Heidrun Eknigk , Finsterwalde – „Das Blaue Jahrbuch“ 2004

Wenn wir immer der Meinung waren, es gäbe keine Kaninchenrasse, die erbbiologisch auf der Braunwildfarbigkeit mit der Erbformel ABCDG/ABCDG basieren, dann sollte mindestens jetzt der Anlass gegeben sein, diese Meinung zu revidieren. In Deutschland haben wir nach wie vor keine anerkannte Rasse, die der Braunwildfarbigkeit zuzuordnen wäre. Aber das Blatt wendete sich, als wir einer Information aus Tschechien und einer Einladung zur Holländer- Jungtier-Clubschau nach Sedlčany (etwa 60 km südlich von Prag gelegen) im August dieses Jahres Folge leisteten.

Die korrekte Farbbezeichnung lautet „Havanna-grau“ und in der übersichtlichen Formel stellt sich dieses Holländerkaninchen, havanna-grau so dar: AbcDGs/ABCDGs. Wer aber nun ein schokoladenbraunes Tier mit weißen Körperzonierungen entsprechend der Wildfarbigkeit erwartet, muss enttäuscht werden. Vielmehr präsentiert sich diese Schöpfung als ein schwarzwildfarbiges (graues) Kaninchen, dessen schwarze Anteile des gesamten Fellhaares infolge der züchterischen Nutzung des Mutationsschrittes von C zu Klein-c zu Braun verändert sind.

Es ist nicht ganz leicht, diese Farbe korrekt mit Worten zu beschreiben, damit sich der Leser ein Bild machen kann. Auch ein Foto in Graustufen dürfte die wörtliche Beschreibung nicht unterstützen.

Verglichen mit einem schwarzwildfarbigen Tier wirkt diese neue Schöpfung durch die Gelb- und Brauntöne der Deckfarbe eher meliert Braungelb, wobei die Betonung auf braun gelegt werden darf. Die Kontraste der Schattierung und die Lebhaftigkeit der schwarz- wildfarbigen (gelb-schwarzen) Deckfarbe wirken vielmehr in einer braun-gelben Ausgeglichenheit harmonisch, wobei die Schattierung nicht außer Kraft gesetzt ist, was hier mit „meliert“ gemeint ist. Der Grad der Schattierung dürfte sich auch bei der Braunwildfarbigkeit nach der jeweiligen zugrundeliegenden „Grau“-Nuance richten. Das heißt, ausgehend von den Ursprüngen Hasengrau über Wildgrau bis hin zu Dunkelgrau werden auch in der neuen Form der havanna-grauen Rassen Schattierungsnuancen auftreten, was wiederum bedeutet, dass es hell-, mittel- und dunkelschattierte Varianten geben könnte, die mit der zunehmenden Begrannung auch einen stärkeren Braunton tragen. Damit wäre ein Status erreicht, der, um bei der eigenwilligen Farbbeschreibung zu bleiben, dann hier als „meliert Havanna“ umschrieben werden könnte. Die in der von uns besuchten tschechischen Holländerclubschau ausgestellten havanna-grauen Holländerkaninchen entsprachen einem einheitlichen Schattierungstyp, sodass ein Vergleich zu anderen, hier als möglich erwähnte Typen nicht gegeben war. Das spricht jedoch für eine ausgeglichene Zucht dieses gezeigten Farbenschlages. Der Züchter Josef Pecka freut sich, denn nach einer dreijährigen Herauszüchtungsphase sind neben der Neuzucht Holländer, luxfarbig eben diese „Holandský divoce havanovitý“ (H, havanna-grau) im neuen tschechischen Standard 2004 als anerkannter Farbenschlag vertreten.

Zonierungen bei Havanna-grau

Die weißen Körperzonierungen sind nach wie vor unverändert, der Ohrsaum ist nicht mehr Schwarz, sondern entsprechend der neuen genetischen Braun-Grau-Variante havannafarbig und der Nackenkeil bei vergleichsweise einfarbigen Tieren in dieser genetischen Konstellation – ist gelblich-braun.

Wie bei allen wildfarbigen Rassen ist auch bei den havanna-grauen Holländern die Einzelhaarzonierung gegeben. Mit anderen Worten, das Einzelhaar weist eine Bänderung auf, woraus sich hier eine blaue Unterfarbe, gelb-orangefarbene Zwischenfarbe und die schon erwähnte Deckfarbe in braun und gelb ergeben. Die Bauchdeckfarbe ist weiß, die Unterfarbe Blau, die Krallenfarbe ist dunkel und die Augen sind ebenfalls braun und scheinen je nach Lichteinfall, wie bei Havanna und H, havannafarbig, ein wenig rötlich.

Die blaue Unterfarbe ist bei den gesehenen Tieren annähernd mit dem lichten Blau der Deckfarbe bei Marburger Feh vergleichbar. Weshalb? Wie bei allen kräftigen Farben, die von einer Schwarzeinlagerung im Haar abhängig sind, ist diese auch in der Unterfarbe gemindert und demzufolge etwas heller als wir sie von den schwarzwildfarbigen Rassen erwarten.

Die Zwischenfarbe präsentiert sich wieder in einem Ton, der von den tschechischen Zuchtfreunden als „orange“ bezeichnet wird. Diese Farbbezeichnung ist nicht ganz treffend, das mag aber in der Übersetzung begründet sein. Ein Braungelb mit der Tendenz zu Gelb wäre m. E. annähernd. Eine scharfe Abgrenzung der Zwischenfarbe zur Unterfarbe und zur Deckfarbe ist erforderlich, um das durchaus interessante Farbenspiel der Decke zu unterstützen, erklärte Preisrichter Stanislav Kulanda, unser tschechischer Gesprächspartner.

Was mit der Braunwildfarbigkeit für uns deutsche Züchter neu ist, in Tschechien die Neuzuchtphase überstanden hat, ist in den Niederlanden mit mindestens zwei Rassen züchterisch erlaubt. Und 260 so war vom Zuchtfreund Thomas Kingma, Burgum, ergänzend zu erfahren, dass es sowohl Holländerkaninchen als auch Farbenzwerge nach dem genetischen Farbmuster der Braunwildfarbigkeit „Havanna-Grau“ gibt.

Die Standardforderungen sind bezüglich der Zwischenfarbe etwas abweichend, denn hier spricht man von einer braunen, unscharf abgrenzenden Zwischenfarbe. Insgesamt handelt es sich bei Kaninchen im havanna-grauen Fellkleid um einen ansprechenden, intensiven und interessanten Farbton, der hier durch Züchterfleiß entstanden ist.

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Bernhard Pickert
1948 am Stadtrand von Berlin geboren und im elterlichen Einfamilienhaus mit großem Garten aufgewachsen, kam ich seit frühester Kindheit in den Kontakt mit dem dort gehaltenen Kleinvieh, wie etwa der Milchziege, Hühnern, Enten, Kaninchen und einem großen Haushund. Damals eine normale Situation, denn Kleintierhaltung nebst Bewirtschaftung der eigenen Scholle war weit verbreitet, denn die Erzeugung von Gartenbau- und Tierischen Erzeugnissen unterstützte die familiäre Eigenversorgung, in einer gerade nicht im Überfluss strotzenden Zeit, gleich nach dem 2. Weltkrieg. Erinnerung an diese Zeit ist noch wach, als ich als Grundschüler bei der Futterbeschaffung des heimischen Viehs helfen musste. Für die Enten wurde beispielsweise in den damals vorhandenen Entwässerungsgräben Entengrütze gefischt und für die Kaninchen Grünfutter von den überall noch vorhandenen, brach liegenden Freiflächen geholt. Derweil sich die Zeit hinsichtlich der Versorgungslage verbesserte, wurde von den Eltern das Kleinvieh alsbald reduziert. Kaninchen, die für den Festtagsbraten vorgesehen waren, aber blieben. Als in der Nachbarschaft einer der heimischen Kleintierzuchtvereine eine Ausstellung veranstaltete, kamen mir erstmals Rassekaninchen zu Gesicht. Die Veranstalter erkannten meine Begeisterung für Tiere und in dessen Folge wurde ich als 12jähriger Junge in den ortsansässigen Verein aufgenommen. Meine leidenschaftliche Verbundenheit zur organisierten Rassekaninchenzucht wurde somit geweckt, was schließlich dazu führte, mich umfassend mit diesem Thema zu beschäftigen und über Jahrzehnte Literatur und anderweitige schöne Dinge zusammenzutragen, die irgendwie eine Verbindung zum Kaninchen haben. Wohlwissend, dass es andere ähnlich begeisterte Idealisten gibt, ist über Jahrzehnte ein Archiv entstanden, welches Elemente dokumentiert, auf welche anderswo kaum direkter Zugriff besteht. Initiator für diese bleibende „Leidenschaft“ ist eigentlich der 1983 verstorbene Fachautor und Kleintierkenner Werner Karl Georg Moebes, welchen ich 1970 bei einer Kleintierausstellung kennen lernte und sogleich von seiner Persönlichkeit und seinem umfassenden Wissen begeistert war.

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