Irmgard Theel „Das Blaue Jahrbuch“ 1988

Unsere Kaninchenfelle stellen volkswirtschaftlich gesehen einen beachtlichen Wert dar. Werden doch jährlich nur von den Frauengruppen im ZDK über 100.000 Kaninchenfelle verarbeitet. Hinzu kommen die von der Industrie verarbeiteten Felle. Für ein erstklassig gegerbtes Kaninchenfell muss man heute etwa 10-12 DM bezahlen. Rechnen wir alles zusammen, ergibt das einen Millionenbetrag.

Wie erhalten wir nun sehr gutes Fellmaterial von unseren Kaninchen?

Schon bei der Zuchtauslese sollte der Züchter Kaninchen bevorzugen, die eine gute Fellqualität besitzen. Die Hoffnung auf eine gute Nachzucht ist damit meistens gegeben, wenn die Natur auch ab und zu Haken schlägt. Eine weitere Voraussetzung für die gute Qualität des Kaninchenfells ist die Hege und Pflege des lebenden Tieres. Notwendig ist eine saubere Stallhaltung. Hygiene im Kaninchenstall ist das oberste Gebot. Auch sollten die Kaninchen öfters auf Ungezieferbefall kontrolliert werden. Milben, die durch Stroh oder Geflügelhaltung in die Ställe gelangen können und die Tiere befallen, sollten möglichst schnell mit einem Insektenpuder behandelt werden.

Verfährt der Kaninchenzüchter so, wie hier vorgegeben, dann hat er schon wesentliche Voraussetzungen geschaffen, um ein gutes Kaninchenfell zu erhalten.

Wir sprechen zwar immer noch davon, dass Winterfelle die beste Qualität erbringen. Meiner Meinung nach müssen wir jedoch heute Zugeständnisse machen. Die Züchter züchten jetzt das ganze Jahr hindurch, so dass laufend Tiere geschlachtet werden. Dadurch ist es möglich, dass ein Kaninchenfell im September schon durchgehaart ist und durchaus Qualität verspricht. Es mag auch in den Sommermonaten schon gute, durchgehaarte Felle geben, doch birgt diese Fellgewinnung Risiken in sich, auf die ich später eingehen werde.

Schon beim Schlachten eines Kaninchens sollte man vorsichtig sein, um das Fell nicht zu beschädigen. Zum Abziehen des Kaninchenfells sollte man den Schlachtkörper aufhängen. Auf diese Weise hat man eine bessere Übersicht und kann das Fell rundherum vom Fleisch lösen. Beim Abbalgen sollte man ganz besondere Vorsicht walten lassen, um das Fell nicht zu beschädigen. Ist erst ein Riss im Rohfell vorhanden, kann das beim Gerben verheerende Folgen haben und das vermeintliche gute Fell kommt zerfetzt zurück. Es ist also wertlos!

Wichtig ist, dass das Kaninchenfell sofort nach dem Schlachten auf einen Fellspanner gebracht wird. Lachen Sie bitte nicht, wenn ich jetzt betone, mit dem Fellhaar nach innen (andersherum habe ich es tatsächlich auch schon gesehen)! Die These, das Fell einzufrieren oder gesalzen aufzubewahren, um es „frisch“ in die Gerberei zu geben, lässt sich heute kaum noch vertreten. Ein Fellspanner, der der Größe der Rasse entspricht, ist richtig. Ist er zu kurz und das Kaninchenfell rollt sich nach unten auf, entstehen Faulstellen. Die Haare fallen ab und wir haben die berüchtigten Kahlstellen. Oft wird dem Gerber die Schuld für diese Kahlstellen angelastet. Dass man aber selbst einen Fehler gemacht hat, übersieht man meistens. Die Fellspanner können aus rostfreiem Metall, wie von der Industrie angeboten, oder aus Holz bestehen. Aus kräftigen Holzleisten lassen sich Fellspanner sehr gut vom Züchter selbst herstellen.

Ist das Fell nun fachgerecht auf den Spanner gebracht, sollte man vorsichtig das Fett vom Fell lösen. Das ist eine sehr wichtige Arbeit. Unter dem Fett können sich auch Fäulnisbakterien ansammeln und so das Fell zerstören.

Eine Unart, die Kaninchenfelle mit Heu, Stroh oder Papier auszustopfen, ist heute leider immer noch zu finden. Diese Art von „Fellspannen“ sollte man schnellstens vergessen, ist sie doch der größte Feind unseres Rohfelles. Runzeln und Falten öffnen dem Ungeziefer Tür und Tor, um ihr Zerstörungswerk zu beginnen.

Die Spanner mit den Rohfellen sollten möglichst an der Luft getrocknet werden. Bei unserem manchmal recht feuchten Klima ist es nicht immer möglich, diese Art des Trocknens zu vollziehen. Sehr gut eignen sich daher Heizungsräume. Die Anlagen geben nur eine mäßige Wärme ab, gewährleisten also eine langsame Trocknung. Auf keinen Fall sollten die Felle an einen Ofen oder einer direkten Wärmequelle gestellt werden. Die Felle verkrusten dadurch, und beim Gerben verhärten sich diese Stellen. Das ergibt eine mindere Qualität.

Sind die Rohfelle richtig trocken, nimmt man sie vom Spanner. Bis zum Transport zur Gerberei sind die Felle auch weiterhin in einem trockenen, luftigen Raum zu lagern. Verwenden Sie für die Lagerung keine Plastiksäcke oder ähnliches Material. Darin verschimmeln die Felle genauso schnell, wie in einem feuchten Raum.

Jetzt komme ich auf das Risiko bei „Sommerfellen“ zurück. Es kann durchaus sein, dass wir beim Schlachten ein gutes Fell gewinnen, nur ergibt die Trocknung in den Sommermonaten Probleme. Fliegen und andere Insekten legen ihre Eier auf den frischen Rohfellen ab. In kurzer Zeit werden daraus Maden, die die Kaninchenfelle zerfressen. Auch der Speckkäfer ist eine große Gefahr für die Rohfelle. Man hat kaum eine Chance ihn zu bekämpfen, weil er richtig „gepanzert“ ist. Außerdem ist es meistens zu spät, wenn man ihn bemerkt. Schüttelt man ein von Speckkäfern befallenes Fell, fallen diese in großer Anzahl heraus. Was dann noch Gutes am Rohfell dran ist, kann man sich denken.

Aus den vorgenannten Gründen ist es daher auch ratsam, die Rohfelle im zeitigen Frühjahr, etwa bis April, in die Gerberei zu geben. Man schließt damit den Befall des Felles von Ungeziefer aus.

Macht man die Sendung für die Gerberei fertig, ist vorher noch so einiges zu tun. Soweit noch vorhanden, werden Köpfe, Läufe und Blumen vom Rohfell mit einem scharfen Messer abgeschnitten. Diese Arbeit ist meines Erachtens dem Trocknen vorteilhafter, weil das frische, weiche Rohfell schneller beschädigt wer-en kann. Trotzdem sollte man auch im getrockneten Zustand vorsichtig mit dem Messer zu Werke gehen, um Beschädigungen zu vermeiden. Fragen Sie in der Gerberei nach, ob es angebracht ist, das Rohfell am Bauch aufzuschneiden. Nicht bei allen Firmen wird das gewünscht.

Die Gerbereien markieren die Partie der Rohfelle nach Erhalt mit einer Kennziffer. Leider geschieht das nicht immer zum Vor- teil des Felles, weil es auf dem Rücken gemacht wird. Bei der späteren Verarbeitung müssen diese scheinbar kleinen Löcher alle zugenäht werden, weil sie bei der Verarbeitung (Zwecken der Felle) verheerende Folgen haben können. Um Verwechslungen auszuschließen, kann der Züchter die Kennzeichnung der Rohfelle selbst vornehmen. Dieses sollte jedoch vorsichtig mit einem Metallstempel, möglichst im Genickbereich, erfolgen. An dieser Stelle (Keil) sind die Fellhaare kürzer und werden später kaum mitverarbeitet.

Eine wichtige Vorarbeit ist das Sortieren der Rohfelle. Nicht jedes getrocknete Fell ist geeignet, in die Gerberei gebracht zu werden. Bei den Fellen von farbigen Tieren haben wir es verhältnismäßig einfach. Diese weisen dunkle Farbflecken auf, wenn das Fell nicht ganz durchgehaart ist. Solche Felle eignen sich später nicht für die Verarbeitung, weil diese Flecken (Haarungsstellen) auch farbliche Mängel auf der Fellseite zeigen. Sind diese Pigmentflecken auf dem Rohfell ganz gering, kann man schon mal „ein Auge zudrücken“ und es mit in die Gerberei geben. Auch nicht zu große Farbflecken an der Bauchseite des Fells kann man ignorieren, weil das Bauchfell nicht immer mitverarbeitet wird.

Schwieriger wird das Sortieren bei den weißen Rassen. Hier treten keine Farbflecken auf. Wir müssen uns daher die Mühe machen und mit der Hand in jede Fellblöße hineinfahren, um die Festigkeit der Haare zu kontrollieren. Hat man ganze Büschel von Haaren in der Hand, ist das Fell zum Gerben nicht geeignet. Bei Scheckenfellen haben wir die Kombination von farbig und weiß. Weist die Zeichnung (Aalstrich und Seitenzeichnung) Flecken auf, ist das Fell auf seine Güte zu prüfen. Übrigens, man sollte Jungtierfelle nicht vor dem vierten Lebensmonat der Kaninchen zum Gerben geben. Vorher ist das Leder dünn und so weich, dass eine Verarbeitung mit anderen Fellen nicht ratsam ist.

Nun wird die Frage auftauchen, was geschieht mit den fleckigen, aussortierten Fellen? Nach Rücksprache mit der Gerberei ist es in den meisten Fällen möglich, diese aussortierten Felle als Schneidekanin zu verkaufen. Beim Schneidekanin wird das Fellhaar von der Industrie z. B. für Hüte verarbeitet. Man kann mit dem Verkauf von Schneidekanin keine Reichtümer gewinnen, sollte aber froh sein, dass die Felle verwertet werden. Leider gibt es immer noch einige Züchter, die ihre frischen Rohfelle aus Prinzip lieber eingraben, als sie einer Züchterfrau oder Frauengruppe zur Verfügung zu stellen. So etwas dürfte es eigentlich nicht mehr geben.

Zusammenfassend möchte ich sagen, dass es sich lohnt, für den Eigenbedarf die Kaninchenfelle zurichten zu lassen. Wenn die Rohfelle von A-Z richtig behandelt werden, erhält man wertvolles Fellmaterial. Es ist doch eigentlich ganz einfach, nur gewusst wie.

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Bernhard Pickert
1948 am Stadtrand von Berlin geboren und im elterlichen Einfamilienhaus mit großem Garten aufgewachsen, kam ich seit frühester Kindheit in den Kontakt mit dem dort gehaltenen Kleinvieh, wie etwa der Milchziege, Hühnern, Enten, Kaninchen und einem großen Haushund. Damals eine normale Situation, denn Kleintierhaltung nebst Bewirtschaftung der eigenen Scholle war weit verbreitet, denn die Erzeugung von Gartenbau- und Tierischen Erzeugnissen unterstützte die familiäre Eigenversorgung, in einer gerade nicht im Überfluss strotzenden Zeit, gleich nach dem 2. Weltkrieg. Erinnerung an diese Zeit ist noch wach, als ich als Grundschüler bei der Futterbeschaffung des heimischen Viehs helfen musste. Für die Enten wurde beispielsweise in den damals vorhandenen Entwässerungsgräben Entengrütze gefischt und für die Kaninchen Grünfutter von den überall noch vorhandenen, brach liegenden Freiflächen geholt. Derweil sich die Zeit hinsichtlich der Versorgungslage verbesserte, wurde von den Eltern das Kleinvieh alsbald reduziert. Kaninchen, die für den Festtagsbraten vorgesehen waren, aber blieben. Als in der Nachbarschaft einer der heimischen Kleintierzuchtvereine eine Ausstellung veranstaltete, kamen mir erstmals Rassekaninchen zu Gesicht. Die Veranstalter erkannten meine Begeisterung für Tiere und in dessen Folge wurde ich als 12jähriger Junge in den ortsansässigen Verein aufgenommen. Meine leidenschaftliche Verbundenheit zur organisierten Rassekaninchenzucht wurde somit geweckt, was schließlich dazu führte, mich umfassend mit diesem Thema zu beschäftigen und über Jahrzehnte Literatur und anderweitige schöne Dinge zusammenzutragen, die irgendwie eine Verbindung zum Kaninchen haben. Wohlwissend, dass es andere ähnlich begeisterte Idealisten gibt, ist über Jahrzehnte ein Archiv entstanden, welches Elemente dokumentiert, auf welche anderswo kaum direkter Zugriff besteht. Initiator für diese bleibende „Leidenschaft“ ist eigentlich der 1983 verstorbene Fachautor und Kleintierkenner Werner Karl Georg Moebes, welchen ich 1970 bei einer Kleintierausstellung kennen lernte und sogleich von seiner Persönlichkeit und seinem umfassenden Wissen begeistert war.

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