
Dr. Schwenkenbecher, Lehr- und Versuchsanstalt Unna-Königsborn
„Das Blaue Jahrbuch“ 1965
Jeder Züchter stellt sich immer wieder die Fragen: Wie wird die Nachzucht dieser oder jener Paarung ausfallen, wie vererbt sich der neue Rammler, wie ist es mit der Fruchtbarkeit bestellt, wie ist das Aufzuchtvermögen und die Frühreife der kommenden Jungtiere, wie steigere ich die Woll-Leistung bei meinen Angoras, wie wird es mit der Farbe, mit der Zeichnung, wie gestaltet sich der Körperbau, die Form, wie wird es mit dem Gewicht und wie mit der Widerstandskraft meiner Nachzucht? und vieles andere mehr.
Der Züchter möchte gerne intensiver in die Materie eindringen, wenn sie nicht oftmals so schwierig zu verstehen wäre. Er ist als ein glücklicher Mensch zu preisen, da er durch all diese Fragen, die er sich bei der Erzüchtung seiner Kaninchen stellt, näher mit der Natur verbunden bleibt.
So treiben die Kaninchenzüchter eine sinnvolle Freizeitgestaltung und haben hierin ein großes Aufgabengebiet gefunden. Darüber hinaus kommen sie mit ihren Züchterkollegen zusammen und pflegen in ihren Versammlungen die Geselligkeit. Gerade diese Dinge benötigen unsere werktätigen Menschen so dringend.
Um eine planvolle Zucht zu betreiben, muss sich heute der Kaninchenzüchter vermehrt mit Fragen der Vererbungslehre befassen. Sein Bestreben ist, die Tiere in Form und Leistung zu verbessern, und dazu benötigt er ein Ziel, welches er stets vor Augen haben muss. Arbeitet er ohne Ziel, so ist er kein Züchter, sondern nur ein Vermehrer.
Vorbedingung aller unserer Überlegungen muss aber sein, zu wissen, dass jedes Wesen das Ergebnis und Endglied einer endlos langen Reihe von Vorfahren ist und nicht nur das Produkt von Vater und Mutter. Wenn uns das klar ist, werden sich manche Züchter nicht mehr darüber wundern, wenn in der Nachzucht Farben, Zeichnungen oder Merkmale auftreten, die weder das Vater- noch das Muttertier aufweisen.
Alle unsere Haustiere stammen von Wildformen ab. Sie sind nicht das gewesen, was sie heute sind. Das Zusammen- sein zwischen Mensch und Tier hat eine starke Wandlung bei unseren Haustieren hervorgerufen. Wir stellen heute weit- gehende Veränderungen, ja sogar Verschiedenheiten zwischen den Wildformen fest. Während beim Tier der freien Wildbahn die Angehörigen einer Art fast immer sehr einheitlich gestaltet sind, sehen wir heute beim Haustier eine große Mannigfaltigkeit von Rassen, Schlägen usw., die alle von der Urform abweichen und auch untereinander z T. mehr, z. T. weniger verschieden sind.
Unsere heutigen Zuchttiere haben starke Veränderungen gegenüber ihren Ahnen in vielen Generationen miterleben müssen. Nicht Dutzende, sondern Hunderte von Rassen hat der Mensch in vielen Jahrzehnten aus der Stammform gezüchtet, und immer wieder kommen noch neue Rassen hinzu. Die Formen und die Farben sind so reich, dass man das Ende der Zuchtarbeit nie wird überblicken können.
Alle Lebewesen einer Rasse sind sich nie vollkommen gleich; sie bilden Abänderungen, d. h. sie variieren. Die Abweichungen vom Normalzustand können alle Teile des Organismus betreffen, sie können in positiver oder negativer Richtung liegen, und sie können klein oder auch groß sein.
Überall in der Natur findet eine Vermehrung von Lebewesen statt. Jede einzelne Art hat das Bestreben, sich auszubreiten, sich zu vergrößern. Die Folge dieser Überproduktion ist ein ständiger Kampf ums Dasein, in dem nur der Stärkere die Oberhand behält. Auch unbedeutende Abänderungen bleiben somit erhalten und bilden die Nachzucht, wenn sie nur einen Vorteil im Kampfe um das Dasein bedeuten. Ungünstige Variationen aber werden ausgemerzt und kommen daher nicht weiter zur Vermehrung. Diese natürliche Zuchtwahl sorgt für eine Anpassung an den jeweiligen Lebensraum des Tieres. Damit ist auch hierin eine gewisse Selektion zu finden. Ändern sich jedoch die Lebensbedingungen, so kann sich das Tier diesen neuen jeweils anpassen.
Das Haustier, welches im Schutze und unter der Pflege des Menschen lebt, hat ganz andere Verhältnisse für die Fortpflanzung und Weiterentwicklung. Was der Züchter für seinen Vorteil ausnutzen kann, zieht er auf, und vermehrt diese besonderen Eigenschaften des Tieres. Der menschliche Geschmack und die menschlichen Wünsche sind an die Stelle der Einförmigkeit des Wildtieres getreten. Neben Rassen, die die ursprüngliche Fellfärbung des Wildkaninchens behalten haben, gibt es heute fast alle Farben mit allen möglichen Zwischentönen, dazu die unterschiedlichsten Formen der Scheckung. Bei kaum einem Säugetier hat der Mensch in vielen Jahrzehnten so viele Farbenvariationen gezüchtet wie gerade bei unseren Kaninchen. Neben diesen vielen Farben finden wir aber auch normal-, kurz- und langhaarige Tiere, dazu welche mit Steh- oder Hängeohren, die in der freien Wildbahn sich nicht halten könnten, aber unter der Hand des Züchters immer weiter vermehrt werden.
So entscheidet heute nicht mehr die natürliche Zuchtwahl, was erhalten bleibt und was ausgemerzt wird, sondern die künstliche Zuchtwahl des Menschen. All unsere Zuchtarbeit ist stets in Bewegung, sie muss es auch bleiben, weil unsere Anforderungen an die Tiere sich ständig erhöhen.
Was heißt nun „Züchten"? Züchten heißt, Auslese treiben oder mit einem Fremdwort: „selektieren“.
Eine genaue Definition des Begriffes „züchten" lautet: Nicht Tiere miteinander paaren, um sie zu vermehren, sondern Auswahl (Selektion) der zu paarenden Tiere nach bestimmten Grundsätzen zu treffen, um ein gestecktes Ziel zu erreichen.
Diese Ziele können natürlich innerhalb der Rassen und auch der Züchtergemeinschaft ganz verschieden sein. Meistens ist es eine Anzahl von Zuchtzielen, die mit einer bestimmten Rasse verbunden sind. Es liegt nun an der jeweiligen Person, welche Richtung er einzuschlagen hat. Er muss sich entscheiden, was für ihn die Hauptsache bedeutet. Das ist oftmals sehr unterschiedlich, und er erhält bei den jährlich stattfindenden Schauen sein Zuchtziel der betreffenden Rasse neu ausgesteckt. Auch die Wege, wie er sich mit seinem Tiermaterial diesem gesteckten Ziel nähert, sind ganz unterschiedlich. Es liegt an dem Geschick des Züchters, seine Aufgabe zu erfüllen. Oftmals hat er beinahe das Ziel erreicht, da treten plötzlich Schwierigkeiten auf, so dass er von neuem mit seiner Zucht anfangen muss. Wenn altbekannte Zuchtbetriebe von heute auf morgen von der Bildfläche verschwinden, so liegt es daran, dass sie eine Selektion getroffen haben, die sie in ihrer Zucht nicht vorwärts gebracht, sondern um etliche Jahre zurückgeworfen hat. Man muss diese Schwierigkeiten kennen und muss einen Weg einschlagen, der aller Voraussicht nach zu einem Ergebnis führt. Voraussetzung aller unserer Zuchtarbeit muss ein gesunder, widerstandsfähiger Gesamtorganismus des Tieres sein.
Jeder Züchter treibt ständig eine Selektion, eine Auslese unter seinen Zuchttieren, vermehrt sogar unter seinen jährlich anfallenden Jungtieren. Es ist eine Arbeit, die viel Verständnis, Können, Fingerspitzengefühl, Geduld, aber auch sehr viel Glück verlangt. Selektieren ist also keine Spielerei, sondern eine recht schwere, verantwortungsvolle Arbeit. Hierzu sind nun einmal schriftliche Aufzeichnungen nötig, da von keinem Züchter verlangt werden kann, dass er in dieser schnelllebigen Zeit alles im Kopf behalten soll.
Durch die Selektion sind im Laufe von vielen Jahren ganz neue Individuen geschaffen worden. Schon bevor der Mensch die Tatsachen der Vererbung erfasst hatte, gab es schon eine Art von unbewusster Selektion, etwa durch längere Haltung besonders fruchtbarer oder frühreifer Tiere. Seitdem aber aus der ständigen und regelmäßigen Wiederkehr elterlicher Eigenschaften in den Nachkommen auf die Vererbung von Eigenschaften bzw. von ihren Anlagen geschlossen werden kann, haben die Züchter aus der Erfahrung eine praktische und wirkungsvolle Züchtungsmethode entwickelt und erlernt.
Nun sind leider die Erbanlagen der Nachkommen nur Stichproben der elterlichen Erbanlagen, so dass wenige Nachkommen, wie sie ein Züchter jährlich hat und sieht, nur ein ungenaues und oftmals irreführendes Bild vom Zuchtwert eines Elterntieres geben. Daneben tun die Umweltfaktoren wie Alter, Haltung und Pflege sowie Fütterung u. a. ein Übriges, um die Wirkung der Erbfaktoren zu verschleiern. So haben die Erfahrungen von Züchtern oft nur einen geringen Aussagewert, da sie nur für ihre besonderen Verhältnisse gelten.
Die Umweltbedingungen sind in unseren Zuchtbetrieben möglichst gleichmäßig zu gestalten, um die besten Jungtiere einer Aufzucht auszuwählen zu selektieren und mit ihnen nur weiter zu züchten. Auf diesem Wege haben sich bestimmte Eigenschaften immer besser oder wertvoller erwiesen. Dieses Ausleseverfahren findet in allen Tierzuchtzweigen statt, in dem nur gleichmäßig und kräftig entwickelte Tiere wieder zur Zucht herangezogen werden, wogegen man alle kränklichen und zurückgebliebenen ausmerzt.
Natürlich treibt nicht nur jeder Züchter eine Auslese, sondern selbstverständlich die Natur auch, nur auf ihre eigene Art und Weise.
Diese ständige Selektion hochwertiger Lebewesen bringt nur dann einen züchterischen Erfolg, wenn die Anlagen auch genetisch fundiert sind. Die laufend durchgeführte Auswahl der besten Tiere hat zum Erfolg verholfen. Sie hat zur Verbesserung der Zucht und zur Leistungssteigerung geführt.
Zwar schafft die Auslese keine neuen Erbanlagen, sie ist aber ein wichtiges Mittel, um die minderwertigen von den wertvolleren Tieren zu trennen. So sind mit Hilfe der Selektion Ergebnisse von höchster Bedeutung erzielt worden.


