Die Rassekaninchenzucht in Skandinavien

von Björn Hedman, Mantorp, Schweden, in „Das Blaue Jahrbuch“ 1990

Schweden, mein Heimatland, hat als unmittelbare Nachbarn Norwegen, Dänemark und Finnland. Als Kaninchenzüchter ist Dänemark für uns von größtem Interesse, gefolgt von Norwegen. Finnland hingegen spielt keine große Rolle. Die schwedischen Züchter können ohne Grenzkontrollen zu ihren Nachbarn reisen, wenn sie dort Ausstellungen besuchen wollen. Sie besuchen auch Kaninchenausstellungen in der Bundesrepublik Deutschland. Organisierte Gruppen kamen in den letzten Jahren nach Osnabrück, Dortmund, Hamm und Neumünster. Meinen deutschen Zuchtfreunden möchte ich gerne einen kleinen Einblick in die Entwicklung der Rassekaninchenzucht in Skandinavien geben.

Die Kaninchenzucht in Schweden

Zahme Kaninchen werden schon seit einigen Jahrhunderten in Schweden gehalten. Im „Kaninboken“ von 1910 werden die „Schwedischen Landkaninchen“ erwähnt. Diese Kaninchen waren im Lande akklimatisiert, lebenskräftig und fruchtbar. Ihre Größe schwankte zwischen 2 und 4 kg. Es gab weiße Kaninchen mit schwarzer, blauer oder hasengrauer Zeichnung. Tiere mit einer Kombination aus Schecken- und Holländerzeichnung kamen häufig vor. Es existierten auch Tiere mit zwei- und dreifarbiger Holländerzeichnung. Gezielte Auslese durch den Menschen fand praktisch nicht statt, die Tiere dienten nur der Fleischbeschaffung. Vereinzelt werden diese „Kuhhasen" genannten Landkaninchen von Züchtern noch gehalten, da ihnen gute Eigenschaften für die Aufzucht fruchtbarer und lebenskräftiger Rassen nachgesagt werden.

Unter diesen „Schwedischen Landkaninchen“ fielen einige an, die an schwarze Kleinsilber in einem sehr dunklen Farbton erinnerten. Ein Züchter in Helsingborg wählte für seine Zucht Tiere mit diesen Anlagen. Nach 26 Jahren hatte er eine neue Rasse geschaffen, die den Namen „Schwedische Pelzkaninchen“ erhielt. Nach Aussage dieses Züchters, wollte er zuerst eine konstante Farbe, Schwarz auf blauem Grund, erhalten. Danach strebte er nach der passenden Größe seiner Kaninchen und zuletzt nach einer gut verteilten Silberung, was sich als am schwierigsten herausstellte. Bei dieser Rasse sind die Stichhaare weiß vom Haarboden an. Beim Idealpelz sollte ein Stichhaar pro cm² auftreten. Die Abstammung vom alten Landkaninchen zeigt sich in der kurzen, geschlossenen Körperform. Das Idealgewicht liegt über 3 kg. Dieses Schwedische Pelzkaninchen wurde im Nordischen Standard im Jahre 1930 anerkannt.

Auch in Norwegen gab es eine Landrasse, die Ausgangsrasse für eine Neuzüchtung wurde. Ein Züchter aus Trondheim schuf diese neue Rasse, die den Namen „Trönder“ erhielt. Farbe und Zeichnung entsprachen dem des Schwedischen Pelzkaninchens, das Gewicht lag jedoch 1 kg höher. Im Laufe der Jahre änderte der Trönder sein Aussehen jedoch stark. Zu Anfang dieses Jahrhunderts gab es in Schweden nur wenige Kaninchenrassen. Silberkaninchen und Belgische Riesen waren bekannt und wurden mit der schwedischen Landrasse gekreuzt. Eine planmäßige Zucht gab es jedoch kaum. Die Tierhaltung in Gehegen war üblich, erst später wurden Käfiganlagen nach dänischem Vorbild üblich. In den zwanziger Jahren wurden Chinchilla- Kaninchen importiert, nachdem die spätere Kronprinzessin von Norwegen in einem Mantel aus diesen Fellen in einer Modezeitschrift abgebildet worden war. Dadurch wurde diese Rasse sehr populär.

Die organisierte Rassekaninchenzucht in Schweden begann mit der Gründung des ersten Kaninchenzuchtvereins in Malmö im Jahre 1908. Eine Zeitschrift, ein einfaches Mitgliedsblatt, wurde seit 1909 herausgegeben. 1910 wurde die erste Zuchtanleitung (Kaninboken) gedruckt, die mehr als zwanzig Jahre gültig blieb. 1919, als der Reichsverein gebildet wurde, betrug die Zahl der Mitglieder 5000. Doch in den Nachkriegsjahren ging die Mitgliederzahl wieder stark zurück. Dennoch erschien seit 1923 viermal im Jahr eine achtseitige Zeitschrift. Heute hat sie einen Umfang von 36 Seiten und erscheint zehnmal im Jahr. Vorschriften für Preisrichter wurden erarbeitet.

1928 brach in Schweden das „Rex-Fieber" aus, das sich nach einigen Jahren als großer Bluff herausstellen sollte. Ein Paar Jungtiere kostete bis zu 200 Kronen (der halbe Monatslohn eines Arbeiters). Felle sollten angeblich bis zu 30 Kronen pro Stück bringen. 1931 endete das „Rex-Fieber" wieder so plötzlich, wie es begonnen hatte, nachdem sich herausstellte, dass die Hoffnungen auf reichen Gewinn weit überzogen waren.

Der Reichsverein erreichte im Jahre 1930 wieder 2000 Mitglieder, und der erste Nordische Standard mit 16 Kaninchenrassen erschien. Dieser wurde 1938 durch den Schwedischen Standard ersetzt.

1931 begann der Ingenieur Hagelin mit einem bescheidenen Fleisch- und Pelzgeschäft, das jedoch rasch wuchs, vor allem durch Exporte nach England. Von einem Schlachthaus in Göteborg wurden im Jahre 1935 etwa 5000 Schlachtkörper pro Woche exportiert. Der Rekord waren 17000 Stück in der Weihnachtswoche 1937. Doch mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges brach der Handel zusammen. Aus Dänemark wurden verschiedene Rassen eingeführt, so die Kleinsilber, Riesen, Chinchilla und Rexkaninchen. Gegen Ende der dreißiger Jahre kamen auch die Angorakaninchen nach Schweden, die bald zur zweithäufigsten Rasse wurden.

Durch den Krieg und seine wirtschaftlichen Folgen wuchs die Zahl der Rassekaninchenzüchter. Der Kaninchenbestand verdoppelte sich innerhalb eines Jahres. 1943 waren 10300 Vereinsmitglieder registriert. Während des Krieges waren die Futtermittel rationiert. Es gab 1,5 kg Hafer und 2,5 kg Weizenkleie pro Tier und Monat, höchstens jedoch 50 kg von jeder Gertreideart. Mit Aufhebung der Fleischrationierung sank die Mitgliederzahl von 1943 bis 1945 auf nur noch 900 Vereinsmitglieder. Nach dem Abzug der deutschen Besatzung konnten auch Dänemark und Norwegen wieder an der nordischen Zusammenarbeit teilnehmen. Das Ergebnis war 1950 ein neuer Nordischer Standard mit 45 Rassen, der 1972 überarbeitet wurde. Dieser Standard erschien 1986 in 5. Auflage mit 54 Rassen.

Die nordische Zusammenarbeit

Die nordische Zusammenarbeit wurde ständig vertieft und erweitert. 1967 wurde ein Preisrichterkursus für Preisrichter aus Dänemark, Norwegen und Schweden abgehalten. Seitdem können schwedische Preisrichter auch in den beiden anderen Ländern richten und umgekehrt. Da die drei Staaten auch Mitglieder des Europaverbandes sind, können sie auch auf den Europaschauen Preisrichter stellen, sofern sie im Europastandard unterrichtet wurden. Der Nordische Standard gestattet nämlich Abweichungen, die nach dem Europastandard zum Ausschluss führen. Dagegen werden nach dem Nordischen Standard nur höchstqualifizierte Tiere mit 95 Punkten bewertet. In den letzten zwanzig Jahren sind weitere Kaninchenrassen nach Schweden gekommen, so die Thüringer, Perlfeh, blauäugige Hermelin, Zwergwidder, Havanna, Gelbsilber und Schwarzloh. Sie dienten der Verbesserung der schwedischen Kaninchenrassen. Die Anzahl der organisierten Züchter beträgt heute 4000 Mitglieder. Die Züchter von Angorakaninchen, Zwergkaninchen und Schecken haben eigene Spezialklubs. Landesausstellungen nach dänischem Muster wurden 1985 erstmals in Schweden veranstaltet. Die größte Ausstellung umfasste etwa 2000 Kaninchen. Die nächste Landesausstellung wird im Herbst 1990 in der Stadt Motala stattfinden.

Dänemark, Norwegen, Finnland

In Dänemark erschien seit 1895 eine Fachzeitschrift für Kaninchenzucht. Die Nähe zu Deutschland spielte hier sicher eine Rolle. 1899 erschien auch in Norwegen ein Fachblatt. In Norwegen konzentrierte sich die Kaninchenzucht auf die Gegend um Oslo. Der Norwegische Reichsverein wurde bereits 1902 gegründet. Die Mitgliederzahl beträgt heute etwa 1200 Züchter. Die häufigste Rasse in Norwegen ist das Weiße Landkaninchen. Schwarzloh werden aus Dänemark importiert. Kleinsilber sind ebenfalls häufig. Auf einer Ausstellung in Norwegen wurden im Februar dieses Jahres 1500 Kaninchen gezeigt, von denen 150 aus Schweden und 10 aus Dänemark kamen.

Schwedische Preisrichter, die in Helsinki, der Hauptstadt Finnlands, richteten, berichten von geringem Züchtergefühl dort und von vernachlässigten und daher schlecht bewerteten Tieren.

Im Zoologischen Garten in Kopenhagen wurde das dänische Landkaninchen mit Weißen Riesen gekreuzt. Als Ergebnis erhielt man zu Anfang dieses Jahrhunderts ein weißes Kaninchen, das 4 kg wog, gutes Fleisch lieferte und einen guten Pelz. Der dänische Standard für das Weiße Landkaninchen erschien 1908. Seit den dreißiger Jahren waren sie die Hauptrasse in Skandinavien. Die Pelzindustrie förderte diese Zucht. Im Nordischen Standard brachte der Pelz dieser Rasse 50 Punkte. Kaninchen aus Dänemark förderten die schwedische Zucht und ihre Nachkommen dominierten auf Jahre hinaus die dortigen Ausstellungen. Der Handel des bereits erwähnten Ingenieurs Hagelin stützte sich vor allem auf diese Rasse. Ein getrocknetes Fell brachte etwa den gleichen Verdienst wie ein kg Fleisch. Die Weißen Landkaninchen wurden auch in den Europastandard aufgenommen.

Weiße Neuseeländer wurden importiert, nach eigenem Gutdünken fortgezüchtet und mit ähnlichen Landkaninchen gekreuzt. Als Ergebnis entstanden Weiße Landkaninchen mit blockigen Köpfen und Weiße Neuseeländer mit langen Ohren und Wamme. In einem Wurf kann man sogar typische Tiere beider Rassen finden. In Schweden und Norwegen sind Weiße Neuseeländer selten. Der aktuelle Stand in Schweden Die Statistik des schwedischen Zuchtregisters zeigt, dass die Zwerge mit 5000 Tieren am verbreitesten sind, gefolgt von den Holländischen Zwergwiddern (2000 Tiere), den Französischen Widdern und Weißen Landkaninchen (2000 Tiere) und den Klein- silbern und Schwarzloh (1700 Tiere). Die Schwarzloh haben ihren Bestand in 10 Jahren verdoppelt. Die Zahl der Angorakaninchen wuchs von 680 Tieren im Jahre 1985 auf 1800 Tiere im Jahre 1986. Weitere Statistiken zeigen, dass 60% der Vereinsmitglieder ein oder zwei Rassen züchten, 22% züchten drei bis fünf Rassen. Im Durchschnitt hat man 4 Rammler und 9 Häsinnen von jeder Rasse. Rammler werden häufiger ausgestellt. Wildkaninchen kommen auf der Insel Gotland vor. 1961 wütete hier die Myxomatose, der 1962 auch Hauskaninchen zum Opfer fielen. Wildkaninchen werden seither nicht mehr bejagt. Ansonsten blieb der Norden von Kaninchenkrankheiten weitgehend verschont. Wer sich weiter über die Kaninchenzucht in Skandinavien informieren will, dem empfehle ich den Besuch der Ausstellung in Alingsås, die an jedem dritten Wochenende im Juli stattfindet. Auskunft erteilt auch der schwedische Vereinsvorsitzende Åke Johansson, Engelbrektsgatan 135, S-50242 Borås, Schweden.

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Bernhard Pickert
1948 am Stadtrand von Berlin geboren und im elterlichen Einfamilienhaus mit großem Garten aufgewachsen, kam ich seit frühester Kindheit in den Kontakt mit dem dort gehaltenen Kleinvieh, wie etwa der Milchziege, Hühnern, Enten, Kaninchen und einem großen Haushund. Damals eine normale Situation, denn Kleintierhaltung nebst Bewirtschaftung der eigenen Scholle war weit verbreitet, denn die Erzeugung von Gartenbau- und Tierischen Erzeugnissen unterstützte die familiäre Eigenversorgung, in einer gerade nicht im Überfluss strotzenden Zeit, gleich nach dem 2. Weltkrieg. Erinnerung an diese Zeit ist noch wach, als ich als Grundschüler bei der Futterbeschaffung des heimischen Viehs helfen musste. Für die Enten wurde beispielsweise in den damals vorhandenen Entwässerungsgräben Entengrütze gefischt und für die Kaninchen Grünfutter von den überall noch vorhandenen, brach liegenden Freiflächen geholt. Derweil sich die Zeit hinsichtlich der Versorgungslage verbesserte, wurde von den Eltern das Kleinvieh alsbald reduziert. Kaninchen, die für den Festtagsbraten vorgesehen waren, aber blieben. Als in der Nachbarschaft einer der heimischen Kleintierzuchtvereine eine Ausstellung veranstaltete, kamen mir erstmals Rassekaninchen zu Gesicht. Die Veranstalter erkannten meine Begeisterung für Tiere und in dessen Folge wurde ich als 12jähriger Junge in den ortsansässigen Verein aufgenommen. Meine leidenschaftliche Verbundenheit zur organisierten Rassekaninchenzucht wurde somit geweckt, was schließlich dazu führte, mich umfassend mit diesem Thema zu beschäftigen und über Jahrzehnte Literatur und anderweitige schöne Dinge zusammenzutragen, die irgendwie eine Verbindung zum Kaninchen haben. Wohlwissend, dass es andere ähnlich begeisterte Idealisten gibt, ist über Jahrzehnte ein Archiv entstanden, welches Elemente dokumentiert, auf welche anderswo kaum direkter Zugriff besteht. Initiator für diese bleibende „Leidenschaft“ ist eigentlich der 1983 verstorbene Fachautor und Kleintierkenner Werner Karl Georg Moebes, welchen ich 1970 bei einer Kleintierausstellung kennen lernte und sogleich von seiner Persönlichkeit und seinem umfassenden Wissen begeistert war.