Richard Lampe, Berlin. Bl. Jahrbuch 1965

Alle Wiesen und Matten, alle Berge und Hügel sind Apotheken!

Paracelsus

In Mitteleuropa gibt es nicht weniger als etwa 1000 Pflanzenarten, die in der Volks- oder wissenschaftlichen Heilkunde verwendet wurden und auch heute noch benützt werden. Daher wurde eine genaue Auswahl getroffen. Ausgeschieden wurden von vornherein alle Gewächse, die in Deutschland nicht winterhart sind oder nur als Zimmer- oder Gewächshauspflanzen gehalten werden. Andere Arten wurden aus Gründen des Naturschutzes nicht behandelt. Ich schließe mit dem Wunsch, der Artikel möge in vielen Kleintier-Züchtern die Liebe zur heimatlichen Natur erhöhen, zur Volksgesundheit beitragen und auch ihren Kleintieren von Nutzen sein.

Beschreibung der einzelnen Heilpflanzen

Wurmfarn (Aspidium filix)

Vorkommen: Als schattenliebendes Staudengewächs ist der Wurmfarn in Gebüschen, Bachufern und dgl. verbreitet.

Kennzeichen: Aus dem daumendicken Wurzelstock erheben sich doppelt gefiederte grüne Wedel, oft über 1 m lange Blätter. Vom Spätsommer ab finden wir auf der Unterseite der Blätter zwei Reihen runde, braune Sporenhäufchen.

Anwendung: Aus dem Wurzelstock wird in Apotheken der Farnwurzelextrakt hergestellt, ein sicher wirkendes Bandwurmmittel (wird nur auf ärztliche Anordnung abgegeben).

Ackerschachtelhalm (Equisetum)

Vorkommen: Als „Unkraut" ist die ausdauernde, überall anzutreffende Pflanze besonders auf sandigen Böden, alten Tonkuhlen und Steinbrüchen heimisch.

Kennzeichen: Die Pflanze treibt im Frühjahr strohfarbige zarte, unverzweigte, rötliche Stängel, die an ihrer Spitze eine Sporenähre bilden.

Anwendung: Gesammelt werden nur die starren Sommertriebe. Der kieselsäurehaltige Schachtelhalmtee ist ein gutes harntreibendes Mittel bei Nieren- und Blasenleiden, nasser Rippfellentzündung und äußerlich als Gurgelwasser bei Mundfäule, Entzündungen des Augenlidrandes und Zahnfleischentzündungen anzuwenden.

Faulbaum (Frangula)

Vorkommen: In feuchten Buschwäldern und an Teichufern.

Kennzeichen: In den Achseln wechselständiger Blätter entspringen kurze Trugdolden. Aus den grünlichweißen Blüten entwickeln sich in Abständen grüne, dann rote und später schwarze Steinfrüchte (Beeren).

Anwendung: Gesammelt werden die reifen Beeren im September-Oktober, die Rinde im April und Mai. Der Tee (Abkochung von 3-5 g Rinde auf 1 Tasse beseitigt chronische Verstopfung mit ihren Neben- und Folgeerscheinungen.

Sanikel (Sanikula)

Vorkommen: In schattigen Buchenwäldern.

Kennzeichen: Am Grunde des zweiblättrigen hohen Stängel stehen handförmige Wurzelblätter. Die weißen, rot überhauchten Blüten bilden doldig angeordnete Köpfchen.

Anwendung: Kurz vor der Blütezeit Mai/Juni werden die Blätter geerntet. Der Tee wirkt innerlich reinigend und schleimlösend. Äußerlich dient die Abkochung als Gurgelwasser.

Salbei (Salvia)

Vorkommen: Südeuropa.

Kennzeichen: Vermehrt sich durch Ausläufer, die aromatisch duftende Staude besitzt kahle Sprossen, Blätter und Stängel sind gerötet oder rein grün. Die im Juni-Juli sich ausbildenden violetten Lippenblüten stehen in Trauben.

Anwendung: Vor der Blüte, Anfang Juni werden die Blätter gesammelt. Der Aufguss ist bei Katarrhen der Verdauungswerkzeuge warm zu empfehlen.

Spitzwegerich (Plantago)

Vorkommen: Auf trockenen Wiesen, an Wegrändern und Ackerrainen.

Kennzeichen: Aus der aus lanzettlichen Blättern gebildeten Rosette erheben sich etwa 20 cm lange Stängel, die je eine köpfchenartige oder kurz-walzenförmige Ähre kleiner Blüten tragen. Alle drei Wegericharten werden von unseren Hauskaninchen grün oder trocken gern genommen.

Anwendung: Der Spitzwegerich ist ein vorzügliches Mittel gegen Husten, Heiserkeit und Katarrhe der Atmungsorgane.

Kolbenbärlapp (Lycopodium)

Vorkommen: Die Pflanze (naturgeschützt) findet sich auf kieselsäurehaltigen Böden, in Nadelwäldern und Ödland.

Kennzeichen: Das stets grüne, moosartig erscheinende Gewächs kriecht mit langen, verzweigten Stängeln auf dem Boden. An den Spitzen der Äste erheben sich im Sommer die zu kolbenartigen Ähren gehäuften Sporenblätter.

Anwendung: Ohne die Pflanze auszureißen, schneidet man im Mai-Juni die reifen Sporenähren ab und schüttelt vorsichtig die gelben Sporen aus. Kann äußerlich als feines Pulver zum Trocknen wunder Körperstellen angewandt werden. Innerlich dient das Pulver als Mittel bei Blasen- und Steinleiden. Aus Gründen des Naturschutzes sollte mit dieser Pflanze recht sorgsam umgegangen werden.

Wacholder (Juniperus)

Vorkommen: Der seit ältesten Zeiten geschätzte Strauch findet sich häufig auf Heiden oder steinigen Triften oder als Unterholz in Kiefernwäldern.

Kennzeichen: Der immergrüne zweihäusige Strauch hat kurze, spitze Nadeln. Diese stehen in dreizähligen Quirlen. Die Früchte sind erbsengroße Scheinbeeren, die zuerst grün, dann schwarzbraun und im Herbst blau bereift erscheinen.

Anwendung: Im Spätherbst werden die nun reifen Beeren gesammelt und getrocknet. Sie enthalten ein ätherisches Oel und dürfen daher nur in kleinen Mengen eingenommen werden. Sie fördern die Verdauung und finden Verwendung bei Wassersucht, Gicht, Rheuma und nervösen Störungen. Der Wacholderstrauch steht seit dem Jahre 1936 unter Naturschutz. Nur das Pflücken der reifen Beeren ist gestattet.

Quecke (Agriopyrum)

Vorkommen: Als ausdauerndes, schwer ausrottbares „Unkraut" ist die Quecke auf Äckern und in Gärten, zum Leidwesen der Besitzer, recht häufig.

Kennzeichen: Der oft meterlange, im Erdboden verzweigte Wurzelstock kriecht im Boden und treibt schon Anfang des Jahres zahlreiche aufrechte Halme mit flachen Blättern.

Anwendung: Im März/April und im Herbst werden die unterirdischen Teile bei Gartenarbeiten gesammelt, gereinigt und an der Luft getrocknet. Sie enthalten fettes Oel, Kieselsäure, Salze organischer Säuren. Der Tee wirkt reizmildernd, harn- und schweißtreibend, „blutreinigend" und wird bei chronischen Katarrhen der Luftwege usw. angewandt.

Kalmus (Acorus)

Vorkommen: Seit Mitte des 16. Jahrhunderts hat sich das aus Asien stammende Aronstabgewächs bei uns in feuchten Gräben, an Teichrändern, an See- und Flussufern eingebürgert.

Kennzeichen: Die schilfähnliche, wohl 1 m hohe Pflanze hat einen kriechenden Wurzelstock, dieser bildet im Juni und Juli einen etwa fingerlangen, endständigen, gelblichgrünen Blütenkolben, der von einem langen, laubblattartigen Hüllblatt zur Seite gedrückt erscheint.

Die Vermehrung erfolgt nur durch den ziemlich dicken, flach im Boden kriechenden, stark würzig riechenden Wurzelstock.

Anwendung: Kalmus ist in der Hauptsache ein Magen- und Darmmittel, wirkt fördernd auf den Magen- und Darmkanal, fördert die Verdauung und beseitigt Blähungen. Durch seine blutbildende Kraft wird er besonders auch bei bleichsüchtigen und rachitischen Kindern angewandt. Die Tinktur ist ein gutes, kräftigendes und drüsenanregendes Mittel.

Knoblauch (Allium)

Vorkommen: Das wahrscheinlich aus Westasien stammende Zwiebelgewächs ist über Südeuropa zu uns gekommen. Es wird in Gärten oder feldmäßig angebaut.

Kennzeichen: Die Knoblauchzwiebel ist zusammengesetzt. In den Blütendolden finden sich neben wenigen Blüten zahlreiche Brutzwiebelchen. Haupt- und Nebenzwiebeln werden gemeinsam von mehreren trockenhäutigen Niederblättern umhüllt; die Nebenzwiebeln außerdem von eigenen Hüllen umgeben.

Anwendung: Knoblauch desinfiziert Magen und Darm, beruhigt den Magendarmkanal bei Durchfällen, wirkt günstig bei Arterienverkalkung und bessert daher Blutdruckbeschwerden und tötet gewisse Eingeweidewürmer. Die Abkochung in Milch oder Wasser (100 g auf 1l) wird als Einlauf gegen Maden- und Spulwürmer angewandt. Als Küchengewürz ist der Knoblauch eine stark aromatische Fleischwürze. Er gehört an bestimmte Wurstsorten und an fette Schweine- oder Hammelbraten.

Hopfen (Humulus)

Vorkommen: Wächst wild in Auwäldern, Ufergebüschen und Hecken, an Bach- und Flussufern; vielfach besonders in Bayern wird die weibliche Pflanze angebaut und verwildert.

Kennzeichen: Der Hopfen treibt jedes Jahr lange, rechtswindende Stängel mit 3-5lappigen Blättern. Die Blüten an der weiblichen Pflanze stehen in gestielten, dichtblütigen Scheinähren. Nur die weiblichen, zu Zapfen vereinigten Fruchtstände der zweihäusigen Staude kommt für die Heilkunde in Betracht.

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Bernhard Pickert
1948 am Stadtrand von Berlin geboren und im elterlichen Einfamilienhaus mit großem Garten aufgewachsen, kam ich seit frühester Kindheit in den Kontakt mit dem dort gehaltenen Kleinvieh, wie etwa der Milchziege, Hühnern, Enten, Kaninchen und einem großen Haushund. Damals eine normale Situation, denn Kleintierhaltung nebst Bewirtschaftung der eigenen Scholle war weit verbreitet, denn die Erzeugung von Gartenbau- und Tierischen Erzeugnissen unterstützte die familiäre Eigenversorgung, in einer gerade nicht im Überfluss strotzenden Zeit, gleich nach dem 2. Weltkrieg. Erinnerung an diese Zeit ist noch wach, als ich als Grundschüler bei der Futterbeschaffung des heimischen Viehs helfen musste. Für die Enten wurde beispielsweise in den damals vorhandenen Entwässerungsgräben Entengrütze gefischt und für die Kaninchen Grünfutter von den überall noch vorhandenen, brach liegenden Freiflächen geholt. Derweil sich die Zeit hinsichtlich der Versorgungslage verbesserte, wurde von den Eltern das Kleinvieh alsbald reduziert. Kaninchen, die für den Festtagsbraten vorgesehen waren, aber blieben. Als in der Nachbarschaft einer der heimischen Kleintierzuchtvereine eine Ausstellung veranstaltete, kamen mir erstmals Rassekaninchen zu Gesicht. Die Veranstalter erkannten meine Begeisterung für Tiere und in dessen Folge wurde ich als 12jähriger Junge in den ortsansässigen Verein aufgenommen. Meine leidenschaftliche Verbundenheit zur organisierten Rassekaninchenzucht wurde somit geweckt, was schließlich dazu führte, mich umfassend mit diesem Thema zu beschäftigen und über Jahrzehnte Literatur und anderweitige schöne Dinge zusammenzutragen, die irgendwie eine Verbindung zum Kaninchen haben. Wohlwissend, dass es andere ähnlich begeisterte Idealisten gibt, ist über Jahrzehnte ein Archiv entstanden, welches Elemente dokumentiert, auf welche anderswo kaum direkter Zugriff besteht. Initiator für diese bleibende „Leidenschaft“ ist eigentlich der 1983 verstorbene Fachautor und Kleintierkenner Werner Karl Georg Moebes, welchen ich 1970 bei einer Kleintierausstellung kennen lernte und sogleich von seiner Persönlichkeit und seinem umfassenden Wissen begeistert war.

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