Heidrun Eknigk, Finsterwalde – „Das Blaue Jahrbuch“ 1999

„Es ist wohl verständlich, dass in Züchterkreisen die Furcht vor der Vererbung von Krankheiten groß ist. Recht häufig dagegen ist die Furcht unbegründet, da glücklicherweise die meisten Krankheiten gar nicht erblich sind.“ Diese einleitende Aussage zu einem ähnlichen Kapitel ist bei Walter Burmeister¹ nachzulesen. Es liegt in der Natur der Sache, dass Züchter plötzlich in ihren Zuchten, an ihren Tieren Merkmale unterschiedlicher Genre entdecken, über die sie dann nicht ganz glücklich sind. Wie stark diese Abweichungen dann auftreten, wie intensiv sie in der Population wiederkehren und wie stark sie das betreffende Tier in seiner Lebensqualität beeinflussen, ist ausschlaggebend, ob der Züchter hier von Erbfehlern oder Erbkrankheiten spricht.

Definition: Erbkrankheiten haben erblich bedingte Formabweichungen des Körpers sowie krankhafte Organveränderungen zur Folge. Aber auch die Lebensvorgänge und Lebensäußerungen der Tiere können durch ererbte Fehler – Krankheiten beeinflusst werden.

Viele Krankheiten, die infolge parasitärer oder bakterieller Einflüsse entstehen, sind allenfalls medikamentös behandelbar. Und genau das ist bei Burmeister auch gemeint, nämlich zu unterscheiden, sind Krankheiten auf eine Umweltbeeinflussung zurückzuführen oder liegt ein aufgetretener Mangel (z. B. Körperformveränderung) in der genetischen Substanz begründet. Im letzteren Fall wäre zu sagen: Gegen Erbkrankheiten ist noch kein anderes „Kraut gewachsen“ als die konsequente Auslese solcher Tiere.

Als Synonyme für erblich bedingte Krankheitsformen gelten umgangssprachlich Begriffe wie „Erbfehler", „Erbschäden", „Missbildungen" oder gelegentlich auch „erbliche Defekte". Überwiegend sind diese Ausdrucksformen so etwas wie eine Aussage zum jeweils sichtbar gewordenen Grad einer Abweichung vom Normalen und/oder über das Ausmaß der Erbbelastung für eine Krankheitsbereitschaft und deren Folgen. Es bleibt also nicht selten die Frage der Auffassung, ob ein Tier mit einem Erbfehler oder einer Erbkrankheit behaftet ist.

Tatsächlich sind es die Erbfehler, die als eigentliche Ursache für das Auftreten von unerwünschten Merkmalen (sowohl den Körperbau als auch den organischen Zustand betreffend) gelten. Diese Merkmale werden im Bereich unzähliger Anomalien³ deutlich.

Dies können (um nur einige Beispiele zu nennen) unterschiedliche Formen von Skelett- Missbildungen, Zahnanomalien, Geschlechtsveränderungen, Fehler in der Haarstruktur sein. Die Möglichkeit der Auswirkung eines Fehlers hin zur Abnormität ist groß.

Organische Defekte entstehen zumeist durch Gene, die in der Molekulargenetik eine Rolle spielen. Erbfehler sind jedoch nicht allein genetisch bedingte Mängel, die das Äußere eines betroffenen Tieres verändern. Erbschäden entstehen somit nicht nur infolge negativer Genwirkungen. Das heißt, nicht durch das Aufeinandertreffen schädigend wirkender Gene der Elterntiere werden Fehler auf die Nachzucht übertragen, sondern durch schädigende Einwirkungen auf den Fötus im Mutterleib. Derartige Folgeerscheinungen, die dann am geborenen Tier sichtbar werden, sind nicht vererbt und nicht wieder vererbbar. Sie sind somit nicht Gegenstand der direkten erbbiologischen Vorgänge, von denen hier gesprochen wird. Sie sollten allerdings erwähnt sein, weil ein Vorkommen nie ganz auszuschließen ist. Erklärend sei gesagt: Auswirkungen solcher Keimschädigungen (embryonale Schäden), zu denen es im Anfangsstadium der Entwicklung des werdenden Lebens durch Vergiftungen, Mangelerscheinungen/Mangelerkrankungen des Muttertieres, innere Infektionen und durch andere äußerliche Einflüsse kommen kann, werden häufig gleichfalls der Rubrik „Erbkrankheiten“ oder „Erbschäden“ zugeordnet.

Fehler oder Krankheit?

Abgesehen von den organischen Erbschäden, die unbestritten als Krankheit zu werten sein dürften, ist die Antwort nicht ganz einfach, vielleicht sogar umstritten. Muss ein Kaninchen/Tier mit einer Skelettveränderung tatsächlich krank sein? Einmal vermögen Tiere mit einer körperlichen Einschränkung besser umzugehen als der denkende Mensch, der ein körperliches Handicap mit seinem (oder einem anderen) Bewusstsein erlebt. Zum anderen ist ein betroffenes Tier mit einer behindernden Skelettmissbildung selbstverständlich kein Zucht- oder Ausstellungstier, muss jedoch nicht in allen Lebensvorgängen (z. B. Fressen, Verdauen, Paarung) behindert/krank sein, so dass auch die Lebensäußerung nicht von Krankheitssymptomen eingeschränkt wird. Möge der Tierfreund bitte diese Tatsache objektiv und ohne menschliches Mitgefühl betrachten. Natürlich ist man geneigt, ein Kaninchen mit beispielsweise einer angeborenen Beinverstümmelung wehleidig zu betrachten, sogar „mit diesem Tier zu leiden“. Aber das Tier kennt von Geburt an kein Laufen oder Hoppeln auf vier Läufen, ist trotzdem lebensfroh und putzmunter. Es behält theoretisch seine Lebenserwartung wie alle anderen in der Obhut des Menschen stehenden Kaninchen. Der Züchter wird sich bald von diesem Tier trennen und darüber hinaus nach den Ursachen für dieses Vorkommnis suchen und mit Selektion der Ausgangstiere reagieren. Anders wäre eine Zahnmißbildungen zu werten. Das außerordentliche Längenwachstum der vorderen Schneidezähne behindert das Kaninchen bei der Nahrungsaufnahme. In der Folge wird es krank durch Mangel an Futter, Nährstoffen und lebenswichtigen Mineralien. In der Kettenreaktion wird dadurch logischerweise auch die Lebensäußerung beeinflusst das Tier wird krank.

Oder wie wäre eine Geschlechtsanomalie – Beispiel Spaltpenis und die Zweigeschlechtlichkeit (Zwitter) – einzustufen? Ist es jeweils eine Erbkrankheit oder ein Erbfehler? Es sind Erbfehler, die die Lebensvorgänge (das Paarungsverhalten) des betreffenden Tieres beeinträchtigen. Die Lebensäußerungen solcher Tiere bleiben unberührt.7

Viele ererbten Fehler oder durch Vererbung beeinflusste krankhafte Zustände des Organismus sind bereits bei der Geburt vorhanden, treten aber erst im Laufe der Entwicklung des Tieres zutage. Hier ist anzunehmen, dass erst die Umwelteinflüsse eine Reaktion hervorrufen. Durch genetische Veranlagung kann hier die Krankheitsbereitschaft „vorprogrammiert“ sein, und je nach dem Grad der Veranlagung tragen äußere Einflüsse früher oder später zum Erkranken/zum Krankwerden bei.

Dies könnte bei dem sogenannten Letalfaktor³, am geläufigsten bei der Züchtung von Punktschecken, der Fall sein. Die reinerbigen Schecken (K/K) sind von einer Letalität betroffen. Züchter merzen solche Tierchen bereits im guten Glauben, dass diese sowieso nicht voll lebensfähig sind und vor Erreichen der Geschlechtsreife sterben, aus. In einem Zuchtgeschehen ist dies auch die richtige Entscheidung, denn hier sind Experimente fehl am Platz, wenn man davon ausgehen will, dass dagegen wissenschaftliche Erkenntnisse stehen, die besagen: „Man versteht darunter mendelnde (in ihrer genetischen Erbkraft wechselnde, spaltende) Einheiten, die zum Tod des Trägerindividuums vor Erreichen der Geschlechtsreife führen. Je nach der Häufigkeit, mit der der Erbfaktor wirksam wird, können diese tödlichen Eigenschaften in Wirkungsgrade eingeteilt werden: Letalfaktoren „im strengsten Sinne“ bis hin zu den Subvitalfaktoren 9 (sub… = unter), die nach Aussage der genannten Autoren und Wissenschaftler die höchste Überlebenschance bieten, da die Sterblichkeitsrate hier mit weniger als 50 Prozent beziffert wird. Sehr ausführlich berichtet Heinrich Niehaus in seinem Buch10 über Erbkrankheiten. Aussagekräftig sind auch die Aufzählungen, wertvollen Beschreibungen und erforschten Ursachen der „genetisch bedingten Defekte", die von dem Autorenteam Prof. Dr. Rudolph und Dr. Kalinowski¹¹ in „Das Hauskaninchen" benannt sind. Erbkrankheiten sind folglich Erscheinungsformen, die das betroffene Tier tatsächlich morphologisch wie physiologisch negativ beeinflussen. Nochmals angemerkt sei, dass sich Erbkrankheiten auch auf organische Funktionen beziehen können, also nicht im wahrsten Sinne des Wortes sichtbar werden.

Ob Erbkrankheit oder -fehler, beide Vorkommnisse hemmen den zielstrebigen Zuchtfreund in seiner Arbeit, gesunde, schöne und nahezu rassevollkommene Kaninchen zu züchten. Deshalb muss es im Interesse eines Züchters liegen, und erfahrungsgemäß ist es auch der Fall, durch konsequente Selektionen spaltende Merkmale, das heißt, schon kleinste Hinweise auf eine Krankheitsbereitschaft sowie auf fehlerhaftes „Aussehen“, einen größeren Schaden abzuwenden.

Welche Hinweise gibt es, die auf Erbfehler/Erbkrankheiten schließen lassen? Ganz einfach beantwortet sind es alle Erscheinungen, die nicht zum üblichen Erscheinungsbild unserer Kaninchen gehören. Organisierte Züchter haben dafür einen Leitfaden, den Standard mit den Angaben zu den „leichten" und „schweren" Fehlern. Diese Bewertungsrichtlinien sind keine Schikane. Hier wurde nicht nur pro forma ein Schönheitsideal vorgegeben, sondern zusammengetragen, welches wirkliche Fehler sind. Dahinter stehen Erfahrungswerte, und das Werk ist leicht überschaubar. Die Mehrheit der Züchter ist eher der Praktiker, der seine Zeit lieber im Stall verbringt und den Umgang mit den Tieren dem Lesen einer komplexen Fachliteratur vorzieht. Recht tut er, denn so erkennt er, wenn „etwas mit den Tieren nicht stimmt", wenn sie Verhaltens- oder Formveränderungen aufweisen, sich nicht gewohnheitsmäßig und der Rasse entsprechend entwickeln. Hier hilft ein Blick in den Standard, um erste Unsicherheiten abzubauen.

1 Siehe: „Fortpflanzung, Vererbung und Zuchtverfahren in der Kaninchenzucht", 3. Auflage, Lehrmeisterbücherei Hachmeister & Thal, Leipzig.

2 Hier ist der Unterschied Erbfehler und Erbkrankheit bewusst getrennt angesprochen.

3 Abweichung vom Normalen.

4 1. das Abweichen von der Regel. 2. krankhaftes Verhalten. 3. a) stärkster Grad der Abweichung von der Norm ins Krankhafte, Missbildung (Med.); b) abnorm entwickeltes od. missgebildetes Wesen (Mensch od. Tier). Siehe: Meyers Lexikonverlag, LexiROM.

5 Die Molekular-Genetik erforscht die Phänomene der Vererbung im Bereich der Nukleinsäuren, die Träger der genetischen Informationen sind. Siehe: Meyers Lexikonverlag, LexiROM.

6 In dieser Beschreibung wird grundsätzlich von in menschlicher Obhut stehenden Tieren ausgegangen. In der Wildnis haben erbgeschädigte Tiere keine Überlebenschance.

7 Mir ist bis heute kein einziger Fall bekanntgeworden, wo ein Tier allein durch eine Geschlechtsanomalie krank wurde.

8 Siehe Meyers Lexikon, LexiROM (c): Letalfaktor, durch eine Gen-, Genom- oder Chromosomenmutation entstandene, krankhafte Erbanlage, die zum Ausfall einer lebenswichtigen Funktion und daher bereits in der Entwicklung zum Tode des betroffenen Lebewesens führt.

9 Schönmuth – Flade – Seeland, Tierproduktion: Genetische und phylogenetische Grundlagen, VEB Deutscher Landwirtschaftsverlag Berlin, S. 140.

10 Verlagshaus „Oertel + Spörer" (Hrsg.), „Unsere Kaninchenrassen", Band 1, Reutlingen, 1986 (S. 94 ff.).

11 „Das Hauskaninchen“, A. Ziemsen Verlag, Wittenberg, 1982, S. 60 ff.

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Bernhard Pickert
1948 am Stadtrand von Berlin geboren und im elterlichen Einfamilienhaus mit großem Garten aufgewachsen, kam ich seit frühester Kindheit in den Kontakt mit dem dort gehaltenen Kleinvieh, wie etwa der Milchziege, Hühnern, Enten, Kaninchen und einem großen Haushund. Damals eine normale Situation, denn Kleintierhaltung nebst Bewirtschaftung der eigenen Scholle war weit verbreitet, denn die Erzeugung von Gartenbau- und Tierischen Erzeugnissen unterstützte die familiäre Eigenversorgung, in einer gerade nicht im Überfluss strotzenden Zeit, gleich nach dem 2. Weltkrieg. Erinnerung an diese Zeit ist noch wach, als ich als Grundschüler bei der Futterbeschaffung des heimischen Viehs helfen musste. Für die Enten wurde beispielsweise in den damals vorhandenen Entwässerungsgräben Entengrütze gefischt und für die Kaninchen Grünfutter von den überall noch vorhandenen, brach liegenden Freiflächen geholt. Derweil sich die Zeit hinsichtlich der Versorgungslage verbesserte, wurde von den Eltern das Kleinvieh alsbald reduziert. Kaninchen, die für den Festtagsbraten vorgesehen waren, aber blieben. Als in der Nachbarschaft einer der heimischen Kleintierzuchtvereine eine Ausstellung veranstaltete, kamen mir erstmals Rassekaninchen zu Gesicht. Die Veranstalter erkannten meine Begeisterung für Tiere und in dessen Folge wurde ich als 12jähriger Junge in den ortsansässigen Verein aufgenommen. Meine leidenschaftliche Verbundenheit zur organisierten Rassekaninchenzucht wurde somit geweckt, was schließlich dazu führte, mich umfassend mit diesem Thema zu beschäftigen und über Jahrzehnte Literatur und anderweitige schöne Dinge zusammenzutragen, die irgendwie eine Verbindung zum Kaninchen haben. Wohlwissend, dass es andere ähnlich begeisterte Idealisten gibt, ist über Jahrzehnte ein Archiv entstanden, welches Elemente dokumentiert, auf welche anderswo kaum direkter Zugriff besteht. Initiator für diese bleibende „Leidenschaft“ ist eigentlich der 1983 verstorbene Fachautor und Kleintierkenner Werner Karl Georg Moebes, welchen ich 1970 bei einer Kleintierausstellung kennen lernte und sogleich von seiner Persönlichkeit und seinem umfassenden Wissen begeistert war.

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