Dr. Heinrich Niehaus – „Das Blaue Jahrbuch“ 1981
Warum Zuchtauslese?
Wer seine Tiere genau beobachtet, wird feststellen, dass kein Tier einem anderen völlig gleicht. Die Unterschiede im Aussehen und in den Leistungen können – selbst unter Wurfgeschwistern – erheblich sein. Sie werden durch unterschiedliche Erbanlagenkombinationen (Veranlagung) und Einflüsse der Umwelt (Fütterung, Haltung, Krankheitserreger u.a.) bewirkt.
Die erblich bedingten Unterschiede zwischen den verschiedenen Rassen, Stämmen, Würfen und Einzeltieren bilden die Grundlage für alle züchterischen Möglichkeiten, d.h. sowohl für eine gezielte Veränderung und Verbesserung des Tiermaterials innerhalb der Rassen und Stämme als auch für die Entwicklung neuer Rassen. Sie sind im Verlaufe der Entwicklungsgeschichte der verschiedenen Arten durch Mutationen (Veränderung im Erbgut) und Kombinationen der zunächst getrennt bei den einzelnen Tieren aufgetretenen mutierten Erbanlagen entstanden.
Die geschlechtliche Fortpflanzung bei Kaninchen sorgt nun dafür, dass immer neue Erbanlagenkombinationen entstehen. Die Möglichkeiten sind so zahlreich, dass bei genauer Betrachtung kein Tier einem andern völlig gleich ist. Dabei machen sich leider auch die eingangs erwähnten, durch die Umwelt hervorgerufenen nicht erblichen Veränderungen (Modifikationen) bemerkbar.
Diese erschweren es dem Züchter, zu erkennen, welchen Anteil die Erbanlagen am Erscheinungsbild der betreffenden Tiere haben und inwieweit Veränderungen des Phänotypus durch die vorher erwähnten Umweltfaktoren bewirkt worden sind. Besonders stark beeinflussbar sind die Leistungseigenschaften (Gesundheit, Fruchtbarkeit, Körperwachstum, Wolleistungen u.a.). Auch die Ohrenlänge kann durch die bei der Aufzucht herrschenden Temperaturen merklich modifiziert werden. Die durch hohe Temperaturen bewirkte Verlängerung der Ohren (angewendet bei Widdern) und die durch niedrige Temperaturen bewirkte Verkürzung (angewendet bei Zwergrassen) sind nicht erblich. Der Züchter muss deshalb beim Kauf und bei der Auswahl der Zuchttiere darauf achten, in welcher Umwelt die Tiere aufgezogen wurden. Fellfarbe und insbesondere die Zeichnungsmerkmale werden dagegen durch die Umwelt nur wenig verändert. So kann der Züchter besonders bei den Zeichnungsrassen (Schecken, Japaner, Loh u.a.) schon unmittelbar nach der Geburt der Jungtiere erkennen, welche Zeichnungsmerkmale diese im erwachsenen Zustand aufweisen werden. Hinsichtlich der Vererbung ergeben sich aber gerade bei den Zeichnungsrassen große Schwierigkeiten, wie im Folgenden noch erläutert wird.
Das Streben der Natur nach Vielfältigkeit möge durch ein paar Zahlen deutlich gemacht werden. Bei der Bildung der Keimzellen (Ei- und Samenzellen) erfolgt bei der Reduktions- oder Reifungsteilung nicht nur eine Trennung der paarigen, d.h. der vom Vater und von der Mutter stammenden Chromosomen (Kernschleifen), sondern es findet auch eine beliebige Umschichtung der väterlichen und mütterlichen Chromosomen mit den darauf befindlichen Erbanlagen statt (vergl. Niehaus 1978). Bei den 22 Chromosomenpaaren (= 44 Chromosomen) der Kaninchen können dabei maximal 222 = 4.194.304 genetisch unterschiedliche Samenzellen und ebenso viele unterschiedliche Eizellen gebildet werden. Das ergibt bei der Befruchtung (Verschmelzung der Ei- und Samenzellen) 17 592 186 044 416, also die ungeheuer große Zahl von über 17 Billionen verschiedener Kombinationsmöglichkeiten. Das setzt allerdings voraus, dass alle väterlichen bzw. mütterlichen Chromosomen sich von ihrem paarigen (homologen) Partner wenigstens in einer Erbanlage unterscheiden. Die Zahl der Möglichkeiten verringert sich in dem Maße, in dem homologe Chromosomen identisch, d.h. völlig gleich sind. Das ist vom jeweiligen Verwandtschaftsgrad der Partner abhängig. Aber selbst bei stark ingezüchteten Tieren sind die Möglichkeiten unterschiedlicher Genkombinationen noch sehr groß. In der Praxis kann natürlich nur ein winziger Teil der gegebenen Möglichkeiten realisiert werden. Nach Aussage (1969 ) von Dr. Gerald Stranzinger * 1939, Professor für Züchtungslehre am Institut für Nutztierwissenschaften der ETH, ) befinden sich zwar in einem normalen Ejakulat der Rammler etwa 400 Mio. Samenzellen. Von einer Häsin werden nach dem Deckakt im Durchschnitt aber nur etwa 10 – 12 Eizellen ovuliert (ausgestoßen). Welche Genkombinationen diese Eizellen von den möglichen enthalten und mit welchen Samenzellen sie verschmelzen, ist weitgehend dem Zufall überlassen.
Nun sollte dieses Zahlenspiel den Züchter nicht irritieren. Die meisten Unterschiede im Genotypus (Erbform) machen sich nämlich im Phänotypus (Erscheinungsform) kaum bemerkbar. Die Erfahrung hat ferner gezeigt, dass es sehr wohl möglich ist, Tiere zu züchten, die in den wichtigsten Rassemerkmalen einigermaßen aus geglichen sind, und dass es durch strenge Auslese und Verpaarung der zueinander passenden Partner gelingt, die gewünschten Rassemerkmale und Leistungseigenschaften fortlaufend zu verbessern. Die Zahlen mögen dem Züchter aber eine Vorstellung darüber vermitteln, welche ungeahnten Möglichkeiten in dem gesamten Genmaterial aller Kaninchenrassen (Genpool) noch schlummern.
Eine fortlaufend durchgeführte strenge Zuchtauslese (Selektion) ist aber nicht nur für eine Verbesserung der Körpermerkmale und Leistungseigenschaften, sondern auch für die Erhaltung des Erreichten unentbehrlich. Es ist eine Erfahrungstatsache, dass nicht, ungenügend oder einseitig selektierte Zuchtstämme einem Degenerationsprozess (Degeneration: Entartung, Verschlechterung) unterliegen. Dieser verläuft bei den verschiedenen Stämmen und Einzeltieren in unterschiedlicher Weise und in unterschiedlicher Zeitdauer.
Er wird oft erst nach mehreren Generationen bemerkt. Er äußert sich u.a. durch einen Rückgang der Fruchtbarkeit und/oder Gesundheit, Widerstandsfähigkeit gegen Krankheiten. Auch die Ausprägung der Rassemerkmale und des gesamten Erscheinungsbildes werden in unerwünschter Weise davon betroffen. Durch mehrfache strenge Inzucht wird dieser Degenerationsprozeß beschleunigt. Deshalb muss bei ingezüchteten Stämmen ein besonders strenger Maßstab bei der Zuchtauslese angewendet werden.
Diese bei allen nicht selektierten Lebewesen vorkommende Erscheinung ist dadurch zu erklären, dass fortlaufend einige der bei höheren Tieren die Milliardengrenze weit überschreitende Zahl der Erbanlagen mutieren (sich verändern). Da die weitaus meisten Mutationen negative Wirkungen ausüben und rezessiv (überdeckbar) sind, häufen sie sich bei nicht selektierten Stämmen an und machen sich meist erst nach mehreren Generationen bemerkbar. Rezessive Anlagen können bekanntlich nur dann wirksam werden, wenn sie vom Vater und von der Mutter auf die Nachkommen übertragen werden. Bei Wildtieren erfolgt die Auslese auf natürliche Weise im harten Kampf ums Dasein. Bei den Haustieren muss der Mensch diese Aufgabe übernehmen.
Die Auslese der Zuchttiere erfolgt zunächst nach dem Erscheinungsbild der betreffenden Tiere. Dabei ist es sehr nützlich, wenn auch Aussehen und Leistungen der Vorfahren und – soweit vorhanden die der Nachkommen bekannt sind. Bei der Auswahl von noch nicht für die Zucht verwendeten Tieren sollte die Abstammung je- doch nur dann für die Bewertung herangezogen werden, wenn die zur Wahl stehenden Tiere auch selbst den an sie zu stellenden Anforderungen gerecht werden, denn die Beschaffenheit der Vorfahren ergibt, wie aus den vorhergehenden Ausführungen zu ersehen ist, allein keine brauchbare Auskunft über die Nachkommen.
Schwierigkeiten ergeben sich besonders bei der Auswahl der Zuchttiere von Zeichnungsrassen. Obwohl – ausgenommen die Holländerzeichnung – die Zeichnung selbst nur durch einfach mendelnde Gene bewirkt wird und deshalb nur die Möglichkeiten „gezeichnet“ oder „nicht gezeichnet“ gegeben sind, kann das Zeichnungsmuster erheblich variieren. Man erklärt dies durch die Wirkung sog „Modifikationsgene“. Das sind nach Elisabeth Günther (1978) Erbanlagen, die keine Eigenwirkung ausüben, aber in der Lage sind, die Wirkung anderer Erbanlagen zu verändern. Da es offenbar viele solcher Modifikationsgene gibt, ist es zwar außerordentlich schwierig, aber erfahrungsgemäß möglich, auch Zeichnungstiere mit aus- reichend konstant vererbendem Zeichnungsmuster zu züchten. Ferner kann man mühselig erreichte Erfolge auf diesem Gebiete u.U. mit einem Schlage zunichtemachen, wenn man fremde Tiere, die genetisch nicht zu den eigenen passen, eingepaart.
Die Passereigenschaften eines Tieres zu einem anderen sind nun leider nicht mit ausreichender Sicherheit am Erscheinungsbild zu erkennen. Viele Züchter haben schon die enttäuschende Erfahrung machen müssen, dass bei Einpaarungen von hochbewerteten und in der Zeichnung zu den eigenen Tieren passenden Partnern die Nach- kommen im Zeichnungsmuster völlig anders als ihre Eltern und unbefriedigend waren. Das ist dadurch zu erklären, dass gleiche oder ähnliche Zeichnungsmuster durch unterschiedliche Erbanlagenkombinationen möglich sind. Deshalb ist es beim Einkauf blutfremder Tiere wichtig, diese erst nach positiven Erfolgen bei Probepaarungen voll einzusetzen. Manchmal lässt sich die Einpaarung blutfremder Tiere aber nicht vermeiden. Das ist besonders dann der Fall, wenn in einem ingezüchteten Stamm konstant vererbende Fehler auftreten. In solchen Fällen muss man aber nach Einpaarung blutfremder Tiere mit einem vorübergehenden Rückgang der Zeichnungsqualität rechnen.
Im Übrigen kommt man auf längere Sicht am sichersten zum Ziel, wenn man immer die im Erscheinungsbild besten Tiere miteinander paart.
Als Grundlage für die Auslese dienen die allgemeinen und speziellen Zuchtziele.
Allgemeine Zuchtziele
1. Gesundheit und Widerstandsfähigkeit gegen Erkrankungen und Stressfaktoren (Belastungsfaktoren)
2. Fruchtbarkeit
3. Milchleistung und Muttereigenschaften
4. Wüchsigkeit
5. Futterverwertung
6. Körperform.
Spezielle Zuchtziele
Der Rassezüchter verlangt darüber hinaus eine gute Ausprägung der Rasse- und Schönheitsmerkmale, der Fleischkaninchenzüchter gute Ausschlachtungsergebnisse und einen möglichst hohen Anteil an wertvollen Teilstücken (Rücken, Keulen). Der Versuchstierzüchter legt Wert auf besondere Eignung der Tiere für bestimmte Versuche.
zu 1: Gesundheit
Eine robuste Gesundheit ist die Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Züchtung und Haltung der Tiere. Nun gibt es bestimmte Erscheinungen, aus denen der erfahrene Züchter ohne kostspielige Untersuchungen gewisse Rückschlüsse auf den Gesundheitszustand der Tiere ziehen kann.
Anzeichen für Gesundheit Anzeichen für Erkrankungen
1. klare Augen trübe Augen, tränende Augen
2. glattes, glänzendes Fell stumpfes, struppiges Fell
3. lebhaftes, aber nicht nervöses Temperament Nervosität oder Apathie (Teilnahmslosigkeit)
4. normale Körperentwicklung Missbildungen, eingefallene Wangen, Abmagerung oder anomale Verfettung
5. normaler Kot breiiger Kot, Durchfall oder Verstopfung
6. trockene, saubere Nasen feuchte, verschmutzte Nasen, Nasenausfluß, Niesen
In Zweifelsfällen sollte man den Tierarzt zu Rate ziehen. Schwer erkrankte Tiere sind vorsorglich auch nach ihrer Gesundung von der Weiterzucht auszuschließen, weil die Gefahr von Dauerschäden besteht und eine erblich bedingte Anfälligkeit gegen Krankheiten vermutet werden muss.
zu 2: Fruchtbarkeit
Fruchtbarkeit ist die erblich bedingte Fähigkeit, Nachkommen zu erzeugen. Dabei ist nicht nur die Veranlagung der Häsinnen, Eizellen zu produzieren und die befruchteten Eizellen auszutragen, sondern auch die Spermaqualität der Rammler von entscheidender Bedeutung.
Das Ausnutzen dieser Fähigkeit wird einerseits durch den Züchter bestimmt, kann andererseits aber auch in hohem Maße durch andere Umweltfaktoren (z.B. Fütterung, Haltung, jahreszeitliche Einflüsse, Krankheitserreger u.a.) beeinflusst werden.
Leider wird dieser auch für die Rassezüchter wichtigen Eigenschaft nicht immer die gebührende Bedeutung bei der Auswahl oder beim Kauf von Zuchttieren beigemessen. Einer der Gründe hierfür dürfte die Tatsache sein, dass die Fruchtbarkeit bei der Bewertung der einzelnen Tiere auf Ausstellungen nicht berücksichtigt wird.
Was nützen aber hochwertige Tiere, wenn sie in der Zucht versagen! Da, wie im Vorhergehenden dargelegt, alle Jungtiere eines Wurfes mehr oder weniger große Unterschiede untereinander und auch zu den Eltern aufweisen, ist die Wahrscheinlichkeit, besonders wertvolle Jungtiere zu erhalten, umso größer, je mehr Nachkommen zur Verfügung stehen. Zahlenmäßig große Würfe sind besonders wichtig, wenn 4 Tiere eines Wurfes ausgestellt werden sollen. Schon aus diesem Grunde ist es sinnvoll, Stämme zu züchten, deren Häsinnen in der Lage sind, bei möglichst wenigen erfolglosen Paarungen 8-10 Jungtiere zur Welt zu bringen und aufzuziehen. Bei übergroßen Würfen lässt sich eine Reduzierung der Jungenzahlen zwar nicht vermeiden; man sollte aber-wenn keine Amme zur Verfügung steht – damit ein paar Tage warten. Dadurch kann man einerseits eine bessere Auskunft über die Säugeleistung der Häsinnen erhalten und hat außerdem die Möglichkeit, die schwächsten Jungtiere, die beim Kampf um die Muttermilch unterliegen, zu erkennen und auszumerzen. Das ist bei einer Reduzierung kurz nach dem Wurf nur bedingt möglich.
Nicht zu empfehlen ist das früher, z.T. auch heute noch praktizierte Verfahren, die Würfe gleich nach der Geburt auf 4 – 5 Jungtiere zu reduzieren in der irrigen Annahme, dadurch bessere Ausstellungstiere zu erhalten. Die Erfahrung hat gezeigt, dass das anfänglich schnellere Wachstum der Jungtiere kleiner Würfe gegenüber dem anfänglichen geringeren Wachstum großer Würfe nach der Aufnahme von vollwertigen festen Futterstoffen sehr schnell wieder ausgeglichen wird. Ferner besteht bei einer frühen und starken Reduzierung der Jungenzahlen die Gefahr, gerade die besten Tiere auszumerzen.
Starre Regeln lassen sich hinsichtlich der vom Züchter zu ergreifenden Maßnahmen verständlicherweise nicht aufstellen, weil die Verhältnisse von Fall zu Fall verschieden sind. Da der Züchter bei der Auswahl der Zuchttiere neben der Fruchtbarkeit auch noch andere Faktoren berücksichtigen muss (s. Zuchtziele), sind Kompromisse unvermeidlich. Auf jeden Fall sollte man aber der Fruchtbarkeit einen hohen Stellenwert beimessen, zumal sie in den meisten Fällen mit der Gesundheit und den Muttereigenschaften gekoppelt ist.
zu 3: Milchleistung und Muttereigenschaften
Auf Grund eigener Beobachtungen scheint die Milchleistung bei Kaninchenhäsinnen weitgehend erblich bedingt zu sein. Bei Versuchen konnte die Milchleistung bei nicht entsprechend veranlagten Häsinnen weder durch besonders eiweißreiches Futter noch durch zusätzliche Vitamingaben wesentlich gesteigert werden. Veranlagte Häsinnen brachten dagegen auch bei der üblichen Fütterung hohe Leistungen. Mehrere davon setzten dabei aus ihren Körperreserven zu und zeigten vorübergehend Gewichtsverluste. Einseitige Fütterung, Erkrankungen und/oder psychischer Stress (Erschrecken, lieblose Behandlung u.a.) können sich allerdings sehr negativ auswirken. Auch hochgradige Brunst kann den Milchfluss vollständig zum Erliegen bringen.
Die Muttereigenschaften zeigen sich im Verhalten der Häsinnen zu ihren Jungen. Gute Mütter bauen rechtzeitig ein reichlich mit Wolle ausgepolstertes Nest, gebären ihre Jungen auf dem Nest sitzend, bedecken anschließend das Nest mit Wolle, säugen und betreuen die Jungen einwandfrei, so dass kaum Verluste entstehen. Es gibt aber auch Häsinnen, die kein richtiges Nest bauen, keine oder nur wenig Wolle rupfen, ihre Jungen im Stall verstreuen und/oder sie an- oder auffressen, sie nicht ausreichend mit Milch versorgen, das Nest benässen und auf ihren Jungen herumtrampeln. Diese negativen Verhaltensweisen können getrennt oder mehr oder weniger gemeinsam in Erscheinung treten.
Da auch die genannten Verhaltensweisen der Häsinnen fast immer eine erbliche Komponente haben, sollte der Züchter seine Jungtiere möglichst nur aus Würfen auswählen, deren Mütter über eine ausreichende Milchleistung und gute Muttereigenschaften verfügen.
zu 4 u. 5: Wüchsigkeit und Futterverwertung
stehen bei wachsenden Tieren in engem Zusammenhang. Je schneller die Tiere das gewünschte Gewicht erreichen, desto geringer ist der Anteil des Erhaltungsfutters am Gesamtfutter, desto besser ist im Allgemeinen die Futterverwertung. Unter Futterverwertung versteht man die Ausnutzung des Futters für bestimmte Leistungen. Sie wird durch die Futterverwertungszahl ausgedrückt. Diese gibt an, wieviel kg Futter für eine Leistungseinheit (z.B. 1 kg Gewichtszuwachs, die Erzeugung von 100 g Angorawolle u.a.) benötigt werden. Da der Nährstoffgehalt der verschiedenen Futtermittel recht unterschiedlich sein kann, sind Vergleiche nur sinnvoll, wenn man den Nährstoffgehalt der Futtermittel berücksichtigt und den Futterverbrauch in kcal oder, seit einiger Zeit, in Joule angibt. Wüchsigkeit und Futterverwertung haben nicht nur wirtschaftliche Aspekte. Eine schnelle Jugendentwicklung ist auch deshalb wichtig, um die Tiere möglichst schnell über die kritische Zeit der Jugendkrankheiten hinwegzubringen. Tiere mit gesundem Appetit sind meistens auch wenig wählerisch hinsichtlich der ihnen gereichten Futterstoffe und von strotzender Gesundheit. Ferner geben frohwüchsige Stämme dem Züchter die Möglichkeit, Tiere aus später fallenden Würfen, speziell großer Rassen, noch rechtzeitig für eine Ausstellung ohne Verfettung der Tiere auf das geforderte Vollgewicht zu bringen. Tieren mit guter Fresslust sollte deshalb bei der Auswahl der Zuchttiere gegenüber anderen sonst gleichwertigen Tieren immer der Vorzug gegeben werden. Ausgenommen davon natürlich Tiere mit krankhafter Fressgier, die, weil sie das Futter schlecht verdauen, trotz hoher Futteraufnahme keine entsprechenden Leistungen aufweisen.
zu 6: Körperform
Körperform und -bau sollen bei allen Rassen so beschaffen sein, dass eine einwandfreie Funktion aller wichtigen Körperorgane, des Herzens mit dem gesamten Blutgefäßsystem, der Atmungs- und Verdauungs-, der Fortpflanzungs- und Bewegungsorgane sowie aller anderen dem Stoffwechsel dienenden Organe ermöglicht wird. Der Züchter kann bei der Auswahl der Tiere natürlich oft nur das Erscheinungsbild der betreffenden Tiere beurteilen. Eine sehr nützliche Hilfe bieten dabei die Verhältnisse bei den Vorfahren und – soweit vorhanden – bei den Nachkommen. Das Erscheinungsbild muss aber, auch unabhängig von den Vorfahren und Nachkommen, bestimmten Anforderungen genügen. So sind z.B. Tiere mit körperlichen Missbildungen weder für Ausstellungen noch für die Zucht geeignet. Diese können, soweit es sich um äußerlich hervortretende Missbildungen handelt, von erfahrenen Züchtern durch eine Untersuchung der Tiere festgestellt werden. Hierzu gehören u.a. O-Beine, X-Beine, durchtretende Vorderläufe, Kuhhessigkeit, nach unten durchhängende oder nach oben gewölbte Wirbelsäule (Senkrücken bzw. Karpfenrücken). Auch hervortretende Hüftknochen, lose Schultern, abfallende, steile Kruppe, Hängebauch, schiefe oder verkrüppelte Blume, Missbildungen des Kiefers, speziell die erblich bedingte, zu „langen Zähnen“ führende Verkürzung des Oberkiefers, Blindheit, Missbildungen an den Geschlechtsteilen u.a. sind Degenerationserscheinungen, deren Träger für die Zucht ungeeignet sind. Darüber hinaus ist von den Rassezüchtern noch auf die im Standard geforderten Rassemerkmale zu achten, auf die ich in diesem Artikel nicht näher eingehen möchte. Sie sind in den neuen Bewertungsbestimmungen (Kaninchen-Standard) jeweils bei den einzelnen Rassen angegeben.
Im Übrigen hat sich sowohl bei den Rasse- als auch bei Fleischkaninchen die kräftig bemuskelte Walzenform als günstig erwiesen. Bei Rassekaninchen soll dabei das Verhältnis von Länge: Breite: Tiefe des Rumpfes 3:1:1 betragen. Abweichungen bei einigen Rassen sind im Standard angegeben. Die Walzenform erfordert eine breite, tiefe Brustpartie mit gut gewölbten Rippen. Das ist auch aus anatomisch-physiologischen Gründen (Raum für Herz, Lunge und Leber) wichtig. Der Rumpf hat bei einer idealen Form vorne und hinten die gleiche Breite und Tiefe. Die Läufe sollen gut bemuskelt sein und parallel zum Körper verlaufen. Die Ohren sollen mit Ausnahme der Widder V-förmig aufrecht getragen werden, fleischig und gut behaart sein und in der Länge zum Körper passen, der Kopf mit kurzem Hals und breiter Stirn- und Schnauzenpartie dicht am Rumpf angesetzt sein. Außer den bisher erwähnten Körpermerkmalen ist besonders auch auf eine gute Ausprägung der primären und sekundären Geschlechtsmerkmale zu achten. Zu den primären (wesentlichen) Geschlechtsmerkmalen gehören das Glied (Penis) und die Hoden der Rammler sowie Scheide, Gebärmutter (Uterus) und Eierstöcke der Häsinnen. Das Glied der Rammler (durch Ausstülpen zu kontrollieren) sollte normal ausgebildet sein. Zu den gelegentlich vorkommenden Anomalitäten gehört u.a. die erblich bedingte Hypospadie (hypo: unter; spazo: Spalte), die sich durch eine Spalte an der Unterseite der Harnröhre bemerkbar macht. Befallene Tiere können sich im Allgemeinen mit Häsinnen paaren, der Paarungserfolg ist aber ungewiss, weil die Samenflüssigkeit durch den unteren Spalt des Penis vorzeitig abfließt und deshalb nicht immer tief genug in die Scheide der Häsin gelangt. Die Länge des Spaltes kann nach eigenen Beobachtungen stark variieren. Da diese Missbildung jedoch erblich ist, sollte man auch Rammler mit geringer Ausprägung dieser Anomalie von der Zucht ausschließen.
Ferner sind kräftig ausgebildete Hoden, die sich fest und elastisch anfühlen, Anzeichen für die Bildung gesunder Spermien, für Potenz und Deckfreudigkeit. Rammler mit kleinen und/oder weichen, schwammigen Hoden sind für die Zucht nicht geeignet. Das gilt auch für den erblich bedingten Kryptorchismus (kryptos: verborgen; orchis: Hoden), bei dem ein oder beide Hoden in der Bauchhöhle ver-lieben und nicht in den Hodensack herabgewandert sind. Die männlichen Keimdrüsen (Hoden oder Testis) werden bei der Embryonalentwicklung in der Bauchhöhle in der Nähe der Nieren gebildet. Der physiologische Zweck des bald nach der Geburt beginnenden Hodenabstiegs in die aus Hautausstülpungen bestehenden Hodensäcke besteht darin, die Hoden aus dem Bereich der höheren Bauchtemperatur in ein Milieu mit niedriger Temperatur zu bringen. Das ist erforderlich, weil eine Reifung der Spermien bei Dauer-Temperaturen über 30° C nicht erfolgt, wie Versuche in klimatisierten Räumen ergeben haben. Vorübergehend ansteigende Tagestemperaturen bis weit über 30° C mit nächtlichen Abkühlungen werden dagegen vertragen. Die Erfahrung zeigt aber, dass die geschlechtliche Aktivität bei Rammlern und Häsinnen und auch die Befruchtungsrate der gedeckten Häsinnen in heißen Sommermonaten merklich herabgesetzt sind.
Rammler mit beiderseitigem Kryptorchismus sind deshalb steril. Tiere mit einem sichtbaren Hoden können zwar fruchtbare Paarungen ausführen. Sie sind aber wegen der Erblichkeit dieser Anomalie von der Zucht auszuschließen. Bei Ausstellungen werden die Tiere mit nicht sichtbaren Hoden und solche mit „Einhodigkeit“ mit „nb“ bewertet. Auch Rammler mit Hänge- oder Schleifhoden sind keine brauchbaren Zucht- und Ausstellungstiere.
Bei den Häsinnen kann von den primären Geschlechtsorganen (Scheide, Uterus und Eierstöcke) nur die von außen zugängliche Scheide einer Kontrolle durch den Züchter unterzogen werden. Aber auch hier ist es im Allgemeinen sehr schwierig, aus dem Zustand der Scheide Rückschlüsse auf die Zuchttauglichkeit der betreffenden Häsinnen zu ziehen, es sei denn, dass Anomalitäten, z.B. Verwachsungen und grobe Deformationen festgestellt werden. Derartige Tiere sind natürlich nicht zur Zucht geeignet. In Zweifelsfällen können bei in den übrigen Körpermerkmalen guten Tieren nur Versuchspaarungen Aufschluss über die Zuchttauglichkeit geben.
Ich möchte in diesem Zusammenhang noch erwähnen, dass bei einigen Häsinnen das dem Penis der Rammler entsprechende Reizorgan der Häsinnen, die Klitoris, so stark ausgebildet ist, dass unerfahrene Züchter solche Tiere für Zwitter halten können. Ich habe bei keinem der von mir beobachteten Fälle Nachteile hinsichtlich der Brunst, Trächtigkeit, Säugeleistung und Betreuung der Jungtiere feststellen können.
Geschlechtscharakter
Man bezeichnet damit die sichtbare Ausprägung der sekundären Geschlechtsmerkmale. Das sind Geschlechtsmerkmale zweiter Ordnung, die durch Überwiegen der männlichen bzw. weiblichen Hormone bewirkt werden. So haben typische Rammler gegenüber typischen Häsinnen eine gröbere, ausgeprägtere Form, einen dickeren, massiveren Kopf, stärkere Knochen, eine dickere Fellhaut und ein lebhafteres Temperament. Typische Häsinnen sind feiner und zierlicher gebaut als typische Rammler. Sie weisen ein breites Becken auf, das eine komplikationslose Geburt der Jungtiere ermöglicht. Bei Häsinnen mit engem Becken besteht die Gefahr schwerer Geburten, bei denen die Jungtiere beim Geburtsakt ersticken oder verletzt werden können. Die Verletzungen entstehen oft dadurch, dass die Häsinnen bei der Geburt der Jungen nötigenfalls mithelfen, indem sie diese – besonders bei schweren Geburten – mit den Zähnen herausziehen.
Ferner ist darauf zu achten, dass für die Zucht vorgesehene Häsinnen 8 10 funktionsfähige Zitzen und ein ruhiges Temperament (keine Nervosität) aufweisen. Die Anzahl der funktionsfähigen Zitzen zeigt im Allgemeinen an, wie viele Jungtiere maximal aufgezogen werden können. Nur bei besonders hoher Milchleistung und ausgeglichenen Würfen gelingt es, mehr Jungtiere aufzuziehen, als Zitzen vorhanden sind.
Da eine gute Ausprägung der erwähnten sekundären Geschlechtsmerkmale nicht nur für die Bewertung der Tiere auf Ausstellungen, sondern auch für die Zuchtleistungen und die Vererbung dieser Merkmale eine wichtige Rolle spielt, sollte sie bei der Auswahl der Zuchttiere beachtet werden. Die Erfahrung hat gezeigt, dass Rammler mit Häsinnentyp und Häsinnen, die im Körperbau wie Rammler aussehen „unsichere Kantonisten“ in der Zucht sind. Eigenarten der verschiedenen Rassen sollten dabei allerdings berücksichtigt werden.
Auf die speziellen Zuchtziele der Rassezüchter (Anforderungen an die Rassemerkmale bei den verschiedenen Rassen) sowie auf die besonderen Anforderungen an Fleisch- und Versuchskaninchen kann im Rahmen dieses Artikels nicht näher eingegangen werden.
Literaturverzeichnis
Niehaus, H.: Einführung in die Vererbungslehre, Das Blaue Kaninchenjahrbuch 1979, Verlag Oertel + Spörer 1978
Günther, E.: Grundriss der Genetik, S. 118, Quelle & Meyer 1978
Prof. Dr. Elisabeth Günther *1925; †1921










