Von Lothar Thormann, Waldheim „Das Blaue Jahrbuch“ 2013

Jedes Jahr verlieren Züchterfreunde, und dabei nicht nur unerfahrene Anfänger, Jungtiere aus ihrer Nachzucht. Wenn die Ausfälle ganze Würfe betreffen, entstehen für die betreffende Zucht erhebliche Rückschläge. Das lässt sich mit Fachkenntnissen und gutem Umgang mit den Kaninchen vermeiden.

Der bekannte Wissenschaftler und Kaninchenexperte Dr. Wolfgang Schlolaut hat schon mehrfach festgestellt, dass im Gegensatz zu anderen Nutztierarten unsere Hauskaninchen wegen Fütterungs- und Haltungsfehlern mit nachfolgenden Aufzuchtkrankheiten die höchsten Jungtierverluste sowohl in der gewerblichen wie in der hobbymäßigen Freizeitzucht aufweisen. Diese Feststellung müssen Rassezüchter wie auch Kaninchenhalter rückhaltlos bestätigen!

Wir sollten neben theoretischen Erkenntnissen dazu auch langjährige praktische Erfahrungen aus Zucht und Haltung hier und da mehr beachten.

Sorgfältiger Nestbau für die Würfe

Nicht wenige Züchterfreunde überlassen der tragenden Häsin ohne wesentliches Zutun allein den Nestbau und das Werfen. Da- bei gilt es, falls erforderlich, als Züchter den Tieren helfend zur Seite zu stehen.

Ein ausreichend großer, möglichst mit zusätzlicher Wurfkiste oder Wurfabteil versehener Stall ist rechtzeitig bereitzustellen. Am Zuchtjahresbeginn freie Buchten, die jedoch vorher nicht durch Rammler besetzt waren, können, mit Durchschlupf versehen, zu geräumigen Zuchtboxen mit Wurfabteil eingerichtet werden.

Gereinigt wird der Stall spätestens eine Woche vor dem Wurftermin. Reichlich weiche und trockene Einstreu kommen in den Wurfstall. Danach braucht die hoch tragende Häsin absolute Ruhe! Wir erwarten von den trächtigen Muttertieren, dass sie sorgfältig und pünktlich das Nest vorbereiten und anschließend problemfrei werfen.

Kommt es anders, gibt es verschiedene Ursachen: Fehlende, ausreichend große Stallabteile und deren zuchtgerechte Einrichtung. Oft wird übersehen, dass Unruhe im oder nahe dem Stall (durch Personen, andere Haustiere, Schadnager oder Lärm bzw. lästige Geräusche) den Wurfablauf erheblich beeinträchtigen können.

Kommen noch raues Stallklima mit Kälte und Zugluft dazu und fehlt das richtige, reichliche Nestbaumaterial, dann sind keine guten Vorzeichen für das reibungslose Werfen vorhanden. Die Häsin nimmt zum Trageende weniger Nahrung auf, benötigt jedoch zunehmend ständig sauberes Tränkwasser. Werden diese Vorbereitungen rechtzeitig abgeschlossen, werfen die Häsinnen in einer artgerechten Umgebung zumeist ohne Hindernisse. Passieren dennoch einige Unregelmäßigkeiten, vor allem bei unerfahrenen Erstlingshäsinnen, ist Soforthilfe durch den Menschen notwendig.

Leistet man diese Hilfe z. B. nach dem Verwerfen durch das Wärmen unterkühlter Jungtiere und das vorsichtige Einrichten eines neuen Nestes, kann der Wurf gerettet werden. Später, beim zweiten Wurf, erledigen junge Muttertiere meist ihre Aufgaben vorbildlich.

Nestkontrolle am Wurftag

Nicht wenige Züchterfreunde haben Hemmungen, am Wurftag oder am Morgen nach der Wurfnacht das Nest zu kontrollieren.

Man nimmt zur Nestkontrolle die Häsin vorsichtig aus der Wurfbucht und überblickt die Jungen im geöffneten Nest oder bei nicht zu kalter Umluft frei liegend daneben. Den eigenen sauberen Händen gibt man vor der Nestkontrolle durch Hineingreifen in die Einstreu sowie vorheriges Streicheln der Wurfhäsin einen vertrauten Stallgeruch. Mit den Fingerspitzen tastet man den Nestboden und auch die umliegende Einstreu nach toten oder verstreuten Jungtieren ab. Das Nest wird nach Rückgabe der Jungen vorsichtig geschlossen.

Das Säugen im Nest und danach

Liegen die Jungtiere im Nest ruhig und zeigen pralle, glatte Bäuche, gehen wir von einer ausreichenden Säugeleistung der Häsin aus. Hungrige Nestinsassen springen sofort nach oben, wenn man die flache Hand leicht auf das Nest legt. Nach dem Öffnen der Augen verlassen schlecht gesäugte Jungtiere bald zeitweise das Nest und suchen erstes festes Futter und auch die Wassertränke.

Im normalen Zuchtablauf haben Häsinnen von Beginn an bestimmte Säugezeiten mit Betreuung der Jungtiere durch Belecken und dem Abdecken des Nestes nach Ende des Säugens.

Hermelin-Rotaugen-Häsin mit Nachwuchs in der optimal vorbereiteten Wurfbox; die Jungtiere fühlen sich wohl darin. (Foto: L. Thormann)

Vorteilhaft ist, wenn man am Stall in aller Ruhe durch Beobachtung von diesen Vorgängen Kenntnis erhält und sofort er- fährt, wenn Unregelmäßigkeiten auftreten. Unzureichendes Säugen kann seitens der Häsin genetisch bedingt sein oder auch die Folge unzureichender Fütterung sowie fehlenden Tränkwassers sein.

Nicht zuletzt aus tierhygienischen Gründen sowie zur getrennten Aufnahme festen Futters der Jungen (das Futter der Zuchthäsin ist noch tabu!) nach Verlassen des Nestes sollte man die Zuchthäsin mittels Doppelbucht von ihrem Wurf trennen und nur zum Säugen täglich kurze Zeit zusammen lassen. Diese getrennte Aufzucht gewährleistet auch der Häsin mehr Ruhe vor dem Drängen der größer werdenden Jungtiere.

Das Füttern der Jungtiere

Überaus wichtig und entscheidend ist der Zeitpunkt, zu dem die Jungtiere nach Öffnung der Augen je nach ausreichender Säugeleistung der Häsin beginnen, das Nest zu verlassen und kurzzeitig an festem Futter zu knabbern.

In Wirklichkeit haben die Jungen bereits mit einem angeborenen Drang im Nest versucht, an dünnem Nestbaumaterial, wie Heu und Stroh, mit ihren Zähnchen etwas abzubeißen. Es ist deshalb richtig, das geeignete Nestbaumaterial durch den Züchter selbst rechtzeitig vorzubereiten und auch hinsichtlich der ersten Fressversuche auszuwählen. In meiner Zucht lege ich dem Wurf von Beginn an ein wenig Heu auf das Nest für erste Fressversuche. Am nächsten Tag ist das Heu fast aufgebraucht.

Das gehaltvolle Futter der Häsin dürfen die Jungen nicht fressen. Hier besteht die große Gefahr erster Jungtierverluste durch falsche Fütterung. Die Häsin ist deshalb, wie schon gesagt, getrennt vom Wurf zu füttern oder erhält das Futter in erhöht angebrachten Wandnäpfen bzw. aus Pellet Automaten, die von den Jungen nicht erreicht werden können.

Bei der Heufütterung ist zu beachten, dass vom ersten Tag des „Freilaufes in der Bucht“ die Jungtiere das Heu erreichen und fressen können.

Kann die Häsin nicht von den noch säugenden, aber schon fressenden Jungen getrennt werden, muss dem Muttertier in angepasster größerer Menge das für die Jungen verträgliche Starterfutter gereicht werden.

Die Verwendung von speziellen Jungtierpellets bzw. Starterfutter hat sich nicht nur in meiner Fütterung, sondern bei unzähligen Züchterfreunden bestens bewährt.

Es ist davon auszugehen, dass der Verdauungstrakt junger Kaninchen nur allmählich in der Lage ist, energiehaltiges Futter der Alttiere, insbesondere das der säugenden Häsinnen, in kleinsten Mengen zu verarbeiten.

Dr. Schlolaut betont ausdrücklich, dass in der Unkenntnis über den richtigen Futtereinsatz die Gründe für Aufzuchtverluste liegen.

Zu den Fütterungsfehlern gehören:

Die fehlende Berücksichtigung des Mischfuttertyps, wonach die drei Alleinfuttertypen Zucht-, Mast- und Aufzuchtfutter (Kaninchenstarter) bei der Jungtierfütterung streng auseinanderzuhalten sind.

Pelletiertes Alleinfutter für Zucht- und Mastkaninchen erhöht das Krankheitsrisiko, wenn es vor der 8. Lebenswoche verfüttert wird.

Das Gleiche gilt für die „kostensparende“ Beifütterung von Getreide, insbesondere Weizen, oder trockenen Alt-Back waren.

Werden diese Hinweise nicht beachtet, sind häufig Darmerkrankungen, wie z. B. akute Dysenterie und seuchenhafte Enteropathie (auch Enterocolitis) die Folge.

Das Absetzen und Tränken von Jungkaninchen

Würfe sollten spätestens im Alter von 8 Wochen durch Umsetzung der Mutterhäsin abgesetzt und schrittweise nach Geschlechtern getrennt werden.

Bis zum Alter von 12 bis 14 Wochen oder länger werden die abgesetzten Tiere weiter mit Starter-Jungtierfutter versorgt. Auch danach hat der Übergang zum Futter erwachsener Kaninchen allmählich und mit viel Heu zu erfolgen.

Jungtiere nehmen bereits zeitig beim Auslauf in der Wurfbucht und natürlich mit zunehmendem Alter das Tränkwasser an.

Besonders bei Fütterung altersgerechter Pellets ist eine ständige Tränke im Stall unentbehrlich. Aber auch Häsinnen mit nicht ausreichender Milchleistung bewirken, dass die Jungtiere Tränkwasser benötigen.

Nicht überall ist zu sehen, dass Würfe mit Muttertier auch in unterschiedlicher Höhe befestigte Tränkflaschen bzw. Tränkgefäße zur Verfügung haben.

Werden diese Züchtererfahrungen und Hinweise der praxisverbundenen Wissenschaftler streng befolgt, lassen sich Jungtierverluste im Jahresablauf vermeiden. Dazu wünsche ich allen Beteiligten viel Erfolg!

Quellennachweis:

(1) Dr. W. Schlolaut: „Krankheitsvorbeugung durch artgemäße Aufzucht des Hauskaninchens", Lehr- und Infoschrift des ZDRK 2008, Seite 71 ff.

(2) Dipl.-Ing. (FH) L. Thormann: „Kaninchen pflegen, züchten und ausstellen", Verlag Oertel+Spörer, Reutlingen, 2005, S. 38 ff.

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Bernhard Pickert
1948 am Stadtrand von Berlin geboren und im elterlichen Einfamilienhaus mit großem Garten aufgewachsen, kam ich seit frühester Kindheit in den Kontakt mit dem dort gehaltenen Kleinvieh, wie etwa der Milchziege, Hühnern, Enten, Kaninchen und einem großen Haushund. Damals eine normale Situation, denn Kleintierhaltung nebst Bewirtschaftung der eigenen Scholle war weit verbreitet, denn die Erzeugung von Gartenbau- und Tierischen Erzeugnissen unterstützte die familiäre Eigenversorgung, in einer gerade nicht im Überfluss strotzenden Zeit, gleich nach dem 2. Weltkrieg. Erinnerung an diese Zeit ist noch wach, als ich als Grundschüler bei der Futterbeschaffung des heimischen Viehs helfen musste. Für die Enten wurde beispielsweise in den damals vorhandenen Entwässerungsgräben Entengrütze gefischt und für die Kaninchen Grünfutter von den überall noch vorhandenen, brach liegenden Freiflächen geholt. Derweil sich die Zeit hinsichtlich der Versorgungslage verbesserte, wurde von den Eltern das Kleinvieh alsbald reduziert. Kaninchen, die für den Festtagsbraten vorgesehen waren, aber blieben. Als in der Nachbarschaft einer der heimischen Kleintierzuchtvereine eine Ausstellung veranstaltete, kamen mir erstmals Rassekaninchen zu Gesicht. Die Veranstalter erkannten meine Begeisterung für Tiere und in dessen Folge wurde ich als 12jähriger Junge in den ortsansässigen Verein aufgenommen. Meine leidenschaftliche Verbundenheit zur organisierten Rassekaninchenzucht wurde somit geweckt, was schließlich dazu führte, mich umfassend mit diesem Thema zu beschäftigen und über Jahrzehnte Literatur und anderweitige schöne Dinge zusammenzutragen, die irgendwie eine Verbindung zum Kaninchen haben. Wohlwissend, dass es andere ähnlich begeisterte Idealisten gibt, ist über Jahrzehnte ein Archiv entstanden, welches Elemente dokumentiert, auf welche anderswo kaum direkter Zugriff besteht. Initiator für diese bleibende „Leidenschaft“ ist eigentlich der 1983 verstorbene Fachautor und Kleintierkenner Werner Karl Georg Moebes, welchen ich 1970 bei einer Kleintierausstellung kennen lernte und sogleich von seiner Persönlichkeit und seinem umfassenden Wissen begeistert war.