Die Weißen Neuseeländer

Dr. Manfred Golze, Bockelwitz – „Das Blaue Jahrbuch“ 2015

Was haben Weiße Neuseeländer, weiße Puten, weiße Amerikanische Leghorn und weiße Amerikanische Pekingenten gemeinsam?

Auf den ersten Blick: die Farbe. Die Farbe Weiß ist bei allen vier Tierarten und Rassen nicht ohne Bedeutung für die Verwendung in der Wirtschaftstierhaltung. Bei den Kaninchen spielt die einheitlich weiße Farbe des Fells eine größere Rolle noch aus der Zeit der optimalen Fellnutzung, da man diese gut und gleichmäßig mit jeder Farbe einfärben kann. Bei den drei Geflügelarten spielt die weiße Gefiederfarbe bezüglich des Schlachtkörperwerts eine Rolle. Wichtiger ist aber: Alle genannten Rassen sind Ausgangspunkt für die bedeutendsten Wirtschaftsrassen oder Genotypen ihrer Spezies. Die Bedeutung im Wirtschaftssektor ist sehr groß, der Bestand der einzelnen Zuchten der alten Ausgangsrassen dagegen inzwischen sehr klein und oftmals in starkem Maße gefährdet. Deshalb sollen gefährdete Kaninchenrassen kurz vorgestellt werden.

Zuchtgeschichte

Die Weißen Neuseeländer wurden vor dem Zweiten Weltkrieg in Kalifornien erzüchtet. Zu ihrer Entstehung gibt es keine verlässlichen Angaben. In einigen Literaturquellen wird darauf hingewiesen, dass Riesenkaninchen verwendet wurden, um die entsprechende Größe zu erreichen. Ahnen sind die ähnlichen Roten Neuseeländer, die bereits als Wirtschaftsrasse vorhanden waren, und die Angorakaninchen, von deren Seite der Albinismus, d.h. die Fellfarbe Weiß, die Krallenfarbe und die roten Augen stammen. Die ersten beiden Weißen Neuseeländer kamen 1958 nach Großbritannien, kurz darauf nach Deutschland. Sie wurden erstmals bei der Europaschau in Essen 1960 und der Landwirtschaftsausstellung in Markkleeberg 1964 gezeigt.

Durch seine sehr guten Nutzeigenschaften breitete sich die Rasse stark aus. Kaninchen dieses Typs werden weltweit zur Fleischerzeugung gehalten. In Amerika war diese Rasse als »Superkaninchen« angekündigt worden und wurde auch als reines Fleischkaninchen gezüchtet. Den deutschen Züchtern ist es gelungen, die bei der Wirtschaftskaninchenzucht ursprünglich vorhandene Wamme sehr stark zu verkleinern oder wegzuzüchten. Kopflastige Typen sollte man besonders bei den Häsinnen nicht akzeptieren.

Kennzeichen der Rasse

Die Weißen Neuseeländer verkörpern wie kaum eine andere Rasse den Typ des Fleischkaninchens. So kommt der Rasse auch in der kommerziellen Kaninchenfleischerzeugung, ob in Reinzucht, als Hybrid oder Kreuzungspartner, eine große Bedeutung zu. Sie zeichnen sich durch sehr hohe Fruchtbarkeit, Frühreife und rasches Wachstum aus. Das Normalgewicht beträgt 4 kg, wobei sie eine gedrungen wirkende blockige Form aufweisen. Der Körper ist kurz, breit und voll bemuskelt. In den USA als reines Fleischkaninchen gezüchtet, werden für die Rammler 4,1 bis 5 kg Gewicht und für die Häsinnen 4,5 bis 5,4 kg angegeben. Das Idealgewicht dort beträgt für Rammler 4,5 und für Häsinnen 5 kg. Als besonders typvoll gilt neben der weißen Farbe und dem Körperbau ein Kopf, der besonders kurz und kräftig ist, wobei Stirn und Schnauze breit herauskommen. Dazu kommen etwas kürzere, relativ fleischige Ohrmuscheln mit kurzen, angesetzten Ohren.

0,1 Weiße Neuseeländer (Foto: Dr. Golze)

Die Weißen Neuseeländer stellen keine besonderen Anforderungen an Zucht und Haltung sowie Fütterung im Vergleich zu den anderen mittleren und größeren Kaninchenrassen. Neben der Optimierung der Umweltbedingungen und der Haltung ist besonders die bedarfsgerechte Fütterung für eine hohe Reproduktionsleistung und schnelles Jugendwachstum sowie Mastleistung wichtig. Dann sind die Jungtiere bei optimaler Fütterung bereits mit 3 Monaten bei 1,5 kg Gewicht angelangt. Die Weißen Neuseeländer zählen zu den mittelgroßen Normalhaarrassen. Eine Mindestanforderung an Fläche und Raum je Einzeltier sollte sicherstellen, dass jedem Tier 0,68 m² bei einer Boxengröße von 85×80 cm und einer Stallhöhe von 60 cm zur Verfügung stehen.

Ausgewählte Leistungsdaten

Anbei sollen ein paar Werte zu Schlachtleistung, Schlachtkörperwert und Fleischqualität den hohen Nutzwert der Weißen Neuseeländer unterstreichen. In einem Versuch des Autors wurden Weiße Neuseeländer mit einem Gewicht von 3.150 g geschlachtet. Sie hatten eine Schlachtausbeute von 59,2 % (inkl. Kopf und verzehrbaren Innereien) und damit ein Schlachtkörpergewicht von 1.865 g. Der Fleischanteil betrug 79,1%, der Fettanteil 6,4 % und der Knochenanteil 14,4 %. Bezüglich Fleischinhaltsstoffen wiesen diese Tiere einen Rohproteinanteil von 21,9 %, einen Rohfettanteil von 2,7 %, Asche von 1,1 % und Wasser von 74,1% auf.

Gefährdungsgrad und Bestandsentwicklung

Das bundesweite Monitoring registrierte 2012 nur noch 600 Zuchten mit insges. 3.225 Zuchttieren (Rückgang zu 2006: 38 %). Diese die Wirtschaftskaninchenzucht begründende Rasse sollte in der Rassekaninchenzucht nicht verloren gehen und wieder stärkere Verbreitung in Deutschland finden.

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Bernhard Pickert
1948 am Stadtrand von Berlin geboren und im elterlichen Einfamilienhaus mit großem Garten aufgewachsen, kam ich seit frühester Kindheit in den Kontakt mit dem dort gehaltenen Kleinvieh, wie etwa der Milchziege, Hühnern, Enten, Kaninchen und einem großen Haushund. Damals eine normale Situation, denn Kleintierhaltung nebst Bewirtschaftung der eigenen Scholle war weit verbreitet, denn die Erzeugung von Gartenbau- und Tierischen Erzeugnissen unterstützte die familiäre Eigenversorgung, in einer gerade nicht im Überfluss strotzenden Zeit, gleich nach dem 2. Weltkrieg. Erinnerung an diese Zeit ist noch wach, als ich als Grundschüler bei der Futterbeschaffung des heimischen Viehs helfen musste. Für die Enten wurde beispielsweise in den damals vorhandenen Entwässerungsgräben Entengrütze gefischt und für die Kaninchen Grünfutter von den überall noch vorhandenen, brach liegenden Freiflächen geholt. Derweil sich die Zeit hinsichtlich der Versorgungslage verbesserte, wurde von den Eltern das Kleinvieh alsbald reduziert. Kaninchen, die für den Festtagsbraten vorgesehen waren, aber blieben. Als in der Nachbarschaft einer der heimischen Kleintierzuchtvereine eine Ausstellung veranstaltete, kamen mir erstmals Rassekaninchen zu Gesicht. Die Veranstalter erkannten meine Begeisterung für Tiere und in dessen Folge wurde ich als 12jähriger Junge in den ortsansässigen Verein aufgenommen. Meine leidenschaftliche Verbundenheit zur organisierten Rassekaninchenzucht wurde somit geweckt, was schließlich dazu führte, mich umfassend mit diesem Thema zu beschäftigen und über Jahrzehnte Literatur und anderweitige schöne Dinge zusammenzutragen, die irgendwie eine Verbindung zum Kaninchen haben. Wohlwissend, dass es andere ähnlich begeisterte Idealisten gibt, ist über Jahrzehnte ein Archiv entstanden, welches Elemente dokumentiert, auf welche anderswo kaum direkter Zugriff besteht. Initiator für diese bleibende „Leidenschaft“ ist eigentlich der 1983 verstorbene Fachautor und Kleintierkenner Werner Karl Georg Moebes, welchen ich 1970 bei einer Kleintierausstellung kennen lernte und sogleich von seiner Persönlichkeit und seinem umfassenden Wissen begeistert war.