Bakterien als Vitaminproduzenten im Kaninchenblinddarm

Prof. em. Dr. Curt E. W. Sprehn, Celle

„Das Blaue Jahrbuch“ 1967

Zur Ernährung der Kaninchen gehören wie zu der des Menschen und aller Haustiere außer den Substanz und Energie liefernden Nährstoffen, dem Eiweiß als wichtigstem Baustoff der lebenden Substanz, den Kohlenhydraten und Fetten als den Hauptlieferanten von Energie und Vorratsstoffen, dem Wasser als anorganischen Hauptbestandteil des Tierkörpers, auch noch Mineralstoffe (einschließlich Spurenelementen) als anorganische Baustoffe (und als Wirkstoffe) sowie die Vitamine als wichtige Wirkstoffe bei allen Lebensvorgängen. Sie regulieren die Verwertung von Bau- und Nährstoffen. Es sind organische Substanzen, die in kleinsten Mengen zur Aufrechterhaltung von Gesundheit und Leistungsfähigkeit notwendig sind. Sie müssen im Allgemeinen mit der Nahrung zugeführt werden, da der Körper sie selbst nicht aufbauen kann. In engster Verbindung wirken sie zusammen mit anderen, vom Körper selbst aufgebauten Wirkstoffen, nämlich den Fermenten (Enzymen) und den Hormonen. Ohne diese biologischen Wirkstoffe wäre der Lebenslauf undenkbar.

Unsere Kenntnisse von den Vitaminen sind verhältnismäßig neueren Datums. Erst seit etwa 80 Jahren hat sich die Wissenschaft mit ihnen intensiv beschäftigt; aber auch heute noch bestehen erhebliche Lücken in unserem Wissen über sie. Die für das Kaninchen wichtigsten, mit dem Futter zugeführten Vitamine und die notwendigen Mengen, die ihnen pro kg sind nach der vorliegenden Literatur: Vitamin A (Axerophthol) 10 000 i. E.; Vitamin D (Calciferol) 1000 i. E.; Vitamin E a Tocopherol) 40 mg.; Vitamin K (Phyllochinon) 20 mg: Vitamin B1 (Aneurin, Thiamin) 2 mg; Vitamin B2 (Laktoflavin, Riboflavin) 4 mg; Nicotinsäure 20 mg; Pantothensäure 20 mg: Vitamin B6 (Adermin, Pyridoxin) 4 mg. Mischfutter (Trockensubstanz) verabfolgt werden müssen.

Es war gesagt, dass die Vitamine im Gegensatz zu den Fermenten und Hormonen im Allgemeinen nicht vom Körper synthetisiert werden. Sie müssen nun aber nicht immer in ihrer endgültigen Wirkform von außen mit der Nahrung aufgenommen werden, sondern manche können als Vorstufen als Provitamine" dem Körper zugeführt werden, um dann erst in ihm zu dem eigentlichen Vitamin aufgebaut zu werden. So wird zum Beispiel das Vitamin A aus den mit der Nahrung aufgenommenen Pflanzenfarbstoffen, den Karotinen (besonders dem b Karotin aus allen grünen Pflanzen und roten Möhren) vom Tierkörper aufgebaut. Ähnlich liegen die Verhältnisse beim Vitamin D. Hier wird Vitamin D2 durch Bestrahlung (ultraviolette Strahlen im Sonnen- und diffusen Tageslicht) des mit der Nahrung aufgenommenen pflanzlichen Ergosterins gebildet oder Vitamin D3, in derselben Art und Weise aus dem im Tierkörper vorhandenen Cholesterinstoffwechselprodukt 7-Dehydrocholesterin.

Manche Tiere sind bezüglich einiger Vitamine, z. B. der Vitamine der B-Gruppe: B1, B2, B6, B12, Nikotinsäure und Nikotinsäureamid, Pantothensäure und anderen nicht auf die von außen mit der Nahrung dem Körper zugeführten Vitamine oder Vitaminvorstufen angewiesen. Sie produzieren diese vielmehr in ihrem Körper; aber nicht ihr Körper selbst baut sie auf, sondern er benutzt dazu gewisse Bakterien, die sich in bestimmten Abschnitten des Verdauungskanals ansiedeln, die ihnen besonders zusagen und in denen sie sich zahlreich vermehren können. Eine solche Gär- und Zuchtkammer für die vitaminerzeugenden Bakterien stellt z. B. bei den Wiederkäuern der Pansen dar. Die hier von den Bakterien erzeugten Vitamine werden dem Nahrungsbrei innig beigemischt und mit ihm in den Darm transportiert, wo sie zur Wirkung kommen und mit den Nährstoffen, von der Darmschleimhaut aufgenommen, in den Blutkreislauf gelangen.

Beim Kaninchen und auch bei anderen Nagetieren dient als Gär- und Brutraum für diese vitaminerzeugenden Bakterien der Blinddarm der Tiere. Da dieser am Ende des Verdauungsapparates liegt, nicht an seinem Anfang wie der Pansen der Wiederkäuer, können die in ihm erzeugten Vitamine nicht mehr in den Verdauungsprozeß im Dünndarm eingreifen und werden auch nur noch in geringem Maße von der Darmschleimhaut resorbiert. Um trotzdem dem Kaninchen die hier erzeugten Vitamine in ausreichenden Mengen zur Verfügung zu stellen, wird der mit Vitaminen angereicherte Blinddarminhalt in den Enddarm abgegeben und hier zu kleinen Ballen geformt, die zusammen mit den normalen Kotballen durch den After nach außen entleert werden. Dieser „Vitaminkot" oder auch Caecotrophe genannt, bildet dem Normalkot ähnliche, aber lockere und heller gefärbte Ballen. Besonders willkommen und wertvoll ist dieser Vitaminkot der Häsinnen für die Jungtiere, sobald diese das Nest verlassen, da sie selbst zu diesem Zeitpunkt ja noch keinen Vitaminkot herstellen können. In den ersten Tagen und Wochen nach der Geburt werden die Jungtiere mit der Muttermilch mit den nötigen Vitaminen versorgt, besonders durch die mit Schutzstoffen aller Art angereicherte Colostralmilch, der Muttermilch der ersten Tage nach der Geburt der Jungtiere. Man hatte, ehe man um diese wunderbaren Zusammenhänge Näheres wusste, beobachtet, dass unsere Kaninchen, auch gerade die Jungtiere, gar nicht selten begierig Kot, wie wir heute wissen, eben den Vitaminkot, aufnahmen. Man deutete diese Erscheinung fälschlicherweise als „Kotfressen" und damit als ein Krankheitssymptom. In ähnlicher Weise wird auch Vitamin K durch Bakterien im Darm aufgebaut.

Aus hygienischen Gründen ist es, wie wir heute wissen besonders als vorbeugender Schutz gegen den Befall mit Coccidien angebracht, Kaninchen auf Drahtgeflechten oder Lattenrosten zu halten. Dabei sollen aber die Drahtmaschen nicht zu groß und die Abstände der Rosten nicht zu weit voneinander sein. Der Drahtboden oder die Holzroste haben ja nicht den Zweck, dass der Kot durch einen solchen Stallboden hindurchfällt, sondern sie sollen den Stallboden, auf den ja auch noch Einstreu kommen kann, immer, besonders bei der Aufzucht von Jungtieren, trocken halten. Dadurch alleine wird die Entwicklung der Coccidienoocysten im Kot befallener Tiere stark verzögert oder ganz gehemmt und die Infektionsgefahr erheblich beschränkt oder ganz aufgehoben. Natürlich muss, um dieses Ziel zu erreichen, unter dem Drahtboden oder dem Lattenrost ein Luftraum von etwa einer Handbreite vorhanden sein. Ein so ausgeführter Stallboden hindert die Kaninchen auch nicht an der Aufnahme des für sie wichtigen Vitaminkotes.

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Bernhard Pickert
1948 am Stadtrand von Berlin geboren und im elterlichen Einfamilienhaus mit großem Garten aufgewachsen, kam ich seit frühester Kindheit in den Kontakt mit dem dort gehaltenen Kleinvieh, wie etwa der Milchziege, Hühnern, Enten, Kaninchen und einem großen Haushund. Damals eine normale Situation, denn Kleintierhaltung nebst Bewirtschaftung der eigenen Scholle war weit verbreitet, denn die Erzeugung von Gartenbau- und Tierischen Erzeugnissen unterstützte die familiäre Eigenversorgung, in einer gerade nicht im Überfluss strotzenden Zeit, gleich nach dem 2. Weltkrieg. Erinnerung an diese Zeit ist noch wach, als ich als Grundschüler bei der Futterbeschaffung des heimischen Viehs helfen musste. Für die Enten wurde beispielsweise in den damals vorhandenen Entwässerungsgräben Entengrütze gefischt und für die Kaninchen Grünfutter von den überall noch vorhandenen, brach liegenden Freiflächen geholt. Derweil sich die Zeit hinsichtlich der Versorgungslage verbesserte, wurde von den Eltern das Kleinvieh alsbald reduziert. Kaninchen, die für den Festtagsbraten vorgesehen waren, aber blieben. Als in der Nachbarschaft einer der heimischen Kleintierzuchtvereine eine Ausstellung veranstaltete, kamen mir erstmals Rassekaninchen zu Gesicht. Die Veranstalter erkannten meine Begeisterung für Tiere und in dessen Folge wurde ich als 12jähriger Junge in den ortsansässigen Verein aufgenommen. Meine leidenschaftliche Verbundenheit zur organisierten Rassekaninchenzucht wurde somit geweckt, was schließlich dazu führte, mich umfassend mit diesem Thema zu beschäftigen und über Jahrzehnte Literatur und anderweitige schöne Dinge zusammenzutragen, die irgendwie eine Verbindung zum Kaninchen haben. Wohlwissend, dass es andere ähnlich begeisterte Idealisten gibt, ist über Jahrzehnte ein Archiv entstanden, welches Elemente dokumentiert, auf welche anderswo kaum direkter Zugriff besteht. Initiator für diese bleibende „Leidenschaft“ ist eigentlich der 1983 verstorbene Fachautor und Kleintierkenner Werner Karl Georg Moebes, welchen ich 1970 bei einer Kleintierausstellung kennen lernte und sogleich von seiner Persönlichkeit und seinem umfassenden Wissen begeistert war.

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