Kaninchenzucht in Frankreich
Von Edmond Steichen, Manom (F) – „Das Blaue Jahrbuch“ 1994
Bekanntlich beschäftigten sich bereits die alten Römer vor 2000 Jahren mit der Kaninchenzucht. Im Mittelalter waren es dann in Frankreich vor allem die Klöster, die sich der Kaninchenzucht widmeten. Kaninchenhaltung und -zucht wird also in Frankreich seit Jahrhunderten betrieben. Von der allgemeinen Verbreitung der Kaninchenzucht in allen französischen Regionen auch in der heutigen Zeit kann man sich z. B. im Urlaub selbst leicht überzeugen. Hunderttausend Tonnen Kaninchenfleisch finden alljährlich ihre Verwendung in der „Französischen Küche". Ein Trend, der in Zukunft noch an Bedeutung gewinnen wird. Doch sehen wir uns die Entwicklung der Rassekaninchenzucht in Frankreich einmal etwas genauer an.
Zu Beginn unseres Jahrhunderts schrieben bereits einige Spitzenzüchter die wichtigsten Merkmale der von ihnen gezüchteten Kaninchenrassen auf und legten so die Grundlage für einen französischen Rassekaninchenstandard. Zu diesem Zeitpunkt existierten Kaninchenrassen, die unter verschiedenen Namen bekannt waren, obwohl sie die gleichen Merkmale besaßen, so z. B. die Normand, eine Kaninchenrasse aus der Normandie, die sowohl als Gros Normand wie auch als Géant Normand bezeichnet wurde.
Im letzten Jahrhundert beschrieb ein Professor Cornevin in seinem „Traité de zootechnie“ zehn Kaninchenrassen: gemeines Kaninchen, Silberkaninchen, Scheckenkaninchen, Schwarzloh, Japaner, Angora, Belgischer Riese, Kleinrussen, Holländer und Widder. Im „Cours d' Agriculture“ von Pfarrer Rozier, um 1809 niedergeschrieben, fand man erst vier Rassen: das gemeine Kaninchen (weiß, grau-rötlich und fahlrot), das Silberkaninchen (lapin riche), das Angorakaninchen und das Riesenkaninchen (lapin patagonien).

Nach 1900 wurde es in vielen europäischen Ländern als notwendig angesehen, einen nationalen Standard für die Rassekaninchenzucht zu schaffen, und der französische Rassekaninchenstandard gehörte mit zu den ersten Standards, die aufgestellt wurden. Eugène Meslay, in Frankreich als Kaiser der Kaninchenzucht bekannt, Gründer und Vorsitzender des „Club des éleveurs de lapins“, schrieb und veröffentlichte 1900 sein 331-seitiges, ausgezeichnetes Werk „Les races de lapins“ mit 25 Abb. im Text (Die Kaninchenrassen), in dem er bereits
zwanzig Kaninchenrassen beschrieb und das man auch heute noch mit Genuss lesen kann. Dreißig Jahre lang dirigierte Eugène Meslay die französische Kaninchenzucht wie ein Kapellmeister sein Orchester. In diesem goldenen Zeitalter der Rassekaninchenzucht in Frankreich entstanden zahlreiche neue Kaninchenrassen, z. B. die Havanna und die Großrussen der bekannten Züchterin J. J. Lemarie, der Blanc de Hotot von Madame Eugénie Bernhard oder die Castor- Rex des Abbé Gillet.
Bis 1920 erschien in Frankreich nur ein Standard der „Société Française de Cuniculiculture“ von Léon Berthelot. Er enthielt jedoch nur 11 Rassen. 1920, in der Zwischenzeit hatte das Deutsche Reich das Reichsland Elsass-Lothringen an Frankreich abgetreten, begannen die Vorarbeiten für einen neuen französischen Kaninchenstandard. Zur „Exposition Internationale d'Aviculture" in Paris kamen auch aus den drei neuen Departements Haut-Rhin, Bas-Rhin und Moselle (Elsass-Lothringen) Delegierte, um sich mit dem französischen Bewertungssystem vertraut zu machen. Bereits 1921 erschien dann der erste amtliche Standard für die Züchter im ehemaligen Elsass-Lothringen als zweisprachiges Werk auf Deutsch und französisch. Einige Jahre später erschien bereits eine zweite, aktualisierte Fassung. Die Züchter im ehemals deutschen Elsaẞ- Lothringen mussten sich also auf das geltende Bewertungsschema im übrigen Frankreich einstellen. Als Übergangshilfe wurde der französischen Bewertungstabelle eine seit Jahren in Elsass-Lothringen gebräuchliche Punkteskala beigefügt. Weitere Auflagen dieses zweisprachigen Standards folgten 1936, 1946 und 1948. 1963 erschien dann die erste Auflage eines neuen Standards ausschließlich in französischer Sprache. Die 39 Rassebeschreibungen in diesem Standard orientierten sich bereits am „Europäischen Standard für Kaninchenrassen“. Die Auflage von 1971 war die letzte, die von der „Fédération des Aviculteurs du Bas-Rhin, du Haut-Rhin et de la Moselle" extra für die Züchter im ehemaligen Elsass-Lothringen herausgegeben wurde. Sie enthielt 44 Rassen. Seit 1945 obliegt die Zucht der Kaninchenrassen den verschiedenen Spezialklubs. Diese sind seit 1965 in einem nationalen Fachverband, der „Fédération Française de Cuniculiculture" (FFC), zusammengeschlossen. Sie ist heute die führende Organisation der französischen Kaninchenzüchter mit eigener Standardkommission. Sie bestimmt auch die Delegierten zu den Versammlungen des Europäischen Verbandes. Der Vorsitzende ist zugleich Mitglied der Standardkommission des Europäischen Verbandes. Die Dachorganisation des FFC ist das „,I.T.A.V.I" (Nationale Technische Institut für Kleintierzucht) 28, rue du Rocher, F-75008 Paris.
Unter der Leitung der FFC organisieren die Spezialklubs jedes zweite Jahr eine nationale Rammlerschau, auf der jeweils etwa 1000 Rammler ausgestellt werden. Die offizielle Fachzeitschrift der FFC, die vierteljährlich erscheint, ist die „Revue Selectavi". Die Redaktion ist am Institut I.T.A.V.I.
Im Elsaß und im benachbarten Departement Moselle gibt es etwa 230 Kleintierzuchtvereine. Diese sind in der ,,Fédération Alsace-Moselle" organisiert und zählen zusammen etwa 3500 Mitglieder. Der Verband wurde 1919 gegründet, sein Sitz ist in Straßburg. Zu diesem Verband gehören aus dem Departement Moselle 6 Kreisverbände mit 82 Ortsvereinen und 2 Spezialklubs (einer für Tauben und einer für Kaninchen), aus dem Oberelsass 5 Kreisverbände mit 61 Ortsvereinen und 4 Spezialklubs und aus dem Unterelsass 74 Ortsvereine und 4 Spezialklubs. Die Aufteilung der Kreisverbände und Ortsvereine in Frankreich ist sehr unterschiedlich und folgt nicht der politischen Gliederung des Landes. Da das ehe- malige Reichsland Elsass-Lothringen von 1871 bis 1918 zum Deutschen Kaiserreich gehörte, finden wir in den heutigen drei Departements auf diesem Territorium (Bas-Rhin, Haut-Rhin und Moselle) noch denselben Aufbau der organisierten Kleintierzucht wie in Deutschland. Auch die anderen französischen Züchter orientieren sich an diesem Modell. Außerhalb dieser drei Departements gibt es in Frankreich ca. 200 gemischte Kleintierzuchtvereine (Kaninchen, Tauben, Geflügel) und diverse Spezialklubs.
Die sich jährlich abwechselnden Großschauen von Metz, Straßburg und Mühlhausen werden von den drei Unterorganisationen der Fédération Alsace-Moselle abgehalten. Sie sind die größten und schönsten Schauen in Frankreich und präsentieren jeweils ca. 10000 Tiere aus den Sparten Kaninchen, Tauben und Geflügel. Auch die Spezialklubs veranstalten Schauen, allein oder im Rahmen größerer Ausstellungen.
1993 erschien ein neuer französischer Rassekaninchen-Standard in Ringbuchform mit farbigen Abbildungen von Docteur Jacques Arnold (Hrsg.).
Die Preisrichtervereinigung „Fédération Nationale des Juges d'Animaux de Basse-Cour" ist eine unabhängige nationale Organisation. Doch sind die einzelnen Sparten darin selbständig und bil- den ihre eigenen Preisrichter für Kaninchen, Tauben und Geflügel aus. Sie halten auch die Prüfungen ab und nominieren ihre Preisrichter.

Karte von Frankreich mit den beiden Grenzregionen Elsaß (Alsace) und Lothringen (Lorraine). Das Elsaß gliedert sich in die beiden Departements Bas-Rhin und Haut-Rhin. Das Departement Moselle (Metz) war bis 1918 Bestandteil des „Reichslandes“ Elsass-Lothringen.





