Ing. (grad.) A. Rudolph, Much – „Das Blaue Jahrbuch“ 1976
Die Kaninchenzucht ist eine sinnvolle Freizeitgestaltung, so höre ich es oft auf den verschiedensten Veranstaltungen. Jeder geladene Ehrengast, der das Wort erhält, äußert sich in diesem Sinne. Diese Redewendung ist ein kleiner Erfolg der Öffentlichkeitsarbeit im ZDK. Wie wir nun sinnvoll mit der Freizeit umgehen, so sollten wir bei unserem Hobby ebenso sinnvoll handeln. Unter einer sinnvollen Handlung verstehe ich z. B. den möglichst rationellen Einsatz von Futtermitteln. Speziell bei großen Rassen wird nicht optimal, sondern maximal gefüttert. Der Grund liegt beim geforderten Normalgewicht. Sind die Würfe nicht wunschgemäß im Januar oder Februar gefallen, so hat mancher Züchter ernstliche Schwierigkeiten, die Tiere zur Lokalschau auf das entsprechende Gewicht zu bringen.
Um das Ziel zu erreichen, wird dem Tier alles gereicht, was möglich ist. Wichtig ist nur es schmeckt dem Tier, und das Gewicht steigt.
Es ist eine unlautere Manipulation, wenn ein Züchter seine Tiere mühsam auf das entsprechende Normalgewicht päppelt. Er betrügt damit wissentlich einen Käufer, der im guten Glauben ein Zuchttier erwirbt.
Warum sind nun speziell bei den großen Rassen diese Schwierigkeiten entstanden? Die Frage lässt sich leicht durch eine fehlerhafte Auslese erklären. Die Tiere weisen oft nicht den richtigen Rahmen auf, um das Normalgewicht zu erreichen. Dieser Mangel an Fleischansatzvermögen versucht man nun durch die Verabreichung hochwertigen Futters zu umgehen. Die Folge ist eine Verfettung durch überstarken Fettansatz. Um 1 kg Fett anzufüttern, wird im Vergleich zu 1 kg Fleisch eine dreifache Futtermenge benötigt.
Neben dem Rahmen des Tieres ist die erb- und z. T. auch umweltbedingte Futterverwertung eine Voraussetzung für das Erreichen des gewünschten Gewichtes.
Wie sollte nun gefüttert werden? Es ist uns der relativ große Verdauungsapparat des Kaninchens bekannt. Ein großer Verdauungsapparat lässt darauf schließen, dass rohfaserreiche (voluminöse) Nahrung gut verwertet wird. Dieser Rückschluss trifft nach den heutigen Erkenntnissen nicht mehr ganz zu. Das hohe Verwertungsvermögen von Rohfaser durch Wiederkäuer wird vom Kaninchen nicht erreicht.
Ein einfacher Weg wäre die Verabreichung des heutigen pelletierten Fertigfutters in entsprechenden Rationen. Die Anweisung ist in jedem Prospekt enthalten und durch exakte Versuche er- mittelt. Wir haben hier die Wahl zwischen einem sog. Kombifutter und einem Alleinfutter. Das Kombifutter ist energiereicher und gestattet den problemlosen Einsatz von wirtschaftseigenen Futtermitteln.
Das Alleinfutter bzw. Zuchtfutter ist darauf abgestimmt, dass ein Einsatz anderer Futtermittel unnötig ist. Falls hier eine eigene Rezeptur verwendet wird, ist eine ordnungsgemäße Ernährung in Frage gestellt. Es ist die risikoärmste Fütterungsart für das Kaninchen, wenngleich auch eine der teuersten.
Ältere Züchter, die auch die knappen Zeiten erlebt haben, behaupten immer, dass es auch ohne Industriefutter gelingt. Ich gebe diesen Züchtern recht, wenngleich ein Industriefutter einfacher und sicherer in der Verabreichung ist.
Zur optimalen Ernährung gehört die Kenntnis der Inhaltsstoffe der Futtermittel. Wenn ich diese Daten kenne, so ist es durchaus möglich, ein Kaninchen optimal zu füttern. Entsprechende Futterwerttabellen werden von der DLG herausgegeben.
Ziel einer Fütterung soll nicht nur eine Sättigung des Tieres sein, sondern auch eine Ausrichtung des Nährstoffbedarfes am Tier. Als Beispiel ist eine alleinige Fütterung mit Heu anzuführen. Mit Heu kann ich mit Sicherheit ein Kaninchen satt füttern. Nur reicht die Menge des aufgenommenen Futters nicht aus, um den Nährstoffbedarf völlig zu decken. Das Tier deckt seinen Nährstoffbedarf aus den körpereigenen Reserven und magert ab.
Zur Bedarfsermittelung müssen wir die gewünschte Leistung des Tieres berücksichtigen. Ausgewachsene Tiere in Zuchtruhe benötigen nur ein Erhaltungsfutter. Mangold-Fangauf fordert für ein Kaninchen der mittelschweren Rassen je Kilogramm Körpergewicht und Tag.
2 g verdauliches Eiweiß, 20 g stickstofffreie Nährstoffe =
insgesamt 22 g Gesamtnährstoffe.
Bei einem Gewicht von 4 kg ist damit nur ein Erhaltungsfutter mit 88 g Gesamtnährstoffen nötig. Das Verhältnis von Eiweiß: Stärke sollte max. 1:10 betragen. Aus der Futterwerttabelle könnte z. B. die nachfolgende Ration alle Forderungen erfüllen.
20 g Hafer
50 g Heu
600 g Futterrüben
Die angegebenen Komponenten sind austauschbar. Für uns ist nur wichtig, dass das Eiweiß-Stärke-Verhältnis von 1:10 nicht überschritten wird, d. h. wir müssen bei Zusammenstellung der Ration darauf achten, dass je Gramm verdauliches Eiweiß bis zu 10 g stickstofffreie Nährstoffe zur Verfügung stehen. Bei einem zu weiten Nährstoffverhältnis kann durch das begrenzte Futteraufnahmevermögen des Tieres der Erhaltungsbedarf nicht mehr gedeckt werden. Mit steigender Leistung steigt auch der Nährstoffbedarf.
Nehmen wir als Beispiel einen Pkw: Läuft der Motor im Stand, so ist der Verbrauch gering (Erhaltungsfutter). Bei Vollgasfahrten auf der Autobahn und bei maximaler Auslastung des Motors haben wir einen erheblichen Mehrverbrauch. Zwischen beiden Extremen gibt es ein Optimum, d. h. den Bereich, wo der Kraftstoff bestmöglich ausgenutzt wird.
Bei Zuchtbenutzung wird von der Häsin eine Leistung verlangt, die mit der Dauer der Trächtigkeit ansteigt. Mangold und Fangauf haben für eine trächtige Häsin je Kilogramm Körpergewicht und pro Tag folgenden Bedarf ermittelt:
3,5 g verdauliches Eiweiß und 25 g stickstofffreie Nährstoffe
= 28,5 g Gesamtnährstoff/kg und Tag.
Das Eiweiß-Stärke-Verhältnis sollte 1:7 nicht überschreiten. Für den Züchter ist das gleichbedeutend mit einer erhöhten Eiweißzufuhr. Beispiel einer Ration:
40 g Hafer
100 g Heu und 460 g Maissilage.
Die Leistungsanforderung zur Säugezeit liegt noch erheblich über denen zur Trächtigkeit. Fangauf ermittelte hier folgende Werte:
6,5 g verdauliches Eiweiß und 30 g stickstofffreie Nährstoffe =
36,5 g Gesamtnährstoffe/kg und Tag.
Das Eiweiß-Stärke-Verhältnis sollte 1:4,6 nicht überschreiten. Wir sind jetzt gehalten, der säugenden Häsin ein hochwertiges Futter zu verabreichen.
Wie kann ich feststellen, ob die Futterration dem Bedarf angepasst ist?
Beispiel:
Eine säugende Häsin der Rasse Deutsche Riesen, grau, Gewicht 7 kg. Der Bedarf beträgt: 6,5 g verdauliches Eiweiß/kg =
6,5 x 7 kg Lebendgewicht = 45,5 g
30,0 g stickstofffreie Nährstoffe/kg
30,0 x 7 kg Lebendgewicht = 210,0 g
Gesamtnährstoffe 255,5 g
Verhältnis von Eiweiß: Stärke = 1:4,6. Die Häsin hat damit bei 7 kg Lebendgewicht einen Bedarf von ca. 256 g Gesamtnährstoff pro Tag.
Folgende Futtermittel stehen z. B. zur Verfügung: Weizen, Möhren, Luzerneheu. Ration A:
150 g Weizen – 200 g gutes Luzerneheu – 200 g Mohrrüben
1 kg Weizen enthält: 91 g verdauliches Eiweiß,742 g Stärkeeinheiten
1 kg Luzerneheu enthält: 163 g verdauliches Eiweiß 424 g Stärkeeinheiten
1 kg Mohrrüben enthält: 8 g verdauliches Eiweiß 78 g Stärkeeinheiten
Danach enthalten:
150 g Weizen: 13,6 g verd. Eiweiß 111,3 g Stärkeeinheiten
200 g Luzerneheu: 32,6 g verd. Eiweiß 84,8 g Stärkeeinheiten
200 g Mohrrüben: 16,0 g verd. Eiweiß1 5,6 g Stärkeeinheiten
63,7 g verd. Eiweiß 223,0 g Stärkeeinheiten
Die Ration enthält lt. DLG-Futterwerttabelle 286,70 g Gesamtnährstoffe. Das Eiweiß-Stärke-Verhältnis beträgt 1:3,50.
Die Gesamtnährstoffe und das enge Nährstoffverhältnis machen deutlich, dass hier über den Bedarf hinaus gefüttert wird. Es ist daher möglich, z. B. den Weizen gegen billigeren Hafer auszutauschen.
Mit dieser Ration ist nicht nur der Nährstoffbedarf gedeckt, sondern auch der Magen gefüllt. Das Kaninchen ist satt gefüttert und hat kein Hungergefühl mehr.
Anhand dieser Beispiele und einer entsprechenden Futterwerttabelle können wir nicht nur den täglichen Bedarf, sondern auch den Jahresbedarf für unseren Tierbestand berechnen und evtl. Einkäufe danach tätigen.
Eine weitere Möglichkeit bietet sich durch die Berechnung der Preiswürdigkeit von Futtermitteln. Durch die Angabe der Inhaltswerte auf den Sackanhängern beim Fertigfutter und durch Kenntnis der Werte der wirtschaftseigenen Futtermittel ist es leicht, das Verhältnis zwischen Preis und Nährstoffen festzustellen.
Für die Zuchtwarte in den Vereinen bietet sich hier ein breites Tätigkeitsfeld an, indem sie ihre Züchter über einen sinnvollen Einsatz der Futtermittel aufklären.
Literatur:
Haustiergenetik und Tierzüchtung von Johansson, Redel, Gravert.
Die Kaninchenfütterung von J. Jaeger,
Rassekaninchenzucht von Dr. F. K. Dorn,




