Irmgard Theel, Elmshorn – „Das Blaue Jahrbuch“ 1976

Wenn wir heute vom Kaninchenrohfell sprechen, ist die Zeit vergessen, in der uns der Altwarenhändler nicht einmal ein gut getrocknetes Kaninchenrohfell ohne Bezahlung abnahm. Die letzten Jahre haben bewiesen, dass in den Frauengruppen eine enorme Nachfrage nach Kaninchenrohfellen besteht. Man versucht so, die stark angestiegenen Kosten für die Zurichtung der Felle in erschwinglichem Rahmen zu halten. Hinzu kommt noch, dass einige Firmen für größere Sammelsendungen entweder die Frachtkosten vergüten oder einen Rabatt gewähren. Dieses sind Fakten, die sich für die Frauengruppen in barer Münze niederschlagen. Mit dem gegerbten Fell allein ist ja nichts erreicht. Weitere Ausgaben für Zutaten sollen angekauft werden, um ein Fertigprodukt zu erreichen. Doch der Reihe nach:

Ein langer, beschwerlicher Weg ist zu überwinden, bis aus dem Fell, welches wir unseren Kaninchen buchstäblich über die Ohren ziehen, ein fertiges Stück entstanden ist. Wenn beim Kaninchenzüchter „Schlachtfest“ ist und die fertigen gesäuberten Schlachtkörper zum Abhängen im Keller baumeln, beginnt für die Rohfelle die erste Behandlung. Es braucht wohl nicht erwähnt zu werden, dass beim Abziehen des Felles mit dem Messer sehr sorgsam umgegangen werden muss. Das Messer soll zwar scharf sein, aber seine Schneide soll das Fell nicht beschädigen. Ein kleiner Schnitt im Rohfell kann sich verheerend für das gegerbte Fell auswirken. Also, Vorsicht ist geboten! Bevor man nun das Rohfell auf einen Fellspanner aufzieht, entfernt man das Fett von der Fleischseite des Felles. Übrigens sollte man das Fell möglichst sofort nach dem Schlachten auf den Fellspanner bringen, damit das Fell keinen Schaden nimmt. Die Haarseite des Felles kommt nach innen, die Fleischseite nach außen. Sagen sie jetzt nur nicht, das weiß man doch. Ein junger Züchter bringt mir vor kurzer Zeit freudestrahlend ein aufgespanntes Rohfell. Ich gucke und denke, ich sehe nicht richtig: die Haarseite des Felles war außen. Mit viel Mühe versuchten wir mit vereinten Kräften, das Fell vom Spanner zu bekommen. Als wir uns das Fell nun genau betrachteten, war es an der Fleischseite total verschimmelt, also unbrauchbar. Beim Gerben wären sämtliche Haare ausgefallen, und man hätte nur noch die Blöße gehabt. Also gibt es doch so etwas wie Unkenntnis. Darum kann man auch in den Versammlungen nicht oft genug darüber sprechen, wie Rohfelle behandelt werden sollten.

Schon beim Aufspannen der Felle gilt es, zu sortieren. Dabei hat man es bei farbigen Tieren verhältnismäßig einfach. Auf der Fleischseite des Felles zeigen sich dunkle Flecken, wenn das Tier in Haarung war. Verlaufen diese dunklen Stellen über die ganze Rückenpartie, sollte man das Fell nur trocknen, um es als Schneidekanin zu verkaufen. Das Gerben lohnt in solch einem Fall meistens nicht, denn das Fell wirkt nach dem Gerben scheckig und fleckig und ist somit minderwertig. Mitunter zeigt ein Fell kleine dunkle Flecken an der Bauchseite. Sind es tatsächlich nur kleine Stellen, kann man es zum Gerben auftrocknen. Schwierig wird das Vorsortieren bei weißen Fellen. Hier erscheinen keine dunklen Flecken, weil dem Tier der Farbstoff fehlt. Man kann sich damit behelfen, an den Kaninchenhaaren zu zupfen. Sind die Haare fest, sollte das Fell gerbfähig sein. Hat man jedoch die Hand voller Haare, hat es die erste Probe nicht bestanden. Vor- sichtig sollte man mit Jungtierfellen verfahren. Ist das Rohfell flatterig und dünn, würde ich das Gerben nicht empfehlen. Die Züchterfrau hat später mit solchen Fellen Ärger, weil das Leder so weich ist, dass es sich in alle Himmelsrichtungen zieht. Sind nun die Felle vorsortiert, kann man mit dem Aufspannen beginnen. Die Fellspanner sollten lang genug sein, damit die ganze Länge des Fells richtig gespannt werden kann. Es ist zu vermeiden, dass sich an irgendeiner Stelle Falten bilden. Diese Falten sind die Übeltäter, die man nachher für die Kahlstellen an den Fellen verantwortlich machen kann. Hier entsteht ein Fäulnisprozess, der bewirkt, dass die Haare aus dem Fell ausfallen. Nach dem Aufspannen werden die Felle mit dem Spanner an einem luftigen, trockenen Ort aufgehängt. Ideal dafür sind heute die Ölheizungsräume. Hier ist warme und trockene Luft vorhanden, die den Trockenprozeß fördert. Während die Felle in der Garage oder auf dem Boden mehrere Wochen trocknen müssen, sind sie hier in ein paar Tagen trocken. Auf keinen Fall sollte man ein Rohfell hinter einem heißen Ofen trocknen; hier leidet das Fell. Ist das Fell trocken, entfernt man es von dem Spanner und bewahrt es wiederum an einem trockenen Ort auf. Auch im trockenen Zustand können Schimmelstellen zur Gefahrenquelle werden.

Im Frühjahr sortiert man die Felle nochmals, indem man in jedes Fell hineinfraßt und die „Haarprobe“ macht. Die guten Felle gehen nun mit einer Sammelsendung des Vereins oder der Frauengruppe ihrem weiteren Schicksal entgegen. Minderwertige Felle verkauft man als Schneidekanin.

Eine Abhandlung über das Gerben sei einem Fachmann überlassen und soll hier nicht weiter beschrieben werden. Eines sei jedenfalls gesagt, eine angenehme Arbeit ist das keinesfalls! Ein Vergleich für die Damen: Denken sie an die Dauerwelle von Anno dazumal – viel Wasser, Säuren und dergleichen mehr. Viele Arbeitsvorgänge sind notwendig, bis das gegerbte Fell die Gerberei wieder verlässt.

Wer hat sich nicht schon über die kleineren und größeren Filzknoten in den gegerbten Fellen geärgert; wissen Sie, wie die entstehen? Um den Fellen irgendwelche Säuren zu entziehen, werden die Felle in Sägemehl „geläutert“. Bei sehr dichten Fellen, wie z. B. Chinchilla, setzen sich diese Späne fest und werden zu kleinen Störenfrieden. Meistens lassen sich diese Stellen vorsichtig auseinanderzupfen, bei größeren Stellen gibt es dann leider eine Kahlstelle.

Sollen Kaninchenfelle veredelt, also evtl. geschoren und gefärbt werden, ist der Arbeitsaufwand entsprechend größer und dementsprechend teurer. Und hier noch etwas zum Färben: Wenn Sie Felle für einen bestimmten Gegenstand färben lassen, sollten Sie das möglichst in einer Partie machen lassen, denn schwarz ist nicht immer schwarz! So wie wir bei Handarbeitsgarnen darauf achten, dass wir immer eine Farbpartie für einen Gegenstand verarbeiten, sollten wir das auch möglichst bei unseren Kaninchenfellen tun.

Haben die Kaninchenfelle das Gerben überstanden und sind wieder beim Züchter, beginnt die Arbeit für die Züchterfrau. Der langgeplante Pelznähkursus der Frauengruppe kann nun beginnen. Für das Kaninchenfell beginnt also ein neuer Abschnitt. Bevor man damit anfängt, einen Gegenstand einzurichten, heißt es wieder: Felle sortieren. Wer geglaubt hat, durch das Sortieren der Rohfelle sei eine weitere Sortierung nicht mehr nötig, sieht sich getäuscht. An diesem Fell ist doch eine kleine Kahlstelle, die repariert werden muss, an jenem Fell ist ein Riss, der genäht werden muss, usw. Auch farblich passen nicht alle Felle zueinander; also versucht man, gut zusammenpassende Felle für einen Gegenstand heraus zu sortieren. Sie sehen, dass man schon im Voraus mit den Fellen reichlich kalkulieren sollte. Man sollte immer dar- auf bedacht sein, lieber ein Fell in der Reserve als eines zu wenig zu haben. Wenn Sie immer daran denken, ersparen Sie sich und der Kursusleiterinnen manchen Ärger.

Felle, die sich nicht für die Anfertigung von Garderobe eignen, werden zu Kissen und Vorlagen verarbeitet. Zu diesen Gegenständen kann man auch kleinere Fellteile verarbeiten, die zu einem Muster zusammengefügt werden. Trotzdem sollte man aber auch hierbei auf die Harmonie der Farben achten, denn wir haben in unseren Bewertungsbestimmungen die Position 5: „Gesamteindruck." Hier spielt unter anderem auch die geschmackvolle Gestaltung der Farben eine Rolle.

So wie man mit den Kaninchenfellen nicht an der falschen Stelle sparen sollte, sollte man für ein besonderes Kleidungsstück auch hochwertige Zutaten verwenden. Das fängt beim Futter an und hört bei den Knöpfen auf. So ein Mantel soll viele Jahre halten. Verarbeitet man billiges Futter, ist es in kurzer Zeit verschlissen, und dann ist guter Rat teuer. Meistens werden solche Kleidungsstücke dann in den Schrank gehängt, um später ein neues Futter einzuarbeiten oder das Ganze umzuarbeiten. Da die Devise aus „Alt mach Neu" heute nicht sehr gefragt ist, hängen ungezählte Werte ungenutzt in unseren Kleiderschränken. Stimmt's?

Doch wieder zurück zu unseren Kaninchenfellen. Die guten Reste, die bei der Herstellung eines größeren Gegenstandes anfallen, und stark beschädigte Felle sollte man nicht achtlos fortwerfen. Wer geschickt ist und sich die Arbeit machen will, näht sich aus den Wammen einen Vorleger. Dabei fällt mir ein, dass die Wammen sich dazu eigenen müssten, um sie nur auf eine feste Unterlage aufzukleben. Man könnte die Teile so schneiden, dass sie sich wie ein Puzzle-Spiel zusammenfügen lassen, natürlich unter Berücksichtigung des Haarlaufs. Aus den anderen Resten werden kleine Felltiere genäht, die man mal zu einer besonderen Gelegenheit verschenken kann oder die bei einer Tombola zur Verlosung kommen. Gerade weil die Kosten für die Felle so hoch liegen, sollte man jedes Stück ausnutzen.

Eines sei zum Schluss aber noch gesagt: Die schönsten Felle nutzen einem nichts, wenn sie nicht mit Lust und Liebe verarbeitet werden. Das trifft für einen Gebrauchsgegenstand ebenso zu wie bei einem Fell -Tier.

Wenn Sie also mal keine rechte Lust haben, um an Ihrem Fellgegenstand zu nähen, weil etwas nicht so klappen will, wie Sie es gerne möchten, legen Sie die Arbeit beiseite. Wenn Sie dann einige Tage überlegt haben, bietet sich meistens eine ganz einfache Lösung des Problems an. Wenn der Weg eines Kaninchenrohfelles auch mit „Dornen“ gespickt ist, bis es das Endziel, einen Mantel, ein Kissen oder einen Wandbehang, erreicht hat, so bringt es seinem Besitzer doch viel Freude, ganz zu schweigen vom Stolz der Züchterfrau, in eigener Arbeit etwas Wertvolles geschaffen zu haben.

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Bernhard Pickert
1948 am Stadtrand von Berlin geboren und im elterlichen Einfamilienhaus mit großem Garten aufgewachsen, kam ich seit frühester Kindheit in den Kontakt mit dem dort gehaltenen Kleinvieh, wie etwa der Milchziege, Hühnern, Enten, Kaninchen und einem großen Haushund. Damals eine normale Situation, denn Kleintierhaltung nebst Bewirtschaftung der eigenen Scholle war weit verbreitet, denn die Erzeugung von Gartenbau- und Tierischen Erzeugnissen unterstützte die familiäre Eigenversorgung, in einer gerade nicht im Überfluss strotzenden Zeit, gleich nach dem 2. Weltkrieg. Erinnerung an diese Zeit ist noch wach, als ich als Grundschüler bei der Futterbeschaffung des heimischen Viehs helfen musste. Für die Enten wurde beispielsweise in den damals vorhandenen Entwässerungsgräben Entengrütze gefischt und für die Kaninchen Grünfutter von den überall noch vorhandenen, brach liegenden Freiflächen geholt. Derweil sich die Zeit hinsichtlich der Versorgungslage verbesserte, wurde von den Eltern das Kleinvieh alsbald reduziert. Kaninchen, die für den Festtagsbraten vorgesehen waren, aber blieben. Als in der Nachbarschaft einer der heimischen Kleintierzuchtvereine eine Ausstellung veranstaltete, kamen mir erstmals Rassekaninchen zu Gesicht. Die Veranstalter erkannten meine Begeisterung für Tiere und in dessen Folge wurde ich als 12jähriger Junge in den ortsansässigen Verein aufgenommen. Meine leidenschaftliche Verbundenheit zur organisierten Rassekaninchenzucht wurde somit geweckt, was schließlich dazu führte, mich umfassend mit diesem Thema zu beschäftigen und über Jahrzehnte Literatur und anderweitige schöne Dinge zusammenzutragen, die irgendwie eine Verbindung zum Kaninchen haben. Wohlwissend, dass es andere ähnlich begeisterte Idealisten gibt, ist über Jahrzehnte ein Archiv entstanden, welches Elemente dokumentiert, auf welche anderswo kaum direkter Zugriff besteht. Initiator für diese bleibende „Leidenschaft“ ist eigentlich der 1983 verstorbene Fachautor und Kleintierkenner Werner Karl Georg Moebes, welchen ich 1970 bei einer Kleintierausstellung kennen lernte und sogleich von seiner Persönlichkeit und seinem umfassenden Wissen begeistert war.

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