Wilhelm Stumpf, Speyer „Das Blaue Jahrbuch“ 1974
Allgemeines Die Kaninchenzucht hat in Deutschland in den letzten Jahren weiterhin an Verbreitung zugenommen. Jährlich werden viele Millionen Kaninchen geschlachtet; unmittelbarer Gewinn sind neben der Fleischgewinnung die Felle. Kaninchenfelle stellen wichtige Rohstoffe für verschiedene Industriezweige der Bekleidungswirtschaft dar, so in der Hauptsache für die Rauchwarenwirtschaft (d. s. pelzverarbeitende Betriebe), ferner für die Haarhut- und Textilindustrie und ebenso für die Leder- und Spielwarenbranche. Der Bedarf ist sehr groß, so dass wir auf die Einfuhr angewiesen sind. Um eine größere wertmäßige Steigerung zu erzielen, muss unser aller Bestreben sein, noch bessere und ordentlich behandelte Rohfelle zu erzeugen.
Die einwandfreie Rohfellbehandlung
Diese Behandlung beginnt schon am lebenden Tier: saubere, luftige Stallungen, möglichst Außenställe, einwandfreie, gute Fütterung und verständnisvolle Zuchtauswahl gelten als Vorbedingung zur Gewinnung guter Felle. Das frisch abgezogene Kaninchenfell soll auf einen entsprechenden Fellspanner sofort aufgezogen werden. Die auf der Lederseite noch festsitzenden Fleisch- und Fettreste sind mit einem scharfkantigen Gegenstand abzukratzen, da sich an diesen Stellen sonst Haarfäulnis (Gärungsbakterien) und nach der Gerbung Kahlstellen bilden.
Bei der Trocknung vermeide man zu starke Wärme in Ofennähe oder in der Sonne, da bei solcher Trocknung das Fell „verleimt“ wird und sich zur Weiterbehandlung nicht mehr eignet. Gut getrocknete, faltenlose Felle lassen sich während der kühlen Jahreszeit mehrere Wochen lang an einem trockenen Ort aufbewahren. Des Weiteren sorge man dafür, dass Ungeziefer wie Motten und der Speckkäfer mit seiner gefräßigen Braularve ferngehalten werden und die Felle durch Katzen oder Mäuse nicht angenagt oder angefressen werden können. Das schönste und beste Fell hat nur geringen Wert, wenn es nicht richtig behandelt wurde. Alle anderen Arten des Trocknens wie das Aufschneiden, Aufhängen und Ausstopfen mit Papier, Heu oder Stroh oder ähnlichem, die teilweise heute noch im Gebrauch sind, sind abzulehnen, denn ein solches Fell verliert mehr oder weniger deutlich seine Haare und kommt zur Herrichtung als Pelzfell nicht mehr in Betracht. Doch braucht deshalb kein Fell umzukommen, denn selbst Jungtierfelle bringen einen Erlös, wenn dieser auch geringer ist als der für vollwertige Alttierfelle.
Das Erkennen der Fellreife
Die besten Felle für gutes Pelzwerk sind voll ausgehaarte Winterfelle, die vollständige Beendigung der Herbsthaarung vorausgesetzt. Im Herbst stößt das Kaninchen sein Haarkleid völlig ab, und es bildet sich ein neues, dichteres Winterfell. Der Züchter wird also Kaninchen, die sich in Haarung befinden, nicht schlachten, sondern er wird abwarten, bis die Haarung zu Ende ist.
Die Fellreife ist dadurch zu erkennen, dass man mit der leicht feuchten, jedoch nicht nassen Hand mehrere Male gegen den Strich durch das Fell streicht. Auf diese Weise ist leicht festzustellen, ob das Fell noch Haare lässt. Bei ausgehaarten Fellen ist die Lederhaut weiß, die Haarungsstellen dagegen sind dunkel. Bis zur Beendigung der Haarung zu warten ist ohne weiteres zu rechtfertigen, denn der Mehrwert für die Felle lohnt die Aufwendung für die längere Haltung. Wo sich in den Vereinen oder Frauengruppen Fellsammelstellen befinden, wird man sicher bestrebt sein, gleich viel, ob es sich um Pelzfelle für die eigene Verarbeitung handelt oder ob sie für den bestmöglichen Verkauf bestimmt sind. Bei Sommerschlachtungen wird man zuerst die schlechtesten Fellträger beseitigen, von denen kaum zu erwarten ist, dass deren Winterfelle von besserer Qualität sein werden.
Die Pflege der Tiere und der Stallungen, Fütterungsrichtlinien zur Erzielung bester dichtwolliger Felle, das Schlachten und Abziehen der Felle zur Fellverarbeitung soll Gegenstand einer späteren umfangreichen Veröffentlichung sein.
Zurichtung (Pelzgerbung) und Veredlung der Kaninchenfelle
Eine fachmännische Pelzgerbung gründet sich auf eine säurefreie, d. i. eine sogenannte „neutrale" Zurichtung, d. h. bei einer Naturverarbeitung der Felle nimmt die Ledersubstanz die Feuchtigkeit aus der Luft nicht auf im Gegensatz zur früheren Schwefelsäurezurichtung, die oftmals noch zur Anwendung kommt. Solche säurehaltigen Felle sind zur Weiterveredelung unbrauchbar, da sie beim Färbungsprozess morsch werden oder ganz zerfallen. Daher muss auch eine Selbstgerbung, bei der nur eine Salzlauge mit Alaun (schwefelsaures Doppelsalz) verwendet wird, grundsätzlich abgelehnt werden, denn solche Felle bleiben ohne weitere Behandlung hart und ziehen die Luftfeuchtigkeit an. Die Felle, die für die Fertigung von Pelzwerk in Frage kommen, müssen nach dem Gerbprozess weich, griffig und zügig im Leder sein, damit bei der weiteren Verarbeitung als „Kürschnerfell" in leicht angefeuchtetem Zustand die erforderliche Form durch das „Zwecken" gegeben werden kann. Die „Leipziger Zurichtung" ist eine auf jahrhundertealten praktischen Erfahrungen gegründete Spezial-Pelzgerbung, die nirgends auch nicht annähernd erreicht wird. Es würde zu weit führen, im Einzelnen über alle Vorgänge, die nur dem Fachmann zu eigen sind und gelernt sein wollen, mehr zu schreiben.
Die Veredelung der Kaninchenfelle
Nach einwandfreier Zurichtung lassen sich die Kaninchenfelle zu einer Reihe schöner Veredelungen verarbeiten, denn nicht alle Naturkaninchenfelle sehen geschmackvoll und vorteilhaft aus. Dabei sind zu unterscheiden die „Oberhaarfarben" und die „Scherveredelungen". Die letzteren sind die wertvolleren und in ihrem Aussehen und in der modischen Gestaltung auch die schöneren. Unter ihnen gibt es wiederum die einfachen Farben, die sogenannten Bleichfarben, und solche, die noch gespritzt oder schabloniert werden. Die einfacheren Normalhaarfarben sind schwarz (Skunks) und dunkelbraun (Zobel). Die Skunksfarbe macht alle Felle gleichmäßig schwarz, ob es sich um Schecken- oder Einfarbige-Rassen-Felle handelt. Für die Zobelfarbe sind nur einfarbige helle Rassen geeignet. Auch die Haardecke muss in ihrer Struktur gleichmäßig sein, sonst werden die Felle farblich ungleich. Für die modernere Veredelung Nerzilla, Waschbär und Iltis eignen sich nur bestimmte Rassen in Naturfarbe, so sehr gut z. B. das Chinchillafell zur Waschbärveredelung; dagegen kann man für die Nerzillafarbe alle einfarbigen Rassefelle nehmen, und zur Iltisveredelung kommen nur weiße Felle in Frage.
Bei den drei angegebenen Veredelungen wird das Fell zuerst grundgefärbt, dann mit den sogenannten „Grotzen" versehen (d. s. dunklere, gleichmäßig aufgetragene Farbbahnen), womit eine dem echten Wildfell gleichende Wirkung erzielt wird. So ist die Nerzillaveredelung eine gelungene Imitation des sehr teuren Nerzfelles. Sollte von diesen Fellen ein großes Pelzstück angefertigt werden, dann ist zu beachten, dass die Felle nach der Abbleichung und der Nerzgrundfärbung zuerst kürschnermäßig zu einem Mantelkörper („Body“) zusammengesetzt und erst dann mit den Nerzgrotzenfarbbahnen versehen werden. Dadurch wird der Eindruck eines Kaninchenfelles verwischt.
Druckfarben werden bei der Leopard- und Tigerveredelung u. ä. angewandt, wobei die Zeichnung durch Druckplatten aufgedruckt wird. Das Auffärben kleiner Sprenkel bei der Fehveredelung wird im Spritzverfahren mittels einer Schablone auf das vorgefärbte Fell erzielt. Bei den Scherveredelungen gibt es ebenfalls von Wildtierfellen bestimmte Namen, so Seal-, Biberette-, Nutria-, Maulwurfkanin- und viele andere mit besonderen Effekten wie z. B. Ozelot-, Leopard-, Tiger- und Zebra- Babyfelle und Wildkatze mit verschieden abgetönter Schattierung. Eine noch große Zahl andersgearteter Veredelungen kommt hinzu, welche die Veredelungsindustrie nach verschiedenen Spezialzweigen hin entwickelt hat. Sie werden ständig verfeinert; ihre Rezepte sind vielfach Betriebsgeheimnisse. Diese Veredelungen soll man nur bei guten, zuverlässigen Firmen ausführen lassen, auch wenn der Preis etwas höher liegt; maßgebend für eine weitere Verarbeitung ist die Qualität der Veredelung.
Auch ungefärbte Naturfelle, jedoch in geschorenem und entgranntem Zustand, werden gerne verwendet, so geschorene Blaue und Weiße Wiener oder gerupfte, d. h. nur entgrannte Chinchillakaninchenfelle.
Nun gibt es noch Felle von Kaninchenrassen, die sich geschmackvoll „in natura" zu Pelzwerk verarbeiten lassen. Insbesondere ist das Kurzhaarkaninchenfell in den verschiedenen Rassenarten zur Herstellung schöner Pelzstücke sehr geeignet. Besonderer Wert wird gelegt auf eine gleichmäßige Behaarung, dichte Unterwolle, Grannenverteilung und reine Farbe. Die Verwendungsmöglichkeit der Normalhaarkaninchenfelle ist sehr vielfältig, weil das Fell sehr weich und anschmiegsam ist und sich in vielen Formen verarbeiten lässt. Manche Felle, z. B. die Felle der Blauen und Weißen Wiener, der Chinchilla, aller Silberrassen, werden gern in Naturfarbe getragen; sie eignen sich besonders für Kinder und junge Mädchen.
An der Spitze aller Pelzsachen steht der Pelzmantel oder die Pelzjacke. Man kann ein solches Großstück aus normalhaarigen Chinchilla-, Marburger Feh-, Lux-, Thüringer-, Loh-, Weißgrannen- und Marderkaninchenfellen, am besten halbfellig in modischer Gestaltung anfertigen.
Die Verarbeitung der Kaninchenfelle
Die Verarbeitung ist wiederum sehr vielfältig. Das natürliche oder veredelte Kaninchenfell ist ein recht ansprechendes Material zur Herstellung von Pelzgegenständen, die sich für die eigene Familie selbst nutzbar herstellen oder anfertigen las- sen. Für die Züchterfrau ist die Selbstverarbeitung von Fellen der eigenen Zucht eine Belohnung für die mit der Haltung und Pflege der Kaninchen verbundenen Mühe und übt einen nicht unwesentlichen Einfluss auf die Wirtschaftlichkeit des Zuchtbetriebes aus. Es ist also nicht nur volkswirtschaftlich berechtigt, sondern auch wirtschaftlich begründet, wenn die Forderung aufgestellt wird, dass kein Fell umkommen darf. Darum haben sich die Frauen der Züchter in Frauengruppen zusammengefunden und erlernen in Lehrkursen das Pelznähen und die dazu erforderlichen Grundbegriffe zur Anfertigung von Kaninchenpelzwerk.
Die Herstellung von einfachen Pelzgegenständen aus Kaninchenfellen ist nicht gar so schwierig, wenn die richtige Anleitung durch eine vom ZDK geprüfte und anerkannte Kursleiterin gelegentlich eines Pelznäh-Lehrganges gegeben wird. Diese Arbeit der Frauen schließt verschiedene Vorteile ein: zum einen wird die Beschaffung preiswerten Pelzwerkes auch dem minderbemittelten Züchter und seiner Familie ermöglicht, zum anderen wird die Frau für die Zucht und die praktische Arbeit in der Fellverwertung interessiert. Selbstverständlich darf die Selbstverwertung der Felle nicht ausarten zu einer Konkurrenzarbeit für das Kürschnerhandwerk. Der Zentralverband Deutscher Kaninchenzüchter e. V. hat deshalb vorgeschrieben, dass nur solche Frauen den Frauengruppen angehören dürfen, deren Männer oder Frauen selbst Kaninchenzucht betreiben und einem Kaninchenzucht- oder Kleintierzuchtverein angehören. Auch dürfen in diesen Pelznählehrkursen nur selbsterzeugte Felle verarbeitet werden. Diese Vorschrift beugt jedem Missbrauch dieser Gemeinschaftsarbeit vor und kann nie als beruflicher Geschäftsvorgang betrachtet werden.
Allgemein gesehen ist die Kaninchenfell-Verarbeitung sehr vielseitig und dankbar, da immer neue Muster und Zusammenstellungen der jeweiligen Mode entsprechend gewählt werden können. Wer nun des Pelznähens noch nicht oder weniger kundig ist, da keine Möglichkeit vorhanden ist, einen Pelznählehrkurs zu besuchen, sollte die Herstellung großer Stücke, z. B. von Pelzjacken, Pelzmänteln u. ä., die eine größere Anzahl erst- klassiger Felle erfordern und deren Anfertigung besondere Kenntnisse voraussetzt, in jedem Falle dem Kürschner überlassen, denn es ist schade um jedes gute Fell, das aus Unkenntnis verschnitten und wertlos wird.
Weitere Verwendungsmöglichkeiten des Felles (Schneideware) bestehen in der Herstellung der Haarhüte und der Ledergerbung zu verschiedensten Imitationen und Verwendungsarten. Aus diesem Grunde bleibt die Gebrauchsmöglichkeit und der Rohwert der Kaninchenfelle, die sich nicht als gutes Pelzfell eignen, nicht minderwertig.
Aus Vorstehendem kann gesagt werden, dass das Kaninchenfell eine erhebliche Vielseitigkeit besitzt. Ganze Betriebszweige sind darauf aufgebaut und beschäftigen viele Zehntausende von Arbeitskräften. Die Bekleidungsindustrie kann trotz der anfallenden Mengen an Wildfellen nicht auf das Kaninchenfell verzichten. Darum ist es erforderlich, die Erzeugung guter, für Qualitätspelzwerk brauchbarer Kaninchenfelle weiterhin zu fördern und zu steigern, was nicht zuletzt einer gesteuerten Wirtschaftlichkeit entspricht.





