Prof. em. Dr. Curt E. W. Sprehn, Celle – „Das Blaue Jahrbuch“ 1965

Die Gesundheit ist für jedes Lebewesen die Voraussetzung für die Leistungsfähigkeit und für die Anpassungsfähigkeit an die natürlichen Lebensbedingungen. Das gilt auch für unser Kaninchen. Die Gesundheit ist der Normalzustand. Wird der normale anatomische Bau der Organe oder ihre Funktion durch Einwirkungen verändert, dann werden auch die Leistungsfähigkeit und die Anpassungsfähigkeit an die natürlichen Lebensbedingungen eingeschränkt, nicht selten bis zur Vernichtung der Lebensfähigkeit. Dann liegt eine Krankheit vor. Solche Einwirkungen zu verhindern ist eine wichtige Aufgabe für den Züchter, da er ja nur von gesunden Tieren die gewünschte Leistung erwarten kann.

Sehr mannigfaltig sind nun die Einwirkungen bei unseren Kaninchen, die eine Krankheit bedingen können. Sie können erbmäßig bedingt sein, sie können in der Konstitution, also in der Summe der ererbten und erworbenen Eigenschaften beruhen, sie können durch die Fütterung ausgelöst oder durch die Haltung hervorgerufen werden. Dabei kann man auch die Einwirkungen durch Erbmasse und Konstitution als „,innere Einwirkungen", die durch Fütterung und Haltung als „äußere Einwirkungen" zusammenfassen. Von den inneren Einwirkungen, die eine Krankheit auslösen können, seien zuerst die erbmäßig bedingten erwähnt. Gewisse Krankheiten und Anlagen zu Krankheiten können vererbt werden. Da in der Mehrzahl der Fälle derartige krankhafte Eigenschaften rezessiv (überdeckt) vererbt werden, tritt eine solche Erbkrankheit nur dann in Erscheinung, wenn die gleichen Krankheitsveranlagungen vom Vater und von der Mutter her sich bei den Nachkommen treffen. Wird nun von einem Elternteil die Anlage auf die Nachkommen vererbt, dann bleibt die Krankheit als solche latent, also verborgen. Das Tier erscheint voll gesund. Es wird aber auch auf seine Nachkommen diese Anlage mit dem Erbgut weitergeben. Jederzeit kann dann plötzlich, oft erst nach Generationen, immer, wenn zufällig die gleiche Erbanlage von dem Partner des Tieres bei der Verpaarung hinzukommt, die Krankheit bei den Nachkommen in Erscheinung treten.

Echte Erbkrankheiten spielen in der Kaninchenzucht keine bedeutsame Rolle. Häufiger werden dagegen ererbte Konstitutionsmängel beobachtet. Von den Erbkrankheiten, bei denen die Krankheitsveranlagung immer in der Erbmasse selbst, also in den bei der Befruchtung vereinigten väterlichen und mütterlichen Erbanlagen verankert sind, müssen jene Krankheiten scharf abgegrenzt werden, die durch schädliche Einwirkungen entstehen, die erst in den Geburtswegen des mütterlichen Organismus, an den sich entwickelnden Embryo herangetragen werden oder die gar erst während des Geburtsaktes auf ihn einwirken. Beide Krankheitsgruppen zusammen um fassen die angeborenen Krankheiten.

Die Konstitution ist die individuelle Körperbeschaffenheit eines Tieres, durch die Erbmasse begründet und durch Umwelteinflüsse geformt. Von ihr hängt wesentlich die Leistungsfähigkeit eines Tieres ab, aber ebenso auch die Anpassungsfähigkeit an die natürlichen Lebensbedingungen und damit auch die Reaktionsfähigkeit auf krankmachende Einflüsse aller Art. In ihr liegt also auch die natürliche Seuchenfestigkeit eines Tieres begründet, die allen gesunden Lebewesen eigentümlich ist. Sie bewirkt, dass bei einem gesunden Tier nur bei einem Niederbruch der natürlichen Seuchenfestigkeit Krankheitserreger aller Art eine Krankheit auslösen können.

Diese Erkenntnis nimmt den Seuchenerregern ihren Schrecken. Nicht sie sind die eigentlichen Ursachen für das Auftreten einer Krankheit, sondern der Niederbruch der Seuchenfestigkeit des von ihnen befallenen Tieres. Wird dieser verhütet, dann ist auch der Ausbruch der Krankheit verhindert, dann werden die in das Tier eingedrungenen Krankheitskeime von seinen natürlichen Abwehrkräften wirksam bekämpft, vernichtet oder doch so in Schach gehalten, dass es zu einem biologischen Gleichgewicht zwischen Krankheitserreger und befallenem Wirtstier kommt, bei dem sichtbare Krankheitserscheinungen nicht zu Tage treten.

Die Seuchenfestigkeit in einem Kaninchenbestand wird nun bedingt durch die ererbte Resistenz der Tiere, die ein genotypisches Gefeitsein gegen Seuchen bewirkt, und durch die erworbene Immunität, die ein phänotypisches Gefeitsein gegen gewisse Seuchen, nach dem Überstehen dieser, darstellt.

Die Resistenz, die ererbte Seuchenfestigkeit also, ist ohne Zweifel bei den Rassen verschieden ausgebildet und offenbar auch bei den einzelnen Tieren. Wir wissen ja aus der Erfahrung, dass bei Mensch und Tier nicht jeder Erkrankte gleich stark durch eine Krankheit gefährdet ist. Aus dieser Erkenntnis heraus versucht der einsichtige Züchter, in seinem Bestand durch zweckentsprechende Zuchtwahl zu einer Ausleseresistenz zu kommen, also sich einen Bestand mit besonders optimaler Resistenz zu schaffen. Dabei ist stets in Rechnung zu stellen, dass nicht das Einzeltier, sondern nur die Gesamtheit der Tiere eines Bestandes, einschließlich der Vorfahren und Nachkommen mit ihren Zuchtergebnissen, Auskunft über den Ausbildungsgrad der Resistenz in einem Stamm gibt. Die Immunität ist dagegen ein im Leben erworbenes Gefeitsein gegen bestimmte Krankheiten nach deren Überstehen. Natürlich kann sie nur bei solchen auftreten, die immunisierende Eigenschaften haben. Bei diesen kann man auch die natürliche Ansteckung künstlich nachahmen und so vorbeugend gegen diese Krankheiten die Tiere künstlich immunisieren (aktive Schutzimpfung mit sog. Vaccinen).

Der Niederbruch der natürlichen Seuchenfestigkeit kann durch sehr verschiedene Ursachen hervorgerufen werden. Die wichtigsten, mit denen sich der Kaninchenzüchter besonders vertraut machen muss, um das Auftreten von seuchenhaften Krankheiten in seinem Bestand richtig verstehen und ihm sachgemäß entgegentreten zu können, sind folgende:

a) Verlustvarianten, die, durch Kreuzungen bedingt und im Erbbild verankert, auftreten können;

b) Nährschäden;

c) Haltungsschäden, zu denen im gewissen Sinne auch

d) Parallelinfektionen, d. S. Infektionen mit mehreren Krankheitserregern zur gleichen Zeit und

e) Massenangebot von Krankheitserregern gehören. Dabei umfassen die unter b) bis e) aufgeführten Ursachen gleichzeitig die äußeren Einwirkungen, die Krankheiten auslösen können.

a) Verlustvarianten

Die Ergebnisse der modernen Vererbungslehre haben uns die Kenntnis darüber vermittelt, dass in jeder Körperzelle eines Lebewesens eine große Anzahl verschiedener, für die einzelne Tierart aber immer zahlenmäßig gleicher Erbeinheiten, sog. Gene, vorhanden sind, die, zu Fäden verbunden,, unter dem Mikroskop als Chromosomen, von denen das Kaninchen 44 hat, sichtbar gemacht werden können. Vor jeder Teilung der Zelle verdoppeln sich diese Gene und damit die Chromosomenfäden, werden dann bei der Zellteilung geteilt, so dass nach ihr jede Tochterzelle wieder genau die gleiche Zahl von Chromosomen und Genen enthält, die die Ausgangszelle gehabt hat. Die moderne Vererbungslehre hat uns darüber hinaus aber auch bewiesen, dass diese Gene einzeln in seltenen Fällen Umwandlungen, sog. Genmutationen, unterworfen sein können. Nun hat eine solche Genmutation in den allermeisten Fällen eine schädigende Wirkung auf die Erbmasse. Sie kann so groß sein, dass, wenn zufällig zwei solcher in gleicher Weise abgeänderter Gene, eins vom Vater und eins von der Mutter, in der Erbmasse der befruchteten Eizelle zusammentreffen, das entstehende neue Lebewesen nicht mehr lebensfähig ist. Wir sprechen dann von dem Auf- treten eines Letal-Gen. Häufiger wird ein solch mutiertes Gen nicht tödlich sein, sondern nur in verringertem Maße schädigend wirken. Dann kann durch eine solche natürliche Genmutation die natürliche ererbte Seuchenfestigkeit bei der Paarung von Tieren mehr oder weniger erheblich gemindert werden. Dasselbe kann natürlich auch bei der sprunghaften Bildung neuer Rassen auftreten. Es würde dann bei den Nachkommen aus einer solchen Paarung ein Resistenzmangel als Verlustvariante erbmäßig verankert auftreten und damit auf alle Nachkommen dieser Tiere übergehen. Die so für einen oder mehrere Krankheitserreger empfänglicher gewordenen Tiere eines Stammes werden leicht an den durch diese Erreger ausgelösten Krankheiten erkranken, im Gegensatz zu den für sie resistenteren Vorfahren. Durch Häufung bestimmter Krankheiten in seinem Bestand wird der aufmerksame Züchter bald ein solches Zufallsauftreten einer Verlustvariante für Resistenz merken.

b) Nährschäden

Jeder Züchter weiß heute, dass Nährschäden als Ursache des Niederbruches einer an sich bestehenden Seuchenfestigkeit in einem Bestand von außerordentlicher Bedeutung sind. Die Abwehrstoffe gegen Krankheiten aller Art, zu deren Bildung ein Lebewesen durch die ererbte Resistenz und die erworbene Immunität in der Lage ist, können nur erzeugt werden, wenn sein Stoffwechsel normal und ungestört abläuft. Unter Stoffwechsel verstehen wir dabei die Gesamtheit der chemischen Umsetzungen im lebenden Organismus, also einmal die Umwandlung der Nahrungsstoffe in körpereigene Baustoffe und in Reservestoffe und dann die Umwandlung dieser Stoffe in Körpersubstanz und Energie. Dieser komplizierte Vorgang in den Verdauungsorganen und in den Zellen des Körpers ist nur möglich, wenn dem Lebewesen genügend Nahrung, und zwar genügend vollwertige Nahrung zugeführt wird. Es wird hierdurch klar, in welchem engen Zusammenhang die Ernährung eines Kaninchens mit der Entstehung ansteckender Krankheiten in ihm steht.

c) Haltungsschäden

Bei den Haltungsschäden sei hier nur auf eines hingewiesen: Schon einfache Kälteschäden, also eine einfache Abkühlung, können eine an sich bestehende Seuchenfestigkeit mindern oder evtl. ganz durchbrechen. Besonders ist in dieser Beziehung feuchte Kälte zu fürchten. Dabei verdanken nicht nur die sog. Erkältungskrankheiten, also z. B. der ansteckende Schnupfen oder eine Erkältungslungenentzündung, oft einer Erkältung ihre Entstehung, sondern sie kann auch Anlass zur Entstehung aller anderen Seuchen werden, eben weil sie die Seuchenfestigkeit mindert. Wenn Ausstellungen und Schauen häufig zu Infektionsausbrüchen in einem Bestand führen, dann oft gerade wegen der hierdurch gesteigerten Gefahr der Minderung der Seuchenfestigkeit durch Kälteschäden.

d) Parallelinfektionen

Erfahrungsgemäß ist das Zusammentreffen von zwei oder mehr Infektionen in einem Organismus in der Regel für diesen besonders gefährlich, gefährlicher als es die bloße Summierung der Krankheitswirkungen erwarten lässt. Beim Kaninchen spielen nun gerade solche Parallelinfektionen, meist mit tierischen Schmarotzern einerseits und Bakterien oder Virus-Arten andererseits, eine besonders große Rolle. Nur ganz selten, wenn nämlich solche Doppelinfektionen einer Krankheit entgegenwirken, können sie für den Krankheitsablauf von Vorteil sein. Beim Kaninchen sind aber bisher solche antagonistisch wirkende Doppelinfektionen nicht bekannt. Jeder Schmarotzer im Darm oder in anderen Organen des Kaninchens wird, allein schon durch sein Schmarotzerdasein, den normalen Stoffwechsel der Tiere in starkem Maße ungünstig beeinflussen. Die Schmarotzer werden gewissermaßen die Abwehrkräfte des Tieres gegen sich selbst mobilisieren und so binden, dass der Tierkörper nicht mehr in der Lage ist, beim Eindringen neuer, anders gearteter Krankheitserreger, also beim Eintreten einer Parallelinfektion, nun auch noch gegen diese neue, spezifische Abwehrstoffe zu bilden. Es ist daher kein Zufall, wenn man bei Sektionen immer wieder Tiere, die an irgendeiner Seuche gestorben sind, gleichzeitig in starkem Maße mit Schmarotzern aller Art behaftet findet. Die Untersuchung von Schlachtkaninchen aus gesunden Beständen zeigt dagegen, dass bei ihnen kaum Schmarotzer, oder doch nur ganz vereinzelt, zu finden sind.

e) Massenangebot von Krankheitserregern

Ein plötzliches Massenangebot kann leicht dazu führen, dass die natürliche Seuchenfestigkeit eines Tieres durchbrochen wird. Die Krankheitserreger oder ihre Vermehrungsformen können durch kranke Tiere in Massen mit den natürlichen Ausscheidungen dieser in den Stall oder bei Auslaufhaltung auch in den Auslauf gelangen. Von hier aus können sie dann wieder leicht von den Stall- bzw. Auslaufgenossen in Massen aufgenommen werden. Auch bei Einzelhaltung in Käfigen ist die Übertragung solcher Krankheitserreger von einem Tier auf das andere durch lebende oder tote Zwischenträger nicht sehr schwierig. Nicht nur kranke Tiere können durch solche Massenausscheidungen von Krankheitserregern für ihre im gleichen Bestand gehaltenen Artgenossen gefährlich werden, sondern dasselbe gilt auch für Keimträger, also für Tiere, die an sich gesund erscheinen, trotzdem sie Träger der Krankheitskeime sind, gegen deren Schadwirkung sie selbst durch ihre Immunität weitgehend gefeit sind. Besonders leicht kann ein solches Krankheitsangebot von Krankheitserregern bei allen jenen Krankheiten an die Tiere herangetragen wer- den, bei denen ein Überträger als Zwischenwirt eingeschaltet ist, in dem sich die Erreger stark anreichern. Blutsaugende Überträger-Gliederfüßer, z. B. Mücken und Flöhe bei der Myxomatose, können die Krankheiten einem gesunden Tier in derselben Art und Weise direkt einimpfen, wie man das mit einer Spritze tun kann.

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Bernhard Pickert
1948 am Stadtrand von Berlin geboren und im elterlichen Einfamilienhaus mit großem Garten aufgewachsen, kam ich seit frühester Kindheit in den Kontakt mit dem dort gehaltenen Kleinvieh, wie etwa der Milchziege, Hühnern, Enten, Kaninchen und einem großen Haushund. Damals eine normale Situation, denn Kleintierhaltung nebst Bewirtschaftung der eigenen Scholle war weit verbreitet, denn die Erzeugung von Gartenbau- und Tierischen Erzeugnissen unterstützte die familiäre Eigenversorgung, in einer gerade nicht im Überfluss strotzenden Zeit, gleich nach dem 2. Weltkrieg. Erinnerung an diese Zeit ist noch wach, als ich als Grundschüler bei der Futterbeschaffung des heimischen Viehs helfen musste. Für die Enten wurde beispielsweise in den damals vorhandenen Entwässerungsgräben Entengrütze gefischt und für die Kaninchen Grünfutter von den überall noch vorhandenen, brach liegenden Freiflächen geholt. Derweil sich die Zeit hinsichtlich der Versorgungslage verbesserte, wurde von den Eltern das Kleinvieh alsbald reduziert. Kaninchen, die für den Festtagsbraten vorgesehen waren, aber blieben. Als in der Nachbarschaft einer der heimischen Kleintierzuchtvereine eine Ausstellung veranstaltete, kamen mir erstmals Rassekaninchen zu Gesicht. Die Veranstalter erkannten meine Begeisterung für Tiere und in dessen Folge wurde ich als 12jähriger Junge in den ortsansässigen Verein aufgenommen. Meine leidenschaftliche Verbundenheit zur organisierten Rassekaninchenzucht wurde somit geweckt, was schließlich dazu führte, mich umfassend mit diesem Thema zu beschäftigen und über Jahrzehnte Literatur und anderweitige schöne Dinge zusammenzutragen, die irgendwie eine Verbindung zum Kaninchen haben. Wohlwissend, dass es andere ähnlich begeisterte Idealisten gibt, ist über Jahrzehnte ein Archiv entstanden, welches Elemente dokumentiert, auf welche anderswo kaum direkter Zugriff besteht. Initiator für diese bleibende „Leidenschaft“ ist eigentlich der 1983 verstorbene Fachautor und Kleintierkenner Werner Karl Georg Moebes, welchen ich 1970 bei einer Kleintierausstellung kennen lernte und sogleich von seiner Persönlichkeit und seinem umfassenden Wissen begeistert war.

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