Von Heidrun Eknigk, Finsterwalde – „Das Baue. Jahrbuch“1998

Inzucht das ist ein sehr umstrittenes Thema, dem hier einmal nachgegangen werden soll. Ein breites Thema, das durchaus in einer so relativ kurzen Fassung neue Fragen aufwerfen wird. Heute, im Zeitalter mit einem hohen Erkenntnisstand in allen Zweigen der Wissenschaften und der Möglichkeit der Anwendung modernster Techniken, löst der Begriff „Inzucht“ bei vielen Menschen, die sich mit der Zucht unterschiedlicher Tierarten befassen, Angst und Schrecken aus. Ja, es gibt sogar heute noch Menschen, die erstaunt fragen: „Kann man denn Kaninchen aus der Inzucht stammend noch essen?“

Weshalb diese Abneigung? – Nun, in der frühen Geschichte und im Glauben der Menschen war Inzucht etwas Unnatürliches, Verwerfliches. Inzuchtfolgen, die sich als negative, degenerative Inzuchtschäden fester ins Gedankengut der Menschen einprägten, begründen jetzt noch das Vorurteil: Hände weg von der Züchtung mit blutsverwandten Tieren. Für den menschlichen Bereich – der in der weiteren Folge dieses Beitrages unberührt bleiben wird sollen der Glaubensursprung und die moralische Frage Gesetz bleiben.

Aus der Tierzucht, und dies lehren uns wissenschaftliche Erkenntnisse, konkrete sowie belegte Forschungsergebnisse, ist Inzucht (gelegentlich „geschlossene Zucht“ genannt) kaum noch wegzudenken. Bietet dieses Verfahren das Verpaaren von mehr oder weniger miteinander verwandten Tieren (= Inzucht in unter- schiedlichen Graden) – doch erst die Möglichkeit, Aufschluss über die vorhandene Erbkraft bestimmter Tiere in den Tierproduktionen wie in der privaten Hobbyzucht zu erlangen. Für die eigene, intensive Zuchtarbeit der Rassekaninchenzüchter heißt das: Auf kürzerem Weg vorhandenes Tiermaterial in seinen genetischen Anlagen kennenlernen, gewünschte Erbeigenschaften festigen und für den Rassenerhalt in der jeweiligen Zucht nutzen, Stabilisierung der Reinerbigkeit der gezüchteten Rasse.

Für den Aufbau von Linienzuchten, einer von Züchtern schon angewendeten Form der Inzucht, ist es günstig, blutsverwandte Tiere einzusetzen. Je enger der Verwandtschaftsgrad, um so ähnlicher sind sich die Tiere. Studien der verschiedenen Fortpflanzungs- arten und der Vergleich der Nachkommen untereinander und mit ihren Vorfahren führten zu zwei wesentlichen Beobachtungen und ließen folgende Schlussfolgerungen zu. Nachkommen sind ihren Eltern und Geschwistern untereinander weitaus ähnlicher als nichtverwandte Tiere. Diese Ähnlichkeit (auf gar keinen Fall mit einer Gleichheit zu verwechseln) drückt sich darin aus, dass mehr gleiche und sehr ähnlich ausgebildete Erbeigenschaften zwischen eng verwandten Tieren nachzuweisen sind als bei entfernteren oder gar nicht verwandten Individuen. Das betrifft beispielsweise die Merkmale der Kennzeichnung des Lebewesens und Eigenschaften des Körperbaus, des Verhaltens und der Lebensfunktionen.¹ Diese starke Ähnlichkeit ist eine günstige Voraussetzung für die Zuchtwahl.

Was bedeuten Inzucht und Inzuchtgrade?

Inzucht ist eine Verpaarungsmethode, bei der enger verwandte Tiere als die der übrigen durchschnittlichen Population (Gesamtheit der Lebewesen einer Art oder Rasse in einem bestimmten Gebiet) eingesetzt werden und miteinander Nachkommen zeugen. Folgende Inzuchtverfahren können zur Anwendung kommen.

Mäßige Inzucht, (Inzest) die Tiere sind fernere Verwandte Verwandtschaftsgrad 5-9

Enge Inzucht, zum Beispiel solche Verpaarungen Nichte x Onkel, Cousine x Cousin oder Tante x Neffe, Geschwister Verwandtschaftsgrad 2-4

Engste Inzucht Eltern x Kinder Großeltern x Enkel Verwandtschaftsgrad 1

Vorteile der Inzucht

Für die Verfasserin lautet die einfache Antwort: Inzucht ist eine Vorteilsmethode, weil sie im günstigen Fall einen Effekt insofern bewirken kann, dass ausgehend von einer Kreuzung von Tieren im ersten und zweiten Verwandtschaftsgrad wertvolle, manchmal auch in der Zucht einer bestimmten Rasse selten gewordene Erbanlagen erhalten oder gar vermehrt werden können. Es summieren sich also in der Nachzucht positive, leistungs- und typbeeinflussende Merkmale. Inzucht/Inzest ist ein Erbgeschehen, dass sich durchaus zum Aufbau der Linienzuchten gut eignet. Bestimmte gewünschte Erbeigenschaften werden hier weiterhin gefestigt, diese „neue" Generation entwickelt in der Linie einen neuen und von den Ausgangstieren in seiner Erbfähigkeit und in seinen körperlichen Merkmalen abweichenden Typus. Das kann sowohl die Gesamtheit der Erbmöglichkeiten (den Genotypen) als auch den Idiotypen (Gesamtheit aller Erbanlagen und die Auswirkung des Milieus) der Tiere betreffen. In diesem Fall sind

Erbmöglichkeit die genetische Anlage bestimmte (Einzel-) Merkmale variabel auf die Nachzucht zu übertragen

und Erbanlage die wirkende Erbkraft auf den gesamten Typ des Individuums.

„Mit der Durchführung der Inzucht ist Ahnenverlust verbunden, da die gleichen Vorfahren mehrfach vorkommen. Es ist eine Zunahme der Homozygotie und Abnahme der Heterozygotie zu verzeichnen.“2 (Homozygotie = Reinerbigkeit, Heterozygotie = Spalterbigkeit, H. E.)

Wie wertvoll die Inzucht in der Tierproduktion sein kann, belegen viele Ergebnisse. Oft auch in der einschlägigen Forschung um- stritten, bemerken dazu die genannten Autoren: „Es steht aber außer Zweifel, dass ihr Einsatz bedeutend zur Leistungsverbesserung auch der Kaninchen … beigetragen hat."

Viele Zuchtfreunde entschieden sich zum Aufbau von Inzuchtlinien zum Zweck der Nutzung des Heterosiseffektes. Heterosis bedeutet „üppiges Wachstum der Tochtergeneration“ und ist in der Kaninchenzucht nachweislich ein Effekt, bei dem die Nachkommen von verhältnismäßig erbfesten, durchgezüchteten Eltern höhere Leistungen aufweisen. „So sind vor allem Fruchtbarkeit und Vitalität betroffen. Dies hat auch für die herkömmliche Kaninchenzucht Bedeutung… Ohne Zweifel sind bei günstigen Voraussetzungen züchterische Fortschritte zu erwarten, die in einer Festigung erwünschter Erbanlagen bestehen können.“ 3

Im Zuchtgeschehen des Aufbaus einer Inzuchtlinie kann davon ausgegangen werden, dass hier vornehmlich Erbfaktoren mit einem sonst geringen Erblichkeitsgrad aktiviert, also solche Gene zu neuer Kraft erweckt werden, die in der Erbsubstanz enthalten waren, aber von stärkeren, dominanteren Genen verdrängt – ruhend, verborgen – blieben.

Erinnert sei an die Mendelsche Erblehre, denn nichts anderes als der intermediäre Erbgang tritt hier ein, der die Nachzucht zweier Elterntiere (mit welchen Erbmerkmalen auch immer) zu einem Medium werden lässt. Erbeigenschaften der Eltern sind in der Nachzucht vereint und lassen diese Nachzucht zu einem „Zwischenglied" der Eltern werden. Das wiederum heißt, ähnliche Anlagen finden sich zu einem neuen Gefüge und bilden neue geno- und phänotypische Individuen. (Phänotyp das von Erbanlagen und Umwelt geprägte äußere Erscheinungsbild des Lebewesens, hier Kaninchen). Wertvoll sollte dieser Hinweis noch sein: Die effektivste Form der Inzucht ist der Inzest. Die starke genetische Ähnlichkeit der Elterntiere garantiert einen schnelleren Überblick über deren Erbkraft. Bereits die Tochtergeneration weist anschaulich sowohl ein positives wie negatives Erbgut der Ausgangsgeneration nach. Je weiter der Verwandtschaftsgrad der miteinander verpaarten Tiere ist, umso größer ist auch die Möglichkeit, dass beispielsweise latente Erbeigenschaften weiter „schlummern" und den Nachweis über die Erbeigenschaften der Elterntiere verringern.

Nachteile der Inzucht

Schön wär's wohl, könnte es sich ein Zuchtfreund so einfach machen: Er nimmt zwei hervorragende Geschwistertiere eines Wurfes und verpaart sie miteinander, hofft auf alle Vorteile, die bei diesem Inzuchtverfahren auftreten können. Seine Begründung lautet möglicherweise: „Die blutsfremden Eltern hatten bislang eine leistungsstarke, ja fast makellose Nachzucht, die mir in Ausstellungen einen guten Ruf brachte. Niemals hatte ich nennenswerte Schwierigkeiten, nur…", und hier würden einzelne Wünsche – Zuchtziele folgen, die dieser Beispielszuchtfreund anführen könnte.

Bereits an dieser Stelle muss der Hinweis kommen, der so hoffende Züchter wird eine herbe Enttäuschung hinnehmen müssen, wenn er einen wichtigen Umstand vergisst: Das Erbgut der Geschwistertiere ist annähernd gleich, aber beide für die Inzucht auserwählten Tiere tragen einen Gencode in sich, mit dem positive (erwünschte) wie negative (unerwünschte) Eigenschaften auf die Nachzucht übertragen werden. Konnten die unerwünschten Eigenschaften bislang nicht in Erscheinung treten, weil stets die sogenannte blutsfremde Zucht mit einem ständigen Zuchttierwechsel betrieben wurde, so blieben diese aber in der Erbinformation erhalten. Treffen die rezessiven Eigenschaften im Erbgeschehen der Nachzucht aufeinander, können sich ergänzen und summieren, dann ist das züchterische Chaos perfekt, wenn es sich dann noch um überwiegend unerwünschte Ausprägungen handelt.

Soll an dieser Stelle das Dilemma der Inzuchtfolge eintreten. Besagter Zuchtfreund findet im Nest wohl eine Filialgeneration (F1), aber eben nur einen kleinen Wurf, der ihm wenig Spielraum für eine Selektion nach erkennbar veränderten, erwünschten Eigenschaften gestattet. Noch kann er aufgrund einer geringen Wurfzahl parentale Vorzüge wiedererkennen. In den einzelnen Entwicklungsstadien der Jungtiere werden negative Merkmale, die nie zuvor im Zuchtbestand des erfahrenen Züchters auftraten, sichtbar. Die Jungen sind beispielsweise nicht frohwüchsig, ihre Vitalität ist gegenüber den anderen Jungtieren aus der herkömmlichen Verpaarung wesentlich geringer, Fellschäden, Zahnanomalien treten auf… Der „Horror" ließe sich an solchen Beispielen fortsetzen, die als degenerative Erscheinungen infolge der Inzucht bekannt sind und in einschlägiger Fachliteratur als „Inzuchtdepressionen" benannt werden.

„Die Entwicklung von Inzuchtlinien ist mit Inzuchtdepressionen verbunden, die sich zumeist auf Eigenschaften beziehen, die niedrige Heritabilität aufweisen“.4 Das heißt, Merkmale mit einem niedrigen Erblichkeitsgrad, zum Beispiel die Gesundheit, Vitalität, Fruchtbarkeit sind hiervon betroffen. Die Art und Häufigkeit des Auftretens der gefürchteten Inzuchtschäden ist von einigen Kriterien abhängig. Einmal spielt die genetische Beschaffenheit der Tiere, die für den Aufbau einer Inzuchtlinie Verwendung finden sollen, eine Rolle. Die Ausgangstiere sollten durchgezüchtete Rassevertreter sein, dem Züchter in der vorangegangenen Zucht bereits Aufschluss über ein gewisses Potential ihrer Erbfestigkeit nachgewiesen haben. Nur bei guter Beobachtung des Rassenbestandes, mit dem im Zuchtgeschehen unerlässlichen Aufwand der exakten (noch nach Jahren) aussagekräftigen und über das Maß der formellen Eintragungen hinausgehenden Zuchtbuchführung, kann ein ernsthafter Züchter davon ausgehen, dass er seine Tiere hinsichtlich ihres „genetischen Codes" einigermaßen kennt.

Jede Erbinformation im genetischen Vorgang unterliegt dem Ge- setz des Johann Gregor Mendel: Der intermediäre Erbgang trifft nicht nur auf Zeichnungen, Augenfarben und andere Rassenmerk- male zu. Die gestaltbildenden Eigenschaften, die das Leben (Anpassung an die Umwelt, Vitalität, Leistung, Frohwuchs) betreffenden Merkmale und bestimmte Wesensmerkmale unterliegen alle der gesetzmäßigen Vererbung. Nur sie unterscheiden sich von dem, was die Schulbiologie über die Mendelschen Gesetze lehrte: Nicht allein die paarigen A, B, C, D, und G 's für die Ausbildung der Fellfarbe der Rassekaninchen und in Buchstaben gefasste Schönheitsfaktoren wie Silberung, Holländerscheckung, Lohfaktor sind im Gencode enthalten und so dargestellt, als seien sie berechenbar. Nichts ist in der Natur absolut, weil der Mensch nur einen Teil der Erbvorgänge erkennt, ja erst durch harte, intensive und ausdauernde Zucht und Forschung – Forschung und Zucht begreifen lernt. Für den ernsthaften Züchter kann deshalb der Misserfolg bei einer begonnenen Inzuchtlinie kein ausschließlicher Nachteil sein, das Sichtbarwerden degenerativer Erscheinungen erleichtert die Entscheidung, sich von solchen Zuchttieren zu trennen. Es sollen ja gute Merkmale verbessert und gefestigt sowie seltene Eigenschaften erhalten werden. Mit der Entscheidung für die Zuchtform „Inzuchtlinie" stellt sich der Rassekaninchenzüchter eine anspruchsvolle Aufgabe, die ihm eine Portion Fachwissen, viel Engagement, Lust und Liebe zu ernsthaften und nicht kommerziellen Rassekaninchenzucht sowie Konsequenz und Ausdauer abverlangen.

1 vgl. Schönmuth-Flade-Seeland, Genetische und phylogenetische Grundlagen, VEB Deutscher Landwirtschaftsverlag, Berlin, 1. Aufl., 1984

2, vgl. Klaus Löhle und Ulf D. Wenzel, Kaninchen und Edelpelztiere von A- Z, VFB Deutscher Landwirtschaftsverlag, Berlin 1984, S. 136

3. Wolfgang Rudolph und Tassilo Kalinowski, Das Hauskaninchen, Neue Brehm-Bücherei, A. Ziemsen Verlag, Wittenberg Lutherstadt, 1982, S. 76

4. vgl. Rudolph und Kalinowski, S. 76 244

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Bernhard Pickert
1948 am Stadtrand von Berlin geboren und im elterlichen Einfamilienhaus mit großem Garten aufgewachsen, kam ich seit frühester Kindheit in den Kontakt mit dem dort gehaltenen Kleinvieh, wie etwa der Milchziege, Hühnern, Enten, Kaninchen und einem großen Haushund. Damals eine normale Situation, denn Kleintierhaltung nebst Bewirtschaftung der eigenen Scholle war weit verbreitet, denn die Erzeugung von Gartenbau- und Tierischen Erzeugnissen unterstützte die familiäre Eigenversorgung, in einer gerade nicht im Überfluss strotzenden Zeit, gleich nach dem 2. Weltkrieg. Erinnerung an diese Zeit ist noch wach, als ich als Grundschüler bei der Futterbeschaffung des heimischen Viehs helfen musste. Für die Enten wurde beispielsweise in den damals vorhandenen Entwässerungsgräben Entengrütze gefischt und für die Kaninchen Grünfutter von den überall noch vorhandenen, brach liegenden Freiflächen geholt. Derweil sich die Zeit hinsichtlich der Versorgungslage verbesserte, wurde von den Eltern das Kleinvieh alsbald reduziert. Kaninchen, die für den Festtagsbraten vorgesehen waren, aber blieben. Als in der Nachbarschaft einer der heimischen Kleintierzuchtvereine eine Ausstellung veranstaltete, kamen mir erstmals Rassekaninchen zu Gesicht. Die Veranstalter erkannten meine Begeisterung für Tiere und in dessen Folge wurde ich als 12jähriger Junge in den ortsansässigen Verein aufgenommen. Meine leidenschaftliche Verbundenheit zur organisierten Rassekaninchenzucht wurde somit geweckt, was schließlich dazu führte, mich umfassend mit diesem Thema zu beschäftigen und über Jahrzehnte Literatur und anderweitige schöne Dinge zusammenzutragen, die irgendwie eine Verbindung zum Kaninchen haben. Wohlwissend, dass es andere ähnlich begeisterte Idealisten gibt, ist über Jahrzehnte ein Archiv entstanden, welches Elemente dokumentiert, auf welche anderswo kaum direkter Zugriff besteht. Initiator für diese bleibende „Leidenschaft“ ist eigentlich der 1983 verstorbene Fachautor und Kleintierkenner Werner Karl Georg Moebes, welchen ich 1970 bei einer Kleintierausstellung kennen lernte und sogleich von seiner Persönlichkeit und seinem umfassenden Wissen begeistert war.

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