Lore Fuhrmann. „Das Baue Jahrbuch“ 1986

Diese Zeile lässt mich in die Vergangenheit schweifen. Man mag es mir verzeihen, wenn ich mein Leben mit den Tieren ein wenig in den Vordergrund stelle, in diesem Zusammenhang aber, sammelte ich etliche Erfahrungen.

Eigentlich war ich ja mit Kleintieren . . . Enten, Hühnern, Tauben und Kaninchen groß geworden. Sie gehörten früher in vielen Familien als Selbstverständlichkeit dazu – an der Hege und Pflege war Groß und Klein beteiligt. Das war vor dem Krieg. Dann kam die Notwendigkeit zum Erhalt der Ernährungsgrundlage und ganz langsam, lange nach dem Krieg, als es uns allen schon wieder recht gut ging, hatte man plötzlich das Bedürfnis, etwas pflegen und betütern zu müssen. Auf einmal sah man die Tiere nicht mehr nur als Küchenspezialität. Sie weckten bei vielen Leuten den Sinn für einen neuen „Sport“ – die Rassekaninchenzucht.

Mit einer Angorahäsin, die ich meinem Mann kurz vor unserer Hochzeit als Osterhasen schenkte, fing unser Interesse für die Kaninchenzucht an. Schon seit seiner Schulbubenzeit besaß er Brieftauben, was mir sehr sympathisch war. Mit der Angorahäsin dazu waren wir beide nicht nur begeistert, sondern richtig stolz auf unsere edlen Tiere. Hatte sich jeder von uns bis zu diesem Zeitpunkt intensiv für seinen Beruf u. Sport engagiert, so gab's, bedingt durch eine Sportverletzung meines Mannes, eine plötzliche Wende. Alles, was wir je anpackten, machten wir ganz oder gar nicht. Sofort ging mein Mann in einen Kaninchenzuchtverein, denn die Angorahäsin war natürlich nicht allein geblieben. Es dauerte nicht lange, da faszinierten uns die Rheinischen Schecken, die wir unbedingt züchten mussten. Unser Bestand wuchs, und wenn wir zu der Zeit mehr Platz und Gelegenheit gehabt hätten, wären wohl noch einige Zeichnungsrassen in unseren Besitz gewandert.

Aus gesundheitlichen Gründen (Allergie) musste sich mein Mann leider nach einigen Jahren von den Angoras trennen. Dafür kamen sofort Hermelin R. A. in den Stall. Und damit platzte irgendwo ein Knoten bei mir. Schon längst hatte mir der Schreib- kram mit den Angoras gefallen, aber das war ja Züchtersache, da durfte ich anfangs nicht ran. Ich freute mich, wenn mein Mann in Zeitnot war und ich mal einen Abstammungsnachweis schreiben durfte, oder sonstiges; richtig betteln musste ich darum.

Mein Glück war eigentlich, dass mein Mann im größten Verein Schleswig-Holsteins war, der fast jedes Jahr eine große Ausstellung veranstaltete. Da gab es reichlich interessante Arbeit. Die Kaninchenzucht hatte uns mit Haut und Haaren gepackt und immer mehr war mein Mann auf tatkräftige Hilfe von mir angewiesen. Trotz meiner Berufsselbständigkeit, Kinder, Haus und Garten, lauerte ich förmlich auf „Einsatz“. Und schließlich bekam ich selbständige Aufgaben aufgetragen. Etliche Jahre hatte ich schon auf großen Schauen mitgeholfen, an Clubtagungen teilgenommen und raffiniert mal eigene Ideen mit einfließen lassen aber immer schön im Hintergrund; nur wenige Züchter kannten mich. Ich bekam eine eigene Rasse, schwarze Farbenzwerge, und ich wurde Mitglied bei den Züchtern. Oh je, eine Frau als Züchterin! Anerkennung bei den Herren zu finden, war gar nicht so leicht. Das merkte ich bald. Im Laufe der Jahre hatte ich durch meinen Mann vom Zuchtgeschehen viel gelernt. Meine heimliche Bewunderung für sein züchterisches Können war groß. Er war immer bedacht, hatte Geduld und eine gute Hand, wie man so sagt. Seine Erfolge krönten seinen Züchterfleiß. Nun konnte ich selbst mitmachen, per „Gesetz“ gehörte ich endlich dazu.

Es begann eine wunderschöne Zeit, voller Ideen, mit Arbeit und Hektik, hart an der Grenze zu Rausch und Fanatismus. Wir fuhren auf jede große Schau und etliche Tagungen und fanden viele echte Freunde. Ich glaubte, was mein Mann als „Fingerspitzengefühl“ (Züchterbegabung) intus hatte, das könnte ich erlernen. Dieser Wille befleißigte mich, und auf den Rat von unserem unvergessenen Johannes Geerdts und Hans Graht hin wagte ich die Preisrichterausbildung. Ich schaffte es und diese Tätigkeit und vieles andere macht mir viel Spaß. Leider konnten wir dieses aus beruflichen Gründen nicht gemeinsam machen, was ich besonders bedauerte. Aber ohne meinen Mann hätte ich es nie geschafft. Ohne seine Hilfe, seine Ratschläge und Aufmunterungen hätte ich schon oftmals resigniert, denn einige Züchter wollten eben eine Frau nicht akzeptieren. Das Schicksal ruhte nicht und so kam auch für uns die Zeit, wo man kürzer treten musste. Wir waren älter geworden und bedächtiger. Jetzt haben wir nur noch eine Rasse, aber immer noch mit der gleichen großen Begeisterung – und wir sind eine Zuchtgemeinschaft geworden. Das Schönste an diesem Hobby, und für uns ausschlaggebend, war und ist, dass man es gemeinsam betreiben kann.

Es gab immer schon Frauen, die sich rührend um die Kaninchen des Ehemannes kümmerten, die stets für die Gesundheit und das 86 Wohl der Tiere sorgten. So manche Frau mistet auch die Ställe und scheut sich überhaupt nicht vor körperlich schwerer Arbeit. Sie hat oft einen großen Anteil an der guten Kondition der Tiere. Einige widmen sich sogar präzise der Zuchtlenkung.

Früher blieben diese Perlen meist im Hintergrund. Man sah sie selten, gelegentlich auf einer Ausstellung oder auf dem Vereinsfest. Diese treuen Seelen wurden mit dem Erfolg der Tiere für ihre Arbeit belohnt, und niemand klopfte ihnen auf die Schulter oder zollte ihnen sonst Anerkennung. Wer wusste auch von ihrer Aktivität? Es gibt Züchter, die „kontrollieren“ nur und stellen dann fest, natürlich mit Genugtuung, dass ihre Zucht okay ist. Von diesen Herren wird die Zuchtplanung zwar selbst dirigiert, alles andere aber liegt in den Händen der Frau oder der Familie. Zum Glück sind diese Fälle Ausnahmen. Manche Ehefrau besitzt Gabe und Geduld und macht die Tiere exzellent schaufertig. Alle diese Frauen sind oftmals nicht einmal Mitglied im Verein, und doch gehören sie dazu.

Werfen wir einen Blick in die Angorazucht. Da hilft die Frau zumindest beim Scheren und das garantiert bei 40% aller Züchter, vielfach macht sie alle anfallenden Arbeiten mit. Hier lernte ich vor Jahren schon Züchterinnen kennen, die ihre Aufgaben total allein meisterten. Einige Züchterfrauen sind immer dabei, wenn der Mann sich um seine Tiere kümmert. Weil sie Freude und Interesse an den Tieren haben, übernehmen sie gern anfallende Arbeiten, wenn der Ehemann verhindert ist. Nicht zu übersehen ist der tatkräftige Einsatz so mancher Frau eines 1. Vorsitzenden oder Ausstellungsleiters. Sie ist mitunter der wahrste Manager, ständig der Ansprechpartner für alle, wenn der Boss nicht anwesend ist. Jeder erwartet von ihr eine zufriedenstellende Auskunft oder Hilfe. Nur wer sie persönlich erlebt hat, weiß von ihrer Mitarbeit. Selten wird ihre Arbeit erwähnt, sie ist selbstverständlich. Meistens erwartet sie es auch gar nicht, ihr genügt es, dass sie ihren Mann unterstützen kann.

Hat ein Verein eine Frauengruppe und eine gescheite Frauengruppenleiterin dazu, dann hat er bei Ausstellungen eine sichere Arbeitsgruppe für „Feinheiten“. Die Schreibarbeiten werden zum größten Teil von den Frauen übernommen, sei es der Katalog mit allem, was dazu gehört, oder sonstiges. Vielfach sorgen sie für eine Tombola und somit für Extragroschen, die dem Verein die Kasse aufbessern. Sie beköstigen die Mitarbeiter und helfen beim letzten Schliff vor der Eröffnung, oftmals werden dann noch tollste Ideen verwirklicht.

Wird in dieser Frauengruppe auch „fachlich“ gearbeitet, dann ist der Schau ein besonderer Höhepunkt sicher, eine Erzeugnisschau, die immer der Anziehungspunkt einer Ausstellung ist. Es gibt in unserer Organisation Frauen, die Ämter zur Zufriedenheit aller ausführen, die durch den Ehemann zwar in den Verein kamen und Mitglieder wurden, aber keine Züchterinnen sind und dennoch viel Interesse an der Kaninchenzucht haben und über ein beachtliches Wissen verfügen. Ich kenne mehrere Frauen, die seit vielen Jahren als Schriftführerinnen fungieren, und alle Männer oder Frauen ehren und achten sie, denn ihre Arbeiten entsprechenden Anforderungen. Seit über 20 Jahren werden Kassen in Vereinen vorbildlich von Frauen geführt, und sie haben die „entsprechende“ Art, die ein guter Kassierer haben muss.

Auch als Jugendleiterinnen profilierten sich etliche „Kolleginnen“. Sie ziehen voll mit der Jugend mit, ob es um Sport (Torfrau bei Fußballturnieren) oder Diskos, Grillabende oder Zeltlager geht. Egal, mit ihnen klappte es immer, dabei waren manche gar nicht mehr so jung. Aber sie wissen immer Rat, sind hilfsbereit und haben viele tolle Ideen, und sie verstehen was von Kaninchen. Auch im Vergnügungsausschuss finden wir oftmals äußerst rege Frauen, die manchen Manager in den Schatten stellen könnten.

Seit einigen Jahren ist vieles anders geworden die Zeiten haben sich merklich geändert. Auch im Kreise der Kaninchenzüchter hat sich eine Wandlung vollzogen. Es gibt seit geraumer Zeit schon etliche Züchterinnen, die ihrer Zucht allein vorstehen, die alles in ihrer Hand haben; und kein Züchter sagt: „Ach, das macht ja alles der Ehemann, sie gibt nur ihren Namen!“

Welche junge Frau lässt sich sowas heute noch nachsagen. In unserer „Branche“ sollte man auch nicht von Emanzen sprechen, wenn eine Frau den Vorsitz eines Vereines oder Kreisverbandes übernimmt. Es hat sich gezeigt, dass viele Frauen fähig sind, verantwortungsvolle Aufgaben zu übernehmen und zur Zufriedenheit auszuführen. Wäre ihnen unsere Materie nicht bekannt, würden sie sich bestimmt nicht für solche Ämter wählen lassen.

Etwas unbehaglich beobachte ich einen Teil der jüngeren Generation – sie sind von der schnelllebigen Zeit geprägt. Heute sind sie begeistert von der Kaninchenzucht, stecken eine Menge Geld hinein und nach wenigen Zuchtperioden finden sie, dass sie mit Hunden oder Katzen (junge Mädchen ziehen überwiegend Pferde vor) eigentlich viel besser dran sind. Sie können sich erschreckend schnell wieder von ihren Kaninchen trennen. Autos und Motorräder tragen leider auch zu diesem schnellen Absprung bei.

Zum Glück denken nicht alle so. Viele junge Frauen, die gerade jung verheiratet und schon Mutti sind, zieht es häufig auf Ausstellungen und sie sind teilweise so begeistert davon, dass sie oft den Ehemann beeinflussen, dass er wenigstens mal ein kleines Schmusekaninchen kauft. Und wie es dann weitergehen kann – ja, das wäre beinahe wieder der Anfang meiner Geschichte.

Vorheriger ArtikelDie Entwicklung der Kaninchenzüchterorganisation in Deutschland
Nächster ArtikelDie genossenschaftlichen Angora-Wollverwertungen
Bernhard Pickert
1948 am Stadtrand von Berlin geboren und im elterlichen Einfamilienhaus mit großem Garten aufgewachsen, kam ich seit frühester Kindheit in den Kontakt mit dem dort gehaltenen Kleinvieh, wie etwa der Milchziege, Hühnern, Enten, Kaninchen und einem großen Haushund. Damals eine normale Situation, denn Kleintierhaltung nebst Bewirtschaftung der eigenen Scholle war weit verbreitet, denn die Erzeugung von Gartenbau- und Tierischen Erzeugnissen unterstützte die familiäre Eigenversorgung, in einer gerade nicht im Überfluss strotzenden Zeit, gleich nach dem 2. Weltkrieg. Erinnerung an diese Zeit ist noch wach, als ich als Grundschüler bei der Futterbeschaffung des heimischen Viehs helfen musste. Für die Enten wurde beispielsweise in den damals vorhandenen Entwässerungsgräben Entengrütze gefischt und für die Kaninchen Grünfutter von den überall noch vorhandenen, brach liegenden Freiflächen geholt. Derweil sich die Zeit hinsichtlich der Versorgungslage verbesserte, wurde von den Eltern das Kleinvieh alsbald reduziert. Kaninchen, die für den Festtagsbraten vorgesehen waren, aber blieben. Als in der Nachbarschaft einer der heimischen Kleintierzuchtvereine eine Ausstellung veranstaltete, kamen mir erstmals Rassekaninchen zu Gesicht. Die Veranstalter erkannten meine Begeisterung für Tiere und in dessen Folge wurde ich als 12jähriger Junge in den ortsansässigen Verein aufgenommen. Meine leidenschaftliche Verbundenheit zur organisierten Rassekaninchenzucht wurde somit geweckt, was schließlich dazu führte, mich umfassend mit diesem Thema zu beschäftigen und über Jahrzehnte Literatur und anderweitige schöne Dinge zusammenzutragen, die irgendwie eine Verbindung zum Kaninchen haben. Wohlwissend, dass es andere ähnlich begeisterte Idealisten gibt, ist über Jahrzehnte ein Archiv entstanden, welches Elemente dokumentiert, auf welche anderswo kaum direkter Zugriff besteht. Initiator für diese bleibende „Leidenschaft“ ist eigentlich der 1983 verstorbene Fachautor und Kleintierkenner Werner Karl Georg Moebes, welchen ich 1970 bei einer Kleintierausstellung kennen lernte und sogleich von seiner Persönlichkeit und seinem umfassenden Wissen begeistert war.

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein