Fritz Joppich, Brieselang bei Berlin „Das Blaue Jahrbuch“ 1958

Alle bisherigen Bemühungen, sowohl aus früheren Jahren als ebenso aus der Nachkriegszeit die Kaninchenhaltung zu einem bäuerlichen Betriebszweig zu gestalten, haben aus verschiedenen Gründen, auf die hier nicht näher eingegangen werden soll, nicht zu einem Erfolg geführt. Noch ist die Kaninchenzucht und -haltung weitaus in der Hauptsache in den Händen ganz anderer Kreise, die sich über die Futterfrage weit mehr Gedanken zu machen haben. Kaninchenzüchter inmitten der Stadt haben die größten Sorgen. Auch die großen neuen Bauvorhaben durch städtebauliche Planungen, die für die neuzeitliche Wohngestaltung manche Kleintierhaltung am alten Platz unmöglich machen, wirken sich, und zwar nicht nur bei uns beängstigend auf die Zucht und Haltung von Kleintieren aus. Es ist daher ganz verständlich, dass sich die Kaninchenhaltung noch mehr als bisher in die Außenbezirke der Stadtrandsiedlungen und Kleingartenanlagen verlagert. Dort sind ja auch die Vorbedingungen für eine wirtschaftliche Kaninchenzucht und -haltung viel besser zu lösen. Die allgemeine Kaninchenhaltung war schon früher, und ist es heute noch, in erster Linie abgestellt auf die Nutzung der Tiere für den eigenen Haushalt, solange wir nur Kleinstzuchten, die neben der sonstigen Tagesarbeit betrieben werden, besitzen.

Mit der Lösung der Platz- und Futterfrage steht und fällt die volkswirtschaftliche Bedeutung der Kaninchenzucht. Hinsichtlich des Futterbedarfes und der Futterverwertung ist gar kein Hehl daraus zu machen, dass das Kaninchen im Vergleich zu einigen anderen Haustieren viel Futter benötigt und nicht die beste Ausnützung für die Umsetzung zu Fleisch und Fett gegeben ist. Für die Haltung von Kaninchen spricht jedoch allein schon der Umstand, dass diese dort noch gut gedeihen und mit dem absoluten Futter, d. h. solchem Futter, welches durch keine andere Haustierart genutzt werden kann, beachtliche volkswirtschaftliche Erträge bringt. Es ist also in der Tat so, dass einige Kaninchen da noch immer gehalten werden können, wo eine Unterbringung und Versorgung anderer Kleintiere nicht mehr möglich ist. Das besagt keineswegs, dass man Kaninchen nun in jedes dunkle Loch stecken kann. Zu ihrem Gedeihen gehört eine ordnungsgemäße Unterbringung, wie sie für jede andere Kleintierart auch erforderlich ist. Noch wichtiger ist aber eine geregelte Futterversorgung das ganze Jahr hindurch. Abgesehen von der sportlich betriebenen Zucht zur Erzielung besonderer Rassemerkmale, seien sie nun farblicher oder körperlicher Art, wird die Kaninchenhaltung in überwiegendem Umfange nicht um ihrer selbst willen betrieben, sondern sie dient der Verwertung von Abfällen aus der Küche und des Gartens, die sonst ungenutzt verkommen. Diese allein genügen aber in den seltensten Fällen, zumindest nicht das ganze Jahr hindurch, so dass noch andere Futterquellen erschlossen werden müssen durch eigenen Futteranbau, Bearbeitung ungenutzter Ländereien, Sammlung von Futter aus der Nachbarschaft usw.

Art der Futtermittel und -mengen

Diese gestalten sich unterschiedlich, und es gibt kein Rezept und keine Anweisung, die für alle Zuchten gelten können. Es kommen dafür etwa folgende Gesichtspunkte in Erwägung:

a) Die Unterschiede in der Größe der Rassenbedingungen gemäß Abweichungen in der Futtermenge.

b) Große Rassen benötigen den meisten Platz und auch das meiste Futter.

c) Die jahreszeitlichen Unterschiede im Anfall des Futters sind zu berücksichtigen.

d) Das freie Futter ist bei jedem Züchter anders, d. h. dem einen stehen mehr, dem anderen weniger Abfälle am notwendigen Gesamtfutter zur Verfügung, auf die man sich einstellen muss.

e) Bei der Haltung kleiner Tierbestände wird nach anderen Regeln gefüttert als bei größeren Zuchten.

Das Grundfutter soll sich den naturgemäßen Gewohnheiten der Kaninchen anpassen. Es besteht aus Rauhfutter und Saftfutter; unter Rauhfutter ist Heu, Stroh und andere getrocknete Futterpflanzen, Kräuter und Gräser zu verstehen. Das Saftfutter ist zeitlich bedingt.

Die Futterverwertung ist in der Jugendzeit am besten.

Der Vorzug der Kaninchenhaltung gegenüber anderen Kleintieren, z. B. Hühnern, die für gute Leistungen konzentrierte Futtermittel benötigen, liegt ja gerade darin, dass wir ohne diese teuren und knappen Stoffe auskommen, wenn im Übrigen eine abwechslungsreiche Zusammenstellung des Futters erfolgt. Bezüglich der Verwendung von Kraftfuttermitteln, die in der Zuchtzeit und für besondere Leistungen bis zu einer gewissen Grenze notwendig und vertretbar sind, werden wir uns im Übrigen auch auf die wirtschaftspolitischen Belange einzustellen haben.

Im Allgemeinen ist es doch heute noch so, dass Kaninchen viel zu lange gehalten werden, bis deren Schlachtung erfolgt. Ich spreche hier nicht von den Zuchttieren, sondern habe die vielen Jungtiere im Auge, die zu Schlachtzwecken aufgezogen werden und die überwiegende Menge ausmachen. Durchweg werden sie erst im Alter von 8 bis 9 Monaten oder noch später geschlachtet. Daraus resultiert dann auch die Berechnung, dass das Kaninchen kein guter Futterverwerter ist, was für die bisher übliche Kaninchenzucht und -haltung zutreffend ist. Während der ersten Monate sieht die Sache jedoch anders aus. In diesem Lebensabschnitt ist die Futterverwertung beim Kaninchen nicht geringer als bei anderen Kleintieren. Das wirtschaftlichste Schlachtalter bei mittelschweren Rassen, mit denen bisher die besten Ergebnisse erzielt wurden, liegt bei etwa 4 Monaten Lebensalter. Mit zunehmendem Alter wird die Futterverwertung immer geringer, bis dann zuletzt bei einer zu langen Haltung der Tiere der Nutzen buchstäblich aufgefressen wird. In einigen anderen Ländern, in denen man sich bereits in größerem Umfange mit der Erzeugung von Schlachtkaninchen befasst, werden die Tiere bereits noch früher geschlachtet.

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Bernhard Pickert
1948 am Stadtrand von Berlin geboren und im elterlichen Einfamilienhaus mit großem Garten aufgewachsen, kam ich seit frühester Kindheit in den Kontakt mit dem dort gehaltenen Kleinvieh, wie etwa der Milchziege, Hühnern, Enten, Kaninchen und einem großen Haushund. Damals eine normale Situation, denn Kleintierhaltung nebst Bewirtschaftung der eigenen Scholle war weit verbreitet, denn die Erzeugung von Gartenbau- und Tierischen Erzeugnissen unterstützte die familiäre Eigenversorgung, in einer gerade nicht im Überfluss strotzenden Zeit, gleich nach dem 2. Weltkrieg. Erinnerung an diese Zeit ist noch wach, als ich als Grundschüler bei der Futterbeschaffung des heimischen Viehs helfen musste. Für die Enten wurde beispielsweise in den damals vorhandenen Entwässerungsgräben Entengrütze gefischt und für die Kaninchen Grünfutter von den überall noch vorhandenen, brach liegenden Freiflächen geholt. Derweil sich die Zeit hinsichtlich der Versorgungslage verbesserte, wurde von den Eltern das Kleinvieh alsbald reduziert. Kaninchen, die für den Festtagsbraten vorgesehen waren, aber blieben. Als in der Nachbarschaft einer der heimischen Kleintierzuchtvereine eine Ausstellung veranstaltete, kamen mir erstmals Rassekaninchen zu Gesicht. Die Veranstalter erkannten meine Begeisterung für Tiere und in dessen Folge wurde ich als 12jähriger Junge in den ortsansässigen Verein aufgenommen. Meine leidenschaftliche Verbundenheit zur organisierten Rassekaninchenzucht wurde somit geweckt, was schließlich dazu führte, mich umfassend mit diesem Thema zu beschäftigen und über Jahrzehnte Literatur und anderweitige schöne Dinge zusammenzutragen, die irgendwie eine Verbindung zum Kaninchen haben. Wohlwissend, dass es andere ähnlich begeisterte Idealisten gibt, ist über Jahrzehnte ein Archiv entstanden, welches Elemente dokumentiert, auf welche anderswo kaum direkter Zugriff besteht. Initiator für diese bleibende „Leidenschaft“ ist eigentlich der 1983 verstorbene Fachautor und Kleintierkenner Werner Karl Georg Moebes, welchen ich 1970 bei einer Kleintierausstellung kennen lernte und sogleich von seiner Persönlichkeit und seinem umfassenden Wissen begeistert war.

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