Karl Grathwohl, Ludwigsburg – „Das Blaue Jahrbuch“ 1960

Nachdem die Preise für Kaninchenfelle seit 25 Jahren ihren Tiefstand nicht geändert haben und der Fellerlös unter „Verschiedene Einnahmen“ gebucht werden kann, bleiben dem Wirtschaftskaninchenzüchter nur noch zwei Möglichkeiten, nämlich Wolle und Fleisch.

Es ist auch eine alte Tatsache, dass das Angorakaninchen das rentabelste Tier unter den Kaninchenrassen ist. Trotzdem gibt es noch viele Kaninchenzüchter, die sich für das Angora nicht begeistern können, und auch viele Vereinsvorstände sind froh, wenn das Thema „Angora“ nicht auf die Tagesordnung kommt.

Mit der Gründung des Ausschusses zur Förderung der Angorawollwirtschaft werden in Zukunft auch die Vereine angesprochen und in die Werbung einbezogen. Die schwere Absatzkrise für Angorawolle, wie wir sie 1957/58 erlebt haben, darf sich nicht mehr wiederholen. Die Erzeugnisse aus Angorawolle müssen in noch weit größerem Maße als bisher bekannt werden, insbesondere die Angora-Gesundheitswäsche, die Angora-Schlafdecken, die Angora-Unterbetten und die Angorastoffe. Dadurch soll erreicht werden, dass die großen Preisschwankungen, wie wir sie bei der Angorawolle immer wieder erleben, in erträglichen Grenzen bleiben und der Angorazüchter einen bestimmten Mindestpreis für die I. und II. Sorte erhält. Während die Preise für Angora-Strickwolle, Angorawäsche usw. auf die schwankenden Rohwollpreise kaum oder ganz unbedeutend reagieren, muss der Erzeuger des Rohstoffs Angorawolle Preisschwankungen bis zu 30 DM pro kg I. Sorte hinnehmen. Durch diese Unsicherheit in der Preisgestaltung haben viele tierliebende Menschen, die das Angenehme mit dem Nützlichen verbanden, die Angorazucht wieder aufgegeben oder stark verkleinert. Und wenn dann auf die Baisse die Hausse folgt, dann sind die notwendigen Mengen nicht vorhanden und die Nachfrage der Industrie kann nicht oder nur unter den größten Anstrengungen befriedigt werden.

Wenn man dabei von einem Rohwollpreis für den Züchter von 48 bis 50 DM für die I. Sorte ausgeht, kommt man in etwa mit den Kosten zurecht, die der Angorazüchter für Kraftfutter, Unterhaltung der Stallungen und sonstigen Nebenkosten aufwenden muss. Ein altes Sprichwort sagt: „Die Wahrheit liegt in der Mitte.“ Bei einem zu niedrigen Rohwollpreis schrumpft die Zahl der Züchter und somit die Gesamterzeugung stark zusammen, und bei einem zu hohen Preis ist der Absatz der Fertigerzeugnisse in Gefahr. Bei dem genannten Preis ist die Rentabilität einer Angorazucht gesichert, wenn auch Futtergrundlage, Platzverhältnisse, Verkaufsmöglichkeiten der Angoraprodukte u. a. eine wichtige Rolle mitspielen. Ich gehe dabei von einem mittleren Zuchtbetrieb von etwa 30 bis 50 Tieren aus, wie es sehr viele gibt, während bei Großzuchten mit mehreren hundert Tieren ein größeres Risiko besteht, schon im Hinblick auf den Ausbruch der gefährlichen Kaninchenseuche, der Myxomatose. Ein Angora Farmer am Bodensee hat dadurch seinen ganzen Bestand verloren.

Ob nun die Haltung auf Rosten oder auf Einstreu erfolgt, hängt auch von der verfügbaren Zeit ab. Ein Rentner, Pensionär oder Schwerbeschädigter wird mehr Zeit haben als ein Berufstätiger. Bei der Haltung auf Einstreu wird mehr Dung anfallen als bei der Haltung auf Rosten, und wenn für Garten, Acker und Wiese kein Dung zugekauft werden muss, dann entfällt diese Aufgabe. Ein Kaninchen liefert jährlich mindestens 2,5 Zentner Dünger. Das ist eine recht beachtliche Menge. Denn die meisten Kaninchenzüchter haben einen Garten oder ein Stück Land zu bewirtschaften. Auch auf Wiesen hat der Kaninchendung Wunder gewirkt. Er ist sehr kalireich und besonders im Hausgarten für stark zehrende Pflanzen sehr geeignet; er ist besser als Schweinedung und kommt ungefähr dem Kuhdung gleich.

Auch in Bezug auf die Futterquellen müssen alle Möglichkeiten ausgenützt werden. In Markthallen, Gärtnereien und bei Gemüsehändlern fällt oft viel Grünfutter an, und dies in einer Zeit, in der es sonst kein Grünfutter gibt. In Werksküchen gibt es Küchenabfälle, deren Sauberkeit und Frische allerdings kontrolliert werden muss, in Schulen gibt es leider wieder viele Brotreste. In Brauereien erhält man Biertreber und Malzkeime, und Zuckerrübenbauern erhalten so viel Zuckerrübenschnitzel, dass sie meistens davon abgeben.

Im Herbst muss auch dem Silo- oder Saftfutter eine größere Beachtung geschenkt werden, weil es die Rentabilität wesentlich beeinflusst. Zur Zeit der Mostbereitung, wie sie in Süddeutschland üblich ist, fällt der Obsttrester an, ein ideales Silofutter. Dieses Futter hat den Vorteil, dass es schon zerkleinert ist; man braucht es also nur noch einzustampfen. Da jedoch beim Trester der Saft weggedreht wurde, muss nach Füllung und entsprechend der Größe des Behälters noch Wasser nachgegossen werden, dem man gleich die Ameisensäure zusetzt. Es gibt bereits auch eine Anzahl Züchter, die keine Rüben mehr füttern und die auf Wasser umgestellt haben. Sie sind nicht schlecht dabei gefahren, denn die Gefahr, dass die Tiere bei Frost gefrorene Rüben fressen, lässt sich nicht vermeiden.

Die Futterkosten machen den größten Teil an der Rendite aus. Aber auch die Einhaltung der Schurtermine, der prozentuale Anteil von I. und II. Sorte, die Kontrolle der Schurergebnisse, die damit zusammenhängende Auslese und die Zusammenstellung der Zuchtpaare beeinflussen die Rentabilität. Die Einstellung eines neuen Zuchtrammlers, der nicht einschlägt, kann sich sehr ungünstig auswirken. Dies gilt nicht nur für den Angorazüchter, sondern auch für den Züchter von Fleischkaninchen. Eine erfolgreiche Jungkaninchenmast beginnt schon bei der Wahl der Rasse. Große Rassen mit gestrecktem Körperbau eignen sich nicht so, wie diejenigen mit gedrungenem, walzenförmigem Körper, wie HGrs, DGrS, Groß-Chin, Wiener, Neuseeländer, Alaska, Thüringer, Marburger Feh, Klein- Chin, Holländer und Kleinsilber. Diese Rassen kommen dem Wirtschaftstyp am nächsten, ihre Schlachtausbeute liegt im Alter von vier bis fünf Monaten bei 56 bis 65 Prozent. Wir müssen auch auf diesem Gebiet zu Familien und Stämmen kommen, die sich als Fleischkaninchen durchsetzen.

Dem ZDK-Vorsitzenden Kurt Binder sind die deutschen Kaninchenzüchter Dank schuldig, weil er sich besonders der Jungkaninchenmast angenommen hat und durch Wort und Schrift die Züchter aufmuntert, hier eine Lücke zu schließen. Wenn die deutschen Züchter nicht in der Lage sind, den deutschen Bedarf zu decken, dann wird das Jungkaninchenfleisch aus anderen Ländern eingeführt. Die Nachfrage nach wenig fettem, leicht verdaulichem Fleisch nimmt ständig zu. Der Gehalt des Kaninchenfleisches an Vitamin A ist höher als bei anderen Fleischarten, und auch der Gehalt an Vitamin B12 ist beachtlich. Kaninchenfleisch erhält schlank, weil es Fettansatz vermeidet. Schon die alten Römer hatten ihre Kaninchengärten, und dem wohlschmeckenden Fleisch dieses Pflanzenfressers schrieb man gesundes Blut und reine Haut zu. Bei den Römerinnen galt daher der Genuss des Kaninchenfleisches als Mittel zur Schönheitspflege und Erhaltung jugendlicher Frische. Was wir heute propagieren, ist in Wirklichkeit schon einmal dagewesen, nur unter anderen Vorzeichen und ohne Unterstützung der Wissenschaft.

In Kalifornien gibt es eine Versuchsstation, die sich nur mit Kaninchen befasst. Dort wurden Tiere im Alter von sechs, sieben und acht Wochen geschlachtet, die es auf ein Gewicht von 1260 bzw. 1570 und 1800 g brachten. Die Schlachtausbeute in diesem Alter betrug 48 bis 51,5 Prozent. Auch Herr Dr. Niehaus von der Bundesforschungsanstalt in Celle hat Versuche mit Mastkaninchen im Alter von zwei, vier, sechs und neun Monaten durchgeführt, die folgende Ergebnisse brachten:

Alter: 2 Mon. 4 Mon. 6 Mon. 9 Mon.

Gewicht in kg Schlachtausbeute in % 1,480 3,200 4,500 4,400

Aufwand je kg Lebendgewicht 50 56 61 62

in Einheiten 2200 2500 3300 5700

Futterkosten in DM 1,75 1,60 1,6 1 3,-

Diese Versuche haben bestätigt, dass bei einer rentablen Erzeugung von Jungkaninchenfleisch das Schlachtalter von fünf Monaten nicht überschritten werden sollte, denn die größte Wachstumsfreude ist mit dem sechsten Monat beendet. Der Kaninchenzüchter kann also bereits bei vier bis fünf Monate alten Tieren mit der Schlachtung beginnen, denn durch die Verwendung im eigenen Haushalt ist das erzeugte Fleisch am besten bezahlt. So ist es möglich, dass eine Familie das ganze Jahr über Frischfleisch zur Verfügung hat, denn Frischfleisch ist eingewecktem unbedingt vorzuziehen.

Diejenigen Züchter, die sich auf den Verkauf von Kaninchenfleisch einstellen, brauchen sich um den Absatz keine Sorgen zu machen. Der Markt verlangt zwar ein ausreichendes Angebot in gleichbleibender Qualität, wobei über die gängigen Gewichte der Schlachttiere noch nicht genügend Erfahrungen vorliegen. Wesentliche Unterschiede bestehen zwischen fettem und magerem Kaninchenfleisch. Für einen Schwerarbeiter ist fettes Kaninchenfleisch angebracht. Heute, im Zeichen der Automation, neigt der Verbraucher jedoch immer mehr zu einem wenig fetten, leicht verdaulichen und bekömmlichen Fleisch. Dieses Fleisch gibt es aber vorwiegend nur von jungen Tieren, und deshalb kommt der Jungkaninchenmast für die nächsten Jahre große Bedeutung zu.

Der Verbrauch von Geflügelfleisch ist im Jahre 1958 auf 2,8 kg pro Kopf der Bevölkerung angestiegen und wird allem Anschein nach 1959 noch weiter ansteigen. Die Kaninchenzüchter müssen sich gewaltig anstrengen, um nur auf 0,5 kg pro Kopf der Bevölkerung zu kommen. Sie haben jedoch dieselbe Chance, weil die Gestehungskosten beim Kaninchenfleisch nicht größer sind und es sich auch um weißes Fleisch wie beim Geflügel handelt.

Die Rentabilität in der Kaninchenzucht beruht also auf zwei Faktoren: auf Wolle und Fleisch. Es ist jedoch nicht möglich, eine Rentabilitätsberechnung aufzustellen, weil die Verhältnisse der einzelnen Züchter so vielseitig sind, dass überall andere Umstände mitspielen. Ich will hier lediglich streifen, was alles zu einem rentablen Zuchtbetrieb gehört:

1. Die Finanzierung des Aufbaus.

2. Die Platz- und Geländeverhältnisse.

3. Die Futtergrundlage und Futterbeschaffung.

4. Die Mitarbeiter.

Mit einigen hundert Mark kann eine Kaninchenzucht nicht begonnen werden. Ich nehme an, dass der Züchter mit Hammer und Säge umgehen kann und den Stallbau selbst ausführt. Ein Zwölf-Buchten-Stall kommt bei den heutigen Materialpreisen, selbst wenn alles selbst gebastelt wird, auf mindestens 150 DM. Es ist deshalb besser, klein anzufangen und allmählich zu vergrößern. Es kann auch mit Reihenstallungen begonnen werden, an denen laufend weitergebaut wird. Durch die starke Bautätigkeit nach 1948 wird der Boden immer teurer; man muss deshalb ein Gelände wählen, das billig zu haben ist. Es soll auch nicht allzu weit von einer Bahnstation entfernt sein, obgleich heute auch ein Kaninchenfarmer motorisiert sein muss.

Die Futterkosten entscheiden über die Rentabilität einer Zucht, denn Futter wird laufend benötigt, auch dann, wenn keine wesentlichen Einnahmen, wie im ersten Jahr, vorhanden sind. Wer die Arbeit mit eigenen Leuten bewältigen kann, ist am besten bedient. Lediglich zur Heuernte, zur Schur, zum Setzen von Markstammkohl und Rüben müssen eventuell vorübergehend Hilfskräfte eingestellt werden. Eine 45-Stunden- Woche gibt es bei einer Kaninchenfarm nicht. Manche Nacht muss geopfert werden, wenn die Würfe kommen.

Die Einnahmen aus dem Verkauf von Angorawolle und Fleisch sind die wesentlichen Aktivposten. Einnahmen aus Zuchttierverkauf sind fraglich. Der Fellerlös ist unbedeutend, und der Dünger wird in den meisten Fällen selbst gebraucht. Es wird jedoch allmählich bekannt werden, dass Fertigerzeugnisse aus Angorawolle in der Farm zu haben sind, so dass es gut ist, jederzeit eine kleine Kollektion zeigen zu können.

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Bernhard Pickert
1948 am Stadtrand von Berlin geboren und im elterlichen Einfamilienhaus mit großem Garten aufgewachsen, kam ich seit frühester Kindheit in den Kontakt mit dem dort gehaltenen Kleinvieh, wie etwa der Milchziege, Hühnern, Enten, Kaninchen und einem großen Haushund. Damals eine normale Situation, denn Kleintierhaltung nebst Bewirtschaftung der eigenen Scholle war weit verbreitet, denn die Erzeugung von Gartenbau- und Tierischen Erzeugnissen unterstützte die familiäre Eigenversorgung, in einer gerade nicht im Überfluss strotzenden Zeit, gleich nach dem 2. Weltkrieg. Erinnerung an diese Zeit ist noch wach, als ich als Grundschüler bei der Futterbeschaffung des heimischen Viehs helfen musste. Für die Enten wurde beispielsweise in den damals vorhandenen Entwässerungsgräben Entengrütze gefischt und für die Kaninchen Grünfutter von den überall noch vorhandenen, brach liegenden Freiflächen geholt. Derweil sich die Zeit hinsichtlich der Versorgungslage verbesserte, wurde von den Eltern das Kleinvieh alsbald reduziert. Kaninchen, die für den Festtagsbraten vorgesehen waren, aber blieben. Als in der Nachbarschaft einer der heimischen Kleintierzuchtvereine eine Ausstellung veranstaltete, kamen mir erstmals Rassekaninchen zu Gesicht. Die Veranstalter erkannten meine Begeisterung für Tiere und in dessen Folge wurde ich als 12jähriger Junge in den ortsansässigen Verein aufgenommen. Meine leidenschaftliche Verbundenheit zur organisierten Rassekaninchenzucht wurde somit geweckt, was schließlich dazu führte, mich umfassend mit diesem Thema zu beschäftigen und über Jahrzehnte Literatur und anderweitige schöne Dinge zusammenzutragen, die irgendwie eine Verbindung zum Kaninchen haben. Wohlwissend, dass es andere ähnlich begeisterte Idealisten gibt, ist über Jahrzehnte ein Archiv entstanden, welches Elemente dokumentiert, auf welche anderswo kaum direkter Zugriff besteht. Initiator für diese bleibende „Leidenschaft“ ist eigentlich der 1983 verstorbene Fachautor und Kleintierkenner Werner Karl Georg Moebes, welchen ich 1970 bei einer Kleintierausstellung kennen lernte und sogleich von seiner Persönlichkeit und seinem umfassenden Wissen begeistert war.

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