Dr. Schwenkenbecher, Lehr- und Versuchsanstalt Unna-Königsborn

„Das Blaue Jahrbuch“ 1967

Viele Menschen vornehmlich die Deutschen haben sich schon als Kind mit Kaninchen beschäftigt. Besonders während des letzten Krieges und in der schlechten Nachkriegszeit. Es war z. T. die Freude am Tier – an etwas Lebendem, mit dem man gut fertigwerden konnte, was zum andern keine großen Ansprüche stellte, einfach in Haltung, Pflege, Unterbringung und Fütterung war und außerdem eine gute Vermehrung zuließ. Es spielten aber bei dieser Haltung noch ganz reale Gründe eine Rolle: das Fleisch war während dieser Zeit rationiert; Kaninchenfleisch half viele Haushaltungen über die härtesten Existenzsorgen hinweg.

Diese Menschen waren sicherlich zum geringen Teil Züchter; sie waren Vermehrer oder Halter von Kaninchen. Die Rasse spielte oft eine ganz untergeordnete Rolle, ebenso die Form und Farbe, weil sie auf lebensnotwendigere Dinge in dieser Zeit zu achten hatten.

Heute läuft vieles unter einem anderen Gesichtspunkt. Es wird verstärkt die Wirtschaftlichkeit betont und hierfür werden z. T. andere und höhere Leistungen gefordert.

Es ist allgemein bekannt, dass sich die Angorazüchter schon sehr früh von der reinen Liebhaberzucht freigemacht haben und in ihrer Zucht andere Wege gegangen sind. Die Erfolge, die sie erzielen konnten, gaben ihnen recht in ihrem Zucht- geschehen. Es gibt wohl außer dem Angorakaninchen kein Tier, bei dem es innerhalb von 15 Jahren gelungen wäre, die Leistungen im Durchschnitt um das Doppelte Spitzenleistungen um das Dreifache – in ihrem Wollertrag zu erhöhen. Und nicht nur auf Wollertrag liegt die Betonung, sondern auch auf der Fleischleistung. Diese Leistungszüchter verfolgen „zielbewusst“ ihren vorgeschriebenen Weg. Obwohl die Angorazüchter wissen, dass es leichter ist, nur auf ein Merkmal zu züchten, sollen ihre Angoras Zweinutzungstiere sein.

Aber auch eine große Zahl von Normal- und Kurzhaarzüchtern hat sich ihre Zuchtziele gesteckt. Soviel bekannt, sind 48 Kaninchenrassen und Farbenschläge zugelassen, aber man sieht nur einen geringen Teil auf Ausstellungen und Schauen, von vielen seltenen Rassen hört man kaum mehr etwas. Sollte hier in der Kaninchenzucht ähnliches geschehen wie in der Rassegeflügelzucht, wo aus purem Formalismus verschiedene Rassen und Schläge vollkommen verschwunden sind? Man sollte sich also hüten, nur Form und Farbe zu sehen und zu beurteilen; sie wären der Untergang etlicher Kaninchenrassen. Die eigentlichen Leistungsmerkmale dürfen niemals zu kurz kommen.

Form und Farbe ändern sich; sie sind einem ständigen Wechsel unterworfen, und auch wir Menschen ändern stets unsere Schönheitsideale. Was schön und begehrt war, gehört morgen oder übermorgen schon zu der Gruppe, die vielleicht abgelehnt, ja sogar verlacht oder verspottet wird. Wir sollten also mehr denn je den Leistungsgedanken bei allen Kaninchenrassen und Farbenschlägen herausstellen und auch mehr züchterisch bearbeiten.

In den letzten Jahren wird so viel von Kaninchenfleisch gesprochen und geschrieben. Müssen es fremde, ja neue Rassen sein, oder gibt es bei den alten nicht genügend Tiere, die vielleicht die besten und schmackhaftesten Fleischproduzenten sein könnten?

Es liegt in der heutigen allgemeinen Entwicklung, daß höhere Anforderungen gestellt werden. Nicht Form und Farbe spielen eine erste Rolle, sondern Nutzeigenschaften wie Felle, Wolle, Fleisch, Dünger, um nur einige zu nennen. Dazu kommt die große Zahl der Mengeneigenschaften, die wir noch als Leistung bezeichnen. Und dazu gehören in erster Linie:

Gesundheit, Fruchtbarkeit, Widerstandsfähigkeit gegen Krankheiten und Seuchen, Aufzuchtvermögen, Säugeleistung, Lebensalter u. a. Diese Eigenschaften sind dem Menschen nützlich. Sie sollten besonders herausgestellt werden.

Durch diese Leistungen sind die Kaninchenzüchter gezwungen, eine planmäßige Zucht zu betreiben. Und Zuchtbuchführung und Leistungsprüfungen geben genügend Aufklärung.

Bei allen Leistungen haben wir es mit ganz klaren Begriffen zu tun, da wir diese Ergebnisse fast ausnahmslos messen, zählen, wiegen und damit in Zahlen ausdrücken können.

Form und Farbe sind nur subjektiv zu begutachten und daher nicht zahlenmäßig zu erfassen.

Auch bei allen anderen Haustieren wie Pferd, Rind, Schwein, Schaf, Geflügel usw. hat der Formalismus einst eine große Rolle gespielt. Man hat aber diese äußeren Dinge verlassen, da man bald erkannte, dass mit Form und Farbe keine Leistung erbracht werden kann und dass in einer Zeit, in der die Wirtschaftlichkeit überall betont wird, wichtigere Dinge eine Zucht ausmachen.

So ist der heutige Stand der Kaninchenzucht in Leistung, Typ und Gesundheit das Ergebnis jahrzehntelanger züchterischer Arbeit.

Am Anfang war das Exterieur für die Zucht ausschlaggebend. Neben Form- und Farbbewertung spielten andere Merkmale eine untergeordnete Rolle. Dann kam die Einbeziehung der Abstammung von einem in der Generationsfolge mehr oder minder weit entfernt liegenden Vatertier, der den Titel „Blutlinienbegründer" erhielt.

Die nächste Periode brachte die Einstufung der Leistungsmerkmale mit sich. Heute spielen Abstammungs- und Leistungsbewertung bei der Zuchtwahl die wichtigste Beachtung.

Althergebrachte Merkmale gehören in der heutigen Tierzuchtwissenschaft schon lange der Vergangenheit an; sie finden noch nicht einmal mehr Beachtung.

Es muss aber bei der Einführung neuer Erkenntnisse einer modernen Vererbungslehre immer beachtet werden, dass der einzelne Züchter für jede Weiterentwicklung die Initiative besitzen muss. Er bestimmt die Paarung und damit das Zuchtgeschehen für die nächsten Jahre.

Da aber in dem ZDK alle wahrhaften Kaninchenzüchter er-aßt werden, gibt es natürlich auch verschiedene einzelne Gruppen und Untergruppen, was allein schon von den unterschiedlichen Kaninchenrassen herrührt. Hier sind nicht nur die Lang-, Normal- und Kurzhaarzüchter in einer großen Vereinigung zusammen, sondern die Herdbuchzüchter stehen neben dem reinen Liebhaberzüchter, der Fleischkaninchenproduzent neben dem Felllieferanten, der Leistungszüchter neben dem Schönheitszüchter. Und wenn sie auch ganz unterschiedliche Zuchtziele haben, z. T. sogar ganz verschiedene Meinungen vertreten, ja ganz modern sind und auch denken, so halten sie doch an dem Althergebrachten fest. Weil sie alle Kaninchen züchten, deshalb gehören sie auch alle zusammen.

Sie vereinen sich in dem Gedanken, der deutschen Kaninchenzucht zu dienen, um eines Tages den Zusammenschluss aller europäischen Kaninchenzüchter zu vollenden.

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Bernhard Pickert
1948 am Stadtrand von Berlin geboren und im elterlichen Einfamilienhaus mit großem Garten aufgewachsen, kam ich seit frühester Kindheit in den Kontakt mit dem dort gehaltenen Kleinvieh, wie etwa der Milchziege, Hühnern, Enten, Kaninchen und einem großen Haushund. Damals eine normale Situation, denn Kleintierhaltung nebst Bewirtschaftung der eigenen Scholle war weit verbreitet, denn die Erzeugung von Gartenbau- und Tierischen Erzeugnissen unterstützte die familiäre Eigenversorgung, in einer gerade nicht im Überfluss strotzenden Zeit, gleich nach dem 2. Weltkrieg. Erinnerung an diese Zeit ist noch wach, als ich als Grundschüler bei der Futterbeschaffung des heimischen Viehs helfen musste. Für die Enten wurde beispielsweise in den damals vorhandenen Entwässerungsgräben Entengrütze gefischt und für die Kaninchen Grünfutter von den überall noch vorhandenen, brach liegenden Freiflächen geholt. Derweil sich die Zeit hinsichtlich der Versorgungslage verbesserte, wurde von den Eltern das Kleinvieh alsbald reduziert. Kaninchen, die für den Festtagsbraten vorgesehen waren, aber blieben. Als in der Nachbarschaft einer der heimischen Kleintierzuchtvereine eine Ausstellung veranstaltete, kamen mir erstmals Rassekaninchen zu Gesicht. Die Veranstalter erkannten meine Begeisterung für Tiere und in dessen Folge wurde ich als 12jähriger Junge in den ortsansässigen Verein aufgenommen. Meine leidenschaftliche Verbundenheit zur organisierten Rassekaninchenzucht wurde somit geweckt, was schließlich dazu führte, mich umfassend mit diesem Thema zu beschäftigen und über Jahrzehnte Literatur und anderweitige schöne Dinge zusammenzutragen, die irgendwie eine Verbindung zum Kaninchen haben. Wohlwissend, dass es andere ähnlich begeisterte Idealisten gibt, ist über Jahrzehnte ein Archiv entstanden, welches Elemente dokumentiert, auf welche anderswo kaum direkter Zugriff besteht. Initiator für diese bleibende „Leidenschaft“ ist eigentlich der 1983 verstorbene Fachautor und Kleintierkenner Werner Karl Georg Moebes, welchen ich 1970 bei einer Kleintierausstellung kennen lernte und sogleich von seiner Persönlichkeit und seinem umfassenden Wissen begeistert war.

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