Dr. Heinrich Niehaus, Das Blaue Jahrbuch 1983

Geflügel-Börse 6/85/10

Die Topinamburpflanze gehört zu den ertragreichsten und wertvollsten Futterpflanzen, von der in erster Linie das junge Kraut, speziell die eiweißreichen Blätter, von Kaninchen und anderen Kleintieren sehr gern aufgenommen und ihre Inhaltsstoffe gut verwertet werden. Die im Boden wachsenden Knollen sind ebenfalls für Tier und Mensch verwertbar, spielen aber als Kaninchenfutter eine nur untergeordnete Rolle.

Das haben u. a. auch Anbau- und Fütterungsversuche ergeben, die in den 50er Jahren vom Verfasser bei der damaligen Bundesforschungsanstalt für Kleintierzucht (BFAK), dem heutigen Institut für Kleintierzucht, Celle, der Bundesanstalt für Landwirtschaft, Braunschweig-Völkenrode, durchgeführt worden sind (siehe Lit.-Angaben).

Wenn der Anbau der Topinambur trotz der vielen guten Eigenschaften dieser Pflanze bisher bei uns keine größere Verbreitung gefunden hat, so dürfte das m. E. weitgehend daran liegen, dass die Anbau-, Ernte-, Verwertungs- und Tilgungsverfahren der Topinambur nicht ausreichend bekannt sind. Ich möchte deshalb versuchen, einige mir wichtig erscheinende Hinweise auf diesem Gebiet zu geben.

Botanische Eigenschaften

Die Topinambur (Helianthus tuberosus L.), auch Knollensonnenblume oder Erdartischocke genannt, ist eine knollenbildende Verwandte der Sonnenblume. Sie gehört zur Familie der Korbblütler (Compositae). Je nach Sorte, Ernährung und Klima können die Stauden eine Höhe von 2 bis 3 m erreichen. An unterirdischen Ausläufern (Stolonen) bilden sich im Spätsommer kartoffel- ähnliche Knollen, die bis in den Spätherbst hinein wachsen. Sie sind winterfest und können deshalb im Boden bleiben. Im nächsten Frühjahr treiben sie wieder aus. Die selbstverträgliche Pflanze kann mehrere Jahre als Dauerkultur auf derselben Fläche angebaut werden. Durch einen Fruchtwechsel lassen sich höhere Erträge erzielen als bei Dauerkulturen. Auch bei sorgfältiger Knollenernte erfolgt im Frühjahr wieder ein reichlicher Austrieb, weil immer Knollen und kleine Stolonenverdickungen im Boden zurück bleiben, die neue Pflanzen hervorbringen können. Durch Mäusefraß können allerdings, besonders in langen, strengen Wintern, z. T. erhebliche Schäden verursacht werden.

Die an sich positive Eigenschaft der Topinambur, ohne Neupflanzung immer wieder auszutreiben, schreckt manche Züchter vom Anbau ab, weil sie fürchten, einmal angebaute Pflanzenbestände nicht wieder tilgen zu können. Eine derartige Befürchtung ist aber unbegründet, weil eine völlige Tilgung relativ leicht ist, wie aus den weiteren Ausführungen zu ersehen ist. Die im Boden wachsenden Knollen sind als Diabetikernahrung für Menschen und auch in der Kaninchenfütterung zu verwenden. In erster Linie sind sie als Pflanzgut geeignet.

Die Topinambur ist eine Kurztagpflanze und bildet deshalb während der langen Frühjahrs- und Sommertage nur üppige, krautige Triebe. Erst im Herbst zeigen sich (nach Sorten unter schiedlich) Blüten, die in Form und Farbe denen der Sonnenblume ähneln, aber viel kleiner sind und einen Durchmesser von 5-8cm aufweisen. Zur Samenreife kommt es bei uns im Allgemeinen nicht.

Ansprüche an Boden und Klima

Die Topinambur ist sehr anpassungsfähig und gedeiht auf fast allen Bodenarten. Am besten sagen ihr lockere, gut durchlüftete humus- und nährstoffreiche Böden zu, auf denen sie die höchsten Erträge bringt. Aber auch auf sehr leichten Böden, die an der Grenze der Anbauwürdigkeit liegen, kann man noch befriedigende Erträge erzielen, wenn genügend Wasser zur Verfügung steht und die Düngung nicht vernachlässigt wird. Auf Moorböden hat sie sich eben falls bewährt.

Der Wasserbedarf der Topinambur ist relativ groß, besonders dann, wenn hohe Krauterträge gefordert werden. Hohe Düngergaben können nur dann ausgenutzt werden, wenn gleichzeitig auch genügend Wasser im Boden vorhanden ist. Auf wasserarmen Böden und in Trockenperioden lohnt sich ein zusätzliches Sprengen, wenn Wasser preiswert zur Verfügung steht.

Früher wurde die Topinambur meist als Extensivkultur angebaut, wobei der Hauptwert auf die Gewinnung der Topinamburknollen gelegt und das Kraut nur als Nebenprodukt oder gar nicht genutzt wurde. Auf dieser Basis konnte der Topinamburanbau keine größere wirtschaftliche Bedeutung erlangen. Die eingangs erwähnten und in Celle auf Anregung von Dr. Küppers, Müden/Örtze, durchgeführten Versuche haben aber gezeigt. dass sich ein Anbau lohnt, wenn man die Fähigkeit der Topinambur, im Intensivanbau hohe Erträge an eiweißreichem Kraut zu produzieren, ausnutzt. Da die meisten Nährstoffe sich in den Blättern befinden und diese von den Kaninchen und anderen Kleintieren bevorzugt aufgenommen werden, muss es das Hauptziel sein, möglichst viel Kraut mit hohem Blattanteil zu erzeugen.

Die verschiedenen Topinambursorten weisen hinsichtlich ihrer Erträge an Kraut und/oder Knollen, des Blattanteils, der Reifezeit und anderem zum Teil erhebliche Unterschiede auf. Bei der Bestellung von Saatgut (Angebote gibt es gelegentlich im Anzeigenteil) sollte man Sorten mit hohem Blattanteil anfordern. Da Topinambur keine Abbauerscheinungen wie die Kartoffel zeigt, kann man das Pflanzgut (Knollen) auch von Anbauern beziehen, die über keine Neuzüchtungen verfügen.

Bodenvorbereitung und Düngung

Hier gelten die gleichen Voraussetzungen wie beim Anbau anderer Hackfrüchte. Von den organischen Düngern ist kompostierter Kaninchenmist hervorragend geeignet. Frischer Dung wird am besten im Herbst flach untergearbeitet, Kompost im Frühjahr. Von Menge und Beschaffenheit des organischen Düngers hängt es ab, ob und wieviel mineralischer Dünger zusätzlich gegeben werden muss, um optimale Krauternten zu erzielen. Eine wichtige Rolle spielt dabei der Stickstoff, der ein unentbehrlicher Baustein des Eiweißes ist und deshalb die Krautbildung und den Eiweißgehalt der Blätter stärker fördert als das Wachstum der relativ eiweißarmen Knollen. Die Anwesenheit ausreichender Stickstoffmengen wird durch eine satte, dunkelgrüne Farbe der Blätter (erhöhte Bildung von Blattgrün) an gezeigt.

Weil Stickstoff nur in geringem Umfang (z. B. im Humus und durch Bakterien) im Boden gespeichert werden kann, müssen die benötigten Mengen jedes Jahr in voller Höhe zugeführt werden. Bei intensiver Krautnutzung durch mehrfachen Schnitt ist es zweckmäßig, den Pflanzen nach dem ersten Schnitt nochmals Stickstoffdünger, und zwar etwa 1/3 der Gesamtmenge, zuzuführen. Das kann in Form von Gülle, Jauche oder mineralischem Dünger erfolgen. In letzterem Falle ist eine Beratung durch den Düngemittelhändler zweckmäßig, falls Unklarheiten über Art und Menge des zu verabreichenden Düngers bestehen. Vor überhöhten Stickstoffgaben ist allerdings zu warnen, weil dadurch das Kraut zu mastig und der Boden zu sehr ausgelaugt wird.

Bei normal mit Kalk versorgten Böden genügt es im Allgemeinen, alle 2-3 Jahre eine Kalkdüngung vorzunehmen. Auf leichten Böden (Sandböden) verwendet man je 100 qm etwa 8-10 kg kohlensauren Kalk, auf schweren Böden (Lehm- und Tonböden) etwa die gleiche Menge an gelöschtem Branntkalk. Auf eine weitere detaillierte Empfehlung der Düngeart und -mengen muss im Rahmen dieses Artikels verzichtet werden, zumal die Verhältnisse bei den Anbauern von Topinambur sehr verschieden sein können. in Zweifelsfalle ist eine Anfrage bei der zuständigen "Landwirtschaftlichen Beratungsstelle" zu empfehlen.

Der Bedarf an Saatknollen beträgt bei sortiertem Saatgut (mittelgroße Knollen) etwa 12-15 kg je 100 qm Anbaufläche. Bei dickeren Knollen wird entsprechend mehr benötigt. Nötigenfalls kann man übergroße Knollen auch so durch schneiden, dass sich auf jedem Teilstück mindestens 1-2 gesunde "Augen" befinden. Bei Herbstpflanzungen und bei länger anhaltendem nasskaltem Wetter besteht eine erhöhte Gefahr, dass durchschnittene Knollen verfaulen. Die beste Pflanzzeit ist das Frühjahr (März/April). Eine Herbstpflanzung (Ende Oktober/November) ist ebenfalls möglich. Dabei kann allerdings ein Teil der Knollen durch Mäusefraß und/oder Verfaulen die Keimfähigkeit verlieren, wodurch ein lückenhafter Bestand entsteht. Ein Erfrieren der winterharten Knollen ist nicht zu befürchten.

Die Topinamburknollen werden wie Kartoffeln gepflanzt. Ein Reihenabstand von 50-60 cm und ein Abstand der Knollen in den Reihen von ca. 30cm sind zu empfehlen. Die Knollen sollen nicht zu tief (3-5 cm) gepflanzt werden, aber gut mit Erde bedeckt sein. Außer Flächenpflanzungen kommen auch Heckenpflanzungen (am besten Doppelhecke) in Frage. Auch Horstpflanzungen in Hühnerausläufen sind eine Möglichkeit. Die Hühner dürfen aber erst dann an die Pflanzen herankommen, wenn diese eine Höhe von etwa 90 cm aufweisen bzw. die Spitzen von den Hühnern nicht mehr erreicht werden können. Die erreichbaren Blätter werden von den Hühnern gern abgezupft und gefressen. Der Züchter muss dann weitgehend auf eine Krauternte verzichten. Die Topinamburpflanzen bieten den Hühnern neben den eiweiß- und vitaminreichen Blättern einen gewissen Schutz gegen Greifvögel.

Eine besondere Pflege der Topinamburpflanzung ist nicht erforderlich. Nur im Jugendstadium und nach den Krautschnitten besteht die Gefahr einer Verunkrautung, die durch Hacken zu beseitigen ist. In geschlossenen Topinamburbeständen hat Unkraut keine Entwicklungsmöglichkeit mehr. Einmal angelegte Topinamburanlagen erneuern sich ohne Nachpflanzung immer wieder aus den im Boden zurückgebliebenen Knollen und Stolonenverdickungen. Ein gleichmäßiger Bestand mit höheren Erträgen wird gewährleistet, wenn man die Anlage jährlich oder alle zwei Jahre nach dem 2. oder 3. Schnitt umpflügt oder umgräbt, sachgemäß düngt, neue Knollen pflanzt und die zwischen den Reihen auflaufenden Pflanzen aushackt. Geschieht das nicht, wird der Bestand immer dichter, sodass schließlich ein Topinamburrasen entsteht, der weniger ertragreich ist.

Die Topinamburernte

Bei der Topinamburernte unterscheidet man zwei Produkte, nämlich das Topinamburkraut (Stängel und Blätter) und die Topinamburknollen. Bei einer rationellen, mehrmals im Jahre durchgeführten Krauternte bleiben die Knollen klein. Eine Ernte dieser Knollen, die sich gewichtmäßig bis auf 1 0% und mehr einer Normalernte verringert, lohnt sich nicht. Hohe Knollenerträge sind nur bei nicht oder erst spät (November) geerntetem Kraut möglich. Letzteres besteht dann aber im Wesentlichen aus dicken, harten und verholzten nährstoffarmen Stängeln. Auch die in den Spitzenregionen noch vorhandenen Blätter besitzen nur noch einen stark verringerten Nährwert. Derartige Pflanzen dienen praktisch nur der Gewinnung von Saat-, Futter- und Speiseknollen. Man sollte deshalb, soweit man die Knollen nur für den eigenen Bedarf gewinnen will, etwa 90% der Anbaufläche für eine intensive Krautnutzung und etwa 10% für eine Knollenernte nutzen.

Für eine intensive Krautnutzung ergeben sich folgende Möglichkeiten:

1. Einmaliger Krautschnitt mit nachfolgendem Anbau von Landsberger Gemenge, Marktstammkohl, Kohlrüben u. a. Der günstigste Zeitpunkt der Krauternte bei einmaligem Schnitt ist dann gegeben, wenn der Bestand eine Höhe von etwa 1,20 m erreicht hat. Das ist in Abhängigkeit von der Pflanzzeit der Knollen, Klima und Düngung etwa Ende Juni/Juli/Anfang August der Fall.

2. Zwei- bis dreimaliger Schnitt. Der größte Futterwert des Topinamburkraut ist im Allgemeinen dann vorhanden, wenn das Kraut bei einer Höhe von 90 cm bis 1 m geschnitten wird. Die Erntezeiten werden dabei durch unterschiedliche Umweltverhältnisse (Witterung, Düngung) erheblich beeinflusst. Bei unseren Versuchen konnten wir den ersten Schnitt etwa Anfang Juli, den zweiten etwa Mitte August und den dritten und letzten etwa Ende Oktober ernten.

3. Laufend durchgeführte Krauternte von etwa Ende Juni bis Ende Oktober. Diese Methode ist für Kaninchenzüchter im Allgemeinen die günstigste, weil man dabei in der angegebenen Zeit fortlaufend Topinamburkraut zur Verfügung hat. Bei dieser Methode muss man möglichst früh mit der Ernte beginnen und die Krautentnahme so einteilen, dass man bereits wieder von vorn beginnen kann, wenn die Fläche durchgeerntet ist. Unter Umständen können sich dabei verschiedene Pflanzzeiten günstig auswirken. Im Allgemeinen wird es zweckmäßig bzw. erforderlich sein, das Topinamburfutter durch anderes Grünfutter zu ergänzen.

4. Das sogenannte Melken, bei dem jeweils nur ein Teil der Blätter sowie die Seitentriebe entnommen werden, ist zwar wesentlich zeitaufwendiger als die anderen Ernteverfahren; man verwendet hierbei aber nur die von den Kaninchen bevorzugt gefressenen Blätter und kann zusätzlich mit einer annehmbaren Knollenernte rechnen.

Das Topinamburkraut wird bei der Ernte am besten kurz über dem Boden abgeschnitten. Das gelegentlich empfohlene Stehenlassen von 30-40 cm langen Strünken ergab keinerlei Vorteile, erwies sich aber bei den folgenden Schnitten als nachteilig.

Der wertbestimmende Inhaltsstoff der Topinamburknollen liegt zunächst noch überwiegend in Form des von Kaninchen nur geringfügig verdaubaren Inulins vor. Inulin, auch Kompositen- oder Alantstärke genannt, weil es im Kompositen (Topinambur, Alant, Dahlienknollen u. a.) reichlich vorkommt, ist ein der Stärke ähnliches Kohlehydrat. Es unterscheidet sich aber von der Stärke (Getreidestärke, Kartoffelstärke u. a.) auch dadurch, dass es fast aus schließlich aus einer chemischen Verbindung von etwa 50 Fruchtzucker-Molekülen besteht (vgl. Kirchgessner, 1982), während die Bausteine der Stärke aus über 3000 Traubenzucker Molekülen bestehen (Dietrich u. Stöcker, 1976). Die schlechte Verdaulichkeit der Inulin haltigen Topinamburknollen ist darauf zurückzuführen, dass das Ferment Inulase, das Inulin zu dem verwertbaren Fruchtzucker abbaut, im Verdauungstrakt des Kaninchens nicht gebildet wird. Es entsteht aber in den reifenden Topinamburknollen, in denen es das Inulin fortschreitend mehr und mehr zu Fruchtzucker abbaut (festzustellen am süßen Geschmack der Knollen). Dadurch steigt die Verdaulichkeit der Knollen fortlaufend an.

Bei gartenmäßigem Anbau der Topinambur, ausreichender Düngung und günstigen Witterungsbedingungen kann man bei 2-3 Krautschnitten sehr wohl 7-8 dz Frischkraut mit 7-8 kg Rohprotein (Roheiweiß) und 35-40 kg Gesamtnährstoffen von 100 m² ernten. Bei feldmäßigem Anbau größerer Flächen sind, bezogen auf 100 m² etwa 5-6 dz Frischkraut (Blätter plus Stängel) mit 5-6 kg Rohprotein und 25-30 kg Gesamtnährstoffen zu erwarten. Bei den in der BFAK durchgeführten Versuchen konnten z. T. Spitzenerträge erzielt werden, die etwa doppelt so hoch lagen wie die angegebenen. Alles in allem haben die Versuche gezeigt, dass ertragreiche Topinambursorten in der Lage sind, bei optimalen Umweltverhältnissen sehr hohe Krautleistungen zu erbringen, und sich dabei würdig in die Reihe anderer landw. Hochleistungspflanzen einreihen.

Erfahrungen bei der Fütterung

Topinamburblätter erwiesen sich als ausgesprochene Leckerbissen für Kaninchen. Unerwünschte Nebenwirkungen wurden (nach Angewöhnung) auch bei hohen Gaben nicht beobachtet. Man sollte aber, besonders dann, wenn die Tiere nicht an Grünfutter gewöhnt sind und das Kraut noch sehr jung und zart ist, mit kleineren Gaben beginnen und diese dann all mählich steigern.

Es hat sich als günstig erwiesen, das Topinamburkraut in möglichst frischem Zustand zu verabreichen. Es kann aber auch, locker aufgeschichtet, unbedenklich für mehrere Stunden an einem schattigen Platz gelagert werden. Bei der Ernte des Topinamburkrautes wurde es als besonders angenehm empfunden, dass die Blätter nach Regenschauern sehr schnell wieder trocknen, weil nur wenig Wasser an den Blättern haften bleibt. Man kann das Kraut auch bei regnerischem Wetter ernten und das Regenwasser durch Schütteln des Erntegutes weitgehend entfernen.

Durch eine Trocknung des sehr saftigen jungen Krautes als Wintervorrat auf natürlichem oder künstlichem Wege lässt sich zwar ein wertvolles Winterfutter gewinnen, wegen des relativ hohen Aufwandes, der für die Trocknung des Krautes erforderlich ist, wird man im Allgemeinen aber darauf verzichten.

Vergleichende Fütterungsversuche mit frischem Topinamburkraut und Kleegrasgemischen, die mit verschiedenen Rassen (Angora, Kleinsilber, Engl. Schecken, Hasenkaninchen und Hellen Großsilber) vorgenommen wurden, ergaben eine Überlegenheit des Topinamburkrautes hinsichtlich der Wollerträge bei Angorakaninchen und des Wachstums junger Tiere der genannten Rassen. Bei gleichzeitiger Verabreichung von Topinamburkraut und Wiesengras wurde Topinambur bevorzugt aufgenommen. Im Übrigen verzehrten die Kaninchen fast immer zuerst die Blätter und dann die zarten Teile der Stängel. An die härteren Stängelteile machten sich die Kaninchen im Allgemeinen erst dann heran, wenn für längere Zeit kein neues Grünfutter verabreicht wurde. Ältere verholzte Stängel, die nur wenig verdauliche Nährstoffe enthalten, dienten den Kaninchen offenbar in erster Linie zur Befriedigung des Nagebedürfnisses.

Die Knollenernte kann ab November und – bei offenem Wetter und nicht gefrorenem Boden – während des ganzen Winters bis in den April hinein erfolgen. Eine Verfütterung der Knollen an Kaninchen sollte aber erst ab Weihnachten vorgenommen werden, weil die Knollen erst dann ihre volle Verdaulichkeit erreicht haben. Angorakaninchen eines in der Nähe von Celle wohnenden Züchters, die im Herbst neben ein wenig Heu nur frische Knollen erhalten hatten, magerten ab und zeigten Durchfallerscheinungen, obwohl die Tiere die Knollen gern und in großen Mengen aufgenommen hatten. Etwa ab Ende des Jahres ist eine weitgehend optimale Ausnutzung der Topinamburknollen als Kaninchenfutter möglich.

Es dürfte in diesem Zusammenhang interessieren, dass Topinamburknollen bzw. daraus hergestellte Salate auch als Diabetikernahrung für Menschen verwendet werden. Inulin haltige Gerichte rufen ein Sättigungsgefühl hervor, ohne dass der Organismus mit zu viel Kalorien (heute durch die Einheit "Joule" ersetzt) belastet wird. Zu diesem Zweck wird auch Inulingebäck für Diabetiker (Zuckerkranke) angeboten. Ferner soll auch der Fruchtzucker für Diabetiker weniger schädlich sein als Traubenzucker und dessen Ausgangsprodukte, die in Kuchen, Mehlspeisen u. a. reichlich vorhanden sind.

Es sei noch erwähnt, dass das Kohlehydrat Inulin gelegentlich mit dem Hormon der Bauchspeicheldrüse "Insulin', das den Zuckerhaus halt im Blut reguliert, verwechselt wird. Der ähnlich klingende Name und der Einfluss beider Stoffe auf den Blutzucker bei Zuckerkranken dürften die Ursachen sein. Es handelt sich dabei aber um zwei völlig verschiedene Stoffe.

Die Aufbewahrung der Topinarnburknollen erfolgt am besten dadurch, dass man sie bis zum Gebrauch im Boden belässt. Man kann sie aber auch in nicht zu dicker Schicht in Erdmieten lagern, die Knollen mit Sand durchsetzen und das Ganze dann mit wenig Boden abdecken. Im Frühjahr ist die Haltbarkeit der Knollen sehr gering. Ein längeres Stehenlassen in Säcken bringt sie leicht zum Verfaulen. Da die Topinamburknollen durch ihre relativ dünne Haut leicht Wasser abgibt, kann man sie ohne große Schwierigkeiten trocknen, als sog. „Mumien“ aufbewahren und sie dann in dieser Form verfüttern.

Die Tilgung der Topinamburbestände ist gar nicht so schwierig, wie das im Allgemeinen angenommen wird. Man muß die Pflanzen zu diesem Zweck dann schneiden und die Strünke entfernen, wenn die Reservestoffe der überwinterten Knolle aufgebraucht sind und sich noch keine neuen Knollen gebildet haben. Das ist im Allgemeinen im Juli der Fall. Zu dieser Zeit erhält man bereits einen guten Krautschnitt und kann anschließend Landsberger Gemenge, Markstammkohl oder andere Zweitfrüchte nachbauen. Evtl. sich noch zeigende schwache Austriebe können durch Hacken leicht vernichtet werden, so daß die Parzelle im folgenden Frühjahr von Topinambur befreit ist. Bemühungen, die Topinambur durch sorgfältige Knollenernte auszurotten, ist dagegen ein hoffnungsloses Unterfangen.

Gegen Krankheiten ist die Topinambur nicht besonders anfällig. Ein Abbau wie bei der Kartoffel erfolgt nicht. Seit einiger Zeit hat sich allerdings eine bisher wenig bekannte Krankheit gezeigt. Ihr Erreger ist der Pilz Sclerotinia. Die befallenen Pflanzen zeigen an den Stängeln in Bodennähe meist einen weißlichen Belag. Die oberirdischen krautigen Bestandteile werden welk, die Knollen verfaulen. Der Pilz soll sich mehrere Jahre im Boden lebensfähig erhalten. Eine Verbreitung erfolgt durch infizierte Knollen. Da anscheinend in erster Linie nur ältere Topinamburstauden befallen werden, kann man die Krankheit durch häufigen Rückschnitt des Krautes wirksam zurückhalten. Vorbeugende Maß nahmen sind: Verwendung gesunden Saatgutes und ein drei- bis vierjähriger Ausschluss der befallenen Flächen vom Topinamburanbau.

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Bernhard Pickert
1948 am Stadtrand von Berlin geboren und im elterlichen Einfamilienhaus mit großem Garten aufgewachsen, kam ich seit frühester Kindheit in den Kontakt mit dem dort gehaltenen Kleinvieh, wie etwa der Milchziege, Hühnern, Enten, Kaninchen und einem großen Haushund. Damals eine normale Situation, denn Kleintierhaltung nebst Bewirtschaftung der eigenen Scholle war weit verbreitet, denn die Erzeugung von Gartenbau- und Tierischen Erzeugnissen unterstützte die familiäre Eigenversorgung, in einer gerade nicht im Überfluss strotzenden Zeit, gleich nach dem 2. Weltkrieg. Erinnerung an diese Zeit ist noch wach, als ich als Grundschüler bei der Futterbeschaffung des heimischen Viehs helfen musste. Für die Enten wurde beispielsweise in den damals vorhandenen Entwässerungsgräben Entengrütze gefischt und für die Kaninchen Grünfutter von den überall noch vorhandenen, brach liegenden Freiflächen geholt. Derweil sich die Zeit hinsichtlich der Versorgungslage verbesserte, wurde von den Eltern das Kleinvieh alsbald reduziert. Kaninchen, die für den Festtagsbraten vorgesehen waren, aber blieben. Als in der Nachbarschaft einer der heimischen Kleintierzuchtvereine eine Ausstellung veranstaltete, kamen mir erstmals Rassekaninchen zu Gesicht. Die Veranstalter erkannten meine Begeisterung für Tiere und in dessen Folge wurde ich als 12jähriger Junge in den ortsansässigen Verein aufgenommen. Meine leidenschaftliche Verbundenheit zur organisierten Rassekaninchenzucht wurde somit geweckt, was schließlich dazu führte, mich umfassend mit diesem Thema zu beschäftigen und über Jahrzehnte Literatur und anderweitige schöne Dinge zusammenzutragen, die irgendwie eine Verbindung zum Kaninchen haben. Wohlwissend, dass es andere ähnlich begeisterte Idealisten gibt, ist über Jahrzehnte ein Archiv entstanden, welches Elemente dokumentiert, auf welche anderswo kaum direkter Zugriff besteht. Initiator für diese bleibende „Leidenschaft“ ist eigentlich der 1983 verstorbene Fachautor und Kleintierkenner Werner Karl Georg Moebes, welchen ich 1970 bei einer Kleintierausstellung kennen lernte und sogleich von seiner Persönlichkeit und seinem umfassenden Wissen begeistert war.

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