Wozu Geschichtsforschung in der Kaninchenzucht?
„Das Blaue Jahrbuch“ 1969
Die Geschichte der Landwirtschaft ist eine sehr alte Wissenschaft. Schon der berühmte „alte Cato" ( v. Chr.) hat historische Nachrichten über die Viehzucht gesammelt, ihm folgten in der Antike und im Mittelalter zahlreiche Nachahmer. In Deutschland wird die wissenschaftliche Erforschung des Landbaus seit über einhundert Jahren betrieben, die Geschichte der Viehzucht ist nur wenig jünger.
Der bedeutende Gelehrte Hermann Settegast(1819-1908), der Direktor der Höheren Landwirtschaftsschule in Proskau/Schlesien gewesen war, wirkte als Professor für Viehzucht in Berlin bahnbrechend auf diesem Gebiete. Professor Julius Kühn (1825-1910) in Halle, dehnte die historische Forschung auf alle Haustiere aus und begann, mittelalterliche und antike Quellen heranzuziehen, um Probleme der modernen Tierzucht zu lösen.


Es ergaben sich hierbei überraschende Feststellungen. Die Möglichkeit, kleine Bauernstellen durch systematische Anlagen von Bienenweiden zu ertragreichen Imkereien zu machen, haben bereits die Römer genutzt. Die Mönche des Mittelalters sind die unerreichten Lehrmeister der Fischzucht geblieben.
Als arabische Pferdezüchter europäischen Käufern Stammbäume wertvoller Zuchttiere vorlegen konnten, die tausend Jahre und älter waren, wurde dies für die ganze Pferdezucht entscheidend.
Mit Eifer begann man die Archive zu durchforschen und wertete die Akten über Pferde-An- und -Verkäufe aus. Jetzt sah man überhaupt erst, welche Blutlinien in den deutschen Pferdeschlägen steckten. Größer noch war die Überraschung, als sich erwies, dass die in Ostwestfalen gehaltenen Rinder sämtlich auf ostpreußischen Ursprung zurückgingen. 1648 hatte der Große Kurfürst diese völlig vom Dreißigjährigen Kriege verwüsteten Gebiete des Fürstentums Minden und Ravensberg übernommen und ließ kurz darauf Rinder aus Ostpreußen dorthin treiben, damit die Bauern überhaupt wieder zu Vieh kamen. Zu ähnlichen unerwarteten Forschungsergebnissen kam man oft. Es entrollte sich ein Bild der deutschen Tierzucht, das bis heute immer neue Studentengenerationen in seinen Bann zog. Hunderte von Doktorarbeiten entstanden im Laufe von achtzig Jahren, jede deutsche Universität hat heute ein Forschungszentrum für Agrargeschichte, dessen Wichtigkeit für die moderne Viehzucht von niemandem mehr bestritten wird.
Es ist auch zu betonen, dass gerade die Praktiker immer wieder die Notwendigkeit der historischen Forschung betonten, stießen sie doch in ihren Zuchten ständig auf Schwierigkeiten, wenn sich urplötzlich Erbanlagen durchsetzen und dominant wurden, von deren Vorhandensein man nichts ahnte. So waren, um nur ein Beispiel herauszugreifen, die ostpreußischen Pferde im Schultergelenk zu wenig widerstandsfähig. Es dauerte lange, bis man erkannte, dass hier eine Erbanlage dominant geworden war, die von eingekreuzten ukrainischen Hengsten stammte. Hundert Jahre lang hatte man keine nachteiligen Folgen bemerkt.
Die agrarhistorische Forschung richtete sich aber auf größere Haustiere, weil deren Zucht bis in die fünfziger Jahre unseres Jahrhunderts die bei weitem wichtigste für die Landwirtschaft war. Die Kleintierzucht trat sehr stark in den Hintergrund. Auch die Arbeiten der Professoren Hahn und Nachtsheim änderten anscheinend nicht viel. Und doch sollten ihre Arbeiten schöne Früchte bringen. Hahn hatte unter seinen Schülern auch Völkerkundler, und diese stießen bei ihren Forschungen immer wieder auf Naturvölker, die Kleintiere hielten, so die nordamerikanischen Indianer Puten, die südamerikanischen Indianer Meerschweinchen, die Neger Hühner. Ja, es stellte sich heraus, dass Völker Hühner züchteten, die nie den Getreidebau gehabt hatten, wie die Südsee-Insulaner. Die Völkerkunde begann, der Kleintierzucht mehr Aufmerksamkeit zu schenken.
Während des ersten Weltkrieges wurden an mehreren deutschen Universitäten Vorlesungen über Kaninchenzucht gehalten. Hieraus entwickelte sich nach dem Kriege die wissenschaftliche Beratung der deutschen Angorakaninchenzucht durch die damaligen Privatdozenten Tänzer und Nachtsheim, was zu einer überaus fruchtbaren Zusammenarbeit führte.
Als die Reichsregierung Maßnahmen zur Förderung der Kaninchenzucht beschloss und die deutschen Länder entsprechende Verordnungen erließen, stellte man, als die diesbezüglichen Akten den Archiven eingeordnet werden sollten, fest, dass es Aktenbestände über die Förderung der Kaninchenzucht aus dem letzten Viertel des 18. Jahrhunderts gab, die längst in Vergessenheit geraten waren, aber, wie ein Vergleich ergab, eine verblüffende Ähnlichkeit mit den neuesten Verordnungen besaßen. Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges vernichtete den Beginn von Forschungsarbeiten größeren Umfanges auf dem Gebiete der Geschichte der Kaninchenzucht.
Der Neubeginn war zunächst unmöglich. Die Forschungen zur Agrargeschichte entwickelten sich völlig zu einer Arbeit an den Quellen, d. h. zu einer Auswertung der in den Archiven befindlichen Behördenakten. Versuche, durch eine möglichst vollständige Erfassung des Schrifttums, oft herunter bis zu Zeitungsartikeln, eine Geschichte der Kaninchenzucht zu erstellen, hätten von vornherein zum Scheitern führen müssen, weil die züchterischen Probleme ganz andere geworden waren.
Da wir heute aber wissen, welche Vorteile die Züchtung der großen Haustiere aus der Agrargeschichte zieht, wäre es verfehlt, sie nicht auch bei der Kaninchenzucht sich nutzbar zu machen. Da die Kaninchenzucht große Zukunftshoffnungen hat, ist die Ausgangsbasis sogar weit günstiger als sie bei den Pferde- und Rinderzüchtern gewesen ist, denn noch hat die Kaninchenzucht nicht zu viel Lehrgeld bezahlt und noch ist genügend Zeit, um aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen. Das geht aber nicht ohne die Zuchtgeschichte.
Hierfür dürfen einige Beispiele angeführt werden: Die Frage, ob der Bauer die Kaninchenzucht in seinen Betrieb einbauen soll, wird heute viel erörtert. Neu ist sie nicht. Nach dem großen deutschen Bauernkrieg von 1525 stellte man schon die gleichen Überlegungen an und kam zu dem Ergebnis, dass die Zucht im Großen nur so lange gewinnbringend ist, wie das Kaninchen Abfallverwerter bleibt und von billigen Arbeitskräften betreut werden kann. Zu ähnlichen Resultaten ist man auch später noch mehrfach gekommen.
Weit wichtiger war für die Regierungen die Frage, ob das Kaninchen als Fleisch- und Fellieferant eine wichtige Nebenerwerbsquelle darstellen kann. Hier liegen uns aus einem Zeitraum von mehr als vierhundert Jahren äußerst wichtige Resultate vor, die es auszuwerten gilt. Sie erwiesen immer von neuem in oft sonderbarer Weise, wie stark das Kaninchen als Nebennutzung beachtliche Einnahmen bringen kann. Ob Dürre, Hagelschlag oder überstarker Unkrautwuchs die Landwirte zur Verzweiflung trieb, die Kaninchen fanden ihr Futter.
Im Hungerjahr 1817, in den unkrautreichen Jahren 1832-34, in den Jahren der Missernten von 1845/46 und in allen Dürrejahren war für die Kaninchen der Tisch gedeckt. 1856, also in einem Jahre, in dem noch nicht der Kunstdünger seinen Siegeslauf angetreten hatte und der rasch anwachsenden Bevölkerung wegen jedes Fleckchen bebauungsfähigen Landes ausgenutzt werden musste, gab es mehr Kaninchen in Deutschland als heute. Der damalige Fabrikarbeiter sah in ihnen die einzige Möglichkeit, überhaupt zu einer Fleischmahlzeit zu kommen. Die klaffende Lücke zwischen Fleischerzeugung und Nachfrage konnte in Deutschland nicht mehr geschlossen werden, weshalb die Behörden nach 1871 die Kaninchenzucht nach Kräften förderten, um mit ihrer Hilfe die Fleischversorgung des sogenannten kleinen Mannes zu ermöglichen. Wenn ein erheblicher Teil der Bevölkerung, ungerechnet die Landwirte, sich selbst versorgen konnte, mussten die Fleischpreise sinken.
Es ist eine dringende Notwendigkeit, dass die Forschung zur Geschichte der Kaninchenzucht den Vereinen und Einzelzüchtern diese Regierungsmaßnahmen mit genauen Einzelheiten zur Verfügung stellt, um sie bei Verhandlungen mit Behörden über Haltungserlaubnis für Kleintiere vorlegen zu können. Wir stehen heute vor dem gleichen Problem. Die Weltbevölkerung wächst mit unvorstellbarer Geschwindigkeit, nicht nur durch die Neugeburten, sondern namentlich durch die weit höhere Lebenserwartung. Alle wollen essen, und unsere alten Kulturböden können nicht mehr leisten, als sie hergeben. Die Kaninchenzucht ist daher bestimmt, eine sehr gewichtige Rolle in der künftigen Ernährung der Menschheit zu spielen. Die Landwirtschaftswissenschaftler arbeiten längst in dieser Richtung, aber die Behörden müssen sehr massiv überzeugt werden.
Seit wann gibt es überhaupt Haltungsverbote? Warum wurden sie ausgesprochen? Die Geschichte der Haltungsverbote ist ein bislang völlig unbearbeitetes Feld. Forschungen, die der Verfasser dieser Zeilen vor einigen Jahren aufnahm, führten auch hier bereits zu überraschenden Ergebnissen. Die ersten Halteverbote richteten sich vor dem Ersten Weltkrieg nur gegen die Aufstallung von Großvieh in den Kernen von Großstädten, die bis 1927 erlassenen gegen die unhygienische Haltung von Kleinvieh auf dem Balkon oder gar im Badezimmer. Seit 1936 durften Kaninchen dort gehalten werden, wo die Futtergrundlage gegeben war. Letztere Verordnung wird heute im abgewandelten Sinne gegen die Kaninchenzucht ausgenutzt, denn es ist die einzige Verordnung eines Reichsministers, die zu dieser Frage erschienen ist. Da heute die Futterversorgung der Züchter auf einer ganz anderen Basis steht als damals, ist diese Verordnung völlig überholt. Wenn aber Kaninchenzuchtvereine mit Landes- und Kommunalbehörden über Haltungserlaubnisverordnungen verhandeln wollen (denn dass diese Frage dringend einer gesetzlichen Regelung bedarf, ist nicht zu bestreiten), muss man aber den zuständigen Ministerien wie den Landtagen hieb- und stichfeste Beweise vorlegen, dass die bisherigen Haltungsverbote eine zum Teil willkürliche, kritiklose oder gar bewusst unfreundliche Ablehnung der Kaninchenzucht sind oder, was nicht auszuschließen ist, einer totalen Unkenntnis der in der alten Verordnung von 1936 beabsichtigten Maßnahmen entspringen. Ist es doch ein Unding, wenn auf der einen Seite Landesregierungen und Landwirtschaftskammern die Kaninchenzucht durch Preise und andere Zuwendungen fördern, gleichzeitig aber Kommunen die Kaninchenhaltung verbieten. Diese Dinge aufzuklären ist eine der dringendsten Aufgaben der Geschichte der Kaninchenzucht. Glücklicherweise gibt es aber zahlreiche einsichtige Landgemeinden, die auch heute noch Bauplätze für Kleinsiedler zur Verfügung stellen, die sich Kleintiere halten wollen. So erfreut wir Züchter jede neue Siedlung dieser Art begrüßen, müssen wir uns dennoch die Frage vorlegen: Sollte es nicht endlich an der Zeit sein, die Erfahrungen, die aus nunmehr 180 Jahren kleintierzüchterischer Siedlung vorliegen, auszuwerten? Wie oft hat man versucht, Kleinsiedlern ihre hart erarbeiteten Ersparnisse abzujagen, indem man sie zur Einrichtung von „äußerst gewinnbringenden Zuchten" überredete!
Es sei hier nur an den Chinchilla-Rummel der jüngsten Vergangenheit erinnert. Was hat das Kaninchen bisher nachweislich im Kleinsiedlerbetrieb leisten können? Ist seine weitere Haltung ratsam? Diese Fragen kann gerade der Historiker überzeugend bejahen.
Das gesamte Siedlungswesen bedarf aber aus verschiedenen Gründen der Überprüfung. Die deutsche Landwirtschaft steckt in einer schweren Krise und muss um Verständnis bei der städtischen Bevölkerung werben. Der Kaninchenzüchter, der auf dem Lande siedelt und in der Stadt arbeitet, fügt sich als Kleinlandwirt in die Dorfgemeinschaft ein, wird aber auch der gegebene Verbindungsmann zwischen Bauern und Städter sein. Die Geschichte der Kaninchenzucht kennt hierfür interessante Beispiele.
Aber auch für die eigentliche Zucht hat die Geschichtsforschung wichtige Ergebnisse vorzulegen, mag es sich hierbei um eine Entwicklung des Stallbaues, der Verwendungsmöglichkeiten von Fleisch, Fett, Fell und Wolle oder um die verschiedenen Haltungsformen im Käfig, Stall, Auslaufkäfig oder im Gehege handeln. Erfahrungsberichte liegen genügend vor, um oft kostspielige neue Versuche unnötig zu machen. Heute, wo man, wie es aus dem gleichen Grunde bei der Schweinezucht gemacht wurde, vielfach dem Fleischkaninchen das Wort redet, ist es notwendig, festzustellen, zu welchem Zwecke eigentlich unsere Kaninchenrassen gezüchtet wurden. Bei den allermeisten stand nämlich der Nutzwert im Vordergrund. Für die Suche nach dem idealen Fleischkaninchentyp wird die Klärung dieser Frage von höchstem Interesse sein, weil man dann weiß, welche Einkreuzungen vorgenommen werden mussten, um eine bestimmte Nutzeigenschaft herauszuzüchten. Wenn unsere verhältnismäßig wenigen Kaninchenrassen gekreuzt werden, um einen Fleischkaninchentypus zu erhalten, könnte es gut möglich sein, dass hierbei wieder Fehler alter Ausgangsrassen durch zu enge Rassenverwandtschaft dominant werden, die man längst überwunden glaubte. So erging es in der Großviehzucht vor dreißig Jahren den Rinderzüchtern, die bei Kreuzungsversuchen immer wieder auf Nachfahren einiger einst berühmter Bullen stießen, die aber eine schlechte Milchleistung vererbten. Nachdem Agrarhistoriker diese Frage geklärt hatten, kreuzte man mit Nachkommen des berühmten ostfriesischen Bullen „Matador" weiter und kam nun zum gewünschten Ergebnis. Sobald die Fleischkaninchenzucht größere Aufmerksamkeit findet, werden gleiche Probleme auf die Kaninchenzucht zukommen.
Die Geschichte der Kaninchenzucht weist bereits heute wie die des Großviehs mehrere gleichberechtigt nebeneinanderstehende Arbeitsgebiete auf. Ohne sie wird eine wirtschaftliche Zucht auf wissenschaftlicher Grundlage nicht möglich sein. Will man die einzelnen Gebiete umreißen, so müssten sie etwa lauten: Verbreitungsgeschichte, Rassengeschichte, Zucht- und Haltungsgeschichte, Wirtschaftsgeschichte und Geschichte der Produktenveredelung, Geschichte der Förderung und der Haltungsverbote, Fütterungsgeschichte, Geschichte der Kaninchenmedizin und schließlich eine Herausarbeitung der Entwicklung der ideellen und pädagogischen Werte der Kaninchenzucht. Wir Züchter haben mit der Geschichte unserer Kaninchen ein Material in der Hand, das getrost an die Seite der Geschichte des Großviehs gestellt werden kann.





