Von Dipl.-Landwirt Dr. Heinrich Niehaus
Bundesforschungsanstalt für Kleintierzucht, Celle.
„Das Blaue Jahrbuch“ 1964
Das Ziel eines jeden Kaninchenzüchters besteht darin, die guten Eigenschaften und Merkmale seiner Tiere nicht nur zu erhalten, sondern ihre Qualität durch geeignete Maßnahmen von Generation zu Generation zu verbessern.
Der Rassekaninchenzüchter richtet sein Augenmerk dabei in erster Linie auf die Ausbildung der Rassemerkmale, z. B. Fellfarbe und -zeichnung, Körpergröße und Körperform, Ohrenlänge und Ohrenhaltung, Kopf- und Fußbehänge beim Angorakaninchen u.a.m., also auf solche Faktoren, die bei der Bewertung auf den Schauen in Frage kommen. Beim wirtschaftlich denkenden Leistungszüchter treten die Leistungen der Tiere, z. B. Wolleistung, Fleischbildung, Wüchsigkeit und Futterverwertung, ferner Gesundheit, Fruchtbarkeit und Aufzuchtvermögen, mehr in den Vordergrund.
Die zuletzt genannten Eigenschaften, nämlich Gesundheit, Fruchtbarkeit und Aufzuchtvermögen, sind zwar auch für die züchterischen Belange des Rassezüchters von großer Bedeutung. Sie finden aber zum Schaden der Rassezucht nicht immer die ihnen gebührende Beachtung, weil sie bei der allgemeinen Bewertung der Tiere auf den Schauen keine entscheidende Rolle spielen.
Es mehren sich die Klagen der Züchter, dass ihre Tiere vor allem im Frühjahr nicht tragend werden oder nur ein oder zwei übergroße und meist tote Junge zur Welt bringen, oder ihre Jungen auffressen oder schlecht säugen. Diese Mängel, die sich zunächst in erster Linie bei geprüften Angorakaninchen mit hohen Wolleistungen zeigten, treten jetzt auch in vermehrtem Umfange bei anderen Rassen in Erscheinung. Wenn die Ursachen z. T. in einer einseitigen oder zu üppigen Fütterung zu suchen sind, so spielen zweifellos auch erbliche, auf eine mangelhafte Zuchtauslese beruhende Faktoren eine entscheidende Rolle.
Es lassen sich zwar auch durch eine verbesserte Haltung der Tiere speziell durch Fütterungsmaßnahmen, schnelle und bemerkenswerte Erfolge besonders hinsichtlich der Leistungen erzielen; derartige Verbesserungen kommen aber nur den betreffenden Tieren selbst zugute. Auf die Nachkommen können erworbene Eigenschaften bekanntlich nicht übertragen werden, weil sie nicht erblich sind. Eine optimale Fütterung und eine hygienisch einwandfreie Haltung können aber dazu beitragen, die Leistungsanlagen voll zur Entfaltung zu bringen und dadurch die Beurteilung der Tiere und die Auslese zu erleichtern.
Zuchtverfahren
Bei der Auswahl und der Verpaarung der Zuchttiere kann sich der Züchter, entsprechend seinem Zuchtmaterial, den vorhandenen wirtschaftlichen und technischen Möglichkeiten, z. B. Anzahl und Beschaffung der zur Verfügung stehenden Tiere, den Stallverhältnissen, den Kenntnissen und Fähigkeiten usw. verschiedener Zuchtverfahren bedienen. Im Folgenden seien einige Zuchtverfahren aufgeführt mit Erläuterungen und Hinweisen, unter welchen Voraussetzungen eine Anwendung der einzelnen Verfahren in Frage kommt:
1. Reinzucht 2. Kreuzungszucht
a) Inzucht a) Kombinationskreuzung
b) Fremdpaarung b) Gebrauchskreuzung
c) Geschlossene Zucht
Von Reinzucht sprechen wir dann, wenn innerhalb derselben Rasse gepaart wird, z. B. Angora mit Angora, Weiße Wiener mit Weißen Wienern usw.; werden dagegen Tiere einer Rasse mit Partnern anderer Rassen gepaart, z. B. Weiße Neuseeländer mit Hellen Großsilbern, W. Wiener mit Bl. Wienern usw., so handelt es sich um Kreuzungen. Dazu sei erwähnt, dass sich die in der Zuchtsprache verwendeten Begriffe „Reinzucht" und „Kreuzungszucht" in erster Linie auf die äußeren Rassemerkmale, z. B. Fellfarbe und Zeichnung, Haarlänge, Ohrenlänge und Ohrenhaltung u. a. beziehen, die bei der Reinzucht in reinerbiger Form vorhanden sein müssen. Der Begriff „Reinzucht" setzt also nicht voraus, dass es sich dabei um „reine Linien" handelt, die in allen Anlagen gleich und reinerbig sind. Solche „reinen Linien" gibt es in der praktischen Kaninchenzucht nicht. Die verschiedenen Rassen stellen vie mehr „Populationen" dar, die sich in einigen festgelegten Merkmalen (den Rassemerkmalen) gleichen, sich in anderen dagegen erheblich unterscheiden können. So sind z. B. Fruchtbarkeit, Säugefähigkeit, Aufzuchtvermögen, ferner auch Frohwüchsigkeit und Fleischleistung in den meisten Fällen nicht mit irgendwelchen Rassemerkmalen gekoppelt. Es gibt bei allen Rassen fruchtbare und weniger fruchtbare Einzeltiere und Stämme.
Selbst auch hinsichtlich der im Standard festgelegten Rassemerkmale werden Unterschiede z. B. in der Nuancierung der Farbe, im Zeichnungsmuster (z. B. bei den Schecken), in der Größe, in der Kopfform und der Ohrenlänge u.a.m. in Kauf genommen, ohne dabei den Tieren die Rassereinheit abzusprechen. Alle diese Dinge muss der Züchter wissen, um sich ein klares Bild von den Zusammenhängen machen zu können. Wenn man z. B. sagt, die Hellen Großsilberkaninchen sind besonders frohwüchsig, oder die Weißen Neuseeländer sind besonders fruchtbar, so bedeutet das nicht, dass diese Eigenschaften unzertrennlich mit den Rassemerkmalen gekoppelt und dass alle Hellen Großsilber frohwüchsig und alle Weißen Neuseeländer fruchtbar sein müssen. Es besagt nur, dass die Anlagen für Fruchtbarkeit bzw. Frohwüchsigkeit in den genannten Rassen züchterisch besonders beachtet worden sind.
Man kann sie aber auch in jede andere x-beliebige Rasse oder in bestimmte Stämme dieser Rassen hineinzüchten.
Die Inzucht
Über den Nutzen und die Gefahren der Inzucht habe ich in einer früheren Veröffentlichung (Niehaus 1961) bereits ausführlich berichtet, so dass ich mich hier auf eine kurze zusammenfassende Darstellung beschränken kann.
Bei einer Paarung verwandter Tiere werden in Abhängigkeit vom Grade der Verwandtschaft sowohl die gewünschten als auch die unerwünschten Anlagen summiert. Außerdem treten auch die rezessiven (überdeckbaren) Anlagen in vermehrtem Umfange in Erscheinung. Die Inzucht bietet deshalb bessere Möglichkeiten, das Gute vom Schlechten zu scheiden, als die Fremdpaarung. Auf der anderen Seite muss man bei häufiger und strenger Inzucht früher oder später mit Inzuchtdepressionen rechnen, die sich durch Leistungsrückgang, erhöhter Anfälligkeit gegen Krankheitserreger und ungünstige Umweltfaktoren, Missbildungen und vor allem durch den Rückgang in der Fruchtbarkeit bemerkbar machen, so dass man mit erhöhten Verlusten und u. U. mit dem Aussterben ganzer Stämme rechnen muss. Ferner und das ist bei der Zuchtauswahl wichtig kommen häufig gute Leistungsanlagen infolge Inzuchtdepressionen nicht zur Entfaltung, so dass sie vom Züchter nicht erkannt und deshalb auch nicht berücksichtigt werden. Der Züchter wählt in solchen Fällen vielfach die heterozygoten (spalterbigen) Tiere aus, die trotz schlechterer Leistungsanlagen höhere Leistungen aufweisen, weil letztere nicht unterdrückt werden.
Auf die z. T. recht komplizierten Zusammenhänge kann im Rahmen dieses Artikels nicht eingegangen werden; als Richtschnur möchte ich aber empfehlen, häufige und enge Verwandtschaftszucht nur dann anzuwenden, wenn
1. eine breite Zuchtbasis vorhanden ist,
2. ein gesundes, robustes Tiermaterial zur Verfügung steht,
3. der Züchter die erforderlichen Kenntnisse und Erfahrungen besitzt,
4. erhöhte Verluste in Kauf genommen werden können.
Eine strenge Zuchtauslese und eine fortlaufende kritische Beobachtung der Tiere sind bei der Inzucht in besonders hohem Maße erforderlich. Züchter mit zahlenmäßig kleinen Beständen (3 bis 6 Zuchthäsinnen) tun gut daran, sich der Fremdpaarung und der Reinzucht zu bedienen. Gelegentlich und mit besonderer Zielsetzung vorgenommene Inzucht, z. B. Rückpaarungen mit hochwertigen Elterntieren, oder auch Paarungen zueinander passender Tiere anderer Verwandtschaftsgrade, können unter Umständen auch bei kleinen Tierzahlen gute Ergebnisse bringen. Ein großes Risiko entsteht im Allgemeinen dabei nicht, weil die Kaninchen nicht besonders anfällig gegen Inzucht sind. Inzucht kann insbesondere bei den Zeichnungsrassen, z. B. Punktschecken und den Holländerschecken, nützlich sein, um ein einigermaßen konstant vererbendes Zeichnungsmuster zu erhalten, welches durch das Zusammenwirken mehrerer Faktoren entsteht. Der Züchter muss aber hierbei mit der erforderlichen Umsicht verfahren. Wir werden im Folgenden noch ein anderes Zuchtverfahren kennenlernen, das sich auch für die Zeichnungsrassen besonders eignet, nämlich das der „Geschlossenen Zucht“.
Kreuzungszucht
Wie bereits erwähnt, spricht man dann von einer Kreuzung, wenn zwei Tiere miteinander verpaart werden, die verschiedenen Rassen angehören. Die Nachkommen aus derartigen Kreuzungen bezeichnet man als Hybriden oder Bastarde. Kreuzungen kommen für den normalen Durchschnittszüchter nicht in Frage. Bastarde sind in der Rassekaninchenzucht verpönt, weil sie nicht konstant weiter vererben, sondern in der zweiten Generation eine Aufspaltung zeigen. Dabei treten je nach den Ausgangstieren mehr oder weniger verschiedenartige Typen in Erscheinung, die z. T. den Anforderungen des Standards nicht entsprechen und in ihrer erblichen Anlagenkombination im Einzelnen oft schwer kontrollierbar sind.
Kreuzungen können aber unter Umständen auch zweckmäßig oder sogar notwendig sein, wenn man bestimmte Zuchtziele erreichen will. Eingehende Kenntnisse hinsichtlich der Vererbungsvorgänge, züchterische Erfahrungen sowie eine breite Zuchtbasis sind unerlässliche Voraussetzungen für den Erfolg. Um unkontrollierbare, für die Rassekaninchenzucht schädliche Kreuzungsexperimente zu verhindern, dürfen Kreuzungen nur nach Genehmigung durch den zuständigen Landesverband vorgenommen werden. Vom Landesverband wird dann sorgfältig geprüft, ob die erforderlichen Voraussetzungen, u. a. auch ein klares und Erfolg versprechendes Zuchtziel, vorhanden sind.
Sind Kreuzungen mit Genehmigung des Landesverbandes erfolgt, so müssen alle Jungtiere tätowiert und mit genauer Bezeichnung ihrer Herkunft als Kreuzungstiere ins Zuchtbuch eingetragen werden.
a) Kombinationskreuzungen
Das Ziel derartiger Kreuzungen besteht darin, zwei oder mehrere gewünschte Merkmale, die zunächst getrennt in verschiedenen Rassen vorkommen, miteinander zu kombinieren und sie schließlich in reinerbiger Form herauszuzüchten. Viele unserer Kaninchenrassen sind durch derartige Kombinationskreuzungen entstanden.
So ist z. B. die Anlage für Punktscheckung wahrscheinlich zunächst durch eine Mutation (Erbsprung) bei wildgrauen Tieren aufgetreten.
Man hat sie später aber auch mit anderen Fellfarben, z. B. Schwarz, Blau, Japanerfarbig, und verschiedenen Körperformen, z. B. Englische Schecke und Deutsche Riesenschecke, kombiniert. Auch der Langhaarfaktor beim Angorakaninchen ist mit der Anlage für Albinismus zusammengebracht worden. Eine reinerbige Kombination beider Anlagen ergibt das heute allgemein gezüchtete rotäugige weiße Angorakaninchen. Das von der Bundesforschungsanstalt herausgebrachte blauäugige Angorakaninchen ist aus einer Verbindung des Langhaarfaktors mit dem leuzistischen Faktor des weißen Wieners entstanden. Auch der Kurzhaarfaktor ist in die meisten Farbschläge hineingezüchtet worden. Eine Verbindung des Lohfaktors beim Lohkaninchen mit dem Chinchillafaktor ergibt das Weißgrannenkaninchen. Das in letzter Zeit mehr beachtete Hototkaninchen ist aus einer Kombination bestimmter Holländerfaktoren mit der Anlage für Punktscheckung entstanden. Eine reinerbige Verbindung von Braun mit Blau ergibt die Fehfarbe.
Eine sehr interessante Kombination ist auch die Verbindung des Chinchillafaktors mit der Anlage für gelbe Fellfarbe. Daraus entstehen nämlich Tiere mit dunklen Augen und weißer Fellfarbe, wie sie von der Bundesforschungsanstalt gezüchtet wurden und gegenwärtig noch vorhanden sind.
Es ließen sich noch weitere Beispiele anführen; aus denen hervorgeht, dass Mutationen und Kombinationen die unterscheidenden Faktoren für die Rassebildung sowie für die Züchtung überhaupt darstellen, und es besteht kein Zweifel, dass auf diesem Gebiete noch viele Möglichkeiten offen stehen. Umgekehrt lassen sich natürlich auch unerwünschte Anlagen durch geeignete züchterische Maßnahmen von den gewünschten trennen, vorausgesetzt, dass sie nicht mit ihnen gekoppelt sind, d. h., sich nicht im gleichen Chromosom befinden.
Die Möglichkeit einer Kombinationszüchtung bezieht sich nicht nur auf die äußeren Rassemerkmale, sondern auch auf die Leistungsanlagen (z. B. Wolleistung, Fleischleistung, Frohwüchsigkeit, Gesundheit und Fruchtbarkeit). Ferner brauchen die zu kombinierenden Anlagen nicht unbedingt bei Tieren verschiedener Rassen vorhanden zu sein. Ich habe bereits erwähnt, dass die genannten Leistungsmerkmale auch innerhalb der einzelnen Rassen erheblich streuen. Es sind deshalb auch hier Kombinationsmöglichkeiten gegeben. Genau genommen beruht jede züchterische Verbesserung auf einer Kombination günstiger und einer Abtrennung ungünstiger Erbanlagen.
So ist es z. B. durchaus möglich, durch Paarung von Tieren mit hoher Fruchtbarkeit, aber geringer Wüchsigkeit mit solchen Partnern, die nur über eine geringe Fruchtbarkeit, aber eine ausgezeichnete Wüchsigkeit verfügen, einen Stamm zu züchten, der sowohl eine gute Fruchtbarkeit als auch eine ausgezeichnete Wüchsigkeit besitzt.
Eine Kombination von Leistungsanlagen ist aber erheblich schwieriger als eine Zusammenbringung von Rassemerkmalen, weil erstere polygen (d. h. durch viele Anlagenpaare) bedingt sind, während letztere im Allgemeinen auf der Wirkung von nur einem Hauptanlagenpaar beruhen. Mit Geschick, Ausdauer und großen Tierzahlen lassen sich aber auch die Leistungsanlagen verbessern, wie das insbesondere beim Angorakaninchen fortlaufend demonstriert wird, das durch deutschen Züchterfleiß zum besten Angorakaninchen der Welt entwickelt worden ist.
Wir haben deshalb allen Grund anzunehmen, dass es uns auch gelingen wird, ein Fleischkaninchen zu züchten, das eine mit der Wolleistung des Angorakaninchens vergleichbare Fleischleistung aufweist. Auch bei den Rassekaninchen sind noch erhebliche Verbesserungen, speziell hinsichtlich der Fruchtbarkeit und Gesundheit, aber auch der Rassemerkmale möglich, wenn ein klares Zuchtziel vorhanden ist und die modernen Erkenntnisse auf dem Gebiete der Vererbung und Züchtung planmäßig ausgenutzt werden. Ich werde noch auf diese Dinge zurückkommen.
b) Gebrauchskreuzungen
Im Gegensatz zu den Kombinationskreuzungen, aus denen im Endeffekt wieder reine Rassen entstehen, wird bei den Gebrauchskreuzungen im Allgemeinen nur eine Kreuzungsgeneration (F1) erzeugt. Eine Weiterzucht dieser F1-Generationen findet nicht statt. Die Herstellung von Gebrauchskreuzungen, wie sie insbesondere beim Geflügel in zunehmendem Maße mit Erfolg verwendet werden, hat den Zweck, Leistungssteigerungen durch den sogenannten „Heterosiseffekt“ zu erreichen.
Ich habe bereits bei anderen Gelegenheiten mehrfach auf diese Erscheinung, die man auch als „Kreuzungseffekt“ oder als „Luxurieren der Bastarde“ bezeichnet, hingewiesen (vergl. z. B. Niehaus 1962). Da die gewollte oder auch ungewollte Ausnutzung des Heterosiseffektes jedoch sowohl in der Rasse- als vor allem auch in der Leistungszucht eine große Rolle spielt, möchte ich noch einmal einige wesentliche Punkte herausstellen:
1. Der Heterosiseffekt, dessen Wesen und tiefere Ursachen noch nicht genau geklärt sind, macht sich durch eine sprung- hafte Leistungssteigerung bemerkbar, z. B. in einer Verbesserung der Gesundheit, der Fruchtbarkeit, der Säugefähigkeit, der Fleisch- und Wolleistung usw.
2. Er tritt dann in Erscheinung, wenn zwei vorselektierte, ingezüchtete und zueinander passende Tiere (Passertiere) miteinander gepaart werden. Diese Tiere können der gleichen Rasse oder auch verschiedenen Rassen angehören.
3. Der Heterosiseffekt tritt in maximaler Stärke nur bei der ersten Generation auf. Es ist deshalb zweckmäßig, die Kreuzungstiere nicht weiterzuzüchten, sondern die F1 (erste Tochtergeneration) immer wieder aus den Ausgangstieren neu herauszustellen.
4. Eine systematische Ausnutzung des Heterosiseffektes ist nur dann möglich, wenn wenigstens zwei genetisch einheitliche und zueinander passende Linien zur Verfügung stehen.
Die Passereigenschaften kann man den Tieren äußerlich leider nicht ansehen; sie kann z. Z. nur durch sogenannte Testpaarungen ermittelt werden. Die Wahrscheinlichkeit, einen optimalen Effekt, einen sogenannten Volltreffer zu erhalten, ist umso größer, je mehr Linien zur Verfügung stehen.
Die Herauszüchtung der Ausgangslinien erfolgt unter den bei den deutschen Kaninchenzüchtern vorhandenen Voraussetzungen am besten durch ein Zuchtverfahren, das man als „Geschlossene Zucht“ bezeichnet.
Die in der amerikanischen Geflügelzucht angewandte Methode, die „reinen Ausgangslinien“ durch über mehrere Generationen erfolgte Inzestzucht, nämlich durch Geschwisterpaarung, zu gewinnen, ist für unsere Verhältnisse nicht tragbar, weil zu hohe Verluste infolge Inzuchtdepressionen in Kauf genommen werden müssen und viele Tausende von Ausgangstieren erforderlich sind, um mit einiger Sicherheit hochwertige Linien mit Passereigenschaften zu erhalten. Trotzdem haben sich die für unsere Begriffe riesigen Investitionen in der amerikanischen Geflügelzucht wirtschaftlich gelohnt. Sie werden durch die hohen Preise, die für die hochleistungsfähigen Hybridhühner bzw. Bruteier erhalten werden, mehr als wettgemacht.
Geschlossene Zucht
Bei der „Geschlossenen Zucht“, die nicht nur für Wirtschaftszüchter, sondern auch für Rassezüchter, vor allem bei der Herauszüchtung hochwertiger und ausgeglichener Zeichnungstiere in Frage kommt, werden erheblich geringere Tierzahlen benötigt als bei der Inzestzucht. Mit 30-50 Zuchthäsinnen, die auch von mehreren Züchtern in einer Zucht- und Arbeitsgemeinschaft gehalten werden können, lässt sich schon eine Linie aufbauen.
Es wird dabei so verfahren, dass man nach Auswahl eines gesunden und hinsichtlich der Zuchtziele möglichst über dem Durchschnitt liegenden Ausgangsmaterials ohne fremde Blutzufuhr und mit schärfster Selektion so lange weiterzüchtet, bis man ein äußerlich einheitliches und einigermaßen konstant vererbendes Tiermaterial erhalten hat. Unter günstigen Verhältnissen kann das nach 4 bis 5 Generationen bereits der Fall sein.
Bedeutung für die praktische Zucht Züchter mit wirtschaftlichen Zielen, z. B. Angorazüchter und Fleischkaninchenzüchter, können mit Hilfe der „Geschlossenen Zucht“ hochwertige Zuchtlinien erhalten, die bereits in reiner Form über ein hohes Maß an Gesundheit, Fruchtbarkeit, Woll- und Fleischleistungen verfügen.
Durch Verpaarungen derartiger Tiere mit Partnern aus an- deren dazu passenden Linien lässt sich ein noch weiterer, z. T. erheblicher Leistungsanstieg erreichen, der in erster Linie auf den erwähnten Heterosiseffekt zurückzuführen ist. Da der Heterosiseffekt nicht erblich ist, muss man bei der Weiterzucht derartiger Tiere mit einem Leistungsrückgang infolge Aufspaltung rechnen.
Eine Weiterzucht der F1-Bastarde ist im Allgemeinen nicht zu empfehlen, insbesondere dann nicht, wenn es sich um Rassekreuzungen bei Fleischkaninchen handelt, aus denen ein unmittelbarer wirtschaftlicher Nutzen gezogen werden soll. Linienkreuzungen, z. B. bei Angorakaninchen, können eine u. U. nützlich für eine Blutauffrischung sein, oder um wert- volle Leistungsanlagen beider Linien zu kombinieren. Hierfür sind allerdings züchterisches Können und eine sich über mehrere Generationen erstreckende scharfe Selektion erforderlich.
Auch der Rassekaninchenzüchter kann sich der „Geschlossenen Zucht“ mit gutem Erfolg bedienen, um die bisher etwas vernachlässigten Eigenschaften Gesundheit, Fruchtbarkeit und Aufzuchtfähigkeit zu verbessern und ein auch hinsichtlich der Rassemerkmale einheitliches Material zu schaffen. Ich habe bereits im Vorhergehenden angedeutet, dass die „Geschlossene Zucht“, insbesondere auch bei den Zeichnungsrassen, z. B. Englische Schecken, Rheinische Schecken, Deutsche Riesenschecken, Holländerschecken, Japaner u. a., aber auch bei gesilberten Rassen, bei denen die Zeichnungsmuster und die Silberung polygen bedingt sind, zu relativ schnellen und nachhaltigen Erfolgen führen kann, ohne dass dabei erhöhte Einbußen durch Inzuchtdepressionen zu erwarten sind.
Möglichst viele Nachkommen
Alle Zuchtverfahren führen selbstverständlich dann schnellsten zum Ziel, wenn möglichst viele Jungtiere pro Häsin und Jahr produziert und eine schnelle Generationsfolge erreicht wird. Es bedarf keiner besonderen Begründung, dass die Chancen, hochwertige Tiere für die Nachzucht herauszufinden, umso größer sind, je mehr Tiere zur Verfügung stehen.
Der hohe Bedarf an Kaninchenfleisch gibt auch dem Rassekaninchenzüchter die Möglichkeit, mehr Jungtiere zu erzeugen als bisher und alle nicht brauchbaren oder nicht benötigten Tiere rechtzeitig zu schlachten und sie mit wirtschaftlichem Nutzen zu verwerten. Die Auswahl und Schlachtung kann bereits mit der achten Lebenswoche beginnen, wobei dann fortlaufend alles ausgemerzt wird, was körperliche Unzulänglichkeiten, mangelnde Entwicklung, Krankheiten, nicht befriedigende Zeichnungsmerkmale, ferner im späteren Alter außer- dem Mängel in der Fellfarbe und Qualität, der Ohrlänge und -haltung, der Fruchtbarkeit und des Aufzuchtvermögens ausweist. Wenn in einer Arbeitsgemeinschaft mit 30-50 Zuchthäsinnen gearbeitet und nach der beschriebenen Methode verfahren wird, können die Erfolge gar nicht ausbleiben.
Zusammenfassung und Schlußbetrachtung
Der Zweck meiner Ausführungen war, die Leser darauf hinzuweisen, dass die modernen Methoden der Züchtung hinzu kommen selbstverständlich auch die der Fütterung, Haltung und Hygiene sowohl dem Wirtschaftszüchter als auch dem Rassezüchter erhebliche Vorteile bringen können, wenn sie planmäßig und mit den erforderlichen Konsequenzen angewendet werden.
Auch die Rassekaninchenzüchter können nicht auf ihre Anwendung verzichten, wenn sie mit den übrigen Tiersparten und mit dem Ausland Schritt halten wollen. Ich habe in meinen Ausführungen nur einen allgemeinen Überblick über wesentliche Zuchtverfahren geben können, ohne auf Einzelheiten näher einzugehen. Bevor diese Dinge in die Tat umgesetzt werden können, müssen noch Zuchtprogramme ausgearbeitet werden, die den gegebenen Verhältnissen angepasst sind. Es dürfte in diesem Zusammenhang vielleicht interessieren, dass die Bundesforschungsanstalt für Kleintierzucht, Celle, zusammen mit der Landwirtschaftskammer in Hannover, gegenwärtig dabei ist, ein derartiges Zuchtprogramm mit allen erforderlichen Einzelheiten für die am 29. Juni 1963 in Hannover gegründete „Arbeitsgemeinschaft Fleischkaninchenzucht“ auszuarbeiten. Es würde mich sehr freuen, wenn ähnliche Arbeitsgemeinschaften sowohl für die Rasse- als auch für die Leistungskaninchenzucht auch in anderen Landesteilen errichtet würden, um sich unter der Leitung eines erfahrenen Fachmannes der modernen Kenntnisse auf dem Gebiete der Züchtung, Fütterung, Haltung und Hygiene zu bedienen.
Zum Schluss möchte ich noch auf eine Tatsache hinweisen, die bei der Auswahl der Zuchttiere eine Rolle spielt. Der erwähnte Heterosiseffekt tritt nicht nur bei züchterisch vorbereiteten Linien, sondern viel häufiger, als die Züchter es wissen, auch bei der üblichen Züchtung in Erscheinung, wenngleich in den meisten Fällen unbeabsichtigt und als Heterosiseffekt nicht bekannt. Wenn derartige Tiere, die man als „Blender“ bezeichnet, für die Nachzucht ausgewählt werden, so erlebt der Züchter meistens Enttäuschungen, weil sich in der Nachzucht eine Aufspaltung bemerkbar macht und außerdem der Heterosiseffekt nicht vererbt wird.
Nun ist es nicht immer ganz einfach, derartige „Blender“ mit einiger Sicherheit zu erkennen, bevor sie eine größere Anzahl von Nachkommen produziert haben. Vorsicht ist immer dann geboten, wenn aus Eltern von mittlerer Qualität Jungtiere entstehen, die einen sprunghaften Qualitätsanstieg, insbesondere hinsichtlich der Gesundheit, Fruchtbarkeit und Wüchsigkeit zeigen. Auch über derartige Dinge muss sich ein erfahrener Züchter auskennen, wenn er dauerhafte Erfolge in seiner Zucht haben will.
Literatur:
Niehaus H. (1961) Nutzen und Gefahren der Inzucht. Das Blaue Kaninchenjahrbuch 1961. Seite 128-144, Verlagshaus Oertel & Spörer, Reutlingen.
Niehaus H. (1962) Züchterische Maßnahmen zur Verbesserung der Masteigenschaften bei Kaninchen. Deutscher Kleintier-Züchter, Ausgabe Kaninchen, 71, Nr. 30/1962, Seite 1-4, Verlagshaus Oertel & Spörer, Reutlingen.







