Willi Römpert, Reilingen (Baden) – „Das Blaue Jahrbuch“ 1962

Die Kaninchen- und Kleintierausstellungen, die mit Recht als unsere Erntedankfeste bezeichnet werden, hatten schon seit jeher einen sehr großen Anteil an der Entwicklung der Kaninchenzucht, denn so lange Rassezucht betrieben wird, so lange besteht bei den Kaninchenfreunden auch der Wunsch, im friedlichen Wettstreit mit Gleichgesinnten das züchterische Können unter Beweis stellen zu können. Aus kleinsten Anfängen heraus entwickelte sich so in verhältnismäßig kurzer Zeit ein ausgeklügeltes, durchdachtes Ausstellungswesen, das von der kleinen Lokalschau bis hinauf zu der alles überschattenden Bundesausstellung beredtes Zeugnis vom Schaffen der deutschen Züchter und der großen volkswirtschaftlichen Bedeutung der Kaninchenzucht ableg

t. Die Verantwortung und Pflichten, die eine jede Ausstellungsleitung mit der Übertragung einer Veranstaltung übernimmt, sind im Hinblick auf die ehrenvolle Tradition und das Ansehen, das die deutsche Kleintierzucht im In- und Auslande genießt, nicht zu unterschätzen und überaus groß. Sie fordern von allen Beteiligten und Verantwortlichen großes Pflichtgefühl, eine Menge Zeit und manches Opfer materieller und ideeller Art. Das Bestreben einer jeden Schauleitung muss darauf hinzielen, dass eine jede Veranstaltung, ganz gleich, ob es sich um eine Lokal-, Kreis-, Landes- oder Allgemeine Ausstellung handelt, neben dem friedlichen Wettbewerb, der dem Züchter ein Urteil über seine im abgelaufenen Zuchtjahr geleistete Arbeit vermitteln soll, vor allem auch der Werbung für die Kaninchenzucht und zur Belehrung von Anfängern und Interessenten zu dienen hat.

Die Aufgabe der Werbung und Belehrung, die allen Ausstellungen gleichermaßen zufällt, ist derart wichtig, dass sie es verdient, wieder einmal näher beleuchtet zu werden, zumal in den letzten Jahren viele Neulinge zu uns gestoßen sind, die sich auf Grund ihrer Fähigkeiten den Ausstellungsleitungen als Mitarbeiter anbieten. Während vieler Jahre und bei vielen Gelegenheiten habe ich die Beobachtung machen können, dass ein großer Teil aller kleinen und mittleren Ausstellungen wohl dem eingefleischten Züchter einige genussreiche Stunden bieten können; doch für den Kleintierhalter und ganz besonders den Laien sind sie viel zu eintönig und dadurch uninteressant. Der Erfolg dieser nach veraltetem Muster aufgezogenen Ausstellungen sind in der Regel geringe Besucherzahlen und mangelhafte Werbemöglichkeiten. Wenn wir für unsere werteschaffende Kaninchenzucht werben wollen, dann müssen wir Mittel und Wege suchen, unsere Veranstaltungen so aufzuziehen, dass sie alle Besucher, den Laien und Züchter gleichermaßen ansprechen und zufrieden- stellen. Lange, kaum enden wollende Käfigreihen, wie man sie leider noch sehr häufig antreffen kann, gehören mit ihren gepflegten Insassen zwar für uns Eingefleischte gleichsam zu unserer Welt, auf den Laien und Neuling wirken sie jedoch viel zu langweilig und eintönig. Selbst das Ausschmücken dieser endlosen Käfigreihen mit Tannenreisern und Grünpflanzen kann hier nur wenig Abhilfe schaffen. Besser wirken indessen Unterbrechungen innerhalb der einzelnen Käfigreihen, wie man sie heute auf gut aufgebauten Ausstellungen schon öfter einmal antreffen kann. Wenn die dadurch entstandenen Lücken von unseren Züchterfrauen geschmackvoll mit Erzeugnissen aus Fellen, Wolle und Fleisch überbrückt werden, dann wird ein abwechslungsreiches, wirkungsvolles Ausstellungsbild erzielt, das in jedem Falle bei den Besuchern einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen wird. Die auf diese Weise zur Schau gestellten Produkte kommen inner- halb der einzelnen Käfigreihen weit mehr zur Geltung, als wenn sie eintönig auf Tischen längs der Wand des Ausstellungslokals Aufstellung finden. Eine Ausstellung, auf der keine Erzeugnisse aus der Kaninchenzucht gezeigt werden, ist nach meinem Dafürhalten nur eine halbe Sache, denn sie hat ihren tieferen Sinn, den der Werbung und Belehrung, verfehlt. Es sollte und muss Aufgabe unserer Züchterfrauen sein, hier helfend mitzuwirken, denn geschmackvoll aufgemachte Gerichte aus Kaninchenfleisch werden ihre Werbewirkung nie verfehlen, sind es doch Genüsse für den Feinschmecker, die sich der kleine Mann häufig nur dann leisten kann, wenn er Kaninchenhalter ist.

Zur Belebung einer jeden Ausstellung tragen kleinere Gehege, die mit Jungtieren oder Häsinnen mit Jungen, Rasse- und Ziergeflügel besetzt sind, vorteilhaft bei. Sind diese Volieren so beschaffen, dass sich ihre Insassen darin ungezwungen bewegen können, dann bilden sie einen Anziehungspunkt für jede Ausstellung und werden von Besuchern, die an dem munteren Getue und Gebaren der Tierchen ihre Freude haben, stets umlagert sein. Die Gehege gewinnen noch mehr, wenn sie natürlich angelegt werden und wenn Attrappen vorschriftsmäßiger Stallungen, zweckdienliche Futtergeräte und Tränken darin Aufnahme finden. Als Leiter einer großen, mit dreieinhalbtausend Kaninchen beschickten Ausstellung hatte ich Gelegenheit, die Meinung der sehr zahl- reichen Besucher, darunter sehr vieler Laien, über eine größere Anzahl Volieren, die mit Kaninchen, Rasse- und Ziergeflügel besetzt waren darunter ein großes Freigehege, ein Schwarzwälder Bauernhof, in dem sich Tauben, Zwerghühner und Kaninchen in voller Freiheit tummelten lassen. Das Ergebnis dieser Meinungsforschung war überwältigend und ermutigend zugleich, denn es gab kaum eine Frau, die nicht ihren Herrn Gemahl auf diese Blickfänge aufmerksam machte und voll des Lobes war; ganz besonders die jugendlichen Besucher gaben ihre Begeisterung darüber offen kund.

Ein Schmerzenskind vieler Ausstellungen sind die Verlosungstiere. Wie werden diese bedauernswerten Geschöpfe doch oftmals in engen Käfigen haufenweise zusammengepfercht, ganz davon zu schweigen, dass ihre Fütterung in vielen Fällen vernachlässigt oder ganz vergessen wird, da sich niemand dafür verantwortlich fühlt. So untergebracht, schaden sie unseren Bestrebungen weit mehr, als damit gewonnen wird. Die zu verlosenden Kleintiere sollten in einer gesonderten Abteilung genauso ordentlich untergebracht werden wie die Ausstellungstiere. Schwächlinge und kranke Tiere haben auch in dieser Abteilung nichts verloren und sollten vom Ausstellungsleiter keinesfalls geduldet werden. Über die Notwendigkeit der Durchführung einer Tombola zur Milderung des finanziellen Risikos einer Ausstellung sind sich heute die Ausstellungsfachleute einig. Eine Gabenverlosung wird allerdings auch nur dann einen vollen Erfolg erzielen, wenn sie repräsentativ aufgebaut ist und keine alten Ladenhüter angeboten werden.

Jede Ausstellung, auch die kleinste, erfordert eine gewissenhafte Vorbereitung; sie erfordert eine Menge Arbeiten, von deren pünktlicher Ausführung ihr Erfolg wesentlich ab- hängt. Je früher man mit der Planung und den Vorarbeiten beginnt, desto mehr kann man leisten und desto größer wird der Erfolg sein. Jeder fortschrittliche Kaninchen- und Kleintierzuchtverein wird heute eine Jugendgruppe sein Eigen nennen. Dass den Ausstellungen unserer jugendlichen Freunde ein Ehrenplatz gebührt, sollte selbstverständlich sein, wie es andererseits auch eine selbstverständliche Pflicht sein muss, dass sich die Jungzüchter unter der Anleitung des Jugendleiters ihre Schau selbst ausgestalten. Zur Mitarbeit an der Ausgestaltung der Ausstellungen sollten die Jungzüchter entsprechend ihrer Fähigkeiten weit mehr herangezogen werden, als dies seither üblich war. Es gibt ja so viele Dinge, die bei der Durchführung einer Ausstellung zu erledigen sind, so dass man möglichst alle Jungzüchter mit einem Auftrag bedenken kann, für dessen Ausführung der Jugendliche allein verantwortlich ist und die vom Ausstellungs- oder Jugendleiter überwacht wird. Ich denke dabei an Bastelarbeiten wie vorschriftsmäßige Raufen, Fellspanner, Futter- und Trinkgeräte und Miniatur-Musterstallungen. Diese Dinge wirken immer belehrend und werbend, und darauf sollten wir bei der Gestaltung unserer Ausstellungen weit mehr achten.

Für Futter, Einstreu und Material zur Ausschmückung des Saales muss rechtzeitig gesorgt werden, wie auch die Käfigaufstellung einer durchdachten Planung bedarf. Rechtzeitig sind auch die schriftlichen Arbeiten vorzubereiten wie Anmeldebogen, Ausstellungsbestimmungen, Einsatzlisten, Bewertungskarten und Preislisten. Es darf nicht vorkommen, dass am Vorabend des Bewertungstages die Kaninchen eingesetzt werden sollen und kein Verantwortlicher Bescheid weiß, welche Käfige für die einzelnen Rassen und Tiere vorgesehen sind. Das sind alles Dinge, die rechtzeitig und gewissenhaft vorbereitet werden müssen und die, richtig ausgeführt, eine reibungslose Organisation einer Ausstellung garantieren.

Auf einer richtig aufgebauten Ausstellung dürfen Schilder mit schöner Beschriftung, die den Besucher auf alles Wissenswerte hinweisen, nicht fehlen. Wenn ein Katalog gedruckt wird, was von Kreisausstellungen an aufwärts unbedingt erforderlich ist, dann muss dieser nicht nur übersichtlich sein, sondern er sollte darüber hinaus dem Leser einen Einblick in die Kaninchenzucht vermitteln und ein Nachschlagewerk auf lange Sicht darstellen.

Genau wie der Aufbau, muss auch der Abbau der Ausstellung bis ins Kleinste vorbereitet und festgelegt werden, denn es ist eine alte Erfahrungstatsache, dass es namentlich beim Abbau immer an Arbeitskräften fehlt.

An eine wichtige Aufgabe, die von vielen Ausstellungsleitungen noch recht stiefmütterlich behandelt wird, sei noch nachdrücklich erinnert. Es ist die nicht zu unterschätzende Werbemöglichkeit in der Tagespresse. Hier den Hebel richtig an- und sich rechtzeitig mit den Reportern der Tageszeitungen in Verbindung zu setzen, sollte eine vordringliche Aufgabe aller Ausstellungsleitungen sein, zumal von dieser Seite aus unsere Bestrebungen gerne unterstützt werden. Wenn dann noch die örtlichen Schulen zum Besuche der Ausstellung selbstverständlich bei freiem Eintritt eingeladen und die Schüler von gewandten und erfahrenen Zuchtfreunden durch die Veranstaltung geführt werden, dann dürften junge Menschen für die Kleintierzucht gewonnen werden, und für den Verein selbst ist die Frage des Züchternachwuchses gelöst. Aufklärungsschriften und Werbematerial werden von der Fachpresse und dem ZDK auf Anfrage allen Ausstellungsleitungen zur Verfügung gestellt. Es muss einmal gesagt werden, dass das Präsidium des ZDK in dieser Hinsicht in den letzten Jahren Großes geleistet hat. Die einschlägige Industrie wie auch die Behörden müssen rechtzeitig auf die Ausstellung hingewiesen, eingeladen und durch entsprechende Aufklärung zur Mitarbeit und Unterstützung gewonnen werden. Man muss sich diese Arbeit aber machen und die richtigen Zuchtfreunde dafür einspannen, da es von ihrem Geschick abhängen wird, ob wir die genannten Stellen als Freunde gewinnen oder nicht. Ohne Fleiß kein Preis!

Eine gut vorbereitete und vor allem lebendig und lehrreich gestaltete Kaninchenausstellung wird bei allen Besuchern, Fachmann und Laie gleichermaßen, einen nachhaltigen Ein- druck hinterlassen und unserer Zucht und Organisation sicher neue Kräfte zuführen. Sie ist unser bestes Werbemittel, auf dessen repräsentative Gestaltung wir künftig noch weit mehr achten sollten.

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Bernhard Pickert
1948 am Stadtrand von Berlin geboren und im elterlichen Einfamilienhaus mit großem Garten aufgewachsen, kam ich seit frühester Kindheit in den Kontakt mit dem dort gehaltenen Kleinvieh, wie etwa der Milchziege, Hühnern, Enten, Kaninchen und einem großen Haushund. Damals eine normale Situation, denn Kleintierhaltung nebst Bewirtschaftung der eigenen Scholle war weit verbreitet, denn die Erzeugung von Gartenbau- und Tierischen Erzeugnissen unterstützte die familiäre Eigenversorgung, in einer gerade nicht im Überfluss strotzenden Zeit, gleich nach dem 2. Weltkrieg. Erinnerung an diese Zeit ist noch wach, als ich als Grundschüler bei der Futterbeschaffung des heimischen Viehs helfen musste. Für die Enten wurde beispielsweise in den damals vorhandenen Entwässerungsgräben Entengrütze gefischt und für die Kaninchen Grünfutter von den überall noch vorhandenen, brach liegenden Freiflächen geholt. Derweil sich die Zeit hinsichtlich der Versorgungslage verbesserte, wurde von den Eltern das Kleinvieh alsbald reduziert. Kaninchen, die für den Festtagsbraten vorgesehen waren, aber blieben. Als in der Nachbarschaft einer der heimischen Kleintierzuchtvereine eine Ausstellung veranstaltete, kamen mir erstmals Rassekaninchen zu Gesicht. Die Veranstalter erkannten meine Begeisterung für Tiere und in dessen Folge wurde ich als 12jähriger Junge in den ortsansässigen Verein aufgenommen. Meine leidenschaftliche Verbundenheit zur organisierten Rassekaninchenzucht wurde somit geweckt, was schließlich dazu führte, mich umfassend mit diesem Thema zu beschäftigen und über Jahrzehnte Literatur und anderweitige schöne Dinge zusammenzutragen, die irgendwie eine Verbindung zum Kaninchen haben. Wohlwissend, dass es andere ähnlich begeisterte Idealisten gibt, ist über Jahrzehnte ein Archiv entstanden, welches Elemente dokumentiert, auf welche anderswo kaum direkter Zugriff besteht. Initiator für diese bleibende „Leidenschaft“ ist eigentlich der 1983 verstorbene Fachautor und Kleintierkenner Werner Karl Georg Moebes, welchen ich 1970 bei einer Kleintierausstellung kennen lernte und sogleich von seiner Persönlichkeit und seinem umfassenden Wissen begeistert war.

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