Marheinz Koch, Meppen/Erms – „Das Blaue Jahrbuch“ 1967
Noch immer, oder besser ausgedrückt, in erhöhtem Maße steht das Fleischkaninchen im Vordergrund des Interesses. Das ist nicht nur bei uns in der Bundesrepublik so, sondern ebenfalls im Ausland, sei es in den Niederlanden, Dänemark, England oder in Ungarn.
Über die „Kaninchenmast in dänischer Sicht" wurde im Jahrbuch 1963 berichtet, diesmal wollen wir einen Blick über die Grenze nach den Niederlanden werfen, denn auch hier ist man eifrigst bemüht, das Exportgeschäft mit geschlachteten Kaninchen nach Westdeutschland und Italien zu beleben. Man ist der Ansicht, dass ein Mann 600 Häsinnen betreuen kann und je Häsin mit 25 Jungen im Jahre zu rechnen ist. Dagegen will man bei uns vorsichtshalber nur 400 Häsinnen je Pfleger, hält es aber durchaus für möglich, jährlich 40 Junge je Häsin großziehen zu können.
Eine Schwierigkeit besteht für die Niederländer darin, dass eben auch hier noch nicht genügend gute Zuchttiere für die Gewinnung erstklassiger Fleischkaninchen vorhanden sind. Das Ende der Entwicklung ist zwar noch nicht in Sicht. Zurzeit sind bei den Kaninchenmästern aber noch sehr große Unterschiede hinsichtlich der Rassen und Kreuzungen festzustellen. Wenn aber sich die Kaninchenmast zu einem Betriebszweig ausweiten sollte, was nach Lage der Dinge anzunehmen ist, dann dürfte eine Einheitlichkeit in der Zucht nicht zu umgehen sein, um ein gleichmäßiges Produkt in den Läden anbieten zu können.
Genau wie bei der Schlachtkükenmast will die Schlachterei ein uniformes Erzeugnis zum Zwecke der Verkaufswirksamkeit und der Arbeitsersparnis. Was nun den Absatz angeht und eine gute Werbung beim Verbraucher, so wird es nötig sein, dass der Handel ein gleichmäßiges Produkt laufend liefern kann.
Deshalb ist es für die Kaninchenmäster von Bedeutung, dass sie Zucht und Mast auf eine Rasse oder Kreuzung ausrichten. Dies gilt an erster Stelle für die individuellen Kaninchenhalter und dürfte bei weiterem Wachsen im Umsatz von Kaninchenfleisch selbstverständlich auch für die allgemeine Kaninchenmast von Wichtigkeit sein.
Welche Forderungen müssen an ein gutes Mastkaninchen gestellt werden? Wir führen an:
1. Vitalität,
2. Fruchtbarkeit,
3. schnelles Wachstum,
4. günstige Futterverwertung,
5. geringe Schlachtverluste,
6. Qualität und Farbe des Felles.
Was die ersten beiden Punkte betrifft, so brauchen wir darauf hier nicht näher einzugehen. Deshalb gleich zum Punkt 3: rasches Wachstum. Der Maßstab, welchen wir hier anlegen müssen, ist von dem Gewicht abhängig, mit dem die jungen Tiere abgeliefert werden. Gehen wir davon aus, dass, über das ganze Jahr gesehen, die Nachfrage nach Tieren im Gewicht von 2,5 bis 3 kg lebend vorherrscht, dann müssen die Tiere dieses Gewicht vor Eintritt der Paarungslust erreichen.
Um die Ruhe und damit das schnelle Wachstum so viel wie möglich zu fördern, ist es wünschenswert, dass der ganze Wurf, sobald dieser bei der Häsin herangewachsen und ab- gesetzt werden kann, geschlossen oder in zwei Gruppen gemästet wird. Muss das Ablieferungsgewicht höher sein, dann kann man die Tiere einfach nicht bis zum Ende der Mastperiode zusammen lassen und muss in jedem Fall die Rammler absondern.
Punkt 4: günstige Futterverwertung. Er steht in Zusammenhang mit Punkt 5, weil ein ungünstiges Fleisch-Knochen-Verhältnis und ein schweres Fell automatisch einen hohen Futterverbrauch bedingen.
Punkt 6: das Fell. Die Farbe des Fells hat nach Ansicht der meisten Züchter augenblicklich wenig Einfluss auf den gezahlten Preis; aber es ist nicht unvorstellbar, dass die Nachfrage nach weißen Fellen auf Kosten der bunten zunehmen wird. Das weiße Fell eignet sich nun einmal besser für die verschiedenen Verarbeitungsmethoden.
Der Standard der Niederlande kennt 37 Rassen, die wegen ihrer Unterschiede im Gewicht in vier Gruppen eingeteilt werden können, nämlich in a) große Rassen (3), b) mittlere Rassen (26), c) kleine Rassen (5) und d) Zwergrassen (3). Anhand der oben aufgestellten Forderungen scheinen die mittleren Rassen allgemein am besten für die Mast geeignet zu sein.
Die großen Rassen fallen aus, weil sie in einigen Fällen in der Fruchtbarkeit nicht genügen und weil Futterverbrauch und Schlachtverlust durchweg als ungünstig zu bezeichnen sind. Die kleinen Rassen enttäuschen besonders im Punkt „Schnelles Wachstum“, und es spricht wohl von selbst dafür, dass die Zwerge mit einem Gewicht von ungefähr 1 kg im ausgewachsenen Zustande für eine Mast wirklich nicht in Betracht kommen können.
Demnach ist die Wahl schon stark beschränkt, und wenn wir wissen, dass auch die meisten Rassen der mittleren Gruppe in der Wachstumsgeschwindigkeit Wünsche offenlassen, dann bleiben schließlich nur noch fünf Rassen übrig. Es sind dies die Groß-Chinchilla, die Weißen Neuseeländer, die Groß-Silber, die Gelben von Burgund und die Wiener. Hinzu kommen die Californians, welche in den Niederlanden noch nicht offiziell anerkannt sind.
Diese sechs Rassen genügen alle den an sie zu stellenden Forderungen, obwohl die Selektion natürlich noch wichtig bleibt. Geht es aber um Punkt 6: Qualität und Farbe des Felles, dann bleiben nur noch die Weißen Neuseeländer, die Weißen Wiener und die nahezu weißen Californians übrig.
Weiter lässt sich die Frage stellen: reine Rasse oder Kreuzung? Wenn man keine Inzucht anwenden will, braucht beim Mästen rassereiner Tiere kein Nachteil gegenüber den Kreuzungsprodukten zu entstehen. Will man jedoch ein weißes Kaninchen mästen und außerdem kreuzen, dann wird die Wahl sehr eingeengt. Hier ginge es dann wohl hauptsächlich um die Kreuzung Weiße Neuseeländer und Californians. Die Kreuzung Weiße Neuseeländer mal Weiße Wiener und umgekehrt, die als gut zu bezeichnen ist, was rasches Wachstum anbelangt, ergibt bunte Tiere, weil die weiße Farbe bei diesen Rassen genetisch auf verschiedene Weise zustande gekommen ist.
Man kann darum erwarten, dass die größten Rassen der mittleren Gruppe die größte Bedeutung für eine rentable Kaninchenmast haben. In der Fellfrage bleiben drei Rassen übrig, die Weißen Neuseeländer, die Weißen Wiener und die Californians. Wollen wir in Bezug auf die weiße Farbe kreuzen, dann können wir einfach von den Weißen Neuseeländern und den Californians Gebrauch machen. So könnte man zusammenfassend sagen.
Andererseits meint man, dass eine erfolgreiche Zucht Vorbedingung für die rentable Kaninchenmast ist. Dass das Fleischkaninchen an Raum gewinnt, ist auch auf diese Gründe hinzuführen!
1. Es werden, vor allem bei kleineren Hühnerhaltern, Ställe leer, die auf die eine oder andere Weise nutzbringend verwendet werden sollen.
2. Die Verluste, welche infolge niedriger Eierpreise entstanden sind, müssen mittels eines anderen Betriebszweiges wieder aufgefangen werden.
3. Es wird von Seiten größerer Kaninchenzüchter und Hersteller der auf diesem Gebiet benötigten Ställe und Geräte eine vermehrte Propaganda betrieben, was verständlich ist.
4. Hierdurch wird bei vielen das Interesse erst geweckt, um das Glück in diesem Betriebszweig auch einmal zu versuchen.
Wenn man wegen eines der hier aufgeführten Gründe sich zur Anschaffung von Fleischkaninchen entschließt, so liegt darin naturgemäß eine große Gefahr. In allen diesen Fällen dürften Fachkenntnisse und Erfahrungen fehlen, die aber erforderlich sind, um diesen Betriebszweig gewinnbringend gestalten zu können. Nun liegt es auf der Hand, dass es in diesem jungen Betriebszweig noch nicht viele Menschen mit ausreichender Erfahrung gibt; doch ist es ein Unterschied, ob man Kaninchenmäster wird, weil man da unter Umständen ein gutes Auskommen hat, oder ob man, z. B. als Kaninchenhalter, langsam dazu übergeht, mehr Tiere einzustallen, wobei man die Schwierigkeiten besser überblicken kann.
Im Augenblick kann bei vielen neuen Kaninchenmästern von einem Gewinn noch lange keine Rede sein, weil sie überhaupt keine Erfahrung auf dem Gebiete der Fleischkaninchen-Haltung haben. Einer der Faktoren, die hierbei eine wichtige Rolle spielen, ist das züchterische Ergebnis.
Soll die Kaninchenmast einen Verdienst abwerfen, dann dürfte es, wenigstens vorläufig, am besten sein, dass der Mäster seine Jungtiere selbst züchtet. Dazu muss man neben einem schnellwüchsigen Kaninchen auch entsprechend gute Zuchttiere besitzen. Was Letzteres angeht, so klaffen hier große Unterschiede. Nicht nur zwischen den Rassen, auch innerhalb der Stämme und den Einzeltieren untereinander.
Weiße Neuseeländer stehen zum Beispiel im Ruf, gute Zuchttiere zu sein. Doch vergleichen wir die Geschwister untereinander, dann sind erhebliche Unterschiede festzustellen. Eine tadellose Häsin kann jährlich gut 30 bis 35 Junge großziehen, wobei der letzte Wurf von ebensolcher Qualität sein muss wie der erste. Es dürften aber nur wenig Züchter bzw. Mäster vorhanden sein, die diese Norm erreichen.
Einige Punkte, die hierin Verbesserung bringen können, sind:
1. ausschließliche Zucht mit Geschwistern, deren Mütter bewiesen haben, dass sie gute Zuchttiere sind. Dieser Forderung kann im Augenblick kaum Genüge getan werden. Wegen der starken Nachfrage nach Zuchttieren wird leider alles Mögliche für die Zucht zum Kauf angeboten und auch gekauft.
2. Verwende die Häsinnen nicht in zu jungem Alter zur Zucht! Genauso wie bei allen anderen Tierarten ist es auch bei den Kaninchen wichtig, dass nur mit gut entwickelten Tieren gezüchtet wird. Stets ist ein Alter von 6 Monaten für die frühen Fleischrassen zu fordern, ehe die Häsin erstmalig belegt wird. Ein voll ausgewachsenes Tier kann eine durchgehend hohe Produktion besser aushalten als ein Tier, welches selbst noch im Wachstum begriffen ist.
3. Die zur Zucht verwendeten Rammler müssen möglichst noch höheren Anforderungen genügen, weil ihr Einfluss viel größer ist. Es ist verführerisch, einen gut befleischten Jungrammler, der in einem Nest von nur 3 oder 4 Geschwistern groß wurde, zur Zucht anzuhalten. Letzten Endes geht man in der Regel als Betrogener davon. Die Eigenschaften, welche ein solches Tier weitergibt, sind zumeist nur äußere Eigenschaften und erhielten ihren Einfluss durch äußere Umstände. Worum es aber geht, sind nur die erblichen Eigenschaften, weil nur diese an die Nachkommen weitergegeben werden.
4. Die Art, in welcher man mit den Tieren umgeht, ist ebenfalls sehr wesentlich. Die Tiere müssen jederzeit ruhig und gut behandelt werden, natürlich ganz besonders die tragenden und säugenden Häsinnen. Die Tiere müssen ihren Betreuer kennen und ihm vertrauen. Unangebracht ist es, Häsinnen kurz vor dem Werfen in eine andere Bucht zu bringen. Jeder Wechsel verursacht Unruhe, die auf jeden Fall vermieden werden sollte. 5. Wenn man Tiere auf Drahtgeflechtboden hält, muss man stets darauf achten, dass sie keine wunden Füße bekommen. Man kann dies auch schon aus der Art ihrer Bewegungen erkennen. Es ist klar, dass ein Tier, welches nicht 100prozentig gesund ist oder an irgendwelchen Schmerzen leidet, dadurch als Zuchttier an Wert einbüßt Von derartigen Tieren sollte man besser auch keine Jungen als Zuchttier anhalten, weil immer die Gefahr besteht, dass das gleiche Übel auch bei der Nachzucht auftritt. Einfacher ist es, die sicheren Tiere den unsicheren vorzuziehen, oder zu versuchen, solche Übel durch sachgemäßes Züchten auszumerzen.
Trotz aller Schwierigkeiten möchte man die Zucht und Mast von Fleischkaninchen gerade den kleinen gemischten bäuerlichen Betrieben in den Niederlanden als Nebenerwerb empfehlen, um sie krisenfester zu machen. Als Preis für das Kilogramm Lebendgewicht wird meist die Summe von hfl. 2,00 (2,20 DM) angesetzt. Bei einem durchschnittlichen Lebendgewicht je Schlachtkaninchen von 1,8 kg wären das hfl. 3,60 (3,96 DM) je Tier.
In dem Institut für Geflügelzucht in Beekbergen führt man bereits Versuche mit verschiedenen Schlachtkaninchenrassen durch, um zu erforschen, welche Möglichkeiten für die Praxis in der Mast liegen. Eine gleichmäßige Produktion und ein. garantierter Absatz werden zwar immer Vorbedingung sein. Die Nutzzucht mit Kaninchen ist nach niederländischer Meinung eine Betriebsform oder Unterabteilung, die im Rahmen der EWG stark im Kommen ist.





