H. Göbels, Mülheim-Ruhr ; „Das Blaue Kaninchen Jahrbuch“ 1958
Die Hochsaison für die Rassekaninchenzüchter ist gekommen. Nachdem unsere Tiere die Tischbewertung bzw. die Lokalschau hinter sich haben, ist für uns Kenner schon ziemlich klar ersichtlich, welche von den hochbewerteten Tieren zur Kreis- und Landesschau geschickt werden sollen. Jedoch hat das Kennerauge des Züchters an der einen oder anderen Position der Bewertung noch etwas auszusetzen, sei es, dass bei der einen vielleicht ein Punkt zu hoch oder aber bei der anderen Position ein Punkt zu niedrig bewertet wurde. Wie dem auch sei, die Tiere werden auf den großen Schauen ausgestellt.
Auch bei der Wahl der Preisrichter konnte man in der letzten Versammlung ein entscheidendes Wort mit anbringen. Warum soll man sich nicht durchsetzen können? Es muss doch möglich sein, für seine so liebgewonnene Rasse einen „Spezialrichter“ zu bekommen! Wenn nun noch mehr Züchter derselben Rasse an der Versammlung teilnahmen, dann ist ein Spezialzüchter schnell gefunden, vorgeschlagen und gewählt. Freilich wollte der Club ja lieber einen anderen Richterkollegen nehmen, aber man konnte auch diese Züchter überzeugen, und schließlich hatte man doch „gesiegt“. Wie muss dem Preisrichter zu Mute gewesen sein, als er hörte, er müsse die Rasse bewerten, da er als „Spezialzüchter" bekannt sei. Er wusste von vornherein, dass das schief gehen würde.
Sind wir einmal ehrlich: Fünf Züchter einer Rasse aus drei verschiedenen Vereinen haben doch auch fünf verschiedene Auffassungen. Oder sind Sie anderer Meinung? Und ausgerechnet der selbstbewusste Züchter, der sich bei den anderen Zuchtfreunden durchzusetzen wusste, erlebte auf der besagten Schau die größte Enttäuschung. Seine Tiere, die vorher bei der Tischbewertung bzw. auf der Lokalschau 94 und 95 Punkte erhielten – gerichtet hatte ein Richterfreund, der kein „Spezialist“ war, hatten es jetzt auf 90 bzw. 91 Punkte gebracht. Der Züchter war zutiefst niedergeschlagen.
Wie kam das? Nun, hier mögen verschiedene Momente maßgeblich die Ursache gewesen sein. Aber man kann sich drehen, wie man will. Alle möglichen Verdächtigungen sind nicht stichhaltig. Nehmen wir einmal an, der ausdrücklich bestellte „Spezialrichter“, dem beim Bekanntwerden dieser Tatsache nicht gerade wohl zumute war, habe absichtlich die Tiere in der Punktzahl und Bewertung gedrückt. Er wusste ja, dass er es so oder so nicht richtig mache. Auch kannte er die Leute, die ihn so warm empfohlen hatten. Jedenfalls hätte er es aus dem vorerwähnten Grunde getan, würde man ihm noch Achtung zollen müssen. Jeder Preisrichter macht eine jahrelange Schulung durch, geht in alle nur möglichen Ausstellungen, studiert die Bewertungen und die Tiere. Nach einigen Jahren wird er zur Hilfsrichterprüfung zugelassen. Wer eine solche Prüfung mitmachen musste, weiß schon, was er können und erlernen musste, um hier zu bestehen. Diese Prüfungen werden ja von Männern durchgeführt, die diese Materie durch und durch kennen, und darum sind sie ja auch von uns gewählt worden. Hat nun der Hilfsrichter sich noch 2 Jahre gut geführt, sich fleißig betätigt und an die 20 Schauen mit einem Preisrichter zusammen absolviert hierfür bekommt er nur Fahrgeld und Mittagessen dann kann er zur Preisrichterprüfung zugelassen werden. Die Konkurrenz ist groß, daher auch die geforderten umfassen- den Kenntnisse und hohen Leistungen der Aspiranten. Heute, wo die Leistungszuchten in dem Vordergrund stehen, kann nur noch der völlig sichere Bewerber bestehen. Es ist auch kein Schulungsleiter unter den verantwortlichen Preisrichtern, der seine Hand für einen schwächlichen Kandidaten halten würde. Diese Schwäche würde später auf ihn zurückfallen.
Wenn nun ein neuer Preisrichter, ein junger dazu, neu „geboren“ ist, dann sagen die alten Züchter, was wird er wohl können? Nun, für eine Tischbewertung kann man ihn ja einmal verpflichten. Und dann der Versuch. Weil der junge Preisrichter etwas kann, sind dann auch die Erwartungen, die man in die Tiere setzte, nicht in Erfüllung gegangen. Er hat eben alles gesehen und auch alles berücksichtigt. Das Urteil lautet: Anfänger, muss noch viel lernen. Was muss nun dieser junge Richter noch alles erleben oder erlernen, bis er einmal „Spezialzüchter“ ist? Diese Frage können uns die meisten Züchter nicht objektiv beantworten. Ich wollte anhand dieses Beispiels nur zeigen, dass wir nicht so schnell urteilen sollen. Ich selbst bin kein Preisrichter, auch noch nicht ein so ganz alter Züchter. Nur habe ich aus der Erfahrung etwas gelernt. Ich habe auf großen Schauen und bei den Bewertungen die Augen aufgehalten und bin zu einem klaren Ergebnis gekommen.
Die Preisrichter werden für eine größere Schau von der vorhergehenden Versammlung durch die anwesenden Vertreter in der erforderlichen Anzahl gewählt. Haben diese Richter zugesagt, dann werden für die Anzahl der Teilnehmer Lose angefertigt. Bevor die Bewertung beginnt, muss jeder Preisrichter ein Los ziehen. Dann kann er an die Arbeit gehen. Also nicht, dass der eine etwas von Hasen mehr kennt als der andere. Nein, meine lieben Züchterfreunde, die Richter, die wir uns wählen, dass sie unsere Tiere bewerten, müssen alle Rassen einwandfrei bewerten können. Sie haben alle ihre Prüfung gemacht, und wir haben ihnen unsere Stimme für das Richteramt gegeben. Also gibt es kein Aussuchen mehr. Ich bin sogar der Überzeugung, dass wir mit unseren verschrobenen Ansichten und unserer Kleinigkeitskrämerei, die meiste Schuld daran tragen, dass verschiedene Preisrichter Rücksicht auf unsere Wünsche hinsichtlich der Bewertung nehmen. Machen wir einmal einen Anfang und räumen wir das Misstrauen aus. Jeder Richter soll zeigen, dass er seine Prüfungen zu Recht abgelegt hat. Dann kommt es auch nicht mehr so oft zu solchen abfälligen Kritiken. Auch müssen wir uns einmal daran gewöhnen, dass andere Züchter auch gute Tiere im Stall haben und dass nicht nur unsere Tiere die besten sind. Dann wird vieles anders. Darum noch einmal: Das Los entscheidet, wer von den vorher gewählten Preisrichtern unsere Tiere bewertet. Jeder soll zeigen, was er kann. Aber auch die Züchter sollen sachlich bleiben. Wie denken Sie darüber liebe Züchter?



