Schönheit.

Holländer, dazu habe ich schon so viel gesagt, ich mag es bald nicht mehr wiederholen. Doch eines war für mich der Gipfel an züchterischer Unvernunft: Um die geforderte Gedrungenheit der Tiere zu erlangen, wurden Weiße Neuseeländer eingekreuzt. Gedrungen heißt aber doch nicht, die Rasse muss blockig/klotzig sein, sondern eher kräftig, muskulös, kompakt bis sportlich. Aber alles eben mit dem Blick auf einen vertretbaren Typ-Holländer und nicht zu der Tendenz des Holländers im Kleinwidder-Look.

Oder ein anderes Beispiel: die beiden namens- aber nicht genetisch gleichen Neuseeländerrassen, deren Entstehung auch unabhängig voneinander belegt ist. Die Grundanforderungen an ihre Körperformen waren einmal insofern unterschiedlich, dass der Rote Neuseeländer eine leicht gestrecktere Form, der Weiße Neuseeländer dagegen den gedrungenen, annähernd blockigen Typ verkörpern muss. So steht es auch im Standardwerk, klar und deutlich sind die Positionen 2 beider Rassen beschrieben. Wie sieht es in der Praxis aus? Vielfach ist eine ziemlich gewagte Vereinheitlichung erkennbar. Tiere beider Rassen können – sich auf die Form bezogen – fast nicht ähnlicher werden.

Bei diesen Beispielen belasse ich es. Und wenn ich „Vereinheitlichung“ sage, meine ich auch, es zieht sich ein solcher Faden durch fast alle Rassen. Stark gedrungene Formen, wo sie niemals gefordert waren, Tiere mit breiten Köpfen insgesamt, weil breite Backen und Stirnpartien teilweise gleich auf den gesamten Kopf bezogen werden.

Forderungen an Rassen in einem solchen Modetrend und nicht einem Standard entsprechend verleiten zum Kreuzen unterschiedlicher Rassen und/oder Farbenschläge, was vielfach auch als Verbesserung einer Rasse verstanden wird. Es kann wahrscheinlich keinem Züchter ein echter Vorwurf gemacht werden, wenn es den Zuchtfreunden nicht gründlich gesagt wird, wie ihre Rasse aussehen sollte und ihnen dazu der Weg einer echten Rasseverbesserung aufgezeigt wird.

Das verhindert wahlloses Herumkreuzen und daraus folgend spalterbige Tiere, die eben gerade einmal wie eine standardisierte Rasse aussehen und dann für eine andere Zucht in den Verkauf gelangen.

Es gibt Möglichkeiten, wonach Kreuzungen legitim werden. Es sind jene Kreuzungen, die nach den Modalitäten der AAB mit einem klaren Ziel und unter gewissem Zuchtnachweis angemeldet und geführt werden. Das ist richtig, denn einmal dient diese Praxis einer tatsächlichen und zugleich kontrollierten Verbesserung seltener, erhaltenswerter Rassen und andererseits werden seltene Rassen vor dem Untergang bewahrt.

Die Züchter, welche den unbestritten unbequemeren Weg einer solchen Nachzucht wählen, sollten durchaus fachliche Unterstützung finden. Sie sind sich dessen bewusst, dass sie sich mitunter in eine jahrelange Kleinarbeit begeben. Sie können auch den Schaden abschätzen, den sie anrichten würden, wenn sie gekreuzte (noch spalterbige) Tiere, die den Status der absoluten Reinerbigkeit noch nicht erreicht haben, als reinrassige Tiere weitergeben. Ebenso verfahren Züchter, die sich einer Neuzucht widmen. Auch sie werden Tiere immer nur an Interessenten von Neuzuchten mit Hinweisen übergeben, welche Merkmale verbesserungswürdig sind oder wo noch mit Aufspaltungen oder einem anderen Makel zu rechnen ist.

Das ist legitim, nicht umsonst werden beide Verfahren als Nach- bzw. Neuzucht deklariert.

Alles andere sind wilde Kreuzungen, die unseren Rassen meist eher schaden, Züchter verprellen oder entmutigen, weil bei einem Aufbau von neuen Zuchten, bei der Einrichtung einer Linienzucht oder in bestehenden Zuchten durch „unsaubere“ Fremdtiere Spalterbigkeiten auftreten. Dieser Umstand, der Ärger betroffener Züchter, die vermeintlich reinerbige Tiere kauften, aber spalterbige erhielten, nimmt zu.

Einer Rasse – wie der bereits erwähnten Englischen Schecke – einen gedrungenen Typ mit robusteren Gliedmaßen zu übertragen, ist kein erstrebenswertes Ziel und auch kein Grund für ein Kreuzungsersuchen.

Unverständlich ist sicherlich auch, weshalb es mit dem Erscheinen eines neuen Standards auch plötzlich Änderungen bei gestandenen Rassen geben muss. Sind sie auch nur gering, so können sie doch in der weiteren Zucht Auswirkungen auf die künftige Entwicklung und bei der folgenden Beispielsrasse auf das Skelett haben. Beispiel: Im deutschen Standard bis 1997, im Europa-Standard und früheren Standard der sozialistischen Länder hatten Marburger Feh „feine Gliedmaßen“ und wurden „leicht gedrungen“ gefordert.

Wohlgemerkt, es handelt sich bei den MF wahrlich nicht um eine Rasse, die erst kürzlich als solche anerkannt wurde. Plötzlich ist der Wortlaut in dieser Position ein anderer. Ich zitiere: „In Übereinstimmung mit dem Körper sind die Läufe relativ kräftig und entsprechend kurz; sie bewirken dennoch eine gute Bodenfreiheit."

Nein, das sollte nicht als kleinlich betrachtet werden, denn die Wortwahl bestimmt auch die Bewertung und danach die Zucht. Der frisch gebackene Preisrichter, dem das Hinzulernen am Bewertungstisch unbedingt zugestanden werden muss, wird bemüht sein, kurze und kräftige Läufe bei den MF zu suchen, die aber jahrzehntelang mit feinen Gliedmaßen gezüchtet wurden.

Weshalb besinnt sich denn niemand auf den Willen und Grundgedanken der Erzüchtung der Rassen? Müssen alle Rassen in eine gewalzte Form gebracht werden? Ist es das Schönheitsideal der modernen Rassekaninchenzucht? Zu bedenken ist dabei auch: Welche Anforderungen dürfen wir dann noch an die Leistung jener Häsinnen mit männlichen Köpfen stellen? Wenn solche Richtungen erhalten bleiben, werden auch die unterschiedlichen Kreuzungsmethoden kein Ende finden.

Zitierte Stimmen aus dem Forum:

„Wenn wir dann ein Einheitskaninchen haben, kann es das ja in drei Größen und jeweils allen Farben und Fellarten geben, dann muss keiner mehr über die ach so vielen Rassen jammern. Aber, ob das wirklich besser ist?“

„Wie eine Rasse gezüchtet wird, sich weiterentwickelt, zum Vor- oder Nachteil, liegt doch auch viel an der Bewertung bzw. Vergabe der Punktzahl. Wenn für dicke Rammlerköpfe und für runde, breite und walzenförmige Tiere oder besonders verzwergte oder für besonders große Kaninchen die höchsten Punktzahlen erreicht werden können, wird mit diesen Tieren gezüchtet und das Extrem wird immer noch extremer, das beste Beispiel ist das Hermelin mit seinem Apfelkopf. Wo bitte ist die Nase dieses Kaninchens geblieben?“

Nein, verehrte Zuchtfreunde, es kann nicht Sinn einer „Rasse"- Zucht sein, einen Einheitstyp zu gestalten.

Es ist die Frage nach dem Wohl und Wehe unserer Kaninchenrassen als kulturelles Erbe, an den Respekt gegenüber dem Land, in dem einst eine Rasse erschaffen wurde. Dabei darf nicht vergessen werden, dass wir langsam dazu übergehen sollten, einmal mehr an das Zusammenrücken der Züchter aller europäischen Länder zu denken. Mitgliedsländer in der Entente Européenne d'Aviculture et de Cuniculture – Sparte Kaninchen – sind bis dato Belgien, Frankreich, Luxemburg, Niederlande, Österreich, Schweiz, Tschechien und Deutschland. 80 Rassen in unterschiedlichen Farbenschlägen vereinen alle zwei Jahre die interessierten Züchter auf den Europaschauen. Gegebenenfalls entstehen dabei einige Züchterfreundschaften, aber dann endet diese Gemeinschaft auch schon wieder. Die dort zugelassenen EU-Rassen oder Farbenschläge sind aber nicht überall auch anerkannte Rassen und/oder Farbenschläge, sondern müssen umständlich als Neuzucht nach den deutschen Normen neu gezüchtet werden. Ein Import und dann die zielgerichtete, weiterführende Zuchtarbeit sind nicht möglich. Stattdessen heißt der Weg Neuzucht mit allen Umwegen der Genehmigungen, Ausstellungs- und Kennzeichnungspflichten.

Das lässt natürlich begründete Fragen nach dem Sinn und Unsinn von Neuzüchtungen aufkommen. Fragen und Zielzüchtungen in Richtung einer im Ausland bestehenden Rasse würden sich allerdings erübrigen, würden die Verbände, die der EE-Kommission angehören, eine nahtlose Lösung finden, wie alle Landesstandards abgeglichen werden könnten. Hier wäre m. E. eine Vereinheitlichung gar kein so schlechter und schwerer Weg.

Auch hierfür ein Beispiel aus eigener Zucht Seit nunmehr drei Jahren verfüge ich über eine Häsin (Holländer, japanerfarbig blau-gelb-weiß) aus den Niederlanden. Sie ist mit konstant 2,7 kg klein, ist für unsere heutigen Verhältnisse feingliedrig und hat einen „spitzen Kopf“. Sie wirkt dennoch kompakt und entspricht dem holländischen Standard. Auch bei uns würde sie in dieser Position kein „nb.“, aber wohl ein Prädikat im unteren Level erlangen. Die kleine Dame ist inzwischen fünf Jahre alt, hat immer noch leuchtende Farben, schiebt auch in diesem Alter noch keine Wamme, ist ein zuverlässiges Muttertier und ihre Würfe waren durchschnittlich sowohl in der Anzahl als auch im Bereich der Zeichnungsmerkmale sehr schön. Die Nachzucht-Rammler haben keine dicken Köpfe, aber Köpfe, die dem Geschlecht entsprechen. Farbe, Gutmütigkeit sowie die Zuverlässigkeit des Tieres und eine wiederkehrende, standardgerechte Holländerzeichnung bei der Nachzucht sind für mich wertvoll. Zeigt sie an, dass sie hitzig ist, werde ich der Natur freien Lauf lassen und weiter mit diesem Tier züchten, um dieses Potenzial zu bewahren.

Es muss doch möglich sein, gute Tiere zu züchten und gleichermaßen Kompromisse zu finden, die der Herauszüchtung und der Herkunft einer Rasse gerecht werden.

Abschließend wünsche ich uns Züchtern, dass verstärkt öffentliche Diskussionen zu Rassen, zu Wegen zur Verbesserung und zum Erhalt der bestehenden Rassen in weniger klotzigen Formen stattfinden, dass aber auch Standardvergleiche in Annäherung an die Rassen gebracht werden, die wir über die Landesgrenzen hinaus erleben oder erst einmal kennen lernen dürfen.

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Bernhard Pickert
1948 am Stadtrand von Berlin geboren und im elterlichen Einfamilienhaus mit großem Garten aufgewachsen, kam ich seit frühester Kindheit in den Kontakt mit dem dort gehaltenen Kleinvieh, wie etwa der Milchziege, Hühnern, Enten, Kaninchen und einem großen Haushund. Damals eine normale Situation, denn Kleintierhaltung nebst Bewirtschaftung der eigenen Scholle war weit verbreitet, denn die Erzeugung von Gartenbau- und Tierischen Erzeugnissen unterstützte die familiäre Eigenversorgung, in einer gerade nicht im Überfluss strotzenden Zeit, gleich nach dem 2. Weltkrieg. Erinnerung an diese Zeit ist noch wach, als ich als Grundschüler bei der Futterbeschaffung des heimischen Viehs helfen musste. Für die Enten wurde beispielsweise in den damals vorhandenen Entwässerungsgräben Entengrütze gefischt und für die Kaninchen Grünfutter von den überall noch vorhandenen, brach liegenden Freiflächen geholt. Derweil sich die Zeit hinsichtlich der Versorgungslage verbesserte, wurde von den Eltern das Kleinvieh alsbald reduziert. Kaninchen, die für den Festtagsbraten vorgesehen waren, aber blieben. Als in der Nachbarschaft einer der heimischen Kleintierzuchtvereine eine Ausstellung veranstaltete, kamen mir erstmals Rassekaninchen zu Gesicht. Die Veranstalter erkannten meine Begeisterung für Tiere und in dessen Folge wurde ich als 12jähriger Junge in den ortsansässigen Verein aufgenommen. Meine leidenschaftliche Verbundenheit zur organisierten Rassekaninchenzucht wurde somit geweckt, was schließlich dazu führte, mich umfassend mit diesem Thema zu beschäftigen und über Jahrzehnte Literatur und anderweitige schöne Dinge zusammenzutragen, die irgendwie eine Verbindung zum Kaninchen haben. Wohlwissend, dass es andere ähnlich begeisterte Idealisten gibt, ist über Jahrzehnte ein Archiv entstanden, welches Elemente dokumentiert, auf welche anderswo kaum direkter Zugriff besteht. Initiator für diese bleibende „Leidenschaft“ ist eigentlich der 1983 verstorbene Fachautor und Kleintierkenner Werner Karl Georg Moebes, welchen ich 1970 bei einer Kleintierausstellung kennen lernte und sogleich von seiner Persönlichkeit und seinem umfassenden Wissen begeistert war.

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