Zusammenstellung und Erläuterungen

von Dipl.-Landwirt Dr. Heinrich Niehaus,

Bundesforschungsanstalt für Kleintierzucht, Celle

„Das Blaue Jahrbuch“ 1960

Jeder erfahrene Züchter weiß, dass Menge, Art und Zusammensetzung des Futters einen entscheidenden Einfluss auf die Gesundheit, die Körperentwicklung und die Leistungen (z. B. Wolleistung, Fleischleistung, Fruchtbarkeit und Säugefähigkeit) unserer Kaninchen ausüben.

Die heutigen Bestrebungen in der Tierhaltung gehen dahin, eine möglichst „gezielte“ Fütterung vorzunehmen, d. h. das Futter ganz bewusst so zusammenzusetzen, dass unter Berücksichtigung der Wirtschaftlichkeit möglichst hohe und lang andauernde Leistungen erzielt werden.

Auch der Kaninchenzüchter wird umso größere Erfolge hinsichtlich der Gesundheit, Schönheit und Leistung bei seinen Tieren erringen, je besser er sich in den Fragen einer rationellen Fütterung auskennt.

Grundlage der Fütterung bildet nach wie vor das Wirtschaftsfutter. Wenn auch die meisten Kaninchenzüchter aus Kostengründen noch auf die Verwendung billiger Abfallstoffe, deren Qualität sie kaum beeinflussen können, angewiesen sind, so lässt sich doch durch geschickte Auswahl, Zusammenstellung und Ergänzung der vorhandenen Futtermittel manches verbessern.

Als Hilfsmittel zur Verbesserung und Rationalisierung der Fütterung mögen die im folgenden aufgeführten Futterwertzahlen dienen. Die in Tabellenform zusammengestellten Nährstoffzahlen sind Auszüge aus „Arbeiten der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft, Band 17, Futterwerttabellen der DLG“, DLG- Verlags-GmbH., Frankfurt (Main), 1952.

Da die Futterquellen der verschiedenen Züchter recht unterschiedlich sind, habe ich mich bemüht, außer den allgemein bekannten und gebräuchlichen Kaninchen-Futterstoffen auch solche aufzuführen, die seltener oder nur in besonders gelagerten Fällen in Frage kommen. Zu den Zahlenangaben muss allerdings gesagt werden, dass die Werte nicht bei Kaninchen, sondern bei Wiederkäuern (Rindern und Schafen) ermittelt worden sind. Trotzdem sind auf Grund eigener Erfahrungen diese Wertzahlen für die meisten Futterstoffe auch bei der Kaninchenfütterung durchaus brauchbar. Bei besonders rohfaserreichen Stoffen, z. B. Heu, Stroh u. a., ist die Verdaulichkeit beim Rind etwas besser als beim Kaninchen, während hochkonzentrierte, speziell zuckerreiche und in gewissem Umfange auch stärkereiche Produkte im allgemeinen von Kaninchen etwas besser ausgenutzt werden. Eine Anzahl von Futterstoffen ist hinsichtlich ihrer Verdaulichkeit auch beim Kaninchen geprüft worden (s. Mangold und Fangauf „Handbuch der Kaninchenfütterung“, Neumann-Verlag, Radebeul und Berlin). Leider konnten aber die mit Kaninchen angestellten Verdauungsversuche nicht auf der gleichen breiten Basis erfolgen, wie das bei den wirtschaftlich wichtigeren Wiederkäuern möglich war. Deshalb fehlen in diesen Tabellen auch mehrere Futterstoffe, die in der Kaninchenfütterung eine Rolle spielen.

Aus diesen Gründen erschien es uns zweckmäßig, die bei Wiederkäuern verwendeten wesentlich umfangreicheren Tabellen auszugsweise dem Züchter zur Kenntnis zu bringen, zumal sie für die Bewertung des Kaninchenfutters eine für die Praxis ausreichende Genauigkeit aufweisen.

Für den Nichtfachmann sei zur Handhabung der Tabelle und zur Bewertung der aufgeführten Zahlen noch folgendes gesagt: Jedes Futtermittel setzt sich aus vielen verschiedenen Komponenten zusammen, z. B. Eiweiß, Fett, Zucker, Stärke, Zellulose, Mineralstoffen, Vitaminen u. a. m. Alle Futterstoffe enthalten kleinere oder größere Mengen Wasser. Eine solche Einteilung ist aber nur eine sehr grobe, denn die als Eiweiß, Fett usw. gekennzeichneten Anteile sind nicht genau definierte Einzelstoffe, sondern umfassen ganze Stoffgruppen, die viele in sich unterschiedliche Bestandteile enthalten. So kennt man z. B. zahllose in ihrem Feinaufbau und auch in ihrem Futterwert unterschiedliche Eiweißarten und Fette. Jedes Vitamin unterscheidet sich in seiner Wirkungsweise von den anderen; bei den Mineralstoffen ist es ebenso. Es ist selbstverständlich nicht möglich, alle diese Dinge in für die Praxis bestimmten Futtertabellen anzugeben bzw. zu berücksichtigen, weil dadurch die Tabellen zu umfangreich und unübersichtlich würden.

Die Angelegenheit wird dadurch noch komplizierter, dass bei der Lagerung von Futtermitteln unter dem Einfluss verschiedener Umweltfaktoren, z. B. Temperatur, Sauerstoff, Mikroben u. a. m., bei manchen Komponenten, speziell bei Vitaminen, Veränderungen und Zersetzungen auftreten, so dass die durch die Untersuchung (Analyse) ermittelten Werte zu einem späteren Zeitpunkt nicht mehr ihre volle Gültigkeit besitzen. Um dem Praktiker die Handhabung von Futtertabellen möglichst zu erleichtern, sind nur die wesentlichen für die grobe Bewertung eines Futterstoffes erforderlichen Werte angegeben. Hierzu gehören der verdauliche Anteil an Eiweiß (v. E.), der Gehalt an Stärkeeinheiten (St.E.), ferner das Verhältnis von v.E St.E. und der Gehalt an unverdaulichem Ballast. Eiweiß ist der Träger des Lebens und außerdem unentbehrlich für den gesamten Aufbau des Organismus, also für die Bildung von Fleisch, Blut, Haaren usw., überhaupt für alle Stoffwechselvorgänge. Eiweiß kann in den meisten Funktionen durch keinen anderen Nährstoff ersetzt werden. Durch Kombination verschiedener Eiweißarten (Mischfutter) kann man ihre Wirksamkeit den biologischen Wert in vielen Fällen erhöhen, wenn nämlich die einzelnen Eiweißarten nicht vollwertig sind, sich aber gegenseitig ergänzen. Auch aus diesem Grunde werden heute die meisten Handelsfutter- mittel als Futtergemische aus zum Teil vielen Einzelkomponenten hergestellt. Im Allgemeinen ist tierisches Eiweiß hochwertiger als pflanzliches.

Die Stärkeeinheit ist ein Wertmaßstab für den Energiegehalt eines Futtermittels, und zwar ist 1 St.E. die Netto- Energie von 1 g Stärke. Die Zahl der St.E. gibt an, wieviel Gramm reine Stärke man verfüttern müsste, um die gleiche energetische Wirkung (bezogen auf den Fettansatz) zu erreichen wie mit 1000 g des betreffenden Futtermittels.

So lässt sich durch die Angabe von nur zwei Faktoren, nämlich des v.E. als lebenswichtigem Nährstoff und der St.E. als Maßstab für den gesamten Energiegehalt, der Wert eines Futterstoffes in für die Praxis brauchbarer Form festlegen. In diesem Zusammenhang spielt auch das in der Tabelle angegebene Verhältnis v.E.: St. E. eine Rolle. Dieses Verhältnis ist bei der Futterzusammenstellung deshalb von Bedeutung, weil für die verschiedenen Aufgaben des Futters (Erhaltung, Fleischansatz, Wollproduktion, Fettansatz usw.) unterschiedliche Eiweißmengen benötigt werden.

So reicht z. B. für die Erhaltung eines Tieres ein Eiweiß-Stärkewertverhältnis von 1:10 normalerweise aus, desgleichen auch für die Fettmast erwachsener Tiere (beim Kaninchen unwirtschaftlich). Für die Aufzucht der Jungtiere, die Fleischmast (Jungmast), die Wollerzeugung beim Angorakaninchen u. a. m. werden dagegen wesentlich höhere Eiweißmengen benötigt, so dass mit einem engeren Eiweißverhältnis (z. B. 1:4 bis 1:5) höhere Leistungen und bis zu einer gewissen Grenze auch wirtschaftliche Vorteile erzielt werden.

Bei der Beurteilung eines Futtermittels ist deshalb neben der absoluten Höhe des Eiweißgehaltes auch das Eiweiß- Stärkeverhältnis zu berücksichtigen. Schließlich spielt auch der Gehalt an Ballast, das ist der unverdauliche Futteranteil, bei der Bewertung von Futtermitteln eine, wenn auch meistens negative Rolle. Insbesondere Hochleistungstiere benötigen ein konzentriertes nährstoffreiches Futter. Größere Ballastmengen belasten den Darm, verhindern die Aufnahme der für hohe Leistungen erforderlichen Nährstoffmengen und setzen die Verdaulichkeit herab.

Andererseits scheint ein gewisser Ballastanteil im Kaninchenfutter erforderlich zu sein. Die benötigten Mengen sind jedoch in den meisten Wirtschaftsfutterstoffen überreich vorhanden, so dass es praktisch darauf hinausläuft, den Ballastanteil möglichst niedrig zu halten. Je höhere Leistungen von einem Tier verlangt werden, desto konzentrierter muss das Futter sein. Lediglich bei der Erhaltungsfütterung (z. B. während der Zuchtruhe im Winter) sind größere Ballastmengen unter Umständen sogar zweckmäßig, um ein Sättigungsgefühl bei den Tieren hervorzurufen, ohne dass sie dabei fett werden.

Der Ballastgehalt ist in den vorliegenden Tabellen zwar nicht direkt angegeben; er lässt sich jedoch aus dem Gehalt an Trockensubstanz abzüglich der Stärkeeinheiten bei allen Futterstoffen annähernd errechnen, wenn sie keine größeren Fettmengen enthalten (z. B. Ölpflanzen).

Zu den in der Zusammenstellung aufgeführten Futterstoffen sei noch bemerkt, dass von den Grünfutterpflanzen die Leguminosen (Hülsenfrüchte), z. B. Klee, Luzerne, Esparsette u. a. m., sich durch einen relativ hohen Eiweißgehalt auszeichnen und deshalb auch als Leistungsfutter wertvoll sind.

Eine hervorragende Futterpflanze für Kaninchen ist ferner der Markstammkohl, dessen Blätter gern gefressen werden und der bis in den Winter hinein als wichtiger Vitaminträger (Karotin als Vorstufe für Vitamin A) verwendet werden kann.

Ein hochwertiger Leckerbissen für Kaninchen ist auch junges Topinamburkraut. Da bei reichlichen Gaben alle dickeren Stängel nicht gefressen werden und da die Blätter einen höheren Nährwert besitzen als die Stängel, ergeben sich in der Praxis bei der Fütterung höhere Nährstoffwerte als in der Tabelle angegeben. Es sei noch darauf hingewiesen, dass die Zusammensetzung und der Futterwert der Pflanzen durch Einflüsse des Bodens und der Düngung erheblich verändert werden können. Auch der Zeitpunkt des Schnittes spielt dabei eine nicht unwichtige Rolle. Für die meisten Gräser und Leguminosen ist der beste Zeitpunkt kurz vor oder bei Beginn der Blüte gegeben. und Bei der Heubereitung sind Verluste an Nährstoffen Vitaminen beim Trocknungsvorgang nicht zu vermeiden. Die größten Verluste entstehen bei der Bodentrocknung, insbesondere dann, wenn ungünstige Witterungsverhältnisse herrschen. Günstiger liegen die Verhältnisse bei der Reutertrocknung. Am besten, aber auch am teuersten ist die künstliche Trocknung, zu der sich nur hochwertige Rohstoffe eignen (vgl. die in der Tabelle angegebenen Werte).

Eine mit nur geringen Verlusten behaftete Konservierung ist durch die Silierung des Futters möglich, bei der man mit Verlusten von durchschnittlich 12 bis 15 Prozent rechnen kann, wenn die Silierung ordnungsgemäß erfolgt. Die Nährstoffwerte für Silofutter sind aus Platzgründen nicht aufgeführt. Die Futterwertzahlen stimmen jedoch in etwa mit denen der in der Tabelle angegebenen Ausgangsstoffe überein.

Im Übrigen spielt Silofutter in der Kaninchenhaltung eine untergeordnete Rolle. Die BFAK hat mit der Verwendung von Silagefutter speziell bei Angoraleistungstieren keine guten Erfahrungen gesammelt. Ferner gehören schon Fachkenntnisse und entsprechende Einrichtungen dazu, um ein hochwertiges Silage-Grünfutter herzustellen.

Der Vitamingehalt der verschiedenen Futterstoffe, der bei den erhöhten Leistungsanforderungen eine entscheidende Bedeutung gewinnt, konnte in der Zusammenstellung leider nicht berücksichtigt werden. Zur Vitaminversorgung ist jedoch allgemein zu sagen, dass bei Grünfütterung im Sommer normalerweise ein Vitaminmangel nicht zu befürchten ist, während das vitaminarme Winterfutter zweckmäßigerweise durch Vitaminpräparate bzw. vitaminiertes Spezialfutter ergänzt wird.

Auch hinsichtlich der Mineralstoffversorgung der Tiere kann die Tabelle keine Auskunft geben (Platzgründe). Soweit kein mit Mineralstoffen angereichertes Spezialfutter gegeben wird, ist die Zufütterung eines Mineralstoffgemisches insbesondere bei Verabreichung größerer Mengen an Futterrüben zu empfehlen.

Siehe Tabelle

Nährstofftabellen- Zusammenstellung und Erläuterungen. H. Niehaus. Bl. Jahrbuch 1960

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Bernhard Pickert
1948 am Stadtrand von Berlin geboren und im elterlichen Einfamilienhaus mit großem Garten aufgewachsen, kam ich seit frühester Kindheit in den Kontakt mit dem dort gehaltenen Kleinvieh, wie etwa der Milchziege, Hühnern, Enten, Kaninchen und einem großen Haushund. Damals eine normale Situation, denn Kleintierhaltung nebst Bewirtschaftung der eigenen Scholle war weit verbreitet, denn die Erzeugung von Gartenbau- und Tierischen Erzeugnissen unterstützte die familiäre Eigenversorgung, in einer gerade nicht im Überfluss strotzenden Zeit, gleich nach dem 2. Weltkrieg. Erinnerung an diese Zeit ist noch wach, als ich als Grundschüler bei der Futterbeschaffung des heimischen Viehs helfen musste. Für die Enten wurde beispielsweise in den damals vorhandenen Entwässerungsgräben Entengrütze gefischt und für die Kaninchen Grünfutter von den überall noch vorhandenen, brach liegenden Freiflächen geholt. Derweil sich die Zeit hinsichtlich der Versorgungslage verbesserte, wurde von den Eltern das Kleinvieh alsbald reduziert. Kaninchen, die für den Festtagsbraten vorgesehen waren, aber blieben. Als in der Nachbarschaft einer der heimischen Kleintierzuchtvereine eine Ausstellung veranstaltete, kamen mir erstmals Rassekaninchen zu Gesicht. Die Veranstalter erkannten meine Begeisterung für Tiere und in dessen Folge wurde ich als 12jähriger Junge in den ortsansässigen Verein aufgenommen. Meine leidenschaftliche Verbundenheit zur organisierten Rassekaninchenzucht wurde somit geweckt, was schließlich dazu führte, mich umfassend mit diesem Thema zu beschäftigen und über Jahrzehnte Literatur und anderweitige schöne Dinge zusammenzutragen, die irgendwie eine Verbindung zum Kaninchen haben. Wohlwissend, dass es andere ähnlich begeisterte Idealisten gibt, ist über Jahrzehnte ein Archiv entstanden, welches Elemente dokumentiert, auf welche anderswo kaum direkter Zugriff besteht. Initiator für diese bleibende „Leidenschaft“ ist eigentlich der 1983 verstorbene Fachautor und Kleintierkenner Werner Karl Georg Moebes, welchen ich 1970 bei einer Kleintierausstellung kennen lernte und sogleich von seiner Persönlichkeit und seinem umfassenden Wissen begeistert war.

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