Dr. Wolfgang Schlolaut

Hessische Landesanstalt für Leistungsprüfungen in der Tierzucht Homberg/Ohm 1, Neu-Ulrichstein

„Das Blaue Jahrbuch“ 1975

Als Leistungen sind bei landwirtschaftlichen Nutztieren alle diejenigen Eigenschaften zu verstehen, welche die Erfüllung des Nutzungszweckes beeinflussen. D. h. beim Normalhaarkaninchen die Fleischerzeugung und die Fellproduktion und beim Angorakaninchen die Wollerzeugung. In der Rassekaninchenzucht hat sich darüber hinaus die Freude an der züchterischen Gestaltung und die Erreichung der vom Rassestandard gesteckten Zuchtziele mehr und mehr zum wesentlichsten Hauptzweck der Kaninchenhaltung entwickelt.

Die daraus resultierende Vielfalt an zusätzlichen, bei der züchterischen Auslese zu berücksichtigenden Eigenschaften hat zwangsläufig zu einer Verringerung des züchterischen Fortschrittes bei den die Fleischerzeugung beeinflussenden Leistungseigenschaften geführt. Dies umso mehr, als viele der nach dem Rassenstandard als ideal empfundenen Formmerkmale die die Fleischerzeugung bestimmenden Leistungseigenschaften negativ beeinflussen. Hierzu gehört beispielsweise der „gedrungene, blockige Körperbau“, welcher mit einem geringeren Anteil an wertvollen Teilstücken (Keule, Rücken) verbunden ist. Weiterhin gehört hierzu auch die Felldichte, welche das Ausschlachtungsergebnis verschlechtert. Abgesehen von diesen Gegensätzen zwischen Formideal und Nutzungszweck macht auch die Vielfalt von Leistungsfaktoren eine züchterische Verbesserung der Fleischleistung beim Kaninchen mit Hilfe der Beurteilung von Formmerkmalen unmöglich.

Wenn man Fleischleistung als die Fleischerzeugung je Häsin und Jahr definiert, dann wird diese Leistung in der Reihenfolge ihrer wirtschaftlichen Bedeutung durch folgende Leistungsfaktoren bestimmt, welche bei der Zuchtwahl zu berücksichtigen sind:

1. Fruchtbarkeit (Zahl der geborenen Jungtiere je Wurf; Zwischenwurfzeit)

2. Aufzuchtleistung (mütterliches Verhalten; Säugeleistung; Vitalität der Jungtiere)

3. Mastendgewicht

4. Futteraufwand je kg Zuwachs

5. Schlachtkörperqualität (Schlachtausbeute; Anteil wertvoller Teilstücke wie Keule und Rücken; Fleisch-, Fett- und Knochenanteil; Fleisch- und Fettfarbe).

Mit Ausnahme des Mastendgewichtes sowie von Rücken- und Keulenform gibt die Beurteilung des Körperbaues keinen Hinweis auf die Ausprägung dieser Leistungseigenschaften. Fortschritte auf diesem Gebiet erfordern daher die Erfassung dieser Selektionskriterien durch die exakte Messung und die konsequente Auslese der Tiere nach den wichtigsten Leistungseigenschaften in möglichst großen Zuchttierbeständen.

In Anbetracht dessen ergibt sich die Notwendigkeit, die Zuchtarbeit entsprechend der jeweiligen Zielsetzung zu spezialisieren. Die Aufgabe der Rassekaninchenzucht für die Förderung der Fleischkaninchenzucht besteht daher vorrangig in der Erhaltung eines „Erbanlagen-Reservoirs" (Gen-Reservoir), um die vorhandene Rassenvielfalt für eine systematische Kreuzungszucht zu erhalten.

Die hiermit mögliche Ausnutzung von Kombinations- und Positionseffekten wurde bislang infolge fehlender Information über die Leistungsfähigkeit der einzelnen Rassen kaum erschlossen.

Die in Neu-Ulrichstein durchgeführten Rassenvergleichsprüfungen sind daher ein Beitrag zur Schließung dieser Erkenntnislücke. Die in Tabelle 1 zusammengestellten Ergebnisse dieser Prüfung geben einen Eindruck von der Schwankungsbreite der Leistungen und den Chancen, sie für Rassenkreuzungen nutzbar zu machen, bei denen die Kreuzungspartner entsprechend dem Verwendungszweck ausgewählt wurden. Hierzu gehört beispielsweise der Einsatz von Rassenkreuzungen, um das Mastendgewicht entsprechend den Verbraucherwünschen zu differenzieren, z. B. klein- und mittelrahmige Schlachttiere für den Verkauf von unzerteilten Schlachtkörpern und großrahmige Schlachttiere für die Teilstückzerlegung. Weitere Vorteile der Kreuzungszucht für die Fleischerzeugung liegen in der besseren Fruchtbarkeit von Kreuzungshäsinnen aufgrund der größeren Vitalität der Jungtiere, welche sich bereits in Form von geringeren Verlusten infolge von embryonaler Sterblichkeit auswirkt (Tabelle 2). Schließlich ermöglicht die Kreuzungszucht über die Kombination von kleinrahmigen Häsinnen mit mittel- bzw. großrahmigen Rammlern die Senkung des Futter- kostenanteils der Häsinnen an den Kosten je kg Schlachtkörper.

Wenn hier von Vorteilen der Kreuzungszucht die Rede ist, dann handelt es sich um Zwei- und Dreifachkreuzungen (diskontinuierliche Kreuzungen), bei denen reinrassiges Tiermaterial die Ausgangsbasis darstellt.

Es ist noch nicht erwiesen, ob die Durchführung von Linienkreuzungen (Linien-Hybriden), d. h. von mehr oder weniger ingezüchteten Linien der gleichen Rasse, wirtschaftlich den Rassenkreuzungen überlegen ist. In Anbetracht der Fortschritte, welche bereits mit Rassenkreuzungen zu realisieren sind, bleibt abzuwarten, ob die Vorteile von Linienkreuzungen groß genug sind, um den wirtschaftlichen Aufwand eines Zuchtprogramms zu rechtfertigen. Dies um so mehr, als der Käuferkreis für derartige Zucht- produkte begrenzt ist.

Die vorhandene Variation der Leistungen sowohl innerhalb als auch zwischen den Rassen sowie die erst in den Anfängen befindliche Selektion auf Fleischleistung läßt die Feststellung be- rechtigt erscheinen, daß die Leistungsentwicklung auf diesem Gebiet sich erst in den Anfängen befindet. Das gilt weniger für her- ausragende Einzelleistungen als für die Ausgeglichenheit des Tiermaterials auf einem hohen Leistungsniveau.

Vergleichsweise günstiger hinsichtlich des gegenwärtigen Leistungsstandes ist die Situation beim Angorakaninchen. Eine 40jährige Selektion hat die Wollmengenleistung nahezu vervier- facht. Hierbei ist nicht zu übersehen, daß dieser Leistungsfortschritt im wesentlichen Umfang auch auf die Verbesserung der Nährstoffversorgung zurückzuführen ist. So hat sich die durch- schnittliche Wolleistung, gemessen am Niveau der Leistungsprüfung in Darmstadt bzw. Neu-Ulrichstein, innerhalb eines Zeitabschnittes von 15 Jahren (1959-1973) um 447 g bei den Häsinnen erhöht (von 705 g auf 1 152 g pro Jahr). Hiervon entfällt auf die ersten fünf Jahre nur eine Steigerung von 43 g. Mit 64,8 % bei den Häsinnen und 63,4 % bei den Rammlern war die Leistungs- steigerung bei beiden Geschlechtern nahezu gleich groß. Jedoch vergrößerte sich aufgrund der unterschiedlichen Höhe der Aus- gangsleistung die absolute Differenz zwischen Rammlern und Hä- sinnen von 79 g Wolle auf 130 g Wolle (12,6 % bzw. 14,8% der Rammlerleistung). Die Spitzentiere profitierten offensichtlich stärker von der verbesserten Nährstoffversorgung. Bei ihnen betrug die Steigerungsrate innerhalb von 15 Jahren 77% bei den Häsinnen und 70 % bei den Rammlern.

Nach den in Neu-Ulrichstein durchgeführten Versuchen ist insbesondere die ausreichende Versorgung mit den schwefelhaltigen Aminosäuren (Methionin und Cystin) die Voraussetzung für die Realisierung der genetischen Leistungsveranlagung. Dabei hat eine optimale Fütterung nichts mit einem unnatürlichen „Treiben“ der Tiere zu tun. Die leistungsgerechte Nährstoffversorgung ist vielmehr die Grundlage des züchterischen Fortschrittes, da sie erst die Erkennung von Tieren mit überdurchschnittlicher Leistungsveranlagung ermöglicht.

Trotz aller Bemühungen um die Verbesserung und Vereinheitlichung der Umweltgestaltung ist nicht zu übersehen, daß nur diejenigen Leistungen vergleichbar sind, welche unter den gleichen Umweltbedingungen, d. h. zum gleichen Zeitpunkt, mit gleichem Futter und am gleichen Ort erzielt wurden. Daraus ist die Schlußfolgerung abzuleiten, daß absolute Wolleistungen, welche an verschiedenen Stationen oder bei Feldprüfungen (Kreis- und Vereinsschurkontrollen) ermittelt wurden, nicht miteinander ver- gleichbar und daher als Grundlage der Zuchtwahl ungeeignet sind. Für diesen Zweck sollten nur Relativzahlen verwendet werden, welche angeben, um wieviel Prozent die Leistung des betreffenden Tieres von der Durchschnittsleistung der Stallgefährten abweicht. Dieses Verfahren ermöglicht auch die Vergleichbarkeit von Leistungen, die in verschiedenen Jahreszeiten ermittelt wurden.

Bezüglich des für die Zuchtwahl zugrunde zu legenden Schurzeitraumes hat sich bei der Auswertung des Neu-Ulrichsteiner Materials gezeigt, dass die Rangfolge der geprüften Tiere entsprechend der Wolleistung im Alter von 20-33 Wochen zu etwa 90% mit der aufgrund der Dreivierteljahresleistung festgestellten Rangfolge übereinstimmt. Eine Verlängerung des Prüfungszeitraumes bringt demnach praktisch keinen Vorteil. Sie ist im Gegenteil mit dem Nachteil eines späteren Zuchteinsatzes der Tiere (geringere Fruchtbarkeit, längeres Generationsintervall) sowie wesentlich höheren Kosten belastet.

Die züchterische Verbesserung der Wolleistung ist hierbei nicht nur ein Problem der Verbesserung der Wolldichte, sondern auch der Erhöhung des Körpergewichtes. Im Hinblick auf die hohen Investitionskosten für die Stalleinrichtung (Einzeltierhaltung) scheint die Erhöhung der Wolleistung über höhere Körpergewichte den Nachteil eines höheren Futteraufwandes je kg Wolle zu überwiegen. Es bleibt ferner zu klären, ob nicht die Erhöhung der Wolldichte den Wärmehaushalt des Tieres so stark beeinflusst, dass negative Auswirkungen auf den Stoffwechsel und die Fruchtbarkeit befürchtet werden müssen.

Es ist zu erwarten, dass die bisherigen Gesichtspunkte für die Qualitätsbeurteilung in Zukunft erweitert werden. Insbesondere im Hinblick auf neue technologische Entwicklungen bei der Wollverarbeitung (Trend zu feineren Garnen) gewinnt die Beachtung der Wollfeinheit ein zunehmendes Interesse.

Abschließend lässt sich zusammenfassen, dass die steigenden Anforderungen an die Leistungsfähigkeit des Tiermaterials in zu- nehmendem Ausmaß zu einer Spezialisierung und Intensivierung der Zuchtarbeit führen. Beim Normalhaarkaninchen sind hierbei noch erhebliche Leistungsreserven vorhanden, welche ihrer züchterischen Erschließung sowohl mit Hilfe der Rein- als auch der Kreuzungszucht harren. Die Chancen einer Leistungsverbesserung beim Angorakaninchen liegen insbesondere in der Optimierung der Nährstoffversorgung und in der Erhöhung des Lebendgewichtes. In Zukunft ist ferner eine verstärkte Berücksichtigung der qualitativen Eigenschaften bei der Zuchtwahl zu erwarten. Eine bessere Abstimmung zwischen der verarbeitenden Industrie und den Züchtern würde hierbei die Erzeugung eines verarbeitungsgerechten Rohproduktes erleichtern.

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Bernhard Pickert
1948 am Stadtrand von Berlin geboren und im elterlichen Einfamilienhaus mit großem Garten aufgewachsen, kam ich seit frühester Kindheit in den Kontakt mit dem dort gehaltenen Kleinvieh, wie etwa der Milchziege, Hühnern, Enten, Kaninchen und einem großen Haushund. Damals eine normale Situation, denn Kleintierhaltung nebst Bewirtschaftung der eigenen Scholle war weit verbreitet, denn die Erzeugung von Gartenbau- und Tierischen Erzeugnissen unterstützte die familiäre Eigenversorgung, in einer gerade nicht im Überfluss strotzenden Zeit, gleich nach dem 2. Weltkrieg. Erinnerung an diese Zeit ist noch wach, als ich als Grundschüler bei der Futterbeschaffung des heimischen Viehs helfen musste. Für die Enten wurde beispielsweise in den damals vorhandenen Entwässerungsgräben Entengrütze gefischt und für die Kaninchen Grünfutter von den überall noch vorhandenen, brach liegenden Freiflächen geholt. Derweil sich die Zeit hinsichtlich der Versorgungslage verbesserte, wurde von den Eltern das Kleinvieh alsbald reduziert. Kaninchen, die für den Festtagsbraten vorgesehen waren, aber blieben. Als in der Nachbarschaft einer der heimischen Kleintierzuchtvereine eine Ausstellung veranstaltete, kamen mir erstmals Rassekaninchen zu Gesicht. Die Veranstalter erkannten meine Begeisterung für Tiere und in dessen Folge wurde ich als 12jähriger Junge in den ortsansässigen Verein aufgenommen. Meine leidenschaftliche Verbundenheit zur organisierten Rassekaninchenzucht wurde somit geweckt, was schließlich dazu führte, mich umfassend mit diesem Thema zu beschäftigen und über Jahrzehnte Literatur und anderweitige schöne Dinge zusammenzutragen, die irgendwie eine Verbindung zum Kaninchen haben. Wohlwissend, dass es andere ähnlich begeisterte Idealisten gibt, ist über Jahrzehnte ein Archiv entstanden, welches Elemente dokumentiert, auf welche anderswo kaum direkter Zugriff besteht. Initiator für diese bleibende „Leidenschaft“ ist eigentlich der 1983 verstorbene Fachautor und Kleintierkenner Werner Karl Georg Moebes, welchen ich 1970 bei einer Kleintierausstellung kennen lernte und sogleich von seiner Persönlichkeit und seinem umfassenden Wissen begeistert war.